Hardangervidda – Wintertouren

Die weiße Wüste

Text und Fotos: Martin Hülle

Der norwegische Nationalheld Roald Amundsen, Entdecker des Südpols und der Nordwest-Passage, versuchte 1893 das erste Mal die Hardangervidda mit Skiern zu überqueren. Eigentlich sollte die Tour nur eine Trainingsfahrt für seine späteren Expeditionen sein, doch Amundsen musste feststellen, dass er die Natur vor der eigenen Haustür unterschätzt hatte. Mehrmals versuchte er die Traverse, doch immer wieder wurde er zur Umkehr gezwungen. Dabei entging Amundsen nur knapp dem Tod. Er war Anfang 20 als er gemeinsam mit seinem Bruder Leon die Orientierung in einem tagelangen Schneesturm verlor. Ausgezehrt von Hunger und erschöpft durch Kälteeinbrüche, fielen sie in tiefen Schlaf. Als Roald in der Nacht erwachte, war er in einen Eissarg eingeschlossen. Ihm drohte der Erstickungstod. Seinem Bruder Leon gelang die Rettung: er durchbrach die Wand der Eishöhle mit einem Eispickel – für Roald Amundsen ein beglückender Triumph über die Natur.

Lange galt die Hardangervidda als uneinnehmbares Hochplateau: Schneehöhen von zwei Metern, Temperaturen bis zu minus 40 Grad Celsius und extreme Wetterumschwünge innerhalb weniger Stunden machten das Terrain zu einem idealen Trainingsgebiet der Polarexpeditionen von Amundsen, dem erst 1896 die erste Skiüberquerung der Hardangervidda gelingen sollte.

Zwei Jahre zuvor beschloss das norwegische Parlament Storting den Bau einer Eisenbahnstrecke durch das Gebiet, um eine Verbindung zwischen Bergen und Christiania, dem heutigen Oslo, zu schaffen. Der Bau der Strecke war ausnahmslos herausfordernd. Sie musste über Höhen weit über dem Meeresspiegel, und auf langer Distanz oberhalb der Baumgrenze, verlegt werden. Da die Bahnstrecke über die damals vollkommen weglose Hochfläche der Hardangervidda führen sollte, war es zudem nötig, zuerst einen Weg zu bauen, über den der Transport von Menschen und Material zu den Baustellen möglich war. Der Transportweg hinauf in die Berge wurde Rallarvegen genannt, nach dem skandinavischen Spitznamen für Streckenarbeiter, rallare. Heute ist der Rallarvegen die bekannteste Mountainbike-Route Norwegens und die Bergenbahn war seit Anbeginn wichtig für die Entwicklung des Tourismus auf der Hardangervidda.

Auch wenn die etwa 8.600 Quadratkilometer umfassende Hardangervidda größtenteils eine von Eismassen zerfurchte Hochebene ist, gibt es einige Gipfel von beachtlicher Höhe. Der westliche Teil weist einen alpinen Charakter auf, wo die Berge in schmale Täler und gen Sørfjord abfallen. Im Nordwesten befindet sich einer der größten Gletscher des Landes, der Hardangerjøkulen. Der Gipfel Hårteigen inmitten des Plateaus ist das Wahrzeichen der Hardangervidda. Mit der Gipfelspitze in 1.690 Metern Höhe und der charakteristischen Hutform ist er von beinahe jedem Punkt der Hochebene aus zu sehen. 1981 wurden 3.422 qkm der Hardangervidda zum Nationalpark erklärt, dem größten Norwegens, indem die Natur weitestgehend vor menschlichen Einflüssen geschützt ist. Das Hochfjellplateau ist bekannt für sein artenreiches Pflanzen- und Tierleben. Auch die größte Rentierherde Nordeuropas durchzieht die Hardangervidda im Laufe des Jahres von ihren Winterweiden im Osten zu den fruchtbareren Regionen im Westen der Hochebene.

Ein 1.200 km langes Wanderwegenetz und 35 Übernachtungshütten locken Wanderer in das gut erschlossene Gebiet. Und das nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter. An den Ostertagen zieht es nahezu halb Norwegen auf die Hardangervidda und man bekommt das Gefühl, dass Fridtjof Nansens Aussage, neben Amundsen ein weiterer polarer Nationalheld, Schneeschuhlaufen sei die nationalste aller nordischen Sportarten, heute umso mehr Gehör findet.

Hardangervidda Wintertouren

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