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Zwei Monate

- Luftballon –

In der letzten Woche hatte Selma ihren zweiten Geburtstag. Da hing der Luftballon noch prall gefüllt an unserer Wohnungstüre. Doch jetzt ist davon nicht mehr viel übrig, wie auch bei mir die Luft mal wieder ziemlich raus ist. Dabei schien ich am vorigen Freitag mit der Wanderung über den Brezelweg wieder gut Fuß gefasst zu haben. Mmh, zu früh gefreut …

Denn kurz darauf bekam ich eine Gürtelrose – als wenn ich nicht schon genug Ärger am Hals hätte. Naja, zum Glück habe ich den Herpes Zoster dort gerade nicht, sondern unter der Hose versteckt am Oberschenkel und in der Leistengegend. Egal, schön ist es trotzdem nicht. Jetzt muss ich auch gegen diese Viruserkrankung Pillen schlucken. Alle vier Stunden.

Schuld daran ist mein aktuell arg geschwächtes Immunsystem. Das ließ dem “Windpocken-Virus” freie Bahn und warf mich wieder ein Stück zurück. Immerhin hat Selma bereits eine Impfung gegen Varizellen – die Sache ist hoch ansteckend.

Momentan laufe ich zwischen meiner Hausärztin und meinem Neurologen hin und her, lasse mir Blut abzapfen und die Werte bestimmen. Die Leukozyten sind in den Keller gerutscht, meine Abwehrkräfte schwinden. Es könnte an dem Epilepsie-Medikament liegen, welches ich jetzt schon seit fast zwei Monaten nehme. Ja, genau auf den heutigen Tag ist es zwei Monate her, dass ich mich nach den beiden Krampfanfällen in der Notaufnahme des Krankenhauses wiederfand. Seitdem ist es ein ewiges Auf und Ab.

Erst die Diagnose Epilepsie, dann Schwindel und Müdigkeit hervorgerufen durch die Tabletten. Als die Nebenwirkungen nachließen, kam der Durchfall. Zwei Wochen lang. Doch dann, nach der Scheißerei, schien es endlich aufwärts zu gehen. Ich konnte die ersten Schritte tun und später weiter Fuß fassen. Alles schien geebnet für eine Urlaubsreise, die mich mit Nina und Selma ab kommenden Dienstag nach Schweden und Norwegen führen sollte. Endlich richtige Erholung. Endlich Abstand gewinnen. Den Stress abschütteln und Kraft tanken für den Neuanfang danach. Doch stattdessen jetzt noch diese Gürtelrose. Vielleicht muss das Epilepsie-Medikament umgestellt werden. Eine weitere Blutuntersuchung Anfang nächster Woche warten wir noch ab. Dann soll entschieden werden …

Gut, fahren wir halt etwas später los. Am Mittwoch oder spätestens Donnerstag. Trotzdem ist es mal wieder niederschmetternd. Ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden gilt. Seit zwei Monaten dieser ständige Angriff auf Körper und Psyche. Kaum die Möglichkeit einer “Auszeit”. Immer wieder was Neues. Ein Schritt vor und zwei zurück. Manchmal ist es einfach zum Kotzen.

Aber ich gebe nicht auf. Wenn’s sein muss, werfe ich eben andere Pillen gegen die Epilepsie ein. Vielleicht stabilisiert sich dadurch wieder mein Immunsystem. Und ich habe Glück und bekomme es dafür mit keinen anderen, neuen Nebenwirkungen zu tun …

An dieser Stelle möchte ich allen einen DANK aussprechen, die mich bisher mit ihrer Anteilnahme und vielen guten Worten auf dem “steinigen Weg durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ich aber ein Licht erkenne” unterstützt haben!

Irgendwann werde ich wieder im Hellen stehen – es bleibt weiterhin nur eine Frage der Zeit, der Geduld und der inneren Kraft.

Wieder Fuß fassen

- Inmitten von Chaos -

Nach den ersten Schritten vor ein paar Tagen war ich gestern erneut unterwegs. Dieses Mal zusammen mit Schwippschwager Matthias. Wir hatten uns den Brezelweg rund um Burg ausgesucht, den ich schon häufiger gelaufen bin, zuletzt Ende Januar. Auch jetzt fuhren wir gemeinsam mit der Regionalbahn bis Solingen-Schaberg und liefen von der Müngstener Brücke ein Stück oberhalb der Wupper entlang, bis wir auf den Rundweg stießen. Die etwa 16 Kilometer lange Strecke mit ihren gut 600 Höhenmetern erschien mir für mich genau richtig, um weiter Fuß zu fassen.

Zum Glück war es nicht zu warm und im Wald und zwischen Feldern auch nicht allzu schwül und stickig. Trotzdem war die Luft ab und an drückend. Ich spürte es vor allem an den langen Steigungen – bis ich wieder so richtig fit bin, wird es noch eine Weile dauern. Wir kamen aber ganz gut voran, machten ein paar Pausen, aßen Käse- und Wurstbrötchen. Nur das Gewitter und den Regen hatte ich irgendwie nicht auf dem Plan. Als die ersten Blitze zuckten, das Donnergrollen lauter wurde und es immer stärker vom Himmel tropfte, suchten wir für kurze Zeit Zuflucht in einem Unterstand.

Nach 20 Minuten war das Gröbste vorüber gezogen und wir gingen weiter. Einige Zeit regnete es zwar noch, aber das war auf den Waldwegen, geschützt von den Bäumen und bei den sommerlichen Temperaturen, nicht weiter schlimm. Auch ohne Regenjacke war das bisschen Nässe nicht der Rede wert.

- Wasser und Stein -

Irgendwann kam sogar die Sonne zurück und alles trocknete rasch. Am Hermann Löns Denkmal, wo sich unzählige kleine Pfützen auf einem Gemäuer hoch oben über der Wupper gebildet hatten, machten wir einen letzten Zwischenstopp. Nach 6 Stunden schloss sich der Kreis und wir waren zurück am Ausgangspunkt. Gerade rechtzeitig, bevor erneut dunkle Wolken über uns hinweg zogen und den nächsten Regen brachten.

Meine Beine waren zum Ende hin zwar etwas schwer, aber ich habe das Gefühl, so langsam wieder in Fahrt zu kommen. Und die Krankheit zunehmend nur als einen Teil zu sehen, der zwar vorerst immer da ist, der aber nicht bestimmt.

Noch stecke ich allerdings mitten im Chaos. Um mich herum ist weiterhin so vieles ungewiss. Wie es weitergeht mit der Epilepsie. Wann – oder ob überhaupt – ein nächster Anfall kommt. Ob ich es schaffen kann die Ideen, die mir im Moment im Kopf umherschwirren, tatsächlich umzusetzen. Ob es trotz der Krankheit möglich ist, neue Wege zu gehen und weiterzukommen. Oder ob es gerade dieses “kranksein” ist, diese momentane Phase, die manches erst ermöglichen wird?

Ich gebe mir Zeit. Oder versuche es zumindest. Vielleicht schaffe ich es, zu reifen durch die Situation. Vielleicht ist das alles genau richtig so.

> Bildergalerie Natur

Erste Schritte

- Erste Schritte -

Nachdem mich Anfang Mai zwei Krampfanfälle und die Diagnose Epilepsie völlig aus der Bahn geworfen und vom Weg abgebracht hatten, war ich gestern für gut zwei Stunden erstmals wieder zu Fuß unterwegs. Langsam geht es aufwärts – körperlich wie mental. Die Tabletten vertrage ich mittlerweile ganz gut. Der anfängliche Schwindel ist weg und die Müdigkeitsattacken werden auch immer seltener. Zudem liegt das nervige Durchfallintermezzo hinter mir, das der ganzen Sache noch die Krone aufgesetzt und mich richtig geschwächt hatte. Aber jetzt fühle ich mich endlich wieder so gut, erste Schritte zu wagen.

Es war keine spektakuläre Runde. Nur ein kurzer Ausflug zu einer Stelle, die ich sehr mag. Ein kleiner Bach, sonst nichts. Doch, entlang des Weges natürlich, da gab es ein paar Dinge. Wie das Fußballfeld. Ich machte ein Foto – schließlich ist gerade Europameisterschaft …

- Fußballplatz -

Ansonsten hing ich meinen Gedanken nach. Wie so oft in den letzten Wochen. Ich habe neue Pläne und Ideen. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Sie sind noch nicht reif. Um sie in Angriff zu nehmen, muss ich erst noch weitere Schritte tun. Aber dann. Dann soll es wieder richtig losgehen, weitergehen. Ein Neuanfang.

Und ich schwitzte. Das tat gut. Die Bewegung. Ohne bin ich nur ein halber Mensch – wenn überhaupt. Im Wald war es schön. Wurzeln unter den Füßen, ein Blätterdach über dem Kopf …

- Durchblick -

Mehr und mehr kristallisiert sich heraus, wozu dieser Zwangsstopp aufgrund der Krankheit gut sein könnte. Der steinige Weg bessert sich Schritt für Schritt und das Licht am Ende des Tunnels wird heller und heller. Aber ich möchte nicht einfach mein altes Leben zurück, alles nur so haben, wie es vorher war. Nein, ich will diese Zeit des Innehaltens nutzen, mich neu zu fokussieren. Gar Veränderungen ins Auge fassen. Dinge über Bord werfen, Geliebtes neu entdecken.

Einen Rahmen dafür sehe ich schon vor mir. Habe ein Gerüst im Kopf für ein Langzeitprojekt raus aus der Krisenzeit. In den nächsten Wochen muss ich noch oft in mich gehen, hinein hören und aufspüren, was ich wirklich möchte. Und dem folgen.

Auch das wird dann nicht einfach sein. Es wird Konsequenz erforden. Aber ich möchte etwas schaffen. Erschaffen. Das Rad nicht neu erfinden, dafür über Umwege ans Ziel gelangen. Wobei das Ziel wie so oft der Weg ist … Naja, nicht nur …

Es rumort, es arbeitet in mir. Wie es weitergeht, erzähle ich Euch. Wenn ich die nächsten Schritte getan habe.

> Bildergalerie Dies und Das

Für irgendwas muss es gut sein …

- 5:33 Uhr -

Es passierte vor fast 6 Wochen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag bekam ich einen Krampfanfall. Für einige Sekunden lag ich völlig weggetreten, mit weit aufgerissenen Augen und stocksteif im Bett. Nina war neben mir zu Tode erschreckt und wir brauchten eine Weile, bis sich die allgemeine Verwirrung gelegt hatte. Was war das? Okay, ein Besuch beim Hausarzt am kommenden Montag drängte sich auf – um mich mal so richtig durchchecken zu lassen …

Doch dann, am Sonntag Mittag, haute es mich wieder um. Ich war gerade dabei, Selma zu wickeln, als ich das Gefühl bekam, ohnmächtig zu werden. Ich schaffte es gerade noch, mich auf den Boden zu setzen, da verlor ich wieder das Bewusstsein. Erneut für Sekunden, mit steifen Armen und wieder den aufgerissenen Augen. Als ich zu mir kam, lachte mich Selma vom Wickeltisch aus an. Nina fand das alles weniger lustig und wir machten uns umgehend auf ins Krankenhaus.

Die Notaufnahme im Helios Klinikum war gut gefüllt, aber ich kam trotzdem bald dran. Und wurde sofort verkabelt und an alle möglichen Geräte angeschlossen. EKG, Blutdruck, Infusion. Ich konnte nicht mal mehr allein aufs Klo … Dafür war die Anamnese, der neurologische und psychische, wie auch der allgemeinmedizinische erste Befund ohne größere Auffälligkeiten. Blut und Nervenwasser lagen zudem im Normbereich und auch bei der Computertomografie (CT) war nix zu finden. Auch kein Tumor, wie der Arzt trocken bemerkte …

Nun ja, aufgrund des zweimaligen Bewusstseinsverlusts mit hochgerissenem Arm und tonischer Haltung, war von einer Epilepsie auszugehen. Nach Stunden durfte ich den durchaus unterhaltsamen Notfallbereich verlassen und wurde auf die langweilige Station 5.5 verlegt. Ich verpasste den letzten Auftritt von Cenk Batu als Hamburger Tatort-Kommissar und bekam ein Bett unter dem Fernseher in einem Zimmer voller Schlaganfallpatienten. Da war es neben der Alkoholikerin lustiger, die mit 4,6 Promille im Blut eingeliefert wurde und trotzdem nach kürzester Zeit wieder eigenmächtig nach Hause stiefeln wollte, wobei sie etwas von Menschenhandel schwafelte.

- Aufmunterung -

Um meine Frontallappenepilepsie weiter zu untermauern, standen in den folgenden Tagen noch mehr Untersuchungen an. Zuerst ein EEG, bei dem eine ausgeprägte Beta-Grundaktivität mit zwischengelagerter Alpha-Aktivität und phasenweise auch Theta-Aktivität erkennbar war. Die zeitweise geforderte Hyperventilation stieg mir etwas zu Kopf, aber dafür war die Photostimulation ganz lustig, auch wenn sie keine neuen Aspekte hervorrief.

Ein ausgeprägteres Bild versprachen sich die Ärzte wohl von einem Schlafentzugs-EEG, für das ich mir zuvor eine Nacht um die Ohren schlagen musste. Im kleinen Aufenthaltsraum der Station ließ ich die ganze Zeit den Fernseher laufen, las die grotten langweilige Westdeutsche Zeitung und trank Unmengen an Wasser, um oft pinkeln zu müssen und nicht doch einzuschlafen. Aber wie mir später schien, war die Aktion so ziemlich für die Katz – neben der erneut ausgeprägten Alpha-Grundaktivität und ein paar zwischengelagerten Deltawellen, gab das zweite EEG, nach durchgemachter Nacht, nicht viel her. Erneut war kein oberflächennaher Herd erkennbar, keine epilepsieverdächtigen Potenziale. Ob das nun gut oder schlecht war, wurde mir nicht berichtet. Im Krankenhaus hielten sich irgendwie alle mit Informationen weitestgehend zurück …

Mittlerweile war Dienstag Vormittag. Und bis Donnerstag Abend passierte mit mir nichts mehr. Ich lungerte in meinem Bett rum, war zwischenzeitlich von meinem Standort unterhalb des Fernsehers ans Fenster umgezogen und erfreute mich ansonsten an Besuchen und der Abwechslung, die das Essen mit sich brachte. Wenn nur nicht der Kaffee immer schon so lauwarm gewesen wäre.

Schließlich musste ich dann noch eine Nacht ins Schlaflabor und unter Vollverkabelung von 22 bis 5 Uhr möglichst schlafend durchhalten. Wenn ich es dem Bericht korrekt entnehme, der mir über meinen Krankenhausaufenthalt jetzt vorliegt, war ich nach 24 Minuten eingeschlafen. Aber die Nacht war unruhig, von Albträumen zerfasert. Schlafqualität und Schlafeffizienz waren reduziert – auch das kann ich mittlerweile Schwarz auf Weiß nachlesen. Immerhin habe ich nicht geschnarcht … Hingegen erneut kein Nachweis epilepsietypischer Potenziale oder einem Herdbefund.

Abschließende Beurteilung: Am ehesten ist von einer kryptogenen fokalen Epilepsie auszugehen. Wobei sich der Befund eher auf die zweimalig, kurzfristig in Folge aufgetretenen epileptischen Ereignisse zurückführen lässt als die Untersuchungen im Krankenhaus. Egal, vom Tag der Entlassung an muss ich Levetiracetam schlucken und mich einer ambulanten nervenärztlichen Weiterbehandlung unterziehen. Ach ja, zu guter Letzt wurde mir noch ein Fahrverbot auf Weiteres erteilt …

- TV-Nacht -

Es gibt schlimmere Krankheiten. Es ist nur Epilepsie. Das haben ganz schön viele Menschen. Und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, schränkt es einen auch kaum ein. So die blanke Theorie. Nur warten allein die Pillen mit heftigen Nebenwirkungen auf. Bis hin zu schwerer Depression und Selbstmordgedanken. Zum Glück verursachten sie bei mir in den ersten Wochen nur die üblichen Anfangsprobleme: Schwindelgefühle und Müdigkeit. Oft kam ich morgens kaum aus dem Quark, konnte mich am Nachmittag schon wieder hinlegen und schlief abends vor dem Fernseher ein. Aber das vergeht. Ging es auch. Und mit ihm die Zeit.

Doch als ich das Gefühl hatte, wieder standhafter auf den Beinen zu stehen und einen Tag schlaflos hinter mich zu bringen, kam der Durchfall. Seit zwei Wochen verfolgt mich nun die Scheißerei. Zuerst dachte ich an eine stinknormale Magen-Darm-Erkrankung. Dann daran, es könnte auch von den Tabletten kommen. Doch beides ist es wohl nicht, wie mir meine Heilpraktikerin nach einem Blick in die Augen mittlerweile mitteilte. Auch sah sie keine Anzeichen einer “klassischen” Epilepsie. Vielleicht kann ich das Medikament schon bald – in einem Jahr oder so – wieder absetzen. Wenn der wahre Grund für die Anfälle gefunden und behandelt wurde …

Ich fühle mich angezählt, am Boden liegend. Körperlich geschwächt und mit angeknabberter Psyche. Meinem Job kann ich in dieser Zeit kaum nachgehen. Bereits im Spätwinter musste ich aus anderen Gründen eine große Tour absagen und auch jetzt führte kein Weg daran vorbei, das für dieses Frühjahr und den Sommer dafür angesetzte Alternativprogramm hinzuschmeißen. Was für eine Enttäuschung!

Wie schon Ende März bleibt wieder nur zu sagen, dass es wohl für irgendetwas gut sein muss. Nur für was?

Ich fechte einen Kampf in mir aus. Zwischen einem Gefangensein im Hier und Jetzt, dem Gefühl von Stillstand und Niederlage. Und der Option auf einen Neuanfang, der oft einer Krise innewohnt. Nach langen Tagen des Abstiegs kehrt langsam wieder etwas Kraft zurück, zeigen sich Möglichkeiten auf am Horizont.

Eine emotionale Achterbahnfahrt, bei der in einem Moment alles verloren und im anderen alles möglich erscheint. Es gilt diese Möglichkeiten zu finden und nicht im Unmöglichen zu erstarren. Ein steiniger Weg durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ich aber ein Licht erkenne, das heller strahlen könnte als zuvor. Ich sollte nachschauen. Und mich bald wieder auf den Weg machen …

Ich bin jetzt auch ganz smart

- Selma im Polaroid-Look -

Das war ja nicht mehr auszuhalten. Schon seit Jahren lief ich mit einem “Uralt”-Telefon durch die Lande. Mit dem konnte ich nur telefonieren. Und SMS schreiben. Wie langweilig … Ach doch, eine Kamera war auch drin verbaut, so schlecht, dass ich die damit aufgenommenen Bilder gleich hätte selbst malen können. Aber schlimmer noch, mit diesem Nokia-Knochen, dessen Outdoor-Tauglichkeit dem Teil noch mehr Plumpheit verlieh, konnte ich mich kaum mehr unter die Leute wagen. Geschweige denn in Kauf nehmen, dass man mich mit dem Telefon sehen könnte. Total uncool dieses Ding, von gestern, so wenig beachtenswert, dass auch der Nutzer – also ich – ein Langweiler sein musste.

Lange schon hatte ich daher immer wieder hingeschielt zu den Anderen, zu denen mit den Smartphones. Die, die damit auch gleich viel smarter erschienen. Nur ich, der Ewiggestrige, wie musste ich wohl rüber kommen?! Ich konnte nicht mit den Fingern elegant über einen Touchscreen gleiten, mal eben jederorts im Web browsen oder rasch eine Mail verschicken.

Dazu all diese saugeilen Bilder, gemacht mit dem Eierfon und verfeinert mit Instagram oder Hipstamatic, welche die Netzwelt überschwemmen und soviel Kult versprühen wie Holga, Diana und Polaroid zusammen. Und ich stehe daneben, im mobilen Abseits.

Damit musste Schluss sein! Und was soll ich sagen: Mein altes Mobiltelefon gab nun langsam seinen Geist auf, räumte das Feld für ein neues, ein smartes. Aber für ein iPhone war ich zu geizig. Zudem: Ich brauche immer noch was robustes, was fürs Grobe. Schließlich bin ich viel in der Wildnis unterwegs. So ganz konnte ich mich auch deshalb von meinem alten Gerät nicht verabschieden, war es doch hart im Nehmen. Zum Glück hat aber Motorola seit einiger Zeit dieses Defy im Programm. Einen wassergeschützten, staubdichten Androiden mit kratzfestem Gorilla-Glas.

Aber was ist mit den Bildern? Da hatten es mir die erwähnten Veredelungsprogramme passend zum Telefon aus dem Hause des angebissenen Apfels schon angetan. Doch es gibt ja Vignette – eine App aus dem Android Market, mit der sich auch so viele schöne Sachen mit den Fotos machen lassen und die interne Kamera aufpeppen lässt. Für die ersten Versuche musste Selma herhalten, der ich ganz nah auf den Pelz rückte. Und siehe da: Endlich kann ich auch so schöne Polaroids erstellen.

Ob das smarte Phone jetzt auch meine Social Media Aktivitäten beeinflussen wird, und ich von nun an aus jeder Lebenslage Updates und Bilder poste, sei noch dahingestellt. Erstmal ist es wichtig, dass ich jetzt auf Augenhöhe mit der Zeit agiere und auch ein mobiles Multitalent in der Tasche habe, welches meine Zugehörigkeit in der modernen Welt unterstreicht.

Mir fällt ein Stein vom Herzen – ganz unbesorgt kann ich jetzt wieder Anrufe entgegen nehmen, ohne befürchten zu müssen, von Mitmenschen schräg angeguckt zu werden. Denn ich bin jetzt auch ganz smart …

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