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Die Mär von Freud und Leid

– Rund um Ennepetal –

Es war ein Kraftakt. In 11 Stunden und 10 Minuten bin ich gestern den 54 km langen Wappenweg rund um Ennepetal gewandert. Ich kenne die Strecke wie meine Westentasche, und es sollten nach der Tagestour über den Langenberger Rundweg weitere harte Trainingskilometer auf dem Weg nach Patagonien werden.

Um 07:45 Uhr machte ich mich in Schwelm am Schloss Martfeld auf den Weg, gelangte rasch zum Bahnhof Ennepetal und erklomm den Buchenberg. Allerdings bemerkte ich schon in diesem frühen Stadium eine Reiberei unter der linken Ferse. Genau an der Stelle, wo ich mir im Oktober beim Rothaarsteig-Marathon – als Nordic Walker auf der Halbmarathon-Strecke – auch eine Blase eingefangen hatte. Nach anderthalb Stunden machte ich daher bereits die erste Pause. Ich stopfte eine Banane, ein paar Snack-Möhren, zwei Knäckebrote und ein Balisto in mich hinein und spülte alles mit zwei Bechern Tee hinunter. Dann widmete ich mich meinem Fuß und klebte die betroffene Stelle mit Tape ab, um die Reibung zu minimieren.

Frisch versorgt kam ich daraufhin ganz gut weiter. Ich durchschritt das Haspertal und tauchte ein ins Waldgebiet Ikshardt. Dort ersparte ich mir, den längsten Anstieg der ganzen Runde an einem Stück zu erklimmen und machte auf halbem Weg die nächste Rast. Wieder vertilgte ich einige Leckereien, was mich aber nur kurz davon ablenkte, das in der Zwischenzeit doch stärker gewordene Zwicken unter dem lädierten Fuß wahrzunehmen. Gut, noch war es eine erträgliche Randnotiz, aber auf dem folgenden Abschitt vorbei an der Hasper Talsperre und hinüber ins Tal der Ennepe – wo irgendwo gerade mal die Hälfte des Weges hinter mir lag – wurde die Blase, zu der sich das Zwacken mittlerweile ausgewchsen hatte, zum bestimmenden Faktor. Hinter Peddenöde und kurz vor Brauck musste ich handeln. Ich wechselte das Tape und fügte noch ein Blasenpflaster hinzu, das Druck von der Stelle nehmen sollte. Nur alles Wohlwollen kam leider zu spät. Von hier an wurde die verbleibende Strecke zu einer harten Auseinandersetzung zwischen Körper und Geist.

Abzubrechen, stand nicht zur Diskussion. Mein Wille durchzuhalten, war stärker. Ich dachte an Mark F. Twight und die Worte in seinem Buch Extreme Alpinism. „A strong will grows from suffering and being rewarded for it.“ Die Mär von Freud und Leid, das so dicht beieinander liegt, beschäftige für den Rest des Tages zunehmend meine Sinne …

„Does a strong will come from years of multihour training runs or do those runs result from a dominating will?“

Weiter immer weiter trieb ich mich im Schatten des Westenberg voran bis zur Heilenbecker Talsperre. Nochmals ließ ich mich auf eine Bank plumpsen, verdrückte Speiß und Trank. Ich beobachtete ein paar Spaziergänger, die gemütlich ihre Runden drehten. Mit steifen Gliedern rappelte ich mich wieder auf und stöhnte auf den nächsten Metern vor mich hin. Sich nach etwas Ruhe wieder an die Schmerzen zu gewöhnen, dauert immer eine Weile.

Als ich am Brebach entlang lief, setzte die Dämmerung ein. Ich war der Kühle auf den Höhenzügen entkommen und genoss im windgeschützten Tal für Momente das Draußensein in der Natur. Doch es blieb bei einem letzten Aufbäumen, bevor sich meine Schritte immer mehr verlangsamten. Am Beyenburger Stausee wurde es finster. Von hier hätte ich einen Bus nach Hause nehmen können. Aber nein, ich wollte es mal wieder schaffen. Unter dem Bilstein hielt ich ein letztes Mal an – ein letztes Mal Kraft tanken für den Schlussakt. Nur die Schwelmer Höhe galt es noch zu überwinden. In völliger Dunkelheit spendete meine Stirnlampe ein spärliches Licht. Sie erhellte vor mir gerade so viel wie nötig. Der nächste Schritt, der nächste Meter. Das war alles, was noch zählte.

Meine Beine waren verkrampft. Ich kämpfte mich die verbliebenen Steigungen hinauf nach Königsfeld und schließlich am Rande des Martfelfer Wald hinab ins Ziel. Aber noch war ich nicht zu Hause. Ohne anzuhalten und den Erfolg zu genießen qäulte ich mich zum Schwelmer Bahnhof, erwischte zum Glück rasch einen Zug zurück nach Wuppertal, nahm dort noch einen Bus, um ja so wenige weitere Meter wie möglich laufen zu müssen. Daheim im Treppenhaus ließ ich mich auf die Stufen fallen. Zog die Schuhe aus und blieb erstmal sitzen. Ich war platt. Und gezeichnet. Später entfernte ich Tape und Pflaster von Fuß und Blase und stach das blutige Biest auf. Ich humpelte durch die Wohnung. Geist und Körper waren leer.

54.000 Meter zum Misserfolg

– Rund um Ennepetal –

5 Minuten. Nur 5 Minuten. Ich war zu langsam. Maximal 10 Stunden hatte ich mir zum Ziel gesetzt. Doch dann brauchte ich 300 Sekunden mehr – wie lächerlich … Es sollte ein „kleiner“ Leistungstest auf meiner Hausstrecke werden – dem 54 km langen Rundweg um Ennepetal. Oft bin ich ihn schon gelaufen. Ganze zehnmal bereits an einem Stück. Mal schneller, mal weniger schnell. Nie benötigte ich für die Strecke länger als 10 Stunden. Okay, zweimal war ich langsamer. Vor vielen Jahren mit einer größeren Gruppe und auch im letzten Jahr. Aber da wollte ich es ohnehin ruhiger angehen lassen. Zählt also nicht. Doch am vorigen Samstag sollte es mal wieder schnell gehen. Und ich fühlte mich gut, als ich um 07:30 Uhr am Schloss Martfeld in Schwelm losmarschierte. Aber schon der erste Pfad am Ortsrand – zwischen Pferdewiese und Feldern hindurch – war total matschig und von ausladenden Wasserlachen überspült. Noch in Dunkelheit versuchte ich einigermaßen trockenen Fußes voranzukommen. In diesem Moment ahnte ich nicht, dass die Bedingungen im Verlauf des Weges so schlecht sein würden wie niemals zuvor.

Dabei kam ich auf dem ersten Stück zügig voran. Am Bahnhof Ennepetal vorbei, über den Buchenberg, durch Meining- und Jellinghausen, um den Brahmskopf und unweit der Ennepetaler Sternwarte entlang zu den Flecken Hinterer Voßwinkel. Dort ging eine kurze Hagelschauer nieder, die mich hinunter ins Haspertal begleitete. Die düstere Stimmung war aber nur von kurzer Dauer und nicht weiter der Rede wert. Stattdessen stürmte ich auf der anderen Talseite durch das Waldgebiet Ikshardt wieder hinauf. Der längste Anstieg der ganzen Runde. Mir wurde warm. Kurzerhand verschwand die Mütze in der Hosentasche.

Nach nicht einmal vier Stunden erreichte ich die Hasper Talsperre. Ich lag sehr gut in der Zeit. Ständig überschlug ich den weiteren Weg, den ich so gut kenne, und überlegte, wie lange ich wohl noch brauchen würde, welche Zeit am Ende herauskommen könnte. Irgendwas über 9 Stunden. Aber bestimmt deutlich unter 10!

Doch dann, hinter der Talsperre, am Hasper Bach, wandelte sich das Blatt. Normalerweise lässt sich der einige Meter breite Wasserlauf hier über große Steinsbrocken, die eine Art Brücke bilden, problemlos überqueren. Doch jetzt stand alles unter Wasser. Etwas perplex betrachtete ich die Situation. Ich hatte nicht erwartet, entlang der Strecke auf ein unüberwindbares Hindernis zu stoßen. Mmh. Was tun? Ich lief ein Stück bachaufwärts und schaute nach einem möglichen Übergang. Doch der Bach war zu breit, zu tief. Und ich hatte auch nur leichte Treter an – Gummistiefel wären angebracht gewesen. Im morastigen Wald holte ich mir direkt nasse Füße. Kalt lief mir das Wasser in die Schuhe. So ein Mist. Überhaupt, wo kam das ganze Wasser eigentlich her? Zurück zur eigentlichen Furt und dem steinernen Übergang. Kurz überlegte ich, barfuß den Bach zu queren. Oder einfach so hindurchzulaufen. Schuhe, Socken und Füße waren ohnehin schon nass. Doch dann lief ich noch ein Stück in die andere Richtung, den Rundweg wieder zurück. Und siehe da, da war eine Brücke. Vom Weg nicht direkt zu sehen – daher war sie mir vorher nicht aufgefallen. Auch führte sie ins Nichts. Egal. Auf der anderen Seite stand ich erstmal mitten im Unterholz und musste über umgestürzte Bäume klettern, um wieder auf den Weg zu kommen. Juchu, geschafft! Nur hatte mich dieses Hickhack mindestens 15 Minuten gekostet. In die Freude, doch noch einen guten Übergang gefunden zu haben, mischte sich zum ersten Mal der Gedanke, am Ende vielleicht zu langsam zu sein …

– Schloss Martfeld in Schwelm –

Um die verlorene Zeit wieder rauszuholen, lief ich umso schneller weiter. Gut, dass ich bei dieser Tour Nordic-Walking-Stöcke dabei hatte. Mit Vierradantrieb läuft es sich einfach zügiger. Doch oft waren die Stöcke eher dazu da, mich auf dem vielfach extrem rutschigen Untergrund vor einem Sturz zu bewahren und auf den Beinen zu halten, als für zusätzliche Geschwindigkeit zu sorgen. Doch was nützte das alles? Am Sieper Bach das nächste Hindernis. Sonst mit einem großen Schritt zu queren, war hier erneut die Suche nach einem anderen Übergang angesagt. Ein Stück oberhalb fand ich ihn. Dazu eine kraxelige Hangpassage. Erneut ging kostbare Zeit flöten.

Mittlerweile lag die Hälfte des Weges hinter mir. Es folgte Peddenöde, Ennepetal-Burg, Filde. Stationen am Weg, der immer häufiger selber einem Bach glich. Oft war es kaum möglich, der Nässe zu entgehen. Und immer wieder schoss mir das kalte Wasser in die Schuhe. Ich überquerte die Bergisch-Märkische Landwehr, einen Wallgraben, der sich kilometerlang durch die Landschaft zieht. Dann ging es hinab zur Heilenbecker Talsperre. So langsam näherte sich der Endspurt.

– Geschundene Füße –

Bevor ich die Spreeler Mühle erreichte, machte ich noch eine letzte Pause am Brebach. Kaum hatte ich den Rucksack abgesetzt, wurde es mal wieder finster und eine weitere Hagelschauer prasselte auf mich ein. Sie ging in Regen über – auch das noch. Einen Regenschutz hatte ich nicht dabei. Naja, meine knallgelbe Softshelljacke sollte ausreichend dicht sein. Jetzt sah ich mich schon den Rest des Weges mit der Nässe von unten und von oben konfrontiert, doch am Beyenburger Stausee hörte es wieder auf zu regnen. Die Wege hingegen blieben nass und matschig.

Als ich die Klosterkirche Sankt Maria Magdalena passierte, wurde mir klar, dass es mit den 10 Stunden wohl nichts werden würde. Dabei hatte ich nur vier Pausen gemacht. Die ersten beiden waren in je 10 Minuten erledigt, die dritte nahm 15 in Anspruch. Aber dann die vierte – 20 Minuten. Das war zu viel! Wäre nicht der Tee aus der Thermoskanne noch so heiß gewesen, ich wäre schneller wieder losgelaufen. Und wären die Wege nicht so schlecht gewesen. Nicht so rutschig. Und dann diese Bäche. Ich hätte es wohl wieder einmal geschafft. Eine Zeit unter 10 Stunden. Aber dieses Mal verpasste ich die mir selbst gesetzte Marke. Knapp. Sehr knapp.

Auf den letzten Kilometern zurück nach Schwelm wurde es dunkel. Die Stirnlampe ließ ich in der Jackentasche. Ich stolperte einfach weiter. Ohne Rücksicht auf die Matsche. Nur bedacht, nicht auch noch hinzufallen. Auf die Uhr blickte ich nicht mehr. Erst am Schloss Martfeld, wo die Runde am Morgen ihren Anfang genommen hatte. Es war 17:35 Uhr. Vor 10 Stunden und 5 Minuten war ich aufgebrochen. Ich hatte 5 Minuten zu lange gebraucht.

Aber was schert mich das? Es war mal wieder eine gute Zeit auf dem Rundweg um Ennepetal. Mit einem Hauch von Wildnis. Mit Überraschungen. Und mit geschundenen Füßen …

Rund um Ennepetal – 54 Kilometer in 12 Stunden

– Durst –

Es war warm. Ein Sommertag im Frühling. Genau richtig, um eine lange Tageswanderung zu unternehmen … Oder etwa nicht? Früh brach ich gestern Morgen auf und fuhr mit der S-Bahn nach Schwelm. Mein Ziel für den Tag war mal wieder der Rundweg um Ennepetal, den ich zuvor schon 9x an einem Stück gelaufen bin. Über die Jahre ist der Weg zu meiner Hausstrecke geworden. Ich habe alle Passagen gut im Kopf, kenne die Auf- und Abstiege wie meine Westentasche. Doch weil der Weg so schön ist, in seinem Verlauf selten Straßen und Häuser tangiert, vielmehr die meiste Zeit durch Wälder, über Felder und an Talsperren entlang führt, laufe ich ihn immer wieder gerne. Dabei ist die Strecke anspruchsvoll. Zu den 54 Kilometern Länge gesellen sich noch 1.800 Höhenmeter hinzu, die hinauf und wieder hinunter bewältigt werden wollen. Vor einigen Jahren wollte ich es mal wissen – sehen, was geht. Da bin ich den Rundweg nicht nur zügig abgewandert, sondern an manchen Stellen gar gelaufen. 7 Stunden und 55 Minuten betrug die Zeit nach dem Kraftakt. Diesmal wollte ich es gemütlicher angehen und die Runde möglichst locker hinter mich bringen. Die Zeit sollte nicht im Vordergrund stehen, nur ein langer Tag in der Natur. Ich rechnete mit 12 Stunden.

Um 07:55 Uhr startete ich am Schloss Martfeld in Schwelm. Über die Höhen zog am Morgen noch ein frisches Lüftchen, das mich leichten Schrittes zum Bahnhof Ennepetal führte und dahinter in die Wälder eintauchen ließ. Doch im Laufe des Vormittages wurde es schnell wärmer. Bald stand die Luft zwischen den Bäumen, die Sonne heizte mir auf staubigen Feldwegen ein und der Schweiß rann munter an mir hinab. Ich hatte 3 Liter Wasser im Rucksack und in jeder Pause die Angst, ich würde zu große Schlucke nehmen und das kostbare Gut zu früh komplett in mich hineinkippen. An der Hasper Talsperre war daher die Versuchung groß, aus einem Hahn am Wegesrand zu trinken, der munter vor sich hin plätscherte. Doch die Warnung „Kein Trinkwasser“ ließ mich im letzten Moment doch noch davon Abstand nehmen und mit zunehmend verstärkt am Gaumen klebender Zunge weiterziehen.

– Rast –

Irgendwo im Dunstkreis der Breckerfelder Straße, die ich oberhalb der Talsperre überquerte, lag wohl die Hälfte des Weges hinter mir. Mittlerweile zwickte es am rechten Fuß – eine Blase an der Ferse war im Anmarsch, die mir als neugewonnener Kompagnon auf dieser Wanderrunde noch einige Freude bereiten sollte. Noch trübte sich meine von der sommerlichen Wärme aufgeheizte Stimmung aber nicht allzu sehr und ich lief über Peddenöde, Burg und an Filde vorbei weiter zur Heilenbecker Talsperre. Darüber vergingen die Stunden, doch weitere Kilometer blieben. Langsam wurde es doch noch zu einer zähen Angelegenheit und der Glaube an eine lockere Runde schwand mehr und mehr. Entlang der Spreeler Mühle stieg ich ab zur Wupper und zum Beyenburger Stausee. Viele Kanuten tummelten sich auf dem Wasser, doch ich hatte kaum mehr einen Blick für sie. Nur noch das Ziel vor Augen, nahm ich die letzte Hürde in Angriff. Die Schwelmer Höhe galt es noch zu überwinden, bevor ich um 19:52 Uhr wieder am Schloss Martfeld eintrudelte.

Knapp 12 Stunden hatte ich gebraucht, so wie am Morgen anvisiert, doch es kostete mich mehr Anstrengung, als erwartet. Muss an dem warmen Wetter gelegen haben, für das es wohl eine große Freude war, mich auszulaugen. Und weil eine kleine Blase kaum der Erzählung wert ist, entstand am Ende des Tages noch eine zweite unter dem linken Ballen. So nahmen beide Füße etwas mit nach Hause, worauf ich selber gut hätte verzichten können.