Seit Stunden zieht sich der holprig steinige Pfad leicht zickzackförmig durch das weite Tal. Im Osten ragt die mit Schnee bedeckte Nordspitze des Kebnekaise Massivs auf. Nach der Rast am Windschutz Kuopertjåkka scheint das letzte Wegstück zu den Sälka-Hütten kein Ende zu nehmen und die beeindruckende schwedische Fjälllandschaft wird zum diffusen Einerlei, als ich schließlich, mit schmerzenden Füßen, an den Hütten eintrudele und müde auf eine Bank plumpse.
Doch blicken wir zurück: Tags zuvor stehe ich frohen Mutes inmitten 400 weiterer wanderlustiger Menschen früh morgens in Nikkaluokta, einem letzten Vorposten der Zivilisation am Rande der schwedischen Bergwelt. Alle vereint ein Ziel: Abisko – 110 Kilometer entfernt. Als um 10 Uhr der Startschuss zur dritten Auflage des Wanderlaufs Fjällräven Classic fällt, trennt sich sofort die Spreu vom Weizen. Einige wenige, mit Laufschuhen an den Füßen und kleinen bunten Daypacks auf dem Rücken, rennen sofort los. Zwei Schweden haben eine neue Bestzeit im Visier, die noch bei über 14 Stunden liegt. Doch die meisten gehen es gemütlicher an, was sich auch an deren klobigen Wanderschuhen und großen Rucksäcken erkennen lässt. Drei Tage, so lautet das Ziel der meisten. Dafür gibt es am Ende eine Goldmedaille. Für vier oder fünf Tage erwartet einen immerhin noch eine Medaille in Silber oder Bronze.
Nach dem Start taucht der Weg in einen Birkenwald ein, wo es eng wird, wenn der Pfad zum Schutz der Moore über ausgelegte Holzplanken verläuft. Doch rasch zieht sich die große Gruppe in die Länge, jeder findet sein eigenes Tempo oder justiert hier und da noch sein Gepäck. Drei weitere Startgruppen folgen noch, bis am nächsten Tag schließlich mehr als 1000 Menschen aus 19 Nationen den Kungsleden in Angriff genommen haben.
Lapp Donalds
Nach 6 Kilometern taucht am Wegesrand das erste Highlight auf: Lapp Donalds am See Ladtjojaure, wo Rentierhamburger serviert werden. Grund für eine längere Rast – es gilt ja auch die Kräfte gut einzuteilen und nichts zu überstürzen. Frisch gestärkt schweift der Blick über das vom Wind gewellte Wasser gen Tuolpagorni, doch dessen charakteristischer und selbst im Sommer mit Schnee gefüllter Krater im Gipfelbereich versteckt sich in einer dunklen Wolkendecke. Schwedens meist fotografiertes Bergpanorama entzieht sich den Blicken der entlang hastenden Wanderer.
Vorbei am ersten mehrerer Meditationsplätze führt der Weg unterhalb des felsigen Tarfalaåive weiter hinein in die Bergwelt und hinauf über die Baumgrenze, die in diesen Breitengraden schon bei nur etwa 700 Höhenmetern liegt. An der Kebnekaise Fjällstation, einer kleinen Ansammlung mehrerer Berghütten zu Füßen Schwedens höchstem Gipfel, steht auch das erste blaue Fjällräven-Zelt, in dem sich jeder Teilnehmer einen Stempel in den mitgeführten Wanderpass drücken lassen muss und die Durchgangszeit notiert wird. Es ist nicht erlaubt im Rahmen des Wanderlaufs in den Hütten zu übernachten. Auch wenn viele schon hier ihre Zelte aufschlagen, ist es ratsam noch ein Stück weiterzulaufen. Zum einen ist der Weg bis Abisko noch weit, zum anderen lockt ein Nachtlager unterhalb des mächtigen Tuolpagorni mit Blick über das Tal Ladtjovagge.
Am nächsten Morgen setzt Regen ein. Was soll’s? Rein in die Regenkleidung und weiter marschieren über den ausgetretenen Pfad mit seinen vielen glitschigen Steinen! Im diffusen Licht schimmern die grellorange farbenen Lappen, die alle Wanderer zur Erkennung an ihren Rucksäcken befestigen mussten, weithin. Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht zieht der Tross dem Tjäktjavagge entgegen, dem Tal, durch das der Kungsleden weiter gen Norden verläuft. Bis zum Mittag erlischt der Regen und viele nutzen die willkommene Trockenheit zu einer ausgiebigen Rast an den Singi-Hütten. Die Verpflegung ist in der Startgebühr enthalten und an allen Kontrollstellen kann man sich neu versorgen. Vor allem mit gefriergetrockneten schwedischen Fertiggerichten, die in Wasser eingerührt nur noch kurze Zeit geköchelt werden müssen.
Ein Königsweg
Später am Tag lugt für eine Weile sogar die Sonne hervor und funkelt im Tjäktjajåkka, der mäandernd durch das weite Tal fließt. Der Blick öffnet sich zu der von Gletschern überzogenen Gipfelpyramide des Kebnekaise. Nachdem der Berg 1883 vom Franzosen Charles Rabot erstbestiegen wurde und Anfang des 20. Jahrhunderts die Eisenbahn die lappländischen Berge erreichte, wurde die Idee geboren, einen Wanderweg von Abisko bis zum Kebnekaise anzulegen. Ein Königsweg durch den großartigsten Teil der schwedischen Bergwelt. Der Name “Kungsleden” wurde 1928 erfunden, nachdem die Wegstrecke mit Steinhaufen markiert und Watstellen ausgewiesen wurden. Nach internationalen Maßstäben ist auf dem Kungsleden selbst heute recht wenig Betrieb, wenn auch manche Veteranen der Ansicht sind, dass von zwei Wanderern in einem Tal schon einer zuviel ist.
All diese Gedanken sind mir jedoch zunehmend fern, da sich die zurück gelegte Wegstrecke langsam immer mehr in meinen Füßen bemerkbar macht. Immer häufiger bin ich mit mir selbst beschäftigt, als mich der grandiosen Landschaft zu erfreuen. Der Pfad zieht sich dahin und ich bin froh an den Sälka-Hütten die schmerzenden Füße von mir strecken zu können. In den aufkommenden Abendstunden wird es empfindlich kühl. Einige nutzen die Gelegenheit der örtlichen Sauna, wenn auch der anschließende Sprung ins kalte Flusswasser nicht allzu verlockend erscheint. Da ist mir das Fladenbrot mit warmem Kartoffelbrei und Rentierfleisch, welches an dieser Stelle ausgegeben wird, doch eine willkommenere Abwechslung. Frisch gestärkt und aufgemuntert geht es noch ein paar Kilometer weiter gen Tjäktjapass, bevor es wieder Zeit wird an einem schönen See einen Platz für das Zelt zu finden.
Über den Tjäktjapass
Die Überschreitung des Tjäktjapasses erfordert die größte Kraftanstrengung auf der gesamten Wanderung. Bis auf 1140 Höhenmeter schraubt sich der Pfad empor, hinauf in eine steinige Mondlandschaft, die den Übergang bildet in das nächste große Tal Alesvagge. Über Grasheiden geht es von dort wieder bergab zum Bach Sielmavjjira, an dem große, rund geschliffene Felsen zu einer Rast einladen. Weiter führt der nun leicht begehbare, grün gesäumte Weg bis zum See Alesjaure. Schon auf halber Strecke erkennt man die gleichnamigen Hütten, welche auf einer Anhöhe an der Mündung des Sees liegen. Erstmals setzt Monotonie ein, die nur von einigen Mücken unterbrochen wird, die sich mit Wollust auf die vielen Wanderer stürzen.
Aber nicht nur die Mücken hinterlassen ihre Spuren. Viele Teilnehmer sind gezeichnet von Blasen an den Füßen, haben Pflaster hier und dort und werden in den Hütten liebevoll verarztet. Da ist die flache Wegpassage am Westufer eines großen Seensystems entlang eine willkommene Abwechslung, bevor es am Berg Kartinvare etwas beschwerlich über eine geneigte Hangstrecke hinab zu einem Birkenwald geht. Bevor man dort auf die Grenze des Abisko Nationalparks trifft, stößt man inmitten des Waldes nochmals auf eines der blauen Fjällräven-Zelte, an dem frische Pfannekuchen mit Moltebeeren serviert werden und allen Wanderläufern die letzten Kraftreserven entlocken.
Ein Sandstrand am Abiskojaure lädt noch zu einem erfrischenden Bad ein, bevor alle die letzten Kilometer zum Ziel in Angriff nehmen. Der schattige Birkenwald stellt einen schönen Kontrast zu den kargen Regionen der Vortage dar. Überall sprießen saftige Pilze und wer kurz vor Schluss noch genügend Muße hat, der bewundert noch die beeindruckende Schlucht des Abiskojåkka.
Am Ende des vierten Tages, nach offiziellen 82 Stunden und 10 Minuten, schreite ich ins Ziel des wohl schönsten Wanderlaufs der Welt. Begleitet vom warmen Applaus vieler derer, die schon zuvor angekommen sind. In dem Moment erlischt der Gedanke an manch anstrengenden Moment während der 110 Kilometer. Es ist das großartige Gemeinschaftsgefühl entlang des Weges, eingebettet in eine raue, wilde Natur, welches alle beflügelt und eine tiefe Genugtuung verleiht.