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Die alte Brücke von Sligachan

Die alte Brücke von Sligachan, Schottland, Foto: Martin Hülle

Dieses Bild hatte ich im Kopf. Tagelang. Dabei war die Hoffnung nicht sonderlich groß, es auch so fotografieren zu können. Auf dem Skye Trail regnete es Katzen und Hunde, und selbst dann, wenn mir die Nässe erspart blieb, war die Landschaft überwiegend in fahles Licht getaucht. Langweilig und ziemlich unfotogen. So auch, als ich die Cuillins passierte, die schroffsten aller schottischen Berge. In Elgol, wo sich als erstes hinüber über das Wasser des Loch Scavaig dieser Blick auf die markanten Gipfel auftun sollte – der in meiner mitgeführten Beschreibung des Weges vollmundig als „the finest coastel view in the British Isles“ angekündigt wurde –, legte sich ein dicker, undurchdringlicher Wolkenteppich über die Zacken und hinab bis aufs Meer. Als sich dieser wieder lüftete, konnte ich zwar bei Sonnenschein den Gipfel des Sgurr na Stri erklimmen und das komplette Rund der Black und Red Cuillins überblicken, was schön anzusehen war, aber doch nur mäßig abzulichten. Zu öde der Himmel, fad die Felsen und dunkel die Lochs zu Füßen.

Tags drauf trudelte ich in Sligachan ein, dieser mickrigen Häuseransammlung an der Straßenkreuzung zwischen Portree, Dunvegan und Broadford. Mal wieder fing es an zu regnen und zu stürmen. Ich verzog mich ins Zelt, andere Wanderer ins Hotel, das den Ort dominiert. Aus der Zeit, in der die Unterkunft erbaut wurde, es soll um 1830 gewesen sein, stammt sicherlich auch die alte Brücke, welche mir so einprägsam im Gedächtnis haftete, hatte ich doch vor meiner Reise schon so viele Aufnahmen dieser Szenerie gesehen. Das steinerne Bauwerk, wie es den River Sligachan überspannt, und dahinter die formvollendeten Berge Sgurr nan Gillean und Am Basteir. Ein Postkartenmotiv wie es klassischer nicht sein könnte. Gut, diese Tourispots, an denen gerne mal auf dem Boden aufgemalte Füße zeigen, wo man am besten zur Kamera greift, sind eigentlich nicht mein Ding. Aber in dieses Bild setzte ich dennoch eine letzte Hoffnung, waren mir zuvor doch wenige Cuillin-Bilder mit Erkenungswert geglückt. Zudem wollte ich diese Berge nicht mit Belanglosem verlassen und hier bot sich die letzte Chance. Daher schritt ich schon im regnerrischen und windigen Moment meiner Ankunft Ort und Stelle ab, auf der Suche nach dem besten Blickwinkel für eine mögliche Aufnahme am nächsten Tag. Ich fand einen guten Standort auf der neuen Brücke, über die heutzutage die Hauptstraße A863 führt und die nur einen Steinwurf entfernt neben ihrem alten Pendant den Verkehr über den Fluss leitet. Aber erstmal hieß es abwarten, eine Nacht schlafen, hoffen auf den nächsten Tag, einen guten Morgen mit brauchbarem Wetter und schöner Aussicht.

Und was soll ich sagen? Als ich früh um 06:30 Uhr aus dem Zelt blickte, stand bereits die Sonne am Himmel. Weggefegt die Tristesse des Vorabends. Aber noch lag der River Sligachan im Schatten. Mir blieb die Zeit, in Ruhe zu frühstücken, dann erst gegen Acht lief ich zur neuen Brücke. Gerade rechtzeitig als die die ersten Strahlen über die Berge kamen, zwischen den Wolken hindurchbrachen und das Motiv in warmes Licht tauchten. Mein Stativ baute ich mit einem Bein hinter der Leitplanke fast auf der Straße und dem Rest auf dem schmalen Gehweg auf. Zum Glück war zu dieser Zeit noch wenig los – sowohl auf der A863 als auch auf der alten Brücke, die an sich zu den meisten Tageszeiten kaum ohne Menschen daherkommt. In der folgenden knappen Stunde machte ich zahlreiche Fotos, immer fix in den Momenten, wo die Wolken für kurze Zeit der Sonne Platz machten und das Licht wohlwollend auf Brücke, Fluss und Berge fiel.

Dabei wunderte ich mich über die recht kurzen Verschlusszeiten von nur wenigen Sekunden selbst bei Blende 16. Mmh, hatte ich doch meinen stärksten Graufilter vors Objektiv geschraubt, um das Wasser schön samtig abzubilden. Eigentlich hätte da die Belichtungszeit viel länger ausfallen müssen, aber irgendwie kam ich nicht darauf, warum es dieses Mal nicht so war, wie es hätte sein sollen. Vielleicht wurde ich in meiner Konzentration zu sehr davon abgelenkt, dass mir die frische Morgenluft in die Glieder fuhr. Ich fröstelte. Hätte ich mal besser ne dickere Jacke angezogen … Und zu allem Überfluss verspürte ich auch einen zunehmenden Drang, pinkeln zu müssen. Tja, dem konnte ich hier auf der Brücke, auf der langsam der Verkehr immer stärker wurde, keinen freien Lauf lassen. Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Druck zu widerstehen und auch die Kälte einfach auszublenden.

Nach einer Weile hatte ich für meinen Geschmack genügend Langzeitbelichtungen im Kasten. Nicht nur die kurzen Sonnenmomente gab es abzupassen, mittlerweile auch die Phasen, wo mal keine LKWs über die Brücke rollten und diese in Schwingungen versetzten. Als das Unterfangen immer schwieriger zu realisieren war, packte ich meine sieben Sachen wieder zusammen und lief zurück zum Zelt.

Aufgewärmt und erleichtert fiel es mir kurz darauf wie Schuppen von den Augen, warum die Belichtungszeit nicht so lang war, wie sie hätte sein müssen. Ich hatte die Fujifilm X-Pro1 auf AUTO-ISO stehen lassen und da wählte sie natürlich den höchst möglichen ISO-Wert, in diesem Falle 800 … Grrr, wenn man nicht alle Sinne beisammen hat! Natürlich hätte ich zuvor fix auf ISO 200 stellen müssen … Nun ja, jetzt war es zu spät. Die Sonne nahm fortan einen ungünstigen Verlauf und auch die Touris nahmen die alte Brücke von Sligachan wieder in ihren Besitz. Die morgendliche Ruhe vor dem Sturm war vorbei. Auf dem Kamera-Monitor konnte ich jedoch zum Glück erkennen, dass kein großer Unterschied zwischen Bildern mit gut Dreien oder gar nur einer Sekunde Belichtungszeit zu sein schien. Daher war es fraglich, ob ein vieles Mehr überhaupt zu einem deutlich besseren Ergebnis geführt hätte.

Etwas später am Tag zog ich wieder los. Weiter über den Skye Trail gen Norden. Auf zu weiteren Fotozielen wie dem Old Man of Storr. Aber das ist eine neue Geschichte …

Nachfolgend das Foto nochmals in seinem korrekten Seitenverhältnis von 3:2 – entgegen dem Aufmacher in 16:9 … (PS: Klick aufs Bild macht groß).

Die kalten Fakten
Fujifilm X-Pro1, Fujinon XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS, B+W 110 ND 3,0 1000x Graufilter, ISO 800, 3,1s, Blende 16, -0,7 LW, Adobe Photoshop CS6 (ACR), VSCO Film 02

Aus dem Projekt und Fotobuch Mein Norden.

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5 Kommentare Neuen Kommentar hinzufügen

  1. MrLausS sagt:

    Vielen Dank für diesen inspirierenden Post. Wenn alles gut läuft, werden MrsLausS und ich in einigen Wochen an genau der gleichen Stelle stehen. Ich hoffe, dass dann Wetter, Licht und Technik mitspielen und wir diese traumhafte Szenerie nur halb so schön ablichten können.

    Dass die Belichtung nicht so geklappt hat wie vorgesehen, tut der Bildwirkung in meinen Augen keinen Abbruch. Außerdem wirkt es auf mich beruhigend, dass ich nicht der Einzige bin, der im Eifer des Gefechts die ISO-Einstellung vergisst (alternativ die Belichtungskorrektur oder die Belichtungsreiheneinstellung oderoderoder).

    LG
    Steffen

  2. Alexander sagt:

    Hallo Martin,

    vielen Dank für den tollen Bericht. Welches Stativ nimmst Du denn für Langzeitbelichtungen mit auf Deine Touren? Nach meinem Umstieg auf das Fuji X-System frage ich mich, wieviel Stativ wirklich sein muss … Genügt ein leichtes Reisestativ (1 kg) oder sollte es doch etwas stabileres sein?

    Viele Grüße,
    Alexander

  3. Hallo Alexander,

    die Frage hatte ich mir nach meinem Wechsel von der schweren DSLR-Ausrüstung hin zum leichteren X-System auch gestellt. Auf der letzten photokina hatte ich mich dann ausgiebig nach Stativen umgesehen, kam aber zu dem Ergebnis, dass ich erstmal das behalte und weiter nutze, mit dem ich auch zuvor schon unterwegs war. So ein „Reisestativ“ unterschreitet da schnell die kritische Grenze, wo so ein Teil in meinen Augen gerade für Langzeitbelichtungen nicht mehr stabil und solide genug ist – selbst dann, wenn die Kameraausrüstung nicht mehr so schwer ist. Wenn es z.B. windig ist, dann wird sowas schnell flatterig – da braucht es einfach auf der Stativseite auch ein gewisses Gewicht …

    Daher nutze ich gerade immer noch ein älteres Carbon-Stativ von Velbon (Sherpa Pro CF 535) mit einem auch älteren Magnesit-Kugelkopf von Cullmann (40180). Beides zusammen bringt ca. 1760 Gramm auf die Waage.

    Beste Grüße,
    Martin

  4. Hallo Martin,

    erstmal wahnsinniges Bild! Sieht schon fast animiert aus :D

    Der Winkel ist sehr schön gewählt. Sodass der höchste Punkt der Brücke mit dem höchsten Punkt der Berge nicht ganz parallel ist, aber in Beziehung stehen. Gefällt mir echt sehr gut! Kann es sein, dass Du so ca. eine 3/4-Sekunde belichtet hast? Denke das wegen dem Wasser, das sieht fast zu glatt aus :)

    Grüße aus Rottweil!

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