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Polarnacht

– Tjäktjapasset –

Wie jeden Tag brechen wir im Morgengrauen auf. Unterwegs von Hütte zu Hütte verlassen wir auf unserer Mittwintertour über den Kungsleden in Lappland im ersten fahlen Licht die heimelige Tjäktjastugan. Schnee bläst uns um die Hausecken ins Gesicht. Fest verzurren wir die Kapuzen bei minus 14 Grad und machen uns auf den Weg, den Tjäktjapasset zu überschreiten hinüber ins Tjäktjavagge. Mit gesenktem Haupt stemmen wir uns dem Sturm entgegen. Erklimmen Meter um Meter hinauf zum höchsten Punkt der ganzen Wanderung. Das Weiß wirbelt über die Bergkämme, über denen sich ein blauer Himmel wölbt. Die Sonne, die sich in der Polarnacht hinter dem Horizont verbirgt und nie zum Vorschein kommt, zaubert nur einen blassen Schein auf die wenigen Wolkenfetzen. Nach guten anderthalb Stunden stehen wir gegen 11 Uhr auf der Passhöhe, schaufeln die Türe der dortigen Rastschutzhütte frei und finden darin für Momente Schutz vor dem garstigen Wind, der uns die Temperatur noch weitaus unangenehmer empfinden lässt. Doch um nicht zu viel Zeit verstreichen und die kostbaren Stunden Helligkeit ungenutzt zu lassen, machen wir uns bald wieder auf den Weg. Zuvor bemerkt Jerome einen weißen Fleck auf meiner Nase – das erste Anzeichen einer Erfrierung. Während des Aufstiegs hatte ich mein Gesicht der Kälte zu ungeschützt entgegengestreckt. Schnell ziehe ich jetzt ein Tuch darüber, bekomme dafür auf den ersten Schwüngen hinab ins nächste Tal kaum mehr Luft. Erst als die Böen nachlassen und auch die normale Farbe zurückkehrt, können wir etwas entspannter weiterlaufen in Richtung Sälkastugan und der Dunkelheit, die zu dieser Zeit des Jahres bereits am frühen Nachmittag wieder heraufzieht.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-E2 und dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS

– Tjäktjapasset –
– Kuopervagge –
– Liddopakte –
– Tjäktjavagge –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Schweden 2013, Mein Norden // Polarnacht

The Land of Maybe

– Malinsfjall –

Wir erreichen „The Land of Maybe“ im Nebel. Wie auch sonst, alles andere wäre eine Überraschung. Verregnet ist das Olavsfest, der Nationalfeiertag, der uns den Einstieg in dieses Land beschert. Bunte Trachten erhellen die Hauptstadt Tórshavn, wo wir vor Regen geschützt Fish’n Chips essen, während im Hintergrund eine Blaskapelle spielt. Wind und Wetter sind die bestimmenden Faktoren, nach denen sich auf den Färöer-Inseln alles richtet. An den äußersten Kanten säumen schmale Straßen die Eilande und führen zu entlegenen Dörfern, die oftmals nur aus einer Handvoll Häusern bestehen und verwittert dem launischen Wetter trotzen. Oft hängen Wolken und Nässe tief zwischen den engstehenden Bergen. Dann blinzelt urplötzlich die Sonne hervor, bis sich die Szenerie einen Wimpernschlag später wieder verhüllt. Nirgends habe ich bisher so rasche Wetterwechsel erlebt. Beeindruckt von all der Schroffheit folgen wir unwegsamen Schafspfaden und erkunden die Inseln, die sich wie grüne Haifischflossen aus dem Meer emporrecken. Wir bleiben fast vier Wochen und ernten fragende Blicke der Einheimischen. Als würden sie selbst nicht verstehen, was man hier zu suchen hat. Doch wir sind glücklich darüber, in dieser einmaligen, abgeschiedenen Gegend unterwegs zu sein. Als die Wolkendecke einmal komplett aufreißt, und wir einen Gipfel erklimmen, liegt uns das halbe Archipel zu Füßen. Weit reicht der Blick über all die grünen Zacken, tiefen Täler und blauen Fjorde. In der Ferne entdecken wir Risin und Kelligin, die einst von Island kamen, das sich Sorgen um die kleinen Färöer machte. Die Trolle wurden ausgesandt, sie nach Hause zu holen, doch es dauerte zu lange, alle 18 Inseln zu vertäuen, um sie übers Meer nach Island zu ziehen. Die Nacht war fortgeschritten, der Tag graute. Und als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont kamen, verwandelten sich Risin und Kelligin augenblicklich zu Stein. Unsere Reise führt uns ans Ende der Welt, in eine dramatische Insellandschaft, in der sich die Färinger zwischen Tradition und Moderne bewegen. Die bäuerliche Landarbeit wirkt oft wie ein Relikt längst vergangener Zeiten. Traktoren sehen wir selten. Hingegen viel Handarbeit allerorts. Ganze Familien, die gemeinsam mühselig in kleinen Portionen Heu einfahren. Daneben gehen Helikopterflüge von Insel zu Insel einher und nicht zu vergessen millionenschwere Tunnelbauten. Vieles bleibt uns verborgen und ist schwer zu fassen. Es verliert sich im Nebel und wir blicken staunend auf die Schafsinseln zurück.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-E1 und dem XF14mmF2.8 R, dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS sowie dem XF55-200mmF3.5-4.8 R LM OIS

– Oyndarfjørđur –
– Tjørnuvík –
– Fossá –
– Tindhólmur –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Färöer-Inseln 2013, Mein Norden // The Land of Maybe

It’s raining cats and dogs

– Elgol –

Während der Busfahrt von Glasgow nach Portree zieht das ganze Übel an mir vorüber. Es regnet Bindfäden, allerorts rauschen die Bäche wild schäumend die Berge herunter, das Wasser der Seen tritt über die Ufer und im Glen Shiel schneit es obendrein auch noch. Mit einem mulmigen Gefühl komme ich auf der Isle of Skye an – ich befürchte eine Wasserschlacht. Genährt wird diese Vorstellung zudem von anderen Wanderern, die mir vor Ort erzählen, ihr Vorhaben, den Skye Trail ebenfalls komplett zu begehen, bereits abgebrochen zu haben. Fortan wollen sie sich nur noch auf einige Häppchen des Weges beschränken, um zwischendurch immer mal wieder in wohlig warmen Hostels durchtrocknen zu können. Eine steife Brise tut ihr übriges dazu und treibt das Nass klatschend über die Insel der Inneren Hebriden. Aber was soll’s? So, als könne mich nichts erschüttern, kaufe ich mir erst einmal eine wetterfeste Karte des Weges, bevor ich in Broadford starte, und trotze in der folgenden Zeit stoisch den immer wiederkehrenden Regengüssen, stürmischen Winden und schmatzend feuchten Böden. Dabei zelte ich an wunderschönen Flecken, die ich zwischen all der Matsche finde, und laufe von Süd nach Nord den ganzen Weg. An den Ruinen von Boreraig und Suishnish vorbei, durch Torrin und Elgol. Am Meer entlang und auf dem Cliffpath hoch über steilen Klippen. Ich erklimme den Gipfel des Sgurr na Stri und später auch noch des Ben Tianavaig. Von den Cuillins sehe ich jede Felsenspitze und habe eine Nacht lang meine Ruhe am Loch Coruisk, dem vielbesuchten Ausflugsziel. Sligachan liegt am Wegesrand und The Braes. Dann der Old Man of Storr und sein Nachbar, der Needle Rock. Dort warte ich ab. Aber anstelle guten Wetters, das für das folgende Stück über die ausgesetzte Trotternish Ridge jetzt wirklich nötig wäre, setzen Graupelschauern ein und erneut fällt Schnee aus tiefhängenden, düsteren Wolken. Dazu zieht ein Sturm auf, der mich sicherlich hinaus aufs offene Meer schleudern würde. Der Bergkamm bleibt mir daher als einziges verwehrt und ich folge stattdessen der Straße bis Staffin. Das ist indes nicht weiter schlimm – zum Ende der Tour entschädigt Quiraing und schließlich The Lookout, hoch über Hunish und der Nordspitze der Isle of Skye. Zufrieden, es geschafft zu haben, verbringe ich die letzte Nacht in dieser ehemaligen Hütte der Küstenwache und blicke von dort über die raue See.

Fotografiert mit der FUJIFILM X100S sowie der FUJIFILM X-Pro1 und dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS

– Loch Slapin –
– Old Man of Storr –
– The Prison, Quiraing –
– Sound of Raasay –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Schottland 2013, Mein Norden // It’s raining cats and dogs

Von brigđi

– Nýjabæjarfjall –

Einmal von der Ringstraße im Norden bis zur Ringstraße im Süden. Durch das Hochland und über den Vatnajökull. Eine Herausforderung, die neben der anspruchsvollen Route vor allem vom Wetter bestimmt wird. Als wir auf der Öxnadalsheiđi an der Startlinie stehen, sind wir voller Hoffnung. Aber genauso gewarnt von einem früheren Versuch, der zum Scheitern verurteilt war. Wird es kalt und schneereich? Oder könnten uns Plusgrade gar mal Regen bescheren? Und was macht der Wind? Besonders die Stürme sind berüchtigt. Doch entgegen all unserer Furcht vor den Naturgewalten, ist uns der isländische Wettergott von Anfang an wohlgesinnt. Während unserer Skitour zeigt sich die Insel sanft wie ein Lamm. Kaum ein White-Out verhüllt die Landschaft. Die Minusgrade sind mäßig. Oft scheint die Sonne vom stahlblauen Himmel. Und es regnet nie. Nur ein paar Nickeligkeiten liegen auf unserem Weg durch Schnee und Eis und verleihen der Unternehmung die nötige Würze. Der Sprengisandur inmitten des Hochlandes ist nicht allerorts solide verschneit. An manchen Stellen müssen wir zwischen Hofs- und Tungnafellsjökull im Zickzack nach gangbaren Routen suchen und die Pulka-Schlitten auch das eine oder andere Mal kurze Stücke tragen. Im wahrsten Sinne des Wortes liegen uns hier und da kleine Stolpersteine im Weg. Daher sind wir erleichtert, als sich der Panzer des Vatnajökull vor uns ausbreitet und wir unweit des Vonarskarđ, des Passes der Hoffnung, über den Köldukvíslarjökull auf die ausgedehnte Fläche ewigen Eises steigen können. Von hier an laufen wir ohne sonderliche Hürden weiter über den größten Gletscher Europas. Vorbei an der Grímsvötn-Caldera und bis zu seinem südöstlichen Ende, dem Skálafellsjökull, über den wir wieder hinabgleiten in tiefere Lagen, der Küste und dem Meer entgegen. Doch die Ringstraße erreichen wir erst durch einen kasteienden Akt – auf zunehmend schneeloser Piste buckeln wir all unser Gepäck die letzten Kilometer vom Eisrand bis zum Zielstrich. Voilà!

(Von brigđi ist ein Remix-Album der isländischen Band Sigur Rós, auf dem die Songs ihres Erstlingswerks Von neu aufgearbeitet wurden. Der Albumtitel Von brigđi bedeutet soviel wie „Variationen von Hoffnung“.)

Fotografiert mit der FUJIFILM X-Pro1 und dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS

> Zum Tagebuch meines früheren Versuchs einer Island Winter-Transversale

– Vatnajökull –
– Vatnajökull –
– Hamarinn –
– Jöklasel –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Island 2013, Mein Norden // Von brigđi

Die weiße Wüste – (B-Seite)

– Auf die Vidda –

Wir erreichten Sandhaug inmitten der tief verschneiten Hardangervidda gleichzeitig mit drei Norwegern. Sie kamen aus Südwest von Litlos, wir aus südlicher Richtung von Hansbu. Schnell war in der Selbstversorgerhütte Sandhaugs ein knisterndes Feuer im Ofen entfacht und wir tauten rasch auf an diesem windig-kalten Tag, der uns in die heimelige Unterkunft getrieben hatte.

Nachdem die üblichen Einstiegsfragen des Woher und Wohin gestellt, die Nationalitäten geklärt und aller anfänglicher Smalltalk abgehakt waren, stiegen wir bei Keksen, Tee und Kaffee ein in eine rege Unterhaltung, die Jerome und mich gleichsam zum Staunen und Lachen brachte. Bjørn Tomren, der viele Wochen zuvor an Norwegens südlichster Spitze, dem Kap Lindesnes, zu einer Skitour zum Nordkapp aufgebrochen war und noch ewige Zeiten unterwegs sein würde, entpuppte sich als Musiker mit Liebe zur deutschen Volksmusik. Er mochte Heino und Margot Hellwig und war selbst ein landesweit bekannter Jodler. Auch Klaus Kinski war für ihn ein Genie, der sich irgendwie mit in unsere Unterhaltung schlich, und dem Bjørn einst eine Ode gewidmet hatte. Zudem erzählte er uns von Konzerten in Deutschland, die er selbst gegeben und bei denen er dem Publikum kundgetan hatte, Florian Silbereisen zu mögen, wofür er in Berlin ausgebuht wurde und in München beim Publikum den Eindruck einer Verarschung hinterließ. Nun, wir hatten unseren Spaß in Sandhaug, der immer mal wieder mit einem kleinen Jodler Bjørns untermalt wurde …

Der zweite im Bunde, Endre Ruset, war ein Gedichte-Schreiber, und er begleitete Bjørn auf dessen Mission „Norge på langs“ immer mal wieder. Zwischendurch stieg er ab und an auch wieder aus, um zu arbeiten und zu schreiben. Überhaupt kam bei dieser Mammut-Tour alles nicht so genau – schließlich seien sie Künstler und machten es eben Hippie-Style. Dazu passte auch die zerrissene Unterhose des anderen Bjørn, dem letzten des Norweger-Trios. Er trug ein Beinkleid, mit dem wir uns kaum in die Kälte gewagt hätten. Aber er lief darin das Stück über die Hardangervidda mit, um anschließend von Finse mit der Bahn nach Voss zu fahren, dort weitere Freunde zu treffen, mit ihnen zu einer nächsten Hütte zu laufen, wo sie gedachten, ein gemeinsames Wochenende mit viel Alkohol zu verbringen. Eine Herrentour, zu der schon jetzt gut passte, dass er nach dem Abendessen einige Flaschen Underberg auspackte.

Über Jodler Bjørn stieß ich wieder daheim auf die Band Polkabjørn & Kleineheine. Und den Song I Like to Ski. Wie passend zu unserer Begegnung im Nirgendwo, bei der wir neben dem Phänomen Volksmusik auch so Sachen wie Ski-Expeditionen über das grönländische Inlandeis oder quer durch Island thematisierten.

Die Begegnung mit den Dreien war ein Highlight unserer Tour über die Hardangervidda, der größten Hochebene Nordeuropas. Seinerzeit hatte ich das eisige Abenteuer auch im Rahmen meines Projekts Mein Norden unternommen, doch die dabei gemachten Aufnahmen haben es nachher nicht ins gleichnamige Fotobuch geschafft. So ist diese Geschichte und Bilderserie quasi nur eine B-Seite meines Bildbands.

Nun gut, unsere Unternehmung verlief ansonsten wenig spektakulär und ist rasch erzählt. Nach unserem Aufbruch in Haukeliseter wurde das Wetter strahlend gut und knackig kalt. Die Sonne stand am blauen Himmel und die Temperaturen sanken bis auf minus 25 Grad hinab. Dazu war es absolut windstill. Doch die Freude an diesen traumhaften Bedingungen, dem Geschenk, in dieser einsamen Winterlandschaft unterwegs sein zu dürfen, hielt bei mir nicht lange an. Vor unserer Abreise nach Norwegen plagte mich eine Erkältung mit Schnupfen, die bis zum Start noch nicht ganz verschunden war und nun in Schnee und Eis wieder auftauchte, mir die Kälte in die Glieder trieb und die Rotze in die Nase. Angeschlagen und mit müden Beinen war ich froh, dass wir einen ganzen Tag in Sandhaug ausharrten und ich mich dort am fünften Tourtag wieder etwas berappeln konnte. Selten hatte ich mich so über schlechtes Wetter gefreut, das nach der Stille nun mit starkem Wind und Schneetreiben über die Vidda fegte. Am Holzfeuer konnte ich mich wärmen.

Als wir schließlich weiterzogen, brach die Sonne nur noch selten durch die Wolken und die Landschaft war in fahles Licht getaucht. Zeiten ohne Wind wechselten sich mit stürmischen Momenten ab, in denen die Hardangervidda ihr wahres Gesicht zeigte. Finse erreichten wir trotz allem ohne Probleme. Auf meiner elften Skitour durch die weiße Wüste fanden meine Beine den Weg fast wie von selbst. Ich war nur müder als sonst – die Tage hatten mich geschlaucht.

Dabei war es natürlich einmal mehr wunderschön, die Skispitzen durch den Schnee gleiten zu lassen, die funkelnden Kristalle zu bestaunen und mit den Augen über die Weite zu schweifen.

Die Route
Haukeliseter – Hellevassbu – Låven – Hansbu – Sandhaug – Rauhelleren – Fagerheim – Krækkja – Finse

Fotografiert mit der FUJIFILM X-Pro1 und dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS

– Låven –
– Vesle Nup –
– Fast weg –
– Rauhelleren –

> Bildergalerie Norwegen 2013, Die weiße Wüste – (B-Seite)