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Ut på tur, aldri sur

– Rembesdalskåka –

Der skandinavische Herbst ist bereits weit fortgeschritten, als wir eines Abends Mitte Oktober den Bahnhof Finse verlassen. So spät im Jahr rechnen wir mit garstigem Wetter – feuchter Witterung, niedrigen Temperaturen und dem ersten Schnee. Dennoch ist eine Umrundung des Hardangerjøkulen unser Ziel. Im Schein der Stirnlampen tasten wir uns nach hereinbrechen der Nacht in finstrer Dunkelheit zum ersten Lagerplatz – noch in keiner Weise ahnend, dass sich mit Beginn des nächsten Morgen eine Tourenwoche entfaltet, die zu den schönsten gehört, die wir je im Fjell erleben dürfen. Die Wolken, welche die Bergmassive zum Start noch umhüllen, lösen sich von Tag zu Tag mehr und mehr auf. Strahlend steht die Sonne am blauen Himmel und sendet zum Jahresausklang noch einmal sommerliche Wärme. Wir ergreifen die Chance und gelangen von der Appelsinhytta hinauf auf den sechstgrößten Gletscher des Landes, um diesen nicht nur zu umrunden, sondern auch gleich zu überqueren. Dass uns dieses zusätzliche Schmankerl aufgetischt und dargereicht wird, ist kaum zu glauben … Nach fantastischen Stunden auf dem eisigen Plateau folgen wir in den nächsten Tagen kaum begangenen Pfaden zur Demmevasshytta, die wie ein Adlerhorst über einer zerrissenen Gletscherzunge thront. Weiter geht es von dort meist querfeldein zurück Richtung Finse. Das Wetter hält und von all dem, was wir befürchtet haben, fehlt jede Spur. Ein „Regen, Wind, wir lachen drüber!“, bleibt uns erspart. Stattdessen Bilderbuchstimmung par excellence. Also steigen wir zum Ende unserer Rundtour dem Gletscher kurzerhand nochmals aufs Dach. Wir wollen es uns bei diesen traumhaften Bedingungen nicht nehmen lassen, die letzte Übernachtung hoch oben in der Jøkulhytta zu verbringen … Getreu dem norwegischen Sprichwort „Ut på tur, aldri sur“, ist alles gut geworden. Aber selbst wenn es durchgehend gehagelt und gepfiffen hätte – egal was kommt, in der Natur unterwegs zu sein, bringt immer gute Laune.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF10-24mmF4 R OIS sowie dem XF16-55mmF2.8 R LM WR

– Gletscherkante –
– Vestra Leirebottsskåka –
– Rembesdalskåka –
– Jøkulhytta –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Norwegen 2015, Mein Norden // Ut på tur, aldri sur

Das ist klasse!

– Femundsee –

Anfang Juli machen wir uns auf den Weg. Vier Regionen in Norwegen sind unser Ziel, die wir intensiv erleben wollen. Auf Wanderungen in die Bergwelt mit Rucksack, Zelt und allem drum und dran. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen – es ist eine neue Herausforderung für uns. Tagein tagaus auf Tour sein. In der Pfanne Rührei mit Zwiebeln braten und Trek’n Eat aus Beuteln futtern. Über schmale Pfade laufen und über rauschende Bäche springen. Der Natur noch näher kommen als während unserer Familienreisen in den letzten Jahren … In der Femundsmarka fahren wir bei bestem Wetter mit der Fähre Fæmund II von Elgå nach Røa. Als wir von dort losziehen, plagen uns die Mücken. Selma erwischt es besonders schlimm, und wir haben das Gel gegen Juckreiz im Auto vergessen. Da sind wir froh, als wir aus dem Wald in höhere Lagen vordringen, wo ein steter Wind bläst, der die stechenden Biester vertreibt. Doch oberhalb der Baumgrenze schlägt das Wetter um, und wir sitzen zwei Tage bei Regen und stürmischem Wind im Zelt fest. Zum Glück haben wir einige Spiele dabei – Mensch ärgere Dich nicht, Farm Yatzy und Elfer raus! –, da wird uns nicht langweilig. Im Dovrefjell sehen wir Moschusochsen und schlagen am größtenteils zugefrorenen Istjørni zwischen viel Geröll unser Basislager zu Füßen der Snøhetta auf. Trotz tiefhängender Wolken hat das karge Ambiente seinen Reiz. In Jotunheimen unternehmen wir eine Tagestour auf das Bitihorn und genießen die Aussicht über die Weite der Valdresflya auf der einen und die majestätischen Berggiganten der „Heimat der Riesen“ auf der anderen Seite. Beim Abstieg rutscht Selma auf dem Hosenboden die zahlreichen Schneefelder hinab und jauchzt dabei: „Das ist klasse!“ Danach stapfen wir von der Sognefjellshytta zum Fuß des Fannaråken, erkunden die Gegend um den Fannaråkbreen, und wir klettern auf die vielen großen Felsblöcke, die rund um unser Zelt liegen. Und zu guter Letzt brechen wir auf in die Region Stølsheimen. Ein Glücksgriff. Zwar ist das Gelände anspruchsvoll mit vielem Auf und Ab, dazu pfadlosen Abschnitten samt Felspassagen, aber wir begegnen niemandem und tauchen so richtig ein in die Natur, genauso, wie wir es uns zuvor ausgemalt hatten. Es ist die beste Unternehmung der ganzen Reise … Unser Fazit: Als Familie die Wildnis zu entdecken, ist das Schönste, was wir gemeinsam erleben können!

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF16-55mmF2.8 R LM WR

– Istjørni –
– Bitihorn –
– Kiefer –
– Wegmarkierung –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Norwegen 2015, Mein Norden // Das ist klasse!

Sommer im Winter – (B-Seite)

– Unter Sternen –

Unsere Wintertour durch Rondane versprühte einen Hauch von Sommer. Kein Wunder, dass Simon Michalowicz, der im Jahr zuvor ganz allein Norge på langs gelaufen war, bei seiner ersten Skitour dann auch voller Elan ans Werk ging. Das Wetter zeigte sich ihm, seiner Freundin Anna und mir bei unserem kleinen Schneeabenteuer von seiner besten Seite. Kein Sturm, kein White-Out, keine bitteren Minusgrade. All das blieb aus. Hingegen so oft Sonne pur.

Wir hatten uns den ältesten Nationalpark Norwegens ausgesucht und wollten es ohnehin ganz ruhig angehen lassen. Von Hjerkinn einmal durch die Bergwelt bis nach Venabu. Und nun konnten wir gar an vielen Tagen draußen vor dem Zelt sitzen und in morgendlicher Wärme frühstücken. Herrlich. So vergingen die Stunden und die Tage, die wir gemächlich bestritten. Pausenzeiten dehnten sich und wir entflohen jeglicher Hektik. Kaum einmal saß uns schlechtes Wetter im Nacken und trieb zur Eile. Im Gegenteil: Wenn wir abends in die Schlafsäcke krochen, war uns meist schon klar, dass uns am nächsten Tag die Sonne wieder begrüßen würde.

Wir zogen über die Berge zur Grimsdalshytta und ins Grimsdalen, wo wir unter klarem Sternenhimmel biwakierten. Die schroffen Nordwände des Dreigestirns Høgronden, Midtronden und Digerronden waren uns danach einen Ausflug mit leichtem Gepäck wert. Unter dem Rondslottet, den Anna erklomm, blieben wir längere Zeit, um die Gegend zu erkunden. Und auf dem zugefrorenen Rondvatnet lief uns der Schweiß in Strömen Gesicht und Rücken herunter, bevor wir im Vulufjellet der weißen Weite langsam Adieu sagten und schließlich auf der Troll-Løypa unser Ziel Venabu erreichten.

Ab und an kam mir zwar der Gedanke, in diesen Tagen keinem realen skandinavischen Winter ausgesetzt zu sein – der doch meist Entbehrungen verlangt, Anstrengung fordert und ein Zähneklappern ob der Kälte mit sich bringt -, doch diese Überlegungen wischte ich weg und es war vielleicht gerade deshalb eine so vergnügliche Zeit. Norwegisches Friluftsliv in reinster Form. Für Simon gar eine Traumtour, der mögliche Beginn einer schneereichen „zweiten Karriere“ nach seinem strammen Marsch vom Kap Lindesnes im Süden bis ans Nordkap im vorigen Frühjahr, Sommer und Herbst …

Dieses gar nicht so eisige Abenteuer hatte ich seinerzeit auch im Rahmen meines Projekts Mein Norden unternommen, doch die dabei gemachten Aufnahmen haben es nachher nicht ins gleichnamige Fotobuch geschafft. So ist diese Geschichte und Bilderserie nur eine weitere B-Seite meines Bildbands.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF14mmF2.8 R, dem XF23mmF1.4 R sowie dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS

– Schwarz-Gelb –
– Rondslottet und Storronden –
– Das Loch –
– Conquest –

> Bildergalerie Norwegen 2014, Sommer im Winter – (B-Seite)

Die weiße Wüste – (B-Seite)

– Auf die Vidda –

Wir erreichten Sandhaug inmitten der tief verschneiten Hardangervidda gleichzeitig mit drei Norwegern. Sie kamen aus Südwest von Litlos, wir aus südlicher Richtung von Hansbu. Schnell war in der Selbstversorgerhütte Sandhaugs ein knisterndes Feuer im Ofen entfacht und wir tauten rasch auf an diesem windig-kalten Tag, der uns in die heimelige Unterkunft getrieben hatte.

Nachdem die üblichen Einstiegsfragen des Woher und Wohin gestellt, die Nationalitäten geklärt und aller anfänglicher Smalltalk abgehakt waren, stiegen wir bei Keksen, Tee und Kaffee ein in eine rege Unterhaltung, die Jerome und mich gleichsam zum Staunen und Lachen brachte. Bjørn Tomren, der viele Wochen zuvor an Norwegens südlichster Spitze, dem Kap Lindesnes, zu einer Skitour zum Nordkapp aufgebrochen war und noch ewige Zeiten unterwegs sein würde, entpuppte sich als Musiker mit Liebe zur deutschen Volksmusik. Er mochte Heino und Margot Hellwig und war selbst ein landesweit bekannter Jodler. Auch Klaus Kinski war für ihn ein Genie, der sich irgendwie mit in unsere Unterhaltung schlich, und dem Bjørn einst eine Ode gewidmet hatte. Zudem erzählte er uns von Konzerten in Deutschland, die er selbst gegeben und bei denen er dem Publikum kundgetan hatte, Florian Silbereisen zu mögen, wofür er in Berlin ausgebuht wurde und in München beim Publikum den Eindruck einer Verarschung hinterließ. Nun, wir hatten unseren Spaß in Sandhaug, der immer mal wieder mit einem kleinen Jodler Bjørns untermalt wurde …

Der zweite im Bunde, Endre Ruset, war ein Gedichte-Schreiber, und er begleitete Bjørn auf dessen Mission „Norge på langs“ immer mal wieder. Zwischendurch stieg er ab und an auch wieder aus, um zu arbeiten und zu schreiben. Überhaupt kam bei dieser Mammut-Tour alles nicht so genau – schließlich seien sie Künstler und machten es eben Hippie-Style. Dazu passte auch die zerrissene Unterhose des anderen Bjørn, dem letzten des Norweger-Trios. Er trug ein Beinkleid, mit dem wir uns kaum in die Kälte gewagt hätten. Aber er lief darin das Stück über die Hardangervidda mit, um anschließend von Finse mit der Bahn nach Voss zu fahren, dort weitere Freunde zu treffen, mit ihnen zu einer nächsten Hütte zu laufen, wo sie gedachten, ein gemeinsames Wochenende mit viel Alkohol zu verbringen. Eine Herrentour, zu der schon jetzt gut passte, dass er nach dem Abendessen einige Flaschen Underberg auspackte.

Über Jodler Bjørn stieß ich wieder daheim auf die Band Polkabjørn & Kleineheine. Und den Song I Like to Ski. Wie passend zu unserer Begegnung im Nirgendwo, bei der wir neben dem Phänomen Volksmusik auch so Sachen wie Ski-Expeditionen über das grönländische Inlandeis oder quer durch Island thematisierten.

Die Begegnung mit den Dreien war ein Highlight unserer Tour über die Hardangervidda, der größten Hochebene Nordeuropas. Seinerzeit hatte ich das eisige Abenteuer auch im Rahmen meines Projekts Mein Norden unternommen, doch die dabei gemachten Aufnahmen haben es nachher nicht ins gleichnamige Fotobuch geschafft. So ist diese Geschichte und Bilderserie quasi nur eine B-Seite meines Bildbands.

Nun gut, unsere Unternehmung verlief ansonsten wenig spektakulär und ist rasch erzählt. Nach unserem Aufbruch in Haukeliseter wurde das Wetter strahlend gut und knackig kalt. Die Sonne stand am blauen Himmel und die Temperaturen sanken bis auf minus 25 Grad hinab. Dazu war es absolut windstill. Doch die Freude an diesen traumhaften Bedingungen, dem Geschenk, in dieser einsamen Winterlandschaft unterwegs sein zu dürfen, hielt bei mir nicht lange an. Vor unserer Abreise nach Norwegen plagte mich eine Erkältung mit Schnupfen, die bis zum Start noch nicht ganz verschunden war und nun in Schnee und Eis wieder auftauchte, mir die Kälte in die Glieder trieb und die Rotze in die Nase. Angeschlagen und mit müden Beinen war ich froh, dass wir einen ganzen Tag in Sandhaug ausharrten und ich mich dort am fünften Tourtag wieder etwas berappeln konnte. Selten hatte ich mich so über schlechtes Wetter gefreut, das nach der Stille nun mit starkem Wind und Schneetreiben über die Vidda fegte. Am Holzfeuer konnte ich mich wärmen.

Als wir schließlich weiterzogen, brach die Sonne nur noch selten durch die Wolken und die Landschaft war in fahles Licht getaucht. Zeiten ohne Wind wechselten sich mit stürmischen Momenten ab, in denen die Hardangervidda ihr wahres Gesicht zeigte. Finse erreichten wir trotz allem ohne Probleme. Auf meiner elften Skitour durch die weiße Wüste fanden meine Beine den Weg fast wie von selbst. Ich war nur müder als sonst – die Tage hatten mich geschlaucht.

Dabei war es natürlich einmal mehr wunderschön, die Skispitzen durch den Schnee gleiten zu lassen, die funkelnden Kristalle zu bestaunen und mit den Augen über die Weite zu schweifen.

Die Route
Haukeliseter – Hellevassbu – Låven – Hansbu – Sandhaug – Rauhelleren – Fagerheim – Krækkja – Finse

Fotografiert mit der FUJIFILM X-Pro1 und dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS

– Låven –
– Vesle Nup –
– Fast weg –
– Rauhelleren –

> Bildergalerie Norwegen 2013, Die weiße Wüste – (B-Seite)

Zurück auf Los

– Ráhpaädno –

Ein eisiger Wind weht über den Kungsleden. Bevor es hinuntergeht zu den Aktse-Hütten, verlasse ich den markierten Weg und wandere in Richtung Sarek zu den Seen unterhalb des Bassoajvve. In der Senke tummeln sich die Rentiere. Ich baue mein Zelt auf und starte mit leichtem Sturmgepäck zum 1179 Meter hohen Gipfel des Skierffe, dem markantesten Berg im Rapadalen. Von seiner Rückseite ist der felsige Sporn relativ einfach zu besteigen, ein unscheinbarer Pfad führt hinauf und nur das letzte Stück ist steinig. Plötzlich bin ich oben, stehe an der Abbruchkante und unter mir geht es 700 Meter senkrecht hinab. Der Blick auf das Delta des Ráhpaädno verschlägt mir den Atem. Tief unten schlängeln sich die verästelten Arme des mächtigen Flusses durch einen grünblauen Teppich aus Seen, Sümpfen und Wäldern. Eingekeilt zwischen den Felsabbrüchen des Skierffe und des gegenüberliegenden Tjahkelij münden die pulsierenden Adern des mit Gletschersedimenten durchsetzten Wassers in den Laitaure. Wenn ich jetzt einen epileptischen Anfall bekäme, würde ich mich vielleicht nicht halten können und über die Klippe in die Tiefe stürzen. Ich bin mutterseelenallein – dabei sollte ich nicht mehr zu Solotouren aufbrechen. Zu riskant, so ganz ohne mögliche Hilfe. Aber diesen gut gemeinten Ratschlag meines Arztes habe ich schlicht ignoriert. Jetzt hier zu stehen an diesem Ort, mich nicht sattsehen zu können an dieser Landschaft, hat etwas Unwirkliches. War ich vor ein paar Monaten doch noch ein Schatten meiner selbst, als mich die Epilepsiemedikamente geschwächt hatten und ich erst langsam Schritt für Schritt wieder auf die Beine kam. Aber nun ist der Gipfel des Skierffe der Punkt, an dem ich die Ungewissheit restlos zurücklasse. Voller Neugierde tauche ich von hier aufs Neue ein in „Europas letzte Wildnis“ – wie seiner Zeit zu Beginn der Neunzigerjahre.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-Pro1 und dem XF35mmF1.4 R sowie dem XF60mmF2.4 R Macro

> Zum Tagebuch der Solo-Durchquerung der Sarek- und Padjelanta-Region

– Rentier –
– Skårki –
– Jållok –
– Padjelantaleden –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Schweden und Norwegen 2012, Mein Norden // Zurück auf Los