3

Wieder Fuß fassen

- Inmitten von Chaos -

Nach den ersten Schritten vor ein paar Tagen, war ich gestern erneut unterwegs. Dieses Mal zusammen mit Schwippschwager Matthias. Wir hatten uns den Brezelweg rund um Burg ausgesucht, den ich schon häufiger gelaufen bin, zuletzt Ende Januar. Auch jetzt fuhren wir gemeinsam mit der Regionalbahn bis Solingen-Schaberg und liefen von der Müngstener Brücke ein Stück oberhalb der Wupper entlang, bis wir auf den Rundweg stießen. Die etwa 16 Kilometer lange Strecke mit ihren gut 600 Höhenmetern erschien mir für mich genau richtig, um weiter Fuß zu fassen.

Zum Glück war es nicht zu warm und im Wald und zwischen Feldern auch nicht allzu schwül und stickig. Trotzdem war die Luft ab und an drückend. Ich spürte es vor allem an den langen Steigungen – bis ich wieder so richtig fit bin, wird es noch eine Weile dauern. Wir kamen aber ganz gut voran, machten ein paar Pausen, aßen Käse- und Wurstbrötchen. Nur das Gewitter und den Regen hatte ich irgendwie nicht auf dem Plan. Als die ersten Blitze zuckten, das Donnergrollen lauter wurde und es immer stärker vom Himmel tropfte, suchten wir für kurze Zeit Zuflucht in einem Unterstand.

Nach 20 Minuten war das Gröbste vorüber gezogen und wir gingen weiter. Einige Zeit regnete es zwar noch, aber das war auf den Waldwegen, geschützt von den Bäumen und bei den sommerlichen Temperaturen, nicht weiter schlimm. Auch ohne Regenjacke war das bisschen Nässe nicht der Rede wert.

- Wasser und Stein -

Irgendwann kam sogar die Sonne zurück und alles trocknete rasch. Am Hermann Löns Denkmal, wo sich unzählige kleine Pfützen auf einem Gemäuer hoch oben über der Wupper gebildet hatten, machten wir einen letzten Zwischenstopp. Nach 6 Stunden schloss sich der Kreis und wir waren zurück am Ausgangspunkt. Gerade rechtzeitig, bevor erneut dunkle Wolken über uns hinweg zogen und den nächsten Regen brachten.

Meine Beine waren zum Ende hin zwar etwas schwer, aber ich habe das Gefühl, so langsam wieder in Fahrt zu kommen. Und die Krankheit zunehmend nur als einen Teil zu sehen, der zwar vorerst immer da ist, der aber nicht bestimmt.

Noch stecke ich allerdings mitten im Chaos. Um mich herum ist weiterhin so vieles ungewiss. Wie es weitergeht mit der Epilepsie. Wann – oder ob überhaupt – ein nächster Anfall kommt. Ob ich es schaffen kann die Ideen, die mir im Moment im Kopf umherschwirren, tatsächlich umzusetzen. Ob es trotz der Krankheit möglich ist, neue Wege zu gehen und weiterzukommen. Oder ob es gerade dieses “kranksein” ist, diese momentane Phase, die manches erst ermöglichen wird?

Ich gebe mir Zeit. Oder versuche es zumindest. Vielleicht schaffe ich es, zu reifen durch die Situation. Vielleicht ist das alles genau richtig so.

> Bildergalerie Natur

8

Erste Schritte

- Erste Schritte -

Nachdem mich Anfang Mai zwei Krampfanfälle und die Diagnose Epilepsie völlig aus der Bahn geworfen und vom Weg abgebracht hatten, war ich gestern für gut zwei Stunden erstmals wieder zu Fuß unterwegs. Langsam geht es aufwärts – körperlich wie mental. Die Tabletten vertrage ich mittlerweile ganz gut. Der anfängliche Schwindel ist weg und die Müdigkeitsattacken werden auch immer seltener. Zudem liegt das nervige Durchfallintermezzo hinter mir, das der ganzen Sache noch die Krone aufgesetzt und mich richtig geschwächt hatte. Aber jetzt fühle ich mich endlich wieder so gut, erste Schritte zu wagen.

Es war keine spektakuläre Runde. Nur ein kurzer Ausflug zu einer Stelle, die ich sehr mag. Ein kleiner Bach, sonst nichts. Doch, entlang des Weges natürlich, da gab es ein paar Dinge. Wie das Fußballfeld. Ich machte ein Foto – schließlich ist gerade Europameisterschaft …

- Fußballplatz -

Ansonsten hing ich meinen Gedanken nach. Wie so oft in den letzten Wochen. Ich habe neue Pläne und Ideen. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Sie sind noch nicht reif. Um sie in Angriff zu nehmen, muss ich erst noch weitere Schritte tun. Aber dann. Dann soll es wieder richtig losgehen, weitergehen. Ein Neuanfang.

Und ich schwitzte. Das tat gut. Die Bewegung. Ohne bin ich nur ein halber Mensch – wenn überhaupt. Im Wald war es schön. Wurzeln unter den Füßen, ein Blätterdach über dem Kopf …

- Durchblick -

Mehr und mehr kristallisiert sich heraus, wozu dieser Zwangsstopp aufgrund der Krankheit gut sein könnte. Der steinige Weg bessert sich Schritt für Schritt und das Licht am Ende des Tunnels wird heller und heller. Aber ich möchte nicht einfach mein altes Leben zurück, alles nur so haben, wie es vorher war. Nein, ich will diese Zeit des Innehaltens nutzen, mich neu zu fokussieren. Gar Veränderungen ins Auge fassen. Dinge über Bord werfen, Geliebtes neu entdecken.

Einen Rahmen dafür sehe ich schon vor mir. Habe ein Gerüst im Kopf für ein Langzeitprojekt raus aus der Krisenzeit. In den nächsten Wochen muss ich noch oft in mich gehen, hinein hören und aufspüren, was ich wirklich möchte. Und dem folgen.

Auch das wird dann nicht einfach sein. Es wird Konsequenz erforden. Aber ich möchte etwas schaffen. Erschaffen. Das Rad nicht neu erfinden, dafür über Umwege ans Ziel gelangen. Wobei das Ziel wie so oft der Weg ist … Naja, nicht nur …

Es rumort, es arbeitet in mir. Wie es weitergeht, erzähle ich Euch. Wenn ich die nächsten Schritte getan habe.

> Bildergalerie Dies und Das

6

Für irgendwas muss es gut sein …

- 5:33 Uhr -

Es passierte vor fast 6 Wochen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag bekam ich einen Krampfanfall. Für einige Sekunden lag ich völlig weggetreten, mit weit aufgerissenen Augen und stocksteif im Bett. Nina war neben mir zu Tode erschreckt und wir brauchten eine Weile, bis sich die allgemeine Verwirrung gelegt hatte. Was war das? Okay, ein Besuch beim Hausarzt am kommenden Montag drängte sich auf – um mich mal so richtig durchchecken zu lassen …

Doch dann, am Sonntag Mittag, haute es mich wieder um. Ich war gerade dabei, Selma zu wickeln, als ich das Gefühl bekam, ohnmächtig zu werden. Ich schaffte es gerade noch, mich auf den Boden zu setzen, da verlor ich wieder das Bewusstsein. Erneut für Sekunden, mit steifen Armen und wieder den aufgerissenen Augen. Als ich zu mir kam, lachte mich Selma vom Wickeltisch aus an. Nina fand das alles weniger lustig und wir machten uns umgehend auf ins Krankenhaus.

Die Notaufnahme im Helios Klinikum war gut gefüllt, aber ich kam trotzdem bald dran. Und wurde sofort verkabelt und an alle möglichen Geräte angeschlossen. EKG, Blutdruck, Infusion. Ich konnte nicht mal mehr allein aufs Klo … Dafür war die Anamnese, der neurologische und psychische, wie auch der allgemeinmedizinische erste Befund ohne größere Auffälligkeiten. Blut und Nervenwasser lagen zudem im Normbereich und auch bei der Computertomografie (CT) war nix zu finden. Auch kein Tumor, wie der Arzt trocken bemerkte …

Nun ja, aufgrund des zweimaligen Bewusstseinsverlusts mit hochgerissenem Arm und tonischer Haltung, war von einer Epilepsie auszugehen. Nach Stunden durfte ich den durchaus unterhaltsamen Notfallbereich verlassen und wurde auf die langweilige Station 5.5 verlegt. Ich verpasste den letzten Auftritt von Cenk Batu als Hamburger Tatort-Kommissar und bekam ein Bett unter dem Fernseher in einem Zimmer voller Schlaganfallpatienten. Da war es neben der Alkoholikerin lustiger, die mit 4,6 Promille im Blut eingeliefert wurde und trotzdem nach kürzester Zeit wieder eigenmächtig nach Hause stiefeln wollte, wobei sie etwas von Menschenhandel schwafelte.

- Aufmunterung -

Um meine Frontallappenepilepsie weiter zu untermauern, standen in den folgenden Tagen noch mehr Untersuchungen an. Zuerst ein EEG, bei dem eine ausgeprägte Beta-Grundaktivität mit zwischengelagerter Alpha-Aktivität und phasenweise auch Theta-Aktivität erkennbar war. Die zeitweise geforderte Hyperventilation stieg mir etwas zu Kopf, aber dafür war die Photostimulation ganz lustig, auch wenn sie keine neuen Aspekte hervorrief.

Ein ausgeprägteres Bild versprachen sich die Ärzte wohl von einem Schlafentzugs-EEG, für das ich mir zuvor eine Nacht um die Ohren schlagen musste. Im kleinen Aufenthaltsraum der Station ließ ich die ganze Zeit den Fernseher laufen, las die grotten langweilige Westdeutsche Zeitung und trank Unmengen an Wasser, um oft pinkeln zu müssen und nicht doch einzuschlafen. Aber wie mir später schien, war die Aktion so ziemlich für die Katz – neben der erneut ausgeprägten Alpha-Grundaktivität und ein paar zwischengelagerten Deltawellen, gab das zweite EEG, nach durchgemachter Nacht, nicht viel her. Erneut war kein oberflächennaher Herd erkennbar, keine epilepsieverdächtigen Potenziale. Ob das nun gut oder schlecht war, wurde mir nicht berichtet. Im Krankenhaus hielten sich irgendwie alle mit Informationen weitestgehend zurück …

Mittlerweile war Dienstag Vormittag. Und bis Donnerstag Abend passierte mit mir nichts mehr. Ich lungerte in meinem Bett rum, war zwischenzeitlich von meinem Standort unterhalb des Fernsehers ans Fenster umgezogen und erfreute mich ansonsten an Besuchen und der Abwechslung, die das Essen mit sich brachte. Wenn nur nicht der Kaffee immer schon so lauwarm gewesen wäre.

Schließlich musste ich dann noch eine Nacht ins Schlaflabor und unter Vollverkabelung von 22 bis 5 Uhr möglichst schlafend durchhalten. Wenn ich es dem Bericht korrekt entnehme, der mir über meinen Krankenhausaufenthalt jetzt vorliegt, war ich nach 24 Minuten eingeschlafen. Aber die Nacht war unruhig, von Albträumen zerfasert. Schlafqualität und Schlafeffizienz waren reduziert – auch das kann ich mittlerweile Schwarz auf Weiß nachlesen. Immerhin habe ich nicht geschnarcht … Hingegen erneut kein Nachweis epilepsietypischer Potenziale oder einem Herdbefund.

Abschließende Beurteilung: Am ehesten ist von einer kryptogenen fokalen Epilepsie auszugehen. Wobei sich der Befund eher auf die zweimalig, kurzfristig in Folge aufgetretenen epileptischen Ereignisse zurückführen lässt als die Untersuchungen im Krankenhaus. Egal, vom Tag der Entlassung an muss ich Levetiracetam schlucken und mich einer ambulanten nervenärztlichen Weiterbehandlung unterziehen. Ach ja, zu guter Letzt wurde mir noch ein Fahrverbot auf Weiteres erteilt …

- TV-Nacht -

Es gibt schlimmere Krankheiten. Es ist nur Epilepsie. Das haben ganz schön viele Menschen. Und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, schränkt es einen auch kaum ein. So die blanke Theorie. Nur warten allein die Pillen mit heftigen Nebenwirkungen auf. Bis hin zu schwerer Depression und Selbstmordgedanken. Zum Glück verursachten sie bei mir in den ersten Wochen nur die üblichen Anfangsprobleme: Schwindelgefühle und Müdigkeit. Oft kam ich morgens kaum aus dem Quark, konnte mich am Nachmittag schon wieder hinlegen und schlief abends vor dem Fernseher ein. Aber das vergeht. Ging es auch. Und mit ihm die Zeit.

Doch als ich das Gefühl hatte, wieder standhafter auf den Beinen zu stehen und einen Tag schlaflos hinter mich zu bringen, kam der Durchfall. Seit zwei Wochen verfolgt mich nun die Scheißerei. Zuerst dachte ich an eine stinknormale Magen-Darm-Erkrankung. Dann daran, es könnte auch von den Tabletten kommen. Doch beides ist es wohl nicht, wie mir meine Heilpraktikerin nach einem Blick in die Augen mittlerweile mitteilte. Auch sah sie keine Anzeichen einer “klassischen” Epilepsie. Vielleicht kann ich das Medikament schon bald – in einem Jahr oder so – wieder absetzen. Wenn der wahre Grund für die Anfälle gefunden und behandelt wurde …

Ich fühle mich angezählt, am Boden liegend. Körperlich geschwächt und mit angeknabberter Psyche. Meinem Job kann ich in dieser Zeit kaum nachgehen. Bereits im Spätwinter musste ich eine große Tour absagen und auch jetzt führte kein Weg daran vorbei, das für dieses Frühjahr und den Sommer dafür angesetzte Alternativprogramm hinzuschmeißen. Was für eine Enttäuschung!

Wie schon Ende März bleibt wieder nur zu sagen, dass es wohl für irgendetwas gut sein muss. Nur für was?

Ich fechte einen Kampf in mir aus. Zwischen einem Gefangensein im Hier und Jetzt, dem Gefühl von Stillstand und Niederlage. Und der Option auf einen Neuanfang, der oft einer Krise innewohnt. Nach langen Tagen des Abstiegs kehrt langsam wieder etwas Kraft zurück, zeigen sich Möglichkeiten auf am Horizont.

Eine emotionale Achterbahnfahrt, bei der in einem Moment alles verloren und im anderen alles möglich erscheint. Es gilt diese Möglichkeiten zu finden und nicht im Unmöglichen zu erstarren. Ein steiniger Weg durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ich aber ein Licht erkenne, das heller strahlen könnte als zuvor. Ich sollte nachschauen. Und mich bald wieder auf den Weg machen …

6

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

- Auf dem Hardangerjøkulen -

Ursprünglich wollte ich in diesem Frühjahr zum dritten Mal das grönländische Inlandeis überqueren. Nach den beiden Expeditionen 2006 und 2008, bei denen wir in kleinen selbstorganisierten Teams unterwegs waren, nun als Guide mit einer größeren Gruppe für das Reiseunternehmen Wüstenwandern, für das ich seit dem letzten Jahr auch Skitouren über die Hardangervidda in Norwegen führe. Und es sah anfangs auch vielversprechend aus. Es gab eine ganze Reihe an Interessenten, die den langen Weg der Vorbereitung und das mehrwöchige Abenteuer in Angriff nehmen wollten. Doch dann zogen sich einige wieder zurück – zu groß für die meisten doch der Aufwand monatelangen Trainings und der 5 Wochen im Eis. Die Gruppe zerbröckelte und schließlich standen wir nur noch zu dritt da. Egal, wir wollten es trotzdem durchziehen.

Aber die Behörden in Grönland machten es uns schwer. Immer neue Stolpersteine gilt es im Vorfeld einer Inlandeisexpedition aus dem Weg zu räumen, um überhaupt an eine Genehmigung für ein solches Unternehmen zu kommen. In den letzten Jahren gab es viel Ärger mit einigen Teams, die aufgrund einer Mischung aus Unvermögen, schlechter Planung und unzulänglicher Vorbereitung nicht in der Lage waren, die andere Seite der Eiskappe aus eigener Kraft zu erreichen und sich abholen lassen mussten. Doch für die dadurch entstehenden Rettungskosten kommen die obligatorischen Versicherungen nicht auf. Deswegen wird neuerdings auch eine stattliche Bankgarantie gefordert – für den Fall der Fälle. Die Grönländer wollen einfach sicher gehen, eine eventuelle Evakuierung auch im Nachhinein refinanziert zu bekommen, falls kein Zahlungsgrund für die Versicherungen vorliegt.

Uns wurde die Situation langsam zu heikel, zumal mittlerweile im Raum stand, dass wir vielleicht sogar nur zu zweit auf Reisen gehen könnten und die Kosten von noch weniger Schultern getragen werden müssten. Getreu dem Motto “Andere Mütter haben auch schöne Töchter”, verabschiedeten wir uns deshalb mit einem weinenden Auge von Grönland und richteten unsere Blicke nun auf Island. Zwar nicht mit einem Inlandeis gesegnet, aber zumindest von ganz schön großen Gletschern bedeckt. Eine Durchquerung der Insel von Nord nach Süd war unser neues Ziel. Ebenso anspruchsvoll und herausfordernd, aber viel billiger und einfacher zu organisieren.

Ziel war es auch noch, als wir tatsächlich nur noch zu zweit dastanden. Mein Status als Guide hatte sich über die Zeit ohnehin immer weiter aufgelöst. Und jetzt, nur mit Marcus, meinem noch verbliebenen Tourpartner, den ich bereits von einer früheren Tour kannte und mit dem sich über die lange Phase der Planerei auch eine Art Freundschaft anbahnte, waren wir eigentlich nur noch Zwei, die zusammen in ein Abenteuer aufbrechen wollten. Wir optimierten die Ausrüstungsliste, strickten uns den Reiseplan zurecht, buchten die Flüge und eine Unterkunft in Reykjavík und besorgten Lebensmittel für gut drei Wochen. Auf 23 Tage hatten wir die Durchquerung des Hochlandes und die Überquerung des Vatnajökull angesetzt.

Wie immer vor einer großen Tour, waren die letzten Tage und Stunden vor der Abreise noch recht stressig. Und so war ich auch am Abend vor unserem Flug auf die Insel aus Feuer und Eis noch mitten drin in der Packerei, als Marcus mit kaum vernehmlicher Stimme anrief. Er hatte Fieber und Schüttelfrost. Ganz plötzlich hatte es ihn an diesem Samstag vor gut einer Woche die Beine weggezogen und niedergestreckt. Zuerst meinte er noch, wir könnten ja trotzdem hinfliegen und er würde sich vor Ort noch ein paar Tage erhohlen. Doch das war schnell als schlechte Idee entlarvt. Zu anstrengend wäre die Anreise, zu unruhig die Zeit in Reykjavík. Also beschlossen wir, den Hinflug einfach um vier Tage zu verschieben. Doch schon tagsdrauf wurde auch diese Option endgültig zunichte gemacht. Zur Grippe hatte sich über Nacht ein Darmvirus gesellt, der Marcus nicht nur ans Bett, sondern jetzt auch noch aufs Klo fesselte. Er wurde derart geschwächt, dass sein befreundeter Arzt deutlich von der Tour abriet. Zu groß die Gefahr unter all der zu erwartenden Anstrengung einen Rückfall zu bekommen oder völlig zusammen zu brechen. Mit sicherlich zwei Wochen, um wieder ordentlich auf die Beine zu kommen, mussten wir rechnen. Und auch danach wäre Marcus noch nicht wieder in “Expeditionsverfassung”.

Also blieb nur die komplette Absage. Eine weitere Verschiebung oder eine neuerliche Alternative kam nicht infrage. Was für eine Enttäuschung. Erst Grönland. Dann Island. Aber als hätte ich es geahnt, trug ich in den letzten beiden Wochen vor unserem anvisierten Reisestart oft einen Kloß im Magen mit mir rum. Da war irgendso ein Gefühl, als würde etwas nicht stimmen. Nur konnte ich es nicht einordnen. Vielleicht war es der Wurm, der in dieser Tour steckte. Es sollte wohl einfach nicht sein. Gut, dass Marcus und ich übereinstimmend zu dem Schluss kamen, dass es wohl zu irgendetwas gut sein muss …

Nur ist es aber so, dass weder Island noch Grönland für mich eine Art Urlaubsvergnügen gewesen wären, das ich nun zu einem späteren Zeitpunkt einfach an einem anderen Ort nachhole. Nein, es sind auch viele Partner darin involviert, Veröffentlichungen daran geknüpft, Absprachen getroffen und Weichen gestellt. Das macht es umso ärgerlicher. Nicht nur der Verzicht auf eine Tour, die uns am Herzen lag, für die wir monatelang trainiert und nahezu gelebt hatten, der Wegfall eines großartigen Erlebnisses, einer Erfahrung und Freude. Hinzu kommt die Enttäuschung, die auch bei anderen hervorgerufen wird, die viel in die Reise investiert und sich im Gegenzug etwas davon versprochen haben.

In der letzten Woche ratterte es daher in meinem Kopf auf der Suche nach Alternativen und neuen Zielen, die alle Beteiligten zufrieden stellen. Gar nicht so leicht, so spontan völlig umzudenken, war ich doch auf Island gepolt. Eins war schnell klar – Schnee und Eis sind für mich in diesem Jahr kein Thema mehr.

Herauskristallisiert sich nun ein größeres und längerfristiges Projekt, welches mir auch schon seit Jahren im Kopf umherschwirrt. “Am Nordmeer” ist der Arbeitstitel und es sieht so aus, dass ich im Mai die ersten Schritte dafür tun werde. Doch dazu mehr, sobald es konkret wird. Zuvor werde ich in den nächsten Tagen der Wupper von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein folgen. 125 km entlang des Flusses, an dessen Ufern ich seit meiner Kindheit lebe.

Mit dabei dann auch die Fujifilm X-Pro1 … Ich muss in allem das Gute sehen – immerhin hatte ich nun die Chance, mich schon in der vorigen Woche intensiver mit der neuen Kamera zu beschäftigen und musste mit der X-Pro1 auf der eisigen Insel nicht direkt ins kalte Wasser springen.

Mal sehen, wie sich die weitere Zeit nun entwickelt, nachdem sich die Tour, die ich eigentlich als wichtigste für dieses Jahr angesehen hatte, so kurzfristig in Luft aufgelöst hat. Aber nun gut, jetzt ist erstmal der Wupperweg an der Reihe …

9

Mein bestes Foto 2011

- Hardangervidda, Norwegen -

Wie schon in den vergangenen beiden Jahren hat Martin Wolf von visuelleGedanken mal wieder zu einer Blogparade aufgerufen. Mit ihr begibt er sich nun auf die Suche nach den besten Fotos aus diesem Jahr. Bereits 2010 hatte ich teilgenommen und auch dieses Mal mache ich wieder mit.

Dabei ist es erneut gar nicht einfach aus 12 Monaten das “eine” Bild auszusuchen. Habe ich daher im vorigen Jahr noch eine ganze Reihe an Fotos in die Waagschale geworfen – wobei auch da mein persönlicher Favorit schnell feststand -, kam mir nun ohne langwieriges Durchstöbern meines Archivs sofort ein Bild in den Sinn. Entstanden Anfang März während einer Wüstenwandern Skitour über die Hardangervidda in Norwegen.

An diesem Tag zogen stürmische Winde auf, die uns das Laufen erschwerten und die Sicht durch aufstiebenden Schnee vernebelten. Böen mit Geschwindigkeiten von 80 km/h drohten uns umzuwerfen und zeigten uns rasch die Grenzen auf. Nach vielen Stunden erreichten wir eine kleine Fischerhütte am Mannevatn, in der wir schließlich Zuflucht fanden.

Also, das ist es – mein bestes Foto 2011.

P.S.
Vielleicht bringt das nächste Jahr neue Abenteuer mit sich. Egal wie sie sein werden – es lohnt sich, sie in Bildern festzuhalten.

> Mehr Bilder gibt es hier zu sehen

Seiten: < 1 2 3 4 5 6 7 >
Get Adobe Flash player