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Transition

– Transition #6 –

Puh, das neue Jahr, das doch gerade erst begonnen hat, ist auch schon wieder gut drei Wochen alt … Aber egal, den Jahreswechsel verbrachte ich mit Frau und Kind an der Nordsee in Ostfriesland, wo wir die frische Luft und manch salzige Meeresbrise genossen. Wir unternahmen Spaziergänge und schlenderten durch die zahlreichen Siels.

Und dabei machte ich vor allem unscharfe Bilder. Dazu in grobem Schwarz und Weiß. Oft düster obendrein. Transition nannte ich die Serie. Übergang. Es sind nicht nur Impressionen einer Zeit an der See, in der wir von einem Jahr ins nächste übergingen – Silvester und Neujahr und ein paar Tage drumherum. Es sind auch Innenansichten, eine Art von Stillstand, Distanz zwischen Gewesenem und Kommendem.

Die vergangenen zwölf Monate hielten für mich einige Überraschungen parat, auf die ich auf den ersten Blick sicherlich gerne verzichtet hätte. Geplatzte Träume – Reisen, die nicht stattfanden. Die Epilepsie – eine Erkrankung, die mich von nun an begleitet und erstmal alles auf den Kopf stellte. Aber auf den zweiten Blick auch die Möglichkeit einer Besinnung. Eines Neubeginns, der mich voranbringen soll, statt auf der Stelle zu treten. Dieses „We have to dream it all up again“ nahm bereits Fahrt auf und wird in diesem Jahr – allem Unvorhersehbarem zum Trotz – hoffentlich rasant weitergehen.

Dafür steht die Serie Transition in erster Linie. In dieser Zeit in Ostfriesland, in denen ich an das „Alte“ zurückdachte und mich auf das „Neue“ freute, verblasste das Hier und Jetzt. Entrückt und etwas nebulös lag es vor mir. Nicht direkt fassbar. Zwar da, aber kein direkter Teil von mir. Nur ein Übergang.

Let’s go!

– Transition #5 –
– Transition #9 –
– Transition #7 –
– Transition #8 –

> Bildergalerie Transition

„We have to dream it all up again“

Es war der 30. Dezember 1989, als Bono, unzufrieden mit der Stagnation von U2, während der Lovetown Tour in Dublin diese legendären Worte sprach:

„We’ve had a lot of fun, just getting to know the kinda music that we didn’t know so much about. I was explaining to people the other night, but I might have gotten it a bit wrong, that this is just the end of something for U2, and that’s why we’re playing these concerts. We’re throwing a party for ourselves and for you. It’s no big deal, we have to go away and just dream it all up again.“

Niemand wusste, was das zu bedeuten hatte. Viele Fans fürchteten, soeben die letzten Klänge der Band gehört zu haben … Dabei waren U2 „nur“ auf dem Weg, sich nach dem riesigen Erfolg von „The Joshua Tree“ und des umstrittenen Nachfolgealbums „Rattle and Hum“ neu zu erfinden. Als U2 dann 1991 der Musikwelt „Achtung Baby“ schenkten, war diese darauf jedoch nicht vorbereitet und wurde mit industriellen, düsteren und schwermütigen Klängen überrollt. Mit dem, was die Band in den 80ern ausgezeichnet und in den Rock-Olymp gehoben hatte, hatte das nichts mehr zu tun. Die vier Iren, zuvor noch als griesgrämige Gebetsbrüder verspottet, präsentierten sich der Welt nun schrill, bunt und in Frauenkleidern. In dem Moment ahnte kaum jemand, dass ein Meisterwerk geboren war.

Alles zurück auf Anfang also! Das liegt nun bereits über 20 Jahre zurück und auch meine beiden Krampfanfälle, die mich Anfang Mai von den Beinen holten, sind schon eine Weile her. Im Krankenhaus und der Zeit danach stellte ich die Frage nach dem Sinn. Für irgendwas musste es gut sein … Mit angeknabberter Psyche lag ich körperlich geschwächt am Boden. Zwischen einem Gefangensein im Hier und Jetzt, dem Gefühl von Stillstand und Niederlage. Und der Option auf einen Neuanfang, der oft einer Krise innewohnt. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt, bei der in einem Moment alles verloren und im anderen alles möglich erschien. Es galt diese Möglichkeiten zu finden und nicht im Unmöglichen zu erstarren.

Mit der Diagnose Epilepsie in der Tasche erinnerte ich mich an Bono’s Worte. Und während ich die ersten neuen Schritte tat, reiften die Pläne und Ideen für einen Neuanfang. Mehr und mehr kristallisierte sich heraus, wozu dieser Zwangsstopp aufgrund der Krankheit gut sein könnte. Der steinige Weg besserte sich Schritt für Schritt und das Licht am Ende des Tunnels wurde heller und heller. Aber ich wollte nicht einfach mein altes Leben zurück, alles nur so haben, wie es vorher war. Nein, ich wollte diese Zeit des Innehaltens nutzen, mich neu zu fokussieren. Gar Veränderungen ins Auge fassen. Dinge über Bord werfen, Geliebtes neu entdecken.

Im Kopf entstand ein Gerüst für ein Langzeitprojekt raus aus der Krisenzeit. Zunehmend sah ich die Krankheit nur als einen Teil, der zwar vorerst immer da ist, der aber nicht bestimmt. Auch wenn sich Chaos und Ungewissheit nur schwer abschütteln ließen. Wie die Frage, ob es trotz der Krankheit möglich wäre, neue Wege zu gehen und weiterzukommen. Oder ob gerade dieses „kranksein“, diese Phase, manches erst ermöglichen würde?

Manchmal war es einfach zum Kotzen

Es war ein Auf und Ab. Zuerst machten sich Schwindel und Müdigkeit breit, hervorgerufen durch die Tabletten. Als die Nebenwirkungen nachließen, kam der Durchfall. Zwei Wochen lang. Doch dann, nach der Scheißerei, schien es endlich aufwärts zu gehen. Bis mir mein geschwächtes Immunsystem noch eine Gürtelrose bescherte. Ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden galt. Über zwei Monate diese ständigen Angriffe auf Körper und Psyche. Kaum die Möglichkeit einer „Auszeit“. Immer wieder was Neues. Ein Schritt vor und zwei zurück. Manchmal war es einfach zum Kotzen.

Wir wollten nur noch weg. Nach Schweden und Norwegen – auf unser imaginäres Sofa. Nach all meinen gesundheitlichen Querelen endlich die richtige Erholung finden, Abstand gewinnen, den Stress abschütteln. Und Kraft tanken für den Neuanfang, die Akkus wieder aufladen. Nach letzten Nickligkeiten waren wir dann auch endlich fort. Vier Wochen lang. Zurück aus dem Norden – von Meeresküsten, Waldpfaden und Berggipfeln – brachten wir die ersehnte Erholung mit. So, wie wir es uns gewünscht hatten. Charging Complete sozusagen.

Selma sprach in diesem Urlaub ihren ersten korrekten Satz: „Ich möchte raus!“ Drei Worte, die für mich zu einer Art Mantra wurden. Auch ich wollte raus. Wieder raus. Zu den Orten im Norden, an denen meine Passion für diese Landschaften seinen Anfang nahm, die mir im Laufe meines Reiselebens wichtig waren. Aber auch zu neuen Orten, dorthin, wo ich noch nicht war.

Während unserers Unterwegsseins reifte der Plan, das Konzept für das neue und große Projekt weiter. Für das, was ich nach unserer Familienreise beginnen wollte. Nach den Wirren und dem Krankheitsscheiß. Entwickelt aus und durch die Krise. Und mit dem Zurück auf Los stecke ich jetzt schon mitten drin, habe mit der Sarek- und Padjelanta-Durchquerung den ersten Schritt getan. Diese Tour markiert, nach der schweren Zeit des zurückliegenden Sommers, den Beginn des Neuanfangs. Sie ist die erste Reise der Idee, die mir im Kopf sitzt, seitdem es mich im wahrsten Sinne umgeworfen hatte. Jetzt will ich das beginnen, und fortführen, was all dem dann vielleicht doch einen Sinn verleiht. Das, wozu es gut war.

Eine Liebeserklärung

Mein Norden. Ich will zurückkehren zu meinen Anfängen. Aber gleichermaßen auch aufbrechen zu neuen Abenteuern. Mit kindlicher Entdeckerfreude und voller Emotionen. Das Projekt soll eine Liebeserklärung an raue Landschaften, karge Regionen und eine intensive Art des Unterwegsseins sein. Auch, weil sich wie bei U2 eine Stagnation bei mir eingeschlichen hatte, nach erfolgreichen Expeditionen und all den Reisen seit Beginn der 90er Jahre. Großes Neues wollte in der letzten Zeit nie so recht klappen. Viel verpuffte, wurde zu Nichts. Schließlich die Epilepsie, letztendlich für mich die Besinnung. Der Auslöser, alles nochmal neu zu träumen. Wie es Bono mit seinem „We have to dream it all up again“ ausdrückte.

Über zehn Reisen in den Norden sollen es werden. Nach Schweden, Norwegen und Finnland, nach Schottland und Island, auf die Färöer-Inseln, nach Svalbard und nach Grönland. Vier Jahre Aufbruch. Zu allen Jahreszeiten hinein ins Abenteuer. Allein, mit Freunden und der Familie. Wanderungen und Skitouren dokumentiert in Bildern und Texten, die Emotionen transportieren und von Erlebnissen erzählen.

Die Solo-Durchquerung der Sarek- und Padjelanta-Region bot bereits alles, was eine gute Tour ausmacht. Anspruchsvolles Gelände, wechselhaftes Wetter, Unsicherheit, Freude, grandiose Landschaften, miese Stimmungen und ein tiefes Eintauchen in die Zeit vor Ort. Keine Oberflächlichkeit, kein schnelles Abenteuer. Es war eine Wanderung mit Haut und Haar. Jeder Moment kostbar – egal ob vor Kälte zitternd oder in die Sonne blinzelnd.

Doch ohne das „Herausgerissensein“ in diesem Sommer hätte ich nicht zu diesem Schritt gefunden. Zum gleichsamen zurück in alte Gefilde und voran in neue Gebiete. Es ist auch ein bisschen wie Memory. Eine Karte liegt schon aufgedeckt vor mir, jetzt gilt es, die passende dazu zu finden. Von so vielen früheren Reisen kenne ich den Norden und will ihn trotzdem nochmals ganz neu entdecken. Der Weg zurück auf Los, dieser Umweg ans Ziel, soll mich am Ende weiterbringen als vieles zuvor.

Aber nicht nur die Reisen an sich sind von Bedeutung. Die Wiederkehr zu Orten, die mir etwas bedeuten. Der Aufbruch zu Plätzen, von denen ich schon immer geträumt habe. Die Dokumentation ist ebenso wichtig. Und auch hier durchlebe ich den Wunsch, zurück zum Anfang zu wollen. Meine früheren Bilder sind Schall und Rauch. Ich begebe mich jetzt zudem auf die Suche nach neuen Sichtweisen, neuen Bildstilen, anderen Farben und Kontrasten. Das Alte zählt nicht mehr. Es braucht Neues. Um zu den jetzigen Reisen und den damit verbundenen Emotionen zu passen.

Daher ist das gesamte Projekt nicht nur ein Neuanfang im eigentlichen Sinn, sondern zugleich auch eine Weiterentwicklung, an dessen Ende „Veränderung“ auch in den Bildern der Unternehmungen erkennbar sein soll. Ich bin gespannt – und nach wie vor fast so aufgeregt wie vor meiner allerersten Reise.

Mein Norden – Eine Liebeserklärung. Kommt mit und begleitet mich.

Sarek & Padjelanta – 15 Tage Zuckerbrot und Peitsche

– Am Padjelantaleden –

Der Plan war simpel: Mit dem Flugzeug nach Stockholm, weiter mit der Bahn nach Gällivare in Lappland und per Bus und Boot über Kebnats nach Saltoluokta am Kungsleden. Von dort den Königsweg ein Stück südwärts bis Aktse und dann hinein in den Sarek – Europas letzte Wildnis. Über den Skierffe und durch das Rapadalen nach Skárjá – das Herz der Hochgebirgsregion. Wieder hinaus aus der wilden Bergwelt durch das Álggavágge, an der Kapelle von Alkavare vorbei und rüber in die Region Padjelanta – „Das höhere Land“. Schließlich zurück zur Zivilisation über Teile des Padjelanta- und Nordkalottleden nach Sulitjelma. Heimwärts wie gehabt. Mit Bus, Bahn und Flugzeug über Fauske, Trondheim und Oslo.

Seit letztem Sonntag bin ich nun zurück. Erfolgreich. Der Neuanfang hat funktioniert. Aber es war nicht einfach, die Tour anspruchsvoll. Viel schlechtes Wetter, Regen, sumpfiger Grund. Ein erster Wintereinbruch mit Minusgraden. Doch auch Sonne, klarer Himmel. Weite bis zum Horizont. 15 Tage schleppte ich meinen schwer beladenen Rucksack durch die karge Landschaft. Ich traf unzählige Rentiere, arrangierte mich mit Nässe und Kälte und versuchte, jeden Moment zu genießen. Egal ob in Wolken gehüllt oder von wärmenden Strahlen beschienen. Oft sah ich Regenbögen. Es war gut, zurückzukehren in die Region, wo einst alles begann. Das „Zurück auf Los“ hat geklappt – es war der erste Schritt.

Ein Tagebuch

Freitag, 31. August – In der Nacht kam der Regen. Am Morgen Pfützen ums Zelt. Schnell gefrühstückt und gepackt. Um 09:00 Uhr breche ich von der Saltoluokta-Fjällstation auf gen Süden. Steil führt der Kungsleden bergan in baumlose Gefilde. Die Szenerie wird dominiert von der düsteren Bergflanke des Lulep Gierkav. Ich sehe aus wie SpongeBob und schleppe meinen gelb verhüllten Rucksack durch das weite und karge Ávtsusjvágge. Das Tal hat wenig zu bieten, die Berge zu allen Seiten sind in Wolken gehüllt. Feucht und glitschig ist der Pfad, Bohlenwege sind überspült und die Bäche am Wegesrand voll vom vielen Niederschlag der vorangegangenen Wochen. Es zieht sich. Doch später kommt die Sonne raus und es reißt mehr und mehr auf. Am Sitojaure Fliegenterror – die Biester erfreuen sich an Windstille und etwas Wärme. Noch am Abend fährt mich eine Samin mit ihrem Motorboot über den See. Auf der anderen Seite schlage ich unweit der Svijnne-Schutzhütte mein Lager auf. Es war ein langer erster Tag. Als ich später noch einmal zum Pinkeln hinaustrete, hat sich bereits Eis auf dem Zelt gebildet. Willkommen Nachtfrost!

Samstag, 01. September – Morgensonne vertreibt die kalte Nacht. Ich folge weiter dem Königspfad. Erst durch lichten Wald, dann wieder hinauf in die kahle Bergwelt, wo ein eisiger Wind weht. Kurz darauf verlasse ich den markierten Weg und schwenke via Njunjes ab gen Sarek und zu den Seen unterhalb des Bassoajvve. In der Senke tummeln sich die Rentiere, inmitten derer ich meine Nylonhütte aufbaue. Es ist erst Mittag, aber ich habe noch was vor. Mit leichtem Sturmgepäck flitze ich runter zu den Aktse-Hütten und zum Ufer des Laitaure. Ich möchte den Steilabbruch des Skierffe erst von ganz unten sehen, bevor ich dessen Gipfel erklimme. Ich mache einige Bilder, eine kurze Rast. Dann haste ich die 500 Höhenmeter wieder hinauf zum Zelt. Ein kurzer Zwischenstopp und weiter geht es zum Gipfel des Skierffe. Von seiner Rückseite ist der felsige Sporn einfach zu besteigen. Steinig nur das letzte Stück. Plötzlich bin ich oben, stehe an der Abbruchkante und unter mir geht es 700 Meter senkrecht hinab. Der Blick auf das Delta des Ráhpaädno verschlägt mir den Atem. Tief unten schlängeln sich die verästelten Arme des mächtigen Flusses durch einen grünblauen Teppich aus Seen, Sümpfen und Wäldern. Eingekeilt zwischen den Felsabbrüchen des Skierffe und des gegenüberliegenden Tjahkelij münden die pulsierenden Adern des mit Gletschersedimenten durchsetzten Wassers in den Laitaure. Ich kann mich gar nicht sattsehen, doch irgendwann wird es kühl und ich muss noch zurück zum Zelt. Schweren Herzens trete ich den Rückweg an. Der Mond kommt hervor. Ich hole Wasser an einem der umliegenden Seen und verkrieche mich im Zelt. Um 21:00 Uhr ist es dunkel. Und gemütlich.

– Ráhpaädno –
– Rentier –

Sonntag, 02. September – Als ich am Morgen aus dem Zelt blicke, sehe ich fast nichts. Alles ist wolkenverhangen. Bei dem Wetter macht es keinen Sinn, weiterzulaufen. Also abwarten. Ich lege mich wieder hin. Und schaue immer wieder auf die Karte, gehe die Tage und Wegabschnitte durch. Alleine im Zelt kommen die Zweifel. Kann ich die Strecke schaffen? Reicht die Zeit? Was ist mit den anstehenden Flussquerungen? Ich höre Musik, trinke Tee. Draußen ist der Regen mal stärker, mal weniger dicht. Ich hoffe auf den Nachmittag. Darauf, dann noch ein Stück weiterzukommen. Aber daraus wird nichts – schon eine Zwangspause am dritten Tag. Die Zeit vergeht etwas mühselig mit Nichtstun. Im Laufen ist es einfacher. In der Ruhe liegen die quälenden Gedanken. Am Abend dann reißt es doch noch auf. So sieht alles wieder freundlicher aus. Ich nehme es als gutes Zeichen und krieche mit besseren Gedanken in den Schlafsack.

Montag, 03. September – In der Nacht träume ich schlecht und wache genau in dem Moment auf, als ein paar Tropfen aufs Zelt fallen. Aber ich schlafe schnell wieder ein und früh am Morgen ist das Wetter gut. Bereits vor 07:00 Uhr bin ich unterwegs – da scheint schon längst die Sonne. Noch einmal steige ich auf den Skierffe, blicke hinab in die Tiefe und hinüber zu all den hohen Gipfeln, bevor ich mich endgültig auf den Weg mache hinein in den Sarek. Ab und an gibt es Trittspuren, auch mal ein Steinmännchen, aber meist ist es weglos. Ich quere einen steilen, felsigen Hang, springe über Bäche und laufe zum Sattel am 1078er Berg oberhalb des Ridok. Kurz zuvor begegne ich einer wortkargen Vierergruppe, die nicht mal grüßen. Noch ein letztes Mal blicke ich zurück zum Skierffe, dem Nammásj und dem Delta des Ráhpaädno. Dann ziehe ich, hoch über dem Rapadalen, den hier flachen Hang entlang weiter, bis ich am Lulep Vássjájågåsj stehe. Durch einen schluchtartigen Einschnitt rauscht der Fluss über Fallstufen hinab. Ich suche nach einem günstigen Übergang und finde ihn – nur knietief ist dort das Wasser, die Strömung kaum spürbar. Da ist es fast schwieriger, die andere Hangseite wieder hinaufzukraxeln. Wenig später, nach 10 Stunden auf den Beinen, schlage ich mein Zelt auf einer flachen und steinlosen Stelle auf. Regenschauern treiben zur Eile. Etwas entfernt hole ich an einem kleinen Bach Wasser und genieße die großartige Aussicht über das Rapadalen, hinüber zum Rapaselet und den Bergen auf der anderen Talseite. Die Sonne blinzelt hervor, ein Regenbogen entsteht, der Mond steigt auf. Dazu dringt aus dem Tal fortlaufend das Rauschen des mächtigen Ráhpaädno empor. Einfach schön.

– Rapaselet –

Dienstag, 04. September – Es sieht nicht mehr gut aus. Dunkle Wolken ziehen heran. Ich streife die Regenmontur über und folge einem unscheinbaren Pfad auf einem sanften Rücken hinunter ins Rapadalen und hinein in den dichten Wald der tieferen Lagen. Bald umhüllt mich die Nässe. Dazu ein Wirrwarr aus Bäumen, Bächen und Sträuchern. Ich verliere den Weg, finde ihn wieder und erreiche nach einer Weile den Hauptpfad des Tales. Kurz darauf stehe ich am Alep Vássjájågåsj. Bei der Querung des ersten Flussarmes schwappt mir etwas Wasser in einen Schuh, den zweiten meistere ich balancierend auf umgestürzten Bäumen und Ästen. Danach folgt ein Sumpffeld. Von Büschel zu Büschel, Gestrüpp zu Gestrüpp taste ich mich voran. Und stehe trotzdem laufend bis zum Knöchel im Wasser. Der Pfad mäandert durch den Wald wie der Fluss durch das breite Tal. Dazu diese Nässe von allen Seiten. Von oben durch den Regen. Von unten durch die Bäche, den überspülten Weg und all den Morast. Von links und rechts durch das triefende und den Weg umschlingende Strauchwerk. Und von innen durch den Schweiß. Mir ist warm. Und in den Pausen rasch kalt. Das Laufen strengt an. Immer wieder ein Auf und Ab. Ein Zick und Zack. Das Rapadalen – die Schöne und das Biest. Zwei Welten – von oben betrachtet und mittendrin. Als sich der Weg ein wenig bessert, laufe ich mit dem Rucksack, der meinen Kopf überragt, gegen einen Ast, der nicht weichen will. Ich verliere das Gleichgewicht, kippe nach hinten und lande in einer tiefen Pfütze. Blitzschnell rappel ich mich wieder auf – fluchen kann ich nicht, nur lachen. Dann stehe ich unvermittelt vor der verschlossenen Skårkistugan. Ich gehe ein Stück zurück und finde den Abzweig, der hinauf- und wieder hinausführt aus diesem Chaos. An der Baumgrenze bleibe ich – nur raus aus dem Wald. Wie auf einem Balkon steht das Zelt. Schnell fängt die Zeit im nassen Dickicht an zu verblassen. Tee, Kekse, wärmende Klamotten. Die feuchte Unterwäsche trocknet am Leib. Spät wieder reißt es auf. Blauer Himmel, Sonne auf den frisch verschneiten Bergspitzen. 5 Tage – ein Drittel der Tour ist rum.

– Skårki –

Mittwoch, 05. September06:15 Uhr. Gutes Wetter. Die Sonne lugt hervor und scheint auf einen Hang im Sarvesvágge. Aber bald wird es wieder schlechter und erst um 10 klart es so richtig auf. Nix wie raus, Rucksack packen und auf gen Skárjá, dem Herzen des Sarek. Nach wenigen Metern muss ich gleich den Jilájåhkå furten. Frühsport zur Mittagszeit. Danach geht es steil raus aus dem Bachtal und hinauf zum Passübergang ins Snávvávágge. Steinig und feucht ist der Weg. Und wieder kommt der Regen zurück. Voll konzentriert nehme ich die Passage an den Spökstenen in Angriff, über die mir daheim Gruselgeschichten erzählt wurden. Dort wäre fast Kletterei gefordert und ich solle sehr aufpassen auf dem rutschigen Grund am steilen und felsigen Berghang des Bielatjåhkkå. Doch so fürchterlich ist es dann gar nicht. Ein Stück steil runter, eine Querung, schließlich wieder etwas hoch. Über Stock und Stein, durch ein paar Büsche und Geröllfelder hinweg. Natürlich, nicht schön zu laufen, aber gut machbar. Dafür kann sich das Wetter nicht entscheiden. Regen und Sonne geben sich die Klinke in die Hand und zaubern wieder einmal Regenbögen hervor. Wenige Kilometer weiter muss ich auch den Bielajåhkå und den Tjågnårisjågåsj furten, doch das Wasser reicht beide Male kaum bis zum Knie und ist nicht weiter der Rede wert. Dazwischen holprige und matschige Passagen. Zwischen Steinen und Weidengestrüpp. Ich treffe einen Schweizer, mit dem ich in der wilden Einsamkeit einen kurzen Plausch genieße. Schließlich das letzte Stück des Tages. Der Wind nimmt zu, auch die Nässe von oben. Als ich die kleine Nothütte bei Skárjá erreiche, klebt mir die Hose an den Beinen. Ich werfe nur kurz einen Blick in die Zelle mit Nottelefon und baue fix mein Zelt am Smájllájåhkå auf. Raus aus den nassen Klamotten und rein in die eigene, kleine Welt. Trotz des oft schlechten Wetters läuft bisher alles wie geschmiert.

Donnerstag, 06. September – Die ganze Nacht trommelt Regen auf das Zeltdach und auch am Morgen halten die Schauern an. Ruohtes- und Guohpervágge sind finster und verhangen. Aber egal – ohnehin hatte ich für diesen Ort einen Ruhetag eingeplant. Hier, am Mittelpunkt des Sarek, wo die markantesten Täler zusammenkommen und auch der Ráhpaädno seinen Ursprung hat. Erst am frühen Nachmittag tritt leichte Wetterbesserung ein. Ich stromere etwas umher, doch es ist kalt und die Regenschauern werden abgelöst von Schneetreiben. Inmitten der imposanten Bergwelt ist außerhalb des Zeltes keine Gemütlichkeit zu finden. Trotzdem ist es schön. Allein zwischen den weißen Gipfeln.

– Skárjá –
– Sarvatjåhkkå –

Freitag, 07. September – Bestes Wetter! Klar und kalt. Pfützen gefroren. Die verschneiten Berge strahlen über den grünen Tälern und vor dem Himmelsblau. Immer wieder blicke ich hinauf zu Graten, Zacken, Felsentürmen. Ein Wechselbad der Gefühle. Nach der absoluten Tristesse nun diese erhabene Schönheit der Landschaft. Mit Sack und Pack ziehe ich weiter zum Guohperjåhkå, der einfach zu durchwaten ist. Vor allem bei Sonnenschein und mittlerweile angenehm warmen Temperaturen. Durch die Türe in einem Rentierzaun geht es hinein ins Álggavágge, durch das ich den Rest des Tages laufe. Nach der Wasserscheide kommen wunderschöne Passagen, flach und gut zu gehen. Das Tal ist schön. Erst steinig und karg, dann sanft mit Wiesen. Erst später wieder hässlichere Stellen mit Gestrüpp und Nässe. Die Zeit schreitet voran. Am weitgefächerten Flusslauf, der vom Vattendelarglaciären herunterzieht, endet mein Tagwerk. Leider ziehen dünne Wolkenschlieren vor die Sonne und es wird sogleich kühl. Bislang der schönste Wandertag der Tour. Und Halbzeit!

Samstag, 08. September – Naja, von einer stabilen Schönwetterlage kann keine Rede sein – der Mist ist schneller zurück als gehofft. Im Regen stiefel ich weiter bis zur Kapelle von Alkavare, diesem steinernen Bau im Nirgendwo. Ein dunkler, kalter und trostloser Ort. Ich überlege, wie ich weiter vorgehen soll und entschließe mich dazu, den Miellädno über die Brücke zu queren, auch wenn es einen kleinen Umweg bedeutet. Zu einer Furt des Flusses am Ausgang aus dem Álggajávrre habe ich keine Lust und die Ruderboote, die dort die dritte Möglichkeit wären, möchte ich allein auch nicht nutzen. Doch vorher muss ich auch noch über den Gáinájjågåsj, was mit etwas Glück ganz gut klappt. Mit der Brücke und der Überschreitung des Miellädno verlasse ich den hochalpinen Sarek und trete ein in die weitläufige und hügelige Region Padjelanta. Ab und an bricht die Sonne durch und schickt Wärme. Doch es siegt auf Dauer mal wieder der Regen. Und der Schnee. Weglos schlage ich mich durch zum Rissájåhkå, den ich bereits aus der Ferne an einem markanten Wasserfall erkenne. Ich schaffe es gerade noch den Fluss in Crocs und mit hochgekrempelter Hose zu durchqueren, bevor nasse, dicke Schneeflocken das weite Land in Windeseile einhüllen. Im Nu ist Winter und die Sicht dahin. Entlang der Rissájávrre-Seen hangel ich mich weiter, krieche unter einem Rentierzaun hindurch und marschiere Richtung Tuottar. Es klart wieder etwas auf und der Schnee schmilzt rasch. Viele Rentiere ringsum, die Böden meist recht gut zu gehen. Mich locken die Tuottarstugorna am Padjelantaleden. Nach all den kalten Zeltnächten keimt in mir der Wunsch nach einer Pritsche und einer Decke über dem Kopf. Daher halten mich auch nasse Stellen oder Wiesen, die wie eine Buckelpiste daherkommen, nicht mehr auf. Ein letzter Hügel am Duottarjávrre, dann liegen sie vor mir. Alle Hütten sind bereits geschlossen. Bis auf eine, die das ganze Jahr über zugänglich bleibt. Drinnen haben es sich bereits vier Deutsche gemütlich gemacht. Wir rücken zusammen in der für 6 Personen ausgelegten Stuga. Es ist warm, die Gas-Heizung bullert. Draußen kommt der Schnee zurück und ein eisiger Wind pfeift um die Ecken.

– Am Lulep Rissájávrre –
– Padjelantaleden –

Sonntag, 09. September – Minus 3,5 Grad am Morgen. Dicht gedrängt schmiegt sich ein Rentier im Windschatten an die Hütte. Alles ist Weiß und bis wir aufbrechen, ziehen weitere Schneeschauern über uns hinweg. Dafür ist die Luft heute besonders frisch und klar. Und als dann die Sonne doch mal wieder Oberhand über das mäßige Wetter gewinnt, wird es ein herrlicher Tag. Es ist nicht nur ein Genuss, nach der Zeit im weglosen Gelände nun über einen ausgetretenen Pfad zu laufen. Nein, es ist ein Gang aus dem Winter in den Frühling. Über den Padjelantaleden steige ich aus den weißen Höhen hinab in die grüne Oase Staloluokta. Hinter mir lasse ich die gepuderten Zacken der Sarek-Berge zurück, vor mir breitet sich der große Virihaure aus. An seinem Ufer errichte ich mein Zelt, schaue hinaus, träume und lasse die Gedanken schweifen. Vielleicht der malerischste Fleck bisher. Weite und Stille. Langsam geht die Sonne unter. Ich lebe in diesem Moment.

Montag, 10. September – Ich liege bestens in der Zeit und kann mir einen weiteren Ruhetag gönnen. Der Himmel ist wieder zugezogen, die Landschaft grau. Es lockt nicht viel. Erst am Nachmittag drehe ich eine kleine Runde. Zu den Staloluoktastugorna, der Samensiedlung am Luoppal und der am Virihaure. Nirgends eine Menschenseele. Ich bin allein. Nach der Vierergruppe in der Hütte von Tuottar begegneten mir nur noch wenige Wanderer. Alle liefen nach Süden, nach Kvikkjokk. Ich ein Stück nach Norden und ab morgen westwärts gen Norwegen.

– Virihaure –

Dienstag, 11. September – Abschied vom Virihaure, diesem schönen und ruhigen Ort. Ich laufe zu den Staddajåkkåstugorna über den Nordkalottleden durch ein karges, reizloses Tal. Zumindest ist der Pfad gut und ich komme schnell vorwärts. Um 12:00 Uhr bin ich an den Hütten. Öde gelegen, nicht sehr attraktiv. Zum Glück ist es noch trocken. Erst später, als es in höheren Lagen wieder steinig wird und Altschneefelder auftauchen, kommt der Regen zurück. Noch eine halbe Stunde, dann stehe ich vor der winzigen Sårjåsjaurestugan, die wunderschön am Ufer des Sårjåsjávrre liegt. Aus dem Fenster blicke ich über den See, doch drinnen ist es muffig. Lieber schlage ich ganz in der Nähe einmal mehr mein Zelt auf. Später und in der Nacht gehen kräftige Schauern nieder. Der Wind schüttelt meine Behausung und die Aussicht über die stark verhangenen Berge ist mäßig.

Mittwoch, 12. September – Wie gut, dass ich keine Eile habe. Erst im Laufe des Vormittags bessert sich das Wetter, kommt erneut die Sonne raus und die Wolken verschwinden. Mittags los. Egal, die Etappe heute ist kurz. Über feuchte Wiesen geht es am See entlang bis zur Reichsgrenze zwischen Schweden und Norwegen. Schwupps bin ich in einem anderen Land. Das vergletscherte Sulitelma-Massiv ragt im Süden in den Himmel. Am Ende meiner Tour ist die Landschaft wieder von schroffen Gipfeln dominiert. Und von immer mehr Steinen. Ich laufe bis zur Sorjoshytta, doch dort ist das Zelten schwierig, der Boden nicht schön. Also ein kleines Stück zurück zu einer winzigen Landzunge im Bajit Sorjosjávri und einer ebenen Stelle.

– Unter Wasser –
– Ny Sulitjelma –

Donnerstag, 13. September – Das Packen macht am Morgen keine Freude. Kalt ist der Wind. Brrr. Hinter der Sorjoshytta sind in den letzten Jahren zwei weitere Brücken installiert worden, die eine heikle Stelle entschärfen, aber auf meiner Karte noch nicht verzeichnet sind. Es geht bergauf in ein Reich aus Stein. Ab und an ein hartes Schneefeld, es ist felsig und äußerst karg. Auf über 1000 Meter steige ich empor und werde von einem eisigen Wind aus den Bergen vertrieben. Rüber über den höchsten Punkt, hinab zu einem See, noch ein Übergang, wieder ein See. Weiterhin in alle Richtungen nur Steine, Felsen und Schnee. In der Ferne schimmert ein Stück des Blåmannsisen. Dann die letzte Furt oberhalb des Storelvvatnan. Aber sie ist harmlos. Kurz darauf, als Hagel heranrollt und die Finsternis zurückkehrt, erreiche ich die Schotterpiste, die nach Sulitjelma, dieser ehemaligen Bergarbeitersiedlung, runterzieht. Aber ich wähle zuerst noch den steilen Pfad hinab zur Ny-Sulitjelma-Hütte, an der die Sache schon jetzt so gut wie geschafft ist. Ein Auto kommt vorbei mit einer Norwegerin auf Beerensuche. Von hier an folge ich dem Fahrweg und halte Ausschau nach einer letzten Zeltmöglichkeit. An einem Flachstück mit See und Flusslauf, mit Blick auf Sulitjelma und Fagerli gelegen, werde ich fündig. Es geht weitere hunderte Höhenmeter hinab, aber die spare ich mir für morgen auf. Am Abend liegen mir beleuchtete Häuser und Straßenlaternen zu Füßen. Ich komme zur Ruhe.

Freitag, 14. September – Natürlich muss in der letzten Nacht stürmischer Wind aufkommen, der mir das Zeltgewebe ins Gesicht drückt. Ich bin früh auf den Beinen, zurück auf der Schotterpiste. Immerhin bleibt mir der Regen vorerst erspart, doch als ich um 08:30 Uhr in Sulitjelma an der Kirche einlaufe und kurz darauf vor dem noch nicht geöffneten coop stehe, herrscht mal wieder Mistwetter. Was soll’s? Der Drops ist gelutscht!

Die Route
Saltoluokta – Sitojaure – Aktse – Skierffe – Rapadalen – Skárjá – Álggavágge – Alkavare kapell – Tuottarstugorna – Staloluokta – Staddajåkkåstugorna – Sårjåsjávrre – Sulitjelma

Die Solo-Durchquerung der Sarek- und Padjelanta-Region bot alles, was eine gute Tour ausmacht. Anspruchsvolles Gelände, wechselhaftes Wetter, Unsicherheit, Freude, grandiose Landschaften, miese Stimmungen und ein tiefes Eintauchen in die Zeit vor Ort. Keine Oberflächlichkeit, kein schnelles Abenteuer. Es war eine Wanderung mit Haut und Haar. Jeder Moment kostbar – egal ob vor Kälte zitternd oder in die Sonne blinzelnd.

Aber, war da nicht noch was? Doch, ich habe ja Epilepsie. Jeden Morgen und Abend schluckte ich brav meine Tabletten. Mehr nicht. Ich fühlte mich gut, sicher. Auch völlig allein.

Diese Unternehmung war die erste Reise meines Projekts Mein Norden und ist auch Teil des gleichnamigen Fotobuchs.

> Bildergalerie Schweden und Norwegen 2012, Mein Norden // Zurück auf Los

Der Neuanfang

– Mit Micke und Per im Sarek, Winter 2001 –

Morgen geht es wieder los. Allein. Mit dem Flugzeug nach Stockholm, weiter mit der Bahn nach Gällivare in Lappland und per Bus und Boot über Kebnats nach Saltoluokta am Kungsleden. Von dort den Königsweg ein Stück südwärts zu den Aktse-Hütten und dann hinein in den Sarek, hinein in Europas letzte Wildnis. Hinauf auf den Skierffe und durch das Rapadalen nach Skárjá, dem Herz der Hochgebirgsregion. Wieder hinaus aus der wilden Bergwelt durch das Álggavágge, an der Kapelle von Alkavare vorbei und rüber in das „das höhere Land“, die Region Padjelanta. Schließlich zurück zur Zivilisation über Teile des Padjelanta- und Nordkalottleden nach Sulitjelma. Heimwärts wie gehabt. Mit Bus, Bahn und Flugzeug über Fauske, Trondheim und Oslo.

15 Tage werde ich in der kargen Landschaft zu Fuß unterwegs sein. Der Rucksack schwer und mit allem bepackt, was ich zum Leben dort draußen benötige. Ich kenne die Landschaft, weiß, was mich erwartet. Im hohen Norden Skandinaviens fing alles an. Vor mehr als 20 Jahren. Es sind diese Berge und Täler, die sich als erstes in mir einbrannten. Dort machte ich meine ersten großen Schritte. Zu Anfang im Sommer, später auch im Winter. Auf dem Kungsleden, mit etwas mehr Erfahrung dann auch im Sarek. Oft kam ich zurück in diese Landschaft.

Jetzt, nach der Epilepsie-Diagnose, wird dies meine erste anspruchsvolle Tour nach der schweren Zeit des zurückliegenden Sommers sein. Sie soll den Neuanfang markieren, die erste Reise der Idee, die mir im Kopf sitzt, seitdem es mich im wahrsten Sinne umgeworfen hatte. Jetzt will ich das beginnen, was all dem vielleicht dann doch einen Sinn verleiht. Das, wozu es gut war. Und was während der gerade erst absolvierten Reise weiter in mir gereift ist.

„Auch ich möchte raus. Wieder raus. Zu den Orten im Norden, an denen meine Passion für diese Landschaften ihren Anfang nahm und die mir im Laufe meines Reiselebens wichtig waren. Aber auch zu neuen Flecken, dorthin, wo ich noch nicht war. Der vielgenannte Neuanfang. Während unseres Unterwegsseins reifte die Idee, der Plan, das Konzept für ein neues und großes Projekt. Etwas, das ich jetzt beginnen möchte. Nach den Wirren und dem Krankheitsscheiß. Entwickelt aus und durch die Krise.“

Gerne hätte ich Euch die Projektpläne schon jetzt weiter erläutert, doch dafür fehlt mir die Muße so kurz vor dem neuerlichen Aufbruch, bin ich doch gerade erst gute zwei Wochen zurück von unserer Familienreise durch Schweden und Norwegen. Die kurze Zeit seitdem war ausgefüllt mit Planung und Arbeit, daher müsst Ihr euch noch gedulden, bis ich die Katze völlig aus dem Sack lasse, mich nicht mehr nur in Andeutungen verliere und alle Beweggründe darlege, die zu diesem Projekt – Mein Norden – geführt haben.

Wichtig ist auf jeden Fall, zurückzukehren zu meinen Anfängen. Aber gleichermaßen auch aufzubrechen zu neuen Abenteuern. Mit kindlicher Entdeckerfreude und voller Emotionen. Eine Liebeserklärung an Landschaften, Regionen und eine intensive Art des Unterwegsseins.

Es fühlt sich gut an. Macht Sinn. Und ich möchte meine Reise, bei der die Sarek- und Padjelanta-Durchquerung nur ein Baustein ist, auch auf neue Arten dokumentieren. In Worten, aber vor allem in Bildern. Der Weg „Zurück auf Los“ soll mich am Ende weiterbringen als vieles zuvor.

Charging Complete – Oder: Ich möchte raus

– Der blaue Punkt –

Wir wollten nur noch weg. Nach Schweden und Norwegen – auf unser imaginäres Sofa. Nach all meinen gesundheitlichen Querelen endlich die richtige Erholung finden, Abstand gewinnen, den Stress abschütteln. Und Kraft tanken für einen Neuanfang, die Akkus wieder aufladen. Das war vor gut vier Wochen. Jetzt sind wir zurück aus dem Norden – von Meeresküsten, Waldpfaden und Berggipfeln. Und tatsächlich: Mit dem räumlichen Abstand, dem Ausbruch aus der Umgebung, an die ich zuvor so gefesselt war, konnte ich weitere Schritte nach vorne tun. Nur zu Beginn, in der ersten Woche, da schlich sich noch einmal für einen Tag die Krankheit in mir ein. Mit Kopfschmerzen, Gliederziehen und Kältegefühl – wie daheim kurz vor unserer Abreise. Aber dann ging es stetig aufwärts. Und je länger wir unterwegs waren, desto mehr konnten wir abschalten, alles zurücklassen. Uns einfach erfreuen an dem, was sich am Wegesrand auftat.

Schön war’s. Sehr sogar! Und entgegen unserer letztjährigen Rundreise durch Norwegen, bei der uns ein Weltuntergangswetter auf Schritt und Tritt begleitete und wir fast tagein tagaus mit fiesem Regen zu kämpfen hatten, war es in diesem Jahr überwiegend trocken und warm. Herrlich. Wir konnten meistens draußen vor dem Zelt frühstücken und zu Abend essen und mussten uns nicht ständig verkriechen. Das tat der Erholung gut und spornte uns an, immer wieder in die Natur aufzubrechen. An einigen Orten machten wir dafür länger Station und fuhren nicht jeden Tag weiter. So in der Region Höga Kusten im Osten Schwedens, wo wir Wanderungen im Skuleskogen-Nationalpark unternahmen. Über Stock und Stein, durch Schluchten und Wälder, an Seen und dem Meer entlang. Oder am Kallsjön in Jämtland. Dort bestiegen wir bei etwas rauerem Wetter den Gipfel des Suljätten und stapften durch sumpfiges Gelände. Und schließlich am Femundsee in Ost-Norwegen. Zwischen Rentieren, Ameisenhügeln und Pilzen kamen wir endgültig zur Ruhe. All das drumherum und zwischendurch – die Großstadt Stockholm, der verlassene Skiort Åre, das beschauliche Røros oder die touristische schwedische Westküste am Ende unserer Reise – war darüber hinaus schmuckes Beiwerk und nette Abwechslung.

Köstlich auch die Burger an den ESSO-Tankstellen, das eine und andere Softeis. Oder die riesige Tüte voller Godis, die wir im Örnsköldsviker Candy Corner erstanden. Wir ließen es uns gut gehen. Meine Epilepsie-Pillen nahm ich nicht mehr so stur zur immergleichen Uhrzeit ein, schlief lieber aus und hatte immer seltener mit Schwindel zu tun. Das Gefühl, krank zu sein, rückte in den Hintergrund. Wenn wir in die Natur eintauchten und ich Selma in der Kindertrage auf dem Rücken trug, konnte ich fast alles abstreifen. Lieber hielten wir Ausschau nach Tieren, Tannenzapfen und Tümpeln …

Zu unserer großen Freude sprach Selma in diesem Urlaub auch ihren ersten korrekten Satz: „Ich möchte raus!“ Keinen wurschteligen Sprachfetzen mehr, bei dem das eine oder andere Wort fehlt. Nein, sie sagte es klar heraus. Immer wieder. Jeden morgen. Gut, sie meinte damit im Grunde nur, hinaus aus dem Zelt zu wollen. Wir fassten es etwas weiter, so, als wenn sie damit ausdrücken würde, mit Wanderschuhen an den Füßen und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken endlich wieder hinein in die Natur zu können. So sind Eltern eben.

Für mich wurden diese drei Worte gar zu einer Art Mantra. Auch ich möchte raus. Wieder raus. Zu den Orten im Norden, an denen meine Passion für diese Landschaften ihren Anfang nahm und die mir im Laufe meines Reiselebens wichtig waren. Aber auch zu neuen Flecken, dorthin, wo ich noch nicht war. Der vielgenannte Neuanfang. Während unseres Unterwegsseins reifte die Idee, der Plan, das Konzept für ein neues und großes Projekt. Etwas, das ich jetzt beginnen möchte. Nach den Wirren und dem Krankheitsscheiß. Entwickelt aus und durch die Krise.

In Kürze mehr zu diesem, meinem weiteren und neuen Weg. Jetzt sind wir erstmal wieder hier. Erholt. Charging Complete sozusagen.

Die Reiseroute
Helsingborg – Gränna (Vätternsee) – Simonstorp – Lungsund – Stockholm – Högen – Docksta – Höga Kusten – Skuleskogen – Örnsköldsvik – Stugun – Östersund – Kallsjön – Åre – Trondheim – Røros – Femundsee – Mollösund – Göteborg – Falkenberg – Laholm – Kullen – Malmö

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