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Vollendung

– Qajuuttaq –

Ich quere zwei zerrissene Gletscherzungen und finde fast nicht mehr heraus aus dem Wirrwarr aus Spalten und tiefen Rissen. Wegloses Gelände meistere ich über mehr Stein als Stock und rutsche mit einem Fuß in ein tiefes Loch, aus dem ich mich zum Glück wieder befreien kann. Aber trotz aller Schwierigkeiten geht mein Plan einer Rundtour auf. Von Narsarsuaq, dem Dreh- und Angelpunkt in Südgrönland, wage ich mich in die wilde Welt, in der ich elf Tage lang keine andere Menschenseele treffe. Durch das Blomsterdalen laufe ich zum Gletscher Kuussuup Sermia, über dessen eisige Zunge ich hinein gelange ins Johan Dahl Land. Weiter geht es zum Nordbosø und dem darüber aufragenden Valhaltinde. Meine Idee, diesen Berg bei gutem Wetter zu besteigen, verwerfe ich zugunsten eines Tages, den ich am Hullet verbringe, diesem kaum in Worte zu packenden Chaos aus Eisbergen, einer Szenerie, so spektakulär und eindrücklich, wie ich es anderswo noch nie gesehen habe. Umgeben von Ausläufern des Inlandeises zieht mich dieser Ort so sehr in seinen Bann, dass ich mich nur schwer davon lossagen kann. Doch es folgen weitere Highlights. Nachdem ich auch den Gletscher Kuukuluup Sermia überschritten habe, kann mich aufkommender Hagel nicht davon abhalten, nach einem schönen Zeltplatz zu suchen. Meine Beharrlichkeit wird hoch auf einem Bergrücken belohnt mit einer Panoramaaussicht über den Nordbosø und den darin kalbenden Nordbogletscher. Zurück im Tal des Flusses Qinngua liegt der schwerste Teil hinter mir. Von nun an zeichnen sich zumindest ab und an schmale Pfadspuren ab, denen ich durch dichtes, hartes Gebüsch folge. So erreiche ich auch die Bucht Qajuuttaq am Fjord Eqalorutsit Kangilliit. Nach der schroffen Bergwelt eine willkommene Abwechslung. Ich genieße mein stilles Dasein in der Einsamkeit, bevor ich schließlich am Tasiusaq eintreffe. Es ist ein erhabenes Gefühl, dort auf das im Wasser dümpelnde Eis zu schauen und zu wissen, nach all der langen Zeit so gut wie am Ziel zu sein. Okay, ein paar Kilometer bis zum Endpunkt meiner Wandertour liegen noch vor mir, auch ein Kurztrip ins Mellemlandet steht noch aus, aber die große Runde durch das Johan Dahl Land ist fast beendet. Von Qassiarsuk, wo ich am vierzehnten Tag eintrudele, rufe ich Jacky von Blue Ice Explorer an. Kurz darauf holt er mich mit seinem Boot ab. Fünf Minuten dauert die Überfahrt über den Tunulliarfik, den Eriksfjord, und ich bin zurück in Narsarsuaq. Ein Traum ist Wirklichkeit geworden.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-Pro2 und dem XF16mmF1.4 R WR, dem XF23mmF1.4 R sowie dem XF56mmF1.2 R

– Hullet –
– Hullet und Sydgletscher –
– Tasiusaq –
– Qooqqut –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Grönland, 2016, Mein Norden // Vollendung

Ut på tur, aldri sur

– Rembesdalskåka –

Der skandinavische Herbst ist bereits weit fortgeschritten, als wir eines Abends Mitte Oktober den Bahnhof Finse verlassen. So spät im Jahr rechnen wir mit garstigem Wetter – feuchter Witterung, niedrigen Temperaturen und dem ersten Schnee. Dennoch ist eine Umrundung des Hardangerjøkulen unser Ziel. Im Schein der Stirnlampen tasten wir uns nach hereinbrechen der Nacht in finstrer Dunkelheit zum ersten Lagerplatz – noch in keiner Weise ahnend, dass sich mit Beginn des nächsten Morgen eine Tourenwoche entfaltet, die zu den schönsten gehört, die wir je im Fjell erleben dürfen. Die Wolken, welche die Bergmassive zum Start noch umhüllen, lösen sich von Tag zu Tag mehr und mehr auf. Strahlend steht die Sonne am blauen Himmel und sendet zum Jahresausklang noch einmal sommerliche Wärme. Wir ergreifen die Chance und gelangen von der Appelsinhytta hinauf auf den sechstgrößten Gletscher des Landes, um diesen nicht nur zu umrunden, sondern auch gleich zu überqueren. Dass uns dieses zusätzliche Schmankerl aufgetischt und dargereicht wird, ist kaum zu glauben … Nach fantastischen Stunden auf dem eisigen Plateau folgen wir in den nächsten Tagen kaum begangenen Pfaden zur Demmevasshytta, die wie ein Adlerhorst über einer zerrissenen Gletscherzunge thront. Weiter geht es von dort meist querfeldein zurück Richtung Finse. Das Wetter hält und von all dem, was wir befürchtet haben, fehlt jede Spur. Ein „Regen, Wind, wir lachen drüber!“, bleibt uns erspart. Stattdessen Bilderbuchstimmung par excellence. Also steigen wir zum Ende unserer Rundtour dem Gletscher kurzerhand nochmals aufs Dach. Wir wollen es uns bei diesen traumhaften Bedingungen nicht nehmen lassen, die letzte Übernachtung hoch oben in der Jøkulhytta zu verbringen … Getreu dem norwegischen Sprichwort „Ut på tur, aldri sur“, ist alles gut geworden. Aber selbst wenn es durchgehend gehagelt und gepfiffen hätte – egal was kommt, in der Natur unterwegs zu sein, bringt immer gute Laune.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF10-24mmF4 R OIS sowie dem XF16-55mmF2.8 R LM WR

– Gletscherkante –
– Vestra Leirebottsskåka –
– Rembesdalskåka –
– Jøkulhytta –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Norwegen 2015, Mein Norden // Ut på tur, aldri sur

Das ist klasse!

– Femundsee –

Anfang Juli machen wir uns auf den Weg. Vier Regionen in Norwegen sind unser Ziel, die wir intensiv erleben wollen. Auf Wanderungen in die Bergwelt mit Rucksack, Zelt und allem drum und dran. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen – es ist eine neue Herausforderung für uns. Tagein tagaus auf Tour sein. In der Pfanne Rührei mit Zwiebeln braten und Trek’n Eat aus Beuteln futtern. Über schmale Pfade laufen und über rauschende Bäche springen. Der Natur noch näher kommen als während unserer Familienreisen in den letzten Jahren … In der Femundsmarka fahren wir bei bestem Wetter mit der Fähre Fæmund II von Elgå nach Røa. Als wir von dort losziehen, plagen uns die Mücken. Selma erwischt es besonders schlimm, und wir haben das Gel gegen Juckreiz im Auto vergessen. Da sind wir froh, als wir aus dem Wald in höhere Lagen vordringen, wo ein steter Wind bläst, der die stechenden Biester vertreibt. Doch oberhalb der Baumgrenze schlägt das Wetter um, und wir sitzen zwei Tage bei Regen und stürmischem Wind im Zelt fest. Zum Glück haben wir einige Spiele dabei – Mensch ärgere Dich nicht, Farm Yatzy und Elfer raus! –, da wird uns nicht langweilig. Im Dovrefjell sehen wir Moschusochsen und schlagen am größtenteils zugefrorenen Istjørni zwischen viel Geröll unser Basislager zu Füßen der Snøhetta auf. Trotz tiefhängender Wolken hat das karge Ambiente seinen Reiz. In Jotunheimen unternehmen wir eine Tagestour auf das Bitihorn und genießen die Aussicht über die Weite der Valdresflya auf der einen und die majestätischen Berggiganten der „Heimat der Riesen“ auf der anderen Seite. Beim Abstieg rutscht Selma auf dem Hosenboden die zahlreichen Schneefelder hinab und jauchzt dabei: „Das ist klasse!“ Danach stapfen wir von der Sognefjellshytta zum Fuß des Fannaråken, erkunden die Gegend um den Fannaråkbreen, und wir klettern auf die vielen großen Felsblöcke, die rund um unser Zelt liegen. Und zu guter Letzt brechen wir auf in die Region Stølsheimen. Ein Glücksgriff. Zwar ist das Gelände anspruchsvoll mit vielem Auf und Ab, dazu pfadlosen Abschnitten samt Felspassagen, aber wir begegnen niemandem und tauchen so richtig ein in die Natur, genauso, wie wir es uns zuvor ausgemalt hatten. Es ist die beste Unternehmung der ganzen Reise … Unser Fazit: Als Familie die Wildnis zu entdecken, ist das Schönste, was wir gemeinsam erleben können!

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF16-55mmF2.8 R LM WR

– Istjørni –
– Bitihorn –
– Kiefer –
– Wegmarkierung –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Norwegen 2015, Mein Norden // Das ist klasse!

I Like to Ski

– Klauvbreen und Moskushornet –

Ende März fliegen wir nach Svalbard, um ein Abenteuer auf Spitzbergen zu erleben. In Longyearbyen empfängt uns ein strammer Wind, bevor wir bei ruhigerem Wetter aufbrechen in die Berg- und Gletscherwelt. Wir laufen weit hinein ins Adventdalen, am Janssonhaugen und der Innerhytta vorbei, bis zum Fuße des Drønbreen. Hinauf geht es von dort über den Gletscher zu einem Pass. Der Schnee ist tief. Die Last der Schlitten schwer. Doch die Szenerie ringsum entschädigt für alle Anstrengung – das arktische Ambiente hat mich längst in seinen Bann gezogen. Wir marschieren weiter durch das Lundströmdalen, den Såtebreen empor und folgen dem Sveigbreen in einem Bogen ins Agardhdalen. Dann erklimmen wir über den Elfenbeinbreen das Nordmannsfonna. Dort hält uns schlechtes Wetter am Berg Dolken gefangen. Stürmische Böen treiben Schnee über die weitläufige Gletscherlandschaft. Die Sicht schrumpft auf ein Minimum. Wir sitzen fest. Und da ist er dann. Dieser Schmerz. Er kommt aus dem Nichts. Und bleibt. Wohl ein eingeklemmter Nerv!? Vom Nacken ziehen die Schmerzen über die Schulter bis in den linken Oberarm. Aber noch habe ich Hoffnung. Also halten wir erst mal an unserem Plan fest, packen zusammen und wandern weiter. So schaffen wir es bis ins Sabine Land. Doch dann kommt der Tag, an dem wir unterhalb des schroffen Moskushornet über den Klauvbreen steigen. Der Nerv im Arm schreit immer lauter auf, und ich krümme mich immer mehr. Uns weiter von der Zivilisation zu entfernen, ist sinnlos. Auf kürzestem Weg zurückzukehren nach Longyearbyen, ist die letzte Herausforderung der Tour. In zwei langen Tagen eilen wir über den Rabotbreen hinab ins faszinierend weite Sassendalen und durchs Eskerdalen und Adventdalen wieder zum Ausgangspunkt. Das klappt überraschend gut und im Stillen frage ich mich, ob ich zu früh klein beigegeben habe. Doch es ist die richtige Entscheidung – zu Hause diagnostiziert der Orthopäde ein HWS-Syndrom, und es folgen mehrere Wochen Physiotherapie, um die Muskeln zu lockern und die Schmerzen zu lindern.

(I Like to Ski ist ein Song der norwegischen Band Polkabjørn & Kleineheine, deren Mitglied Bjørn Tomren ich einmal im Winter auf der Hardangervidda traf.)

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF10-24mmF4 R OIS sowie dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS

– Rabotbreen –
– Såtebreen –
– Elfenbeinbreen –
– Adventdalen –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Svalbard 2015, Mein Norden // I Like to Ski

In die Wildnis

– Kiilopää –

An der Grenze zu Russland erstreckt sich die Saariselkä-Wildnis – eingebettet in den Urho-Kekkonen-Nationalpark. Mächtige Fjells, riesige Sümpfe und märchenhafte Waldgebiete zeichnen die Region aus. Eine nordische Natur, deren Lockruf ich nicht widerstehen kann. Als ich Ende September in Kiilopää loslaufe, wo der finnische Ski-Langlauf-Verein Suomen Latu ein Besucherzentrum samt Hotel, Café und kleinem Laden errichtet hat, ist die Zeit der Ruska, die im Herbst im finnischen Norden einsetzende Verfärbung von Bäumen und Sträuchern, schon fast vorbei. Leider, denn zu gerne hätte ich diesen Höhepunkt des Jahres, wenn nach der Zeit der hellen Sommernächte und vor Einbruch der dunklen Polarnacht die Farben der Natur explodieren, in vollen Zügen erlebt. Immerhin zeigen sich versteckt noch ein paar letzte goldgelbe Birkenblätter oder in tiefem Rot erstrahlende Beerensträucher. Aber das meiste ist schon kahl, und zu allem Überfluss deckt ein erster Wintereinbruch ein weißes Mäntelchen über die Landschaft. Unbeeindruckt davon breche ich in südöstliche Richtung auf, lasse den letzten Vorposten der Zivilisation hinter mir zurück und stapfe zum Start durch teils knöcheltiefen Schnee. Doch es wird wieder wärmer, und als ich am Luirojärvi ankomme, tropft das Weiß bald nass von den Bäumen. Mit Blick auf den See richte ich mich in der Rajankämppä-Autiotupa, einer kleinen Hütte für Wanderer, gemütlich ein. Bald darauf ist all der Neuschnee komplett verschwunden und die baumlosen, gerundeten Bergkuppen thronen erneut düster über dem endlos scheinenden Wäldermeer, in dem sich dichtes Nadelgehölz mit lichten Baumbeständen aus Kiefern und Birken abwechselt. Während der noch folgenden Tage, in denen ich weiter in diese urwüchsige Welt vordringe, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Voller Freude sauge ich alle Eindrücke auf, die sich entlang verwunschener Pfade nach jeder Biegung offenbaren.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF23mmF1.4 R sowie dem XF56mmF1.2 R

– Luirojärvi –
– Waldboden –
– Kiefernwald –
– Hattupää –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Finnland 2014, Mein Norden // In die Wildnis