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Noch 800 Meter – Im White-Out durch Norwegen

– An der Dærtahytta in Norwegen-

Viele Jahre bevor ich zu abenteuerlichen Expeditionen über das grönländische Inlandeis aufbrach, erlebte ich einen Sturm und White-Out in Norwegen. Meine Erfahrung war zu diesem Zeitpunkt – im März 1997 – noch recht gering. Daher gehört der Tag zwischen Dærtahytta und Rostahytta im Øvre-Dividalen-Nationalpark zu meinen eindrücklichsten Erfahrungen.

Eine Kurzgeschichte

Zwei Tage sitze ich bereits im Schuppen der Dærtahytta fest. Den Schlüssel für die Haupthütte habe ich nicht, bin ich auf meiner Skitour durch den Øvre-Dividalen-Nationalpark doch mit dem Zelt unterwegs. Aber im hohen Norden Norwegens zog ich mich bei diesem stürmischen Wetter lieber in die unverschlossene Bretterbude zurück – zwei Tage zwischen aufgeschichtetem Brennholz und dem Doppelklo der Hütte. Tage, während denen der Wind beängstigend heulte, und Schneekristalle gegen das winzige Fensterchen prasselten. Trotzdem war es hier drinnen gemütlich. Gegen Ende des zweiten Tages, als das ohnehin diffuse Licht nahe daran ist der dunklen Nacht zu weichen, erspähe ich durch eine kleine schneefreie Fläche auf der Scheibe, wie sich zwei Gestalten die letzten Meter zur Hütte kämpfen.

Es sind Dänen, und sie haben den Hüttenschlüssel des DNT, des norwegischen Touristenvereins. Kurze Zeit später breiten wir uns in der Haupthütte aus, und nachdem etwas Holz gehackt ist, zieht schon bald der Geruch eines wärmenden Feuers durch die vier Wände.

Die beiden haben auch ein GPS-Gerät dabei. Nur mit dessen Hilfe hatten sie die Dærtahytta überhaupt finden können. Etwas ungläubig lausche ich ihrer Erzählung, war ich in der Vergangenheit doch immer mit Karte und Kompass ausgekommen.

Durch das „Weiße Nichts“
Am nächsten Morgen ist das Wetter nach wie vor miserabel. Der stete Wind hüllt die Dærtahytta weiterhin mit dicken Schneeflocken ein. Der etwa zehn Meter entfernte Schuppen ist kaum zu sehen. Dennoch beschließen wir, aufzubrechen – das GPS-Gerät wird uns den rechten Weg schon weisen. Also schnallen wir die Skier an und schultern die Rucksäcke.

Bereits nach wenigen Metern verliert sich die Dærtahytta hinter uns im White-Out. Wir stapfen und schliddern durch das „Weiße Nichts“ – einen konturlosen Raum ohne oben und unten. Nur begleitet von eisigen Böen und einer Kälte, die den heranstiebenden Schnee im Gesicht zu einer Eiskruste gefrieren lässt. In meinen Wimpern hängen dicke Klumpen und behindern die ohnehin spärliche Sicht.

Während des Laufens bilde ich meist das Schlusslicht – die schwere Pulka, die ich zusätzlich zu meinem Rucksack hinter mir herziehe, scheint im tiefen Neuschnee versinken zu wollen und lässt sich nur mit brachialer Gewalt von der Stelle locken. Fluchend und keuchend wühle ich mich hinter den Dänen her. An diesem Tag bin ich froh, mich nicht um die Orientierung und die Suche nach dem besten Weg kümmern zu müssen. Ich vertraue mich den beiden an und hoffe, dass sie das GPS-Gerät zu benutzen verstehen.

Wo ist die rettende Hütte?
Wir arbeiten uns von Wegpunkt zu Wegpunkt voran, ändern dort jeweils den Kurs und stolpern weiter in die weiß-graue Unendlichkeit hinein. Ohne exakte Positionsbestimmung würden wir all die Abzweigungen niemals finden. Ob es bergauf oder bergab geht, können wir kaum mehr unterscheiden.

Gegen vier Uhr nachmittags sind es noch immer sieben Kilometer bis zur Rostahytta. Ernüchterung! Doch wir müssen weiter. Einfach weiter in der bald heraufziehenden Dämmerung. Wir wollen die Sicherheit spendende Behausung unbedingt erreichen, eine Übernachtung im Zelt bei diesem stürmischen Wetter auf jeden Fall vermeiden.

Der letzte Abstieg ist zum Glück nicht so steil wie befürchtet. Wir schaffen es runter in den Talboden, der unter der dichten Wolkendecke liegt. Krüppelige Birken sind zu sehen. Irgendwo hier muss die Hütte liegen. Es ist nahezu dunkel, als wir ein letztes Mal das GPS einschalten. Auf dem Display erscheinen die Koordinaten unseres Standpunktes und die nahezu erlösende verbleibende Entfernung zur Rostahytta: Nur noch 800 Meter! Ein kurzer Moment des Glücks – fast haben wir es geschafft.

Um 18:30 Uhr sind wir schließlich dort. Sitzen ausgelaugt in der fünf Grad kalten Hütte. In Sicherheit.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. … allein das foto,

    die mutmaßliche stimmung dort in norr-wegen,

    diese stimmung im bild,

    dann der text zu allem –

    kurzum:

    ein danke an dich … !

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  2. Ein wirklich spannender Bericht zu einem abenteuerlichen Erlebnis!
    Habe übrigens neulich einen Deiner Grönland-Berichte in einer Fotozeitschrift gelesen.
    Hut ab, super Story und tolle Fotos!

    Lg
    Jan

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  3. Danke für die interessante und spannende Kurzgeschichte. Ich habe die besondere Atmosphäre aus Schnee, Wind und Kälte förmlich gespürt und das Foto gibt die Wetterverhältnisse sehr gut wieder.

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  4. Wirklich spannende und packende Kurzgeschichte. Sehr schöne Bilder gibt’s hier in Deinem Blog! Werde nun öfter vorbei schauen.

    Beste Grüße,
    Martin

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  5. @All
    Es freut mich zu lesen, dass diese „alte“ Geschichte gefällt :-)

    @Jan
    Da meinst Du sicherlich meine Grönland Reportage im DigitalPHOTO Magazin …

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