Die Besteigung des Hvannadalshnúkur beginnt am verlassenen Bauernhof Sandfell. Inmitten von 150 Isländern stehe ich um 5 Uhr morgens auf einem schottrigen Parkplatz an der Ringstraße. Unter dem Motto “Gipfelsturm mit 66°North” wollen wir gemeinsam den Gipfel von Europas größtem Gletscher erklimmen – den Hvannadalshnúkur im Süden des Gletschers Vatnajökull (Höhe 2110 m). Nach Leistungsstärke werden kleinere Gruppen eingeteilt, von denen jede einen der 18 Guides zugewiesen bekommt, die von nun an das Tempo und die Richtung bestimmen. Vor uns liegen über 2000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Dazu eine Wegstrecke von mehr als 25 Kilometern. Ein langer Tag steht uns bevor.
Durch feuchten Nebel
Das Wetter ist trist an diesem Samstag. Tiefhängende Wolken, Nieselregen. In langer Schlange steigen wir über steile Geröllhänge hinauf. Unser Guide Gísli gibt letzte Informationen. Nebel verschluckt uns, die Szenerie ist wild. Geröll, von Moosen überzogen, Felsabstürze. Die feuchte Luft legt sich auf die Kleidung und über die Gesichter. Schweißvermengt. Nach einer Stunde ein letzter Bach, so klar, dass wir die Trinkflaschen hineinhalten und den Durst in großen Schlucken stillen.
Doch der Wettergott meint es gut mit uns an diesem Tag – auf etwa 1000 Meter Höhe durchbrechen wir die Wolkendecke. Wir erreichen das Ende des dunklen Gerölls und betreten die ersten hellen Schneeflecken, die nahtlos übergehen in die spaltigen Ausläufer des Öræfajökull, einem mächtigen und vergletscherten Zentralvulkan am Südrand des Vatnajökull, aus dem der Gipfel des Hvannadalshnúkur hervorsticht. Doch entgegen des Eyjafjallajökull, der wenige Wochen zuvor Asche spuckte und die Welt in Atem hielt, ist der Öræfajökull ruhig und still. Im Moment, denn die unter dem Gletscher liegenden Vulkane Grímsvötn und Bárðarbunga gehören zu den aktivsten der Insel.
Über Spalten im Schnee
Am Rand des Eises verbinden wir uns zu einer Seilschaft und setzen unsere Füße in den noch harten Schnee von Europas größtem Gletscher, dessen Eiskappe sich über 8300 km² erstreckt und etwa 8% der Fläche Islands einnimmt. Meter für Meter steigen wir einen langgezogenen Hang aufwärts und überqueren schmale Spalten im Schnee. Die Sonne brennt und in windstillen Momenten wird es unerwartet warm.
Bei blauem Himmel und in den Sonnenschein getaucht, erstrahlt die Gletscherlandschaft in einem Licht, so hell, wie man es sonst nur aus dem Flugzeug kennt, das über einem Meer aus Wolken seinem Ziel entgegen fliegt. Nun ja, wir fliegen nicht, sondern stapfen Schritt für Schritt höher. Auf etwa 1900 Meter Höhe erreichen wir die 5 km breite und etwa 550 m tiefe Caldera des Öræfajökull, aus der sich 9 Talgletscher bis hinunter ins Flachland erstrecken. 14 Bergspitzen ragen am Rand dieser Caldera auf, alle über 1500 m hoch, von denen drei zu den höchsten des Landes gehören. Der Hvannadalshnúkur liegt im nordwestlichsten Eck der Gipfelcaldera des Öræfajökull.
Am höchsten Punkt
Über einige Kilometer geht es flach hinüber zum Gipfelaufbau des Hvannadalshnúkur, der das Plateau um gute 200 Höhenmeter überragt. Am Fuße des steilsten Stücks legen wir Steigeisen an und nehmen Eispickel in die Hände. Zwischen senkrechten Abbrüchen hindurch winden wir uns hinauf zum Gipfel. Um 14 Uhr stehe ich bei Windstille 2110 Meter hoch am höchsten Punkt von Europas größtem Gletscher.
Freude in den Gesichtern, Jubelschreie, Siegesposen. Zu unseren Füßen im Norden der Vatnajökull. Endloser Schnee, vereinzelt von Felsen durchbrochen. Wolkenfetzen und die zerrissenen Gletscher im Süden, die kilomerterlang hinab ins flache Land ziehen. Weit weg von Islands höchstem Gipfel. Weit weg von ausgelassenen Gefühlen.
Hinab geht es nicht bedeutend schneller. Man kann sagen, es zieht sich. Doch beflügelt ob der gewaltigen Landschaft, des intensiven Erlebnisses, nehmen wir auch noch diese Hürde.
Zurück zu einer warmen Suppe
Wir genießen den Tag, das Wetter, das Hiersein. Auf dem Rückweg, am Rande der Caldera, entschwindet der Hvannadalshnúkur langsam unserem Blick. Doch einen Teil des Berges nimmt ein jeder von uns mit hinab. In seinen Gefühlen, im Herzen, in Gedanken. So überwinden wir den tiefer und tiefer werdenden Schnee, der von der Sonne aufgeweicht am Nachmittag mehr und mehr unsere Kräfte raubt. Selten ist das Wetter an diesem Ort so gut, wo auch im Sommer Schneefall und eisige Winde herrschen können.
Weiter unten tauchen wir wieder ein in die Wolken und den Nebel, lassen Schnee und Eis zurück, und steigen die letzten 1000 Höhenmeter im Grau und Grün hinab. Nach 14,5 Stunden trudeln wir am Ausgangspunkt Sandfell ein. Eine warme Suppe erwartet uns dort, liebevoll serviert und dankbar angenommen am Ende eines langen Tages. Auch unser Guide Gísli ist müde. Bereits zum dritten Mal hat er nun den höchsten Berg seines Landes bestiegen hat. Doch wie für uns und die meisten seiner Landsleute ist dieser Tag etwas ganz Besonderes, wird der Hvannadalshnúkur doch so oft von Wolken und Winden umtobt.