Reisen

Stürmische Zeiten

Sturm auf der Hardangervidda, Foto: Martin Hülle
– Sturm auf der Hardangervidda –

Ein Sturm nagelte uns an der Krækkjahytta fest. Selbst im Windschatten der Gebäude tobte der Wind, der mit über 20 m/s aus westlichen Richtungen heranbrauste. Windstärke 9 nach der Beaufortskala! An ein Weitergehen war nicht zu denken. Allein das Gesicht gegen den peitschenden Luftzug zu wenden, glich einer nahezu unmöglichen Herausforderung. Wir blieben einen Tag in den Zelten und hofften auf Besserung.

Es war im Februar. Für das Reiseunternehmen Puretreks führte ich wie im vorigen Jahr als Guide eine Gruppe in neun Tagen über die Hardangervidda. Und unser Weg mit Ski und Pulka-Schlitten über Nordeuropas größte Hochebene war dieses Mal besonders von schlechtem Wetter geprägt. Der starke Wind bis Sturmstärke und eine oft kaum vorhandene Sicht machten das Reisen zu einem echten Abenteuer und die Teilnehmer der Tour mussten sich unerschütterlich durch die norwegische Winterwelt schlagen.

Doch zwischendurch gab es auch ein paar vereinzelte Lichtblicke und am Ende der erfolgreichen Skitour wurden wir mit einem herrlichen Tag belohnt, der uns noch den Aufstieg auf den Hardangerjøkulen möglich machte.

Den “Kampf mit den Elementen” schildert eine stichpunktartige Auflistung der Ereignisse:

Tag 1:
Aufbruch von der Haukeliseter Fjellstue. Von dort erst ein Stück über den Ståvatn, bevor wir nordwärts gen Hellevassbu in die Wildnis abbiegen. Ein paar kurze und steile Stücke, dann lang den Berg hinauf am Vesle Nup. Zum Gück ist die Sicht passabel. Runter zum Mannevatn und weiter ins Bordalen. Die Zelte schlagen wir fast bei Windstille auf.

Tag 2:
Den ganzen Tag herrscht bis zum Abend schlechte Sicht mit tief hängenden Wolken. Bis zum Årmotvatni folgen wir ein paar Markierungen. Durch das Tal der Bora ist der weitere Weg aber auch recht leicht zu finden. Kurz vor Schluss eine steile Abfahrt zum Øvre Hellevatnet. Wir zelten neben der Hellevassbu. Das WDR-Filmteam, welches mich und die Gruppe begleitet, schläft in der Hütte – sie müssen ihre Kameras trocknen. Ein Abend am warmen Holzofen erfreut jedoch uns alle.

Tag 3:
Einer der wenigen angenehmeren Tage. Zwar Wind die meiste Zeit und auch mal Schneeschauern, aber zudem Sonne und ruhigere Momente in schönem Licht. Vom Hellevatnet geht es hinüber zum Øvsta und Nedsta Bjørnavatnet. Von dort über Låven zu einem See vor Hansbu.

Tag 4:
An Hansbu kommen wir noch gut vorbei, dann wird die Sicht immer schlechter. GPS, Kompass, Erfahrung und Intuition weisen uns den Weg. Der Wind ist lästig, das Gehen ohne markante Anhaltspunkte anstrengend. Trotzdem eine Punktlandung. Die Nacht verbringen wir allesamt in der Sandhaug-Hütte.

Tag 5:
Nach dem gestrigen Mist wird es wunderbar. Eine erste Pause bei Windstille. Fast schon komisch. Durch plattes Land ziehen wir gen Langesjøen und Richtung Rauhelleren. Hier ist die Vidda eine richtige Vidda – weit und flach.

Tag 6:
Auf das Gute folgt wieder das Schlechte. Mal wieder ohne viel Sicht weiter. Wind dazu. Die Markierung eines Sommerweges, Satelliten und wieder einmal der Kompass weisen uns den Weg. Schön ist es nicht. Aber wir kommen an, am Øvre Hein.

Tag 7:
Aus Spaß wird Ernst. Über Nacht hat der starke Wind und Schneelast unser großes Kochzelt plattgelegt. Gebrochene Gestängebögen und Risse im Material. Wir bergen die Kocher, verteilen uns zum Frühstück auf die Schlafzelte und ziehen später weiter. Unter Wolken und über Seen. An der Fagerheim Fjellstue vorbei bis zur Krækkjahytta. Im Windschatten der Gebäude bauen wir die Zelte auf. Morgen soll es Sturm geben.

Tag 8:
Kriegsrat. Eine Entscheidung. Wir bleiben. Am Nachmittag Windstärke 9. Aber an Ort und Stelle sind wir sicher. In den Zelten ist es laut, aber durchaus gemütlich. Es bleibt mild – nur einmal hatten wir minus 10 Grad. Es gibt Kaffee und Kekse. Wie immer könnte alles noch viel schlechter sein.

Tag 9:
Der Wecker klingelt um 05:30 Uhr – eine lange Schlussetappe steht uns bevor. Rauf und wieder runter geht es bis nach Finse. Mit Vorfreude und Wehmut. Die Tour war windig, aber schön. Oder einfach die meiste Zeit schön windig …

Tag 10:
Zu guter Letzt drehen ein paar von uns noch eine kleine Runde über den Hardangerjøkulen. Vorbei an der Appelsinhytta rauf zur Jøkulhytta und zum höchsten Punkt auf 1863 Metern. Von dort wieder runter über den Blåisen und zurück ins Hotel Finse 1222.

Ende

> Bildergalerie der Hardangervidda Wintertour

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