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Der dritte Frühling

– Spreehler Mühle –

Eine graue Wolkendecke liegt über der Landschaft. Die Temperatur nur wenige Grad über Null. Von Wuppertal-Beyenburg laufe ich durch den Wald zur Spreehler Mühle. Zwischen Bäumen versteckt sich dort ein kleiner Steinbuch. Zu Füßen der felsigen Wände schlüpfe ich in meinen Gurt, befestige daran das Klettersteigset und setze den Helm auf. Andächtig schaue ich empor, verfolge mit meinen Augen den Verlauf der Route. Dann steige ich ein, hänge die Karabiner ins Drahtseil. Abschüssige Bänder, senkrechte Aufschwünge. Schritt, Griff. Seitwärts, aufwärts. Höher und höher. Bis ich oben bin. Zurück hinab folge ich einem schmalen Pfad. Und kraxel dann erneut durch die Wand. Wieder und wieder.

“There are only three sports: bullfighting, motor racing, and mountaineering; all the rest are merely games.” – (Ernest Hemingway)

Meine Kletterkarriere begann vor über 30 Jahren. Mit einem Schulkameraden stöberte ich mickrige Felsen an Spielplätzen auf, wir querten Bruchsteinmauern und mühten uns an Brückenpfeilern ab. Doch ich sah mich sofort zu Höherem berufen, verschlang Alpinliteratur und träumte von harten Winterbegehungen in den Alpen. Aber zuerst machte ich einen Kurs beim DAV. Lernte den Ith und die Eifel kennen, den Halbmastwurf und den Achterknoten. Die Felsen am nahen Isenberg wurden ein beliebtes Ziel. Das alte Blubberdach (6+) einer meiner schwersten Vorstiege. Es verstrichen die Jahre, während derer ich im Schulunterricht unter dem Tisch Klettermagazine las und in Freistunden zu den Wuppertaler Klettertürmen fuhr – bizarren Gebilden aus der Frühzeit künstlicher Kletteranlagen – und Ausdauer trainierte. Auch ins Boulder-Mekka Fontainebleau verschlug es mich. Und schließlich mit einem Freund gar tatsächlich ins sommerliche Hochgebirge, zur Fahrradlkante am Oberreintalturm im Wetterstein. Nur verstiegen wir uns frühzeitig in diesem Klassiker, kehrten bald um und seilten wieder ab. Ein Alpinist wurde nicht aus mir. Auch kein sonderlich guter Kletterer. Mein Verhältnis zur Senkrechten gestaltete sich zunehmend zu einer On-Off-Beziehung.

Nach einer kurzen Zeit der Abstinenz kam Ende der Neunzigerjahre allerdings das Feuer zurück. Hallenklettern war mittlerweile längst en vogue und so tummelte auch ich mich nun vermehrt an Plastikgriffen und schaffte es mit Ach und Krach irgendwie bis in den siebten Grad. Aber das war nur eine Spielwiese. Mit dem Jahrtausendwechsel drängte sich nach dem Fels das Eis in meine Träume. Gefrorene Wasserfälle wurden Ziel meiner Begierde, die ich in den Allgäuer Alpen und in Schweden zu stillen versuchte. Ich liebte es, die Hauen meiner Black Prophet Eisgeräte ins Eis zu schlagen, auf den Frontzacken der Steigeisen zu stehen und Eisschrauben zu setzen. Schnell stieg ich einfache Sachen vor und hatte mit schwedischen Freunden riesigen Spaß – trotz eisig kalter Hände und abenteuerlicher Abseilaktionen an selbstgedrehten Eissanduhren. Aber dann kam mir die Horizontale einmal mehr dazwischen und ich tauschte immer häufiger die Kletterausrüstung gegen eine Skitourenausrüstung. Zwar wurde ich jetzt rasch gut darin, mit langen Latten an den Füßen weite Strecken zurückzulegen, aber einher ebbte mein Drang wieder ab, hoch hinaus zu wollen.

Es folgte eine lange Phase, in denen ich der Kletterei nur äußerst sporadisch nachging. Mehr als ein Jahrzehnt stand sie hinter anderen Outdooraktivitäten an. Bis mich im letzten Jahr ein unstillbarer Bewegungsdrang überkam und erste Ausflüge in die Spreehler Mühle nur ein weiterer Neuanfang als Bergsportler waren. Angestachelt durch meine beiden Neffen und meine Nichte, die allesamt mit dem Bouldern begonnen hatten, wollte ich mir als alter Onkel darüber hinaus keine Blöße geben und ihnen zeigen, wie der Kletterhase läuft. Nach einem gemeinsamen Ausflug in die Wuppertaler Boulderhalle Bahnhof Blo hatte ich zwar prompt ordentlichen Muskelkater in den Unterarmen, war aber ebenfalls sofort wieder angefixt. Das war vor gut zwei Monaten und seitdem stecke ich erneut im Sog dieser Sucht namens Klettern. Ob Wupperwände oder das Dortmunder Bergwerk – so oft es geht möchte ich mich dieser Tage in die engen Kletterschuhe zwängen und mich an Routen und Bouldern probieren. Ich will es noch einmal wissen, in welche Schwierigkeitsgrade ich vordringen kann. Ob 3, 4, 5-, 5, 5+, 6-, 6 – all das klappte schon in kurzer Zeit und lässt mich weiter Blut lecken. Okay, bisher fast alles nur im Toprope, aber ich bin ja auch zum dritten Mal ein Kletteranfänger …

Dass zudem meine Frau und Tochter mit an einem Strang ziehen und sie aktuell ihren ersten Kletterfrühling erleben, während ich dessen Nummer Drei genieße, macht das Spiel mit der Schwerkraft momentan umso schöner!

Auf Speed

– Schnellen Schrittes –

Vorgestern bin ich mal wieder den Langenberger Rundweg gelaufen, den ich zuletzt Ende Oktober vorigen Jahres in Angriff genommen hatte.

Mal wieder startete ich daheim und wanderte zuerst ins Deilbachtal, wo ich auf die eigentliche 34 km langen Runde stieß. Ich marschierte weiter ins Felderbachtal und hinüber nach Velbert-Nierenhof. Es folgten Huisgen und das Asbachtal. Die Temperaturen waren fast frühlingshaft, während derer ich durch Wälder und über Felder schritt. Pfade, Feldwege, auch mal ein Stück Asphalt. Ein auf und ab, ein weiter, immer weiter. Ein Golfplatz zur linken, später Windrath, Nordrath. Wieder im Deilbachtal schloss sich der Kreis und ich musste von dort nur noch zurück nach Hause flitzen.

Nur vier Pausen machte ich unterwegs – zwischen Morgengrauen und  Dunkelheit. Doch nie läuft alles ganz ohne Beschwerden ab – mal wieder zwickte es an mehreren Stellen. Am linken Fuß drückte nicht nur die Schnürung des Schuhs, sondern noch immer reagierte die Stelle unter der Ferse sensibel auf eine stundenlange Belastung, an der ich mir während einer Wanderung über den Ennepetaler Wappenweg vor mittlerweile 13 Monaten eine üble Blutblase zugezogen hatte. Aber egal, dieses Mal war es nur ein leichtes Zwicken, was mich nicht davon abhielt, die Tour von Anfang bis Ende schnellen Schrittes durchzuziehen.

Hatte ich für den Rundweg um Langenberg beim letzten Mal noch knappe 10,5 h benötigt, war ich nun bereits nach nur 9 Stunden und 20 Minuten wieder zu Hause.

„A strong will grows from suffering and being rewarded for it.“

Mark F. Twight hat einfach recht – alles Durchhalten hatte sich mal wieder gelohnt und ausgezahlt in einer neuen Bestzeit auf dieser Runde. Überhaupt bin ich auf allen Trainingsunternehmungen, die ich in den zurückliegenden Wochen und Monaten unternommen habe, immer deutlich zügiger unterwegs als in früheren Tagen. Ich frage mich, worin dieser Geschwindigkeitsschub begründet liegt. Etwa in den „Neujahrsvorsätzen“, die ich bereits seit Ende der Sommerferien versuche umzusetzen? Eine gesündere Ernährung mit weniger Zucker und weniger fettigem Zeug. Das brachte zwar umgehend einen Gewichtsverlust von 2, 3 Kilo mit sich, aber auch eine Beruhigung meines Verdauungstraktes und ein insgesamt besseres Körpergefühl. Oder trägt einfach das seit geraumer Zeit recht konsequent durchgeführte Coretraining dazu bei, dass ich meine Füße flinker bewegen kann? Egal, der Fitnesszuwachs macht auf jeden Fall Lust, noch so manche Herausforderung anzunehmen!

Mal sehen, was das nächste Jahr so bringt – weitere lange Tageswanderungen habe ich bereits auf dem Schirm.

Es ist mal wieder an der Zeit …

– Auf der Hardangervidda –

Vier Jahre nach meiner letzten Wintertour (einer Überquerung des Jostedalsbreen 2016), zehn Jahre nach meiner letzten Solo-Wintertour (einer Skitour über die Hardangervidda 2010) und 17 Jahre nach meiner letzten Wintertour durch den Sarek-Nationalpark im Jahre 2003 ist es mal wieder an der Zeit, mit Ski und Pulka-Schlitten durch die weiße Weite nordischer Einsamkeit zu ziehen. Im kommenden März mache ich mich daher auf, um weit nördlich des Polarkreises von Abisko über Ritsem bis nach Kvikkjokk durch das schwedische Fjäll zu laufen. Zuerst ein Stück auf dem Kungsleden, dann etwas abseits des bekannten Königspfades und schließlich als I-Tüpfelchen noch einmal quer durch den Sarek. Allein hinein in „Europas letzte Wildnis“ und unterwegs auf den Spuren meiner eigenen Vergangenheit. Auf dem Kungsleden fing Anfang der Neunzigerjahre alles an. Und im Sarek-Nationalpark glückte meine erste erfolgreiche Wintertour im Norden Schwedens.

Aber kommt erstmal mit und schwelgt mit mir in Erinnerungen – hier ist der Bericht meines Sarek-Abenteuers in jungen Jahren. Unternommen in den Osterferien 1994 kurz vor dem Abitur und erstmals veröffentlicht in Ausgabe 1/99 des Wandermagazin:

Dem Mythos auf der Spur

Auf Skiern alleine durch den Sarek-Nationalpark

An einem Samstagnachmittag erreiche ich das nordschwedische Städtchen Jokkmokk. Bis zum kommenden Montagmorgen muss ich dort allerdings nun erstmal ausharren – erst dann fährt der nächste Bus nach Kvikkjokk, dem Ausgangspunkt meiner geplanten Sarek-Durchquerung. Ich überlege noch, ein Taxi dorthin zu nehmen, doch der Preis für die knapp 200 Kilometer lange Strecke ist so schwindelerregend, dass es mich beinahe in den Schnee wirft. Also doch warten. Dem Taxifahrer ist es wohl recht so. Lieber kurvt er weiter durch Jokkmokk und trinkt zwischendurch heißen Kaffee in der Zentrale, als einen verrückten Deutschen in das einsame Nestchen am Arsch der Welt zu bringen. So niste ich mich dann für zwei Nächte im Vandrarhem ein und nutze die zur Verfügung stehende Zeit zum „Langlauftraining“ auf einer nahegelegenen Loipe. Mehr schlecht als recht drehe ich dort einige Runden. Hoffentlich wird’s im Sarek bald besser gehen.

Meine Gedanken wandern zurück, während ich in einer Trainingspause alleine am Küchentisch des Vandrarhems sitze und einen warmen Tee schlürfe. Ich bin der einzige Gast, das Haus ist von Stille erfüllt. Erst im letzten Winter war ich wegen falscher Ausrüstung am bekannten Kungsleden – nach nur einem Tag – gescheitert. Die neuen Back-Country-Ski und die Negativ-Erfahrungen dieses missglückten Trips sollen eine Durchquerung des viel schwereren Sareks möglich machen. Den Mythos, der ihn umgibt, im Kopf – das vermeintliche Wissen um extreme Kälte, brutale Stürme und endlose Einsamkeit –, habe ich dennoch ein ungutes Gefühl in der Magengegend. All diese im Raum stehenden Warnungen, die den Gedanken an eine Solotour eigentlich im Keim ersticken sollten, sind es aber, die meine Phantasie beflügeln und die ich auf Wahrheit überprüfen will.

Ein früher Start
Um viertel nach Fünf spuckt mich der Bus, zusammen mit fünf Franzosen, in Kvikkjokk aus. Das tiefverschneite Nest liegt an diesem Märzmorgen menschenleer am Sakkat-See. Nachdem der Busfahrer auch die Post abgeworfen und uns in der Kälte zurückgelassen hat, tauchen wir nordwärts in den Wald ein. Langsam wird derweil die bläulich-kalte Nacht von der aufkommenden Sonne verwischt.

Einer Skidoo-Spur folgend, kommen wir auf den ersten Kilometern schnell voran. In der Gegend der zugefrorenen Seen Unna- und Stuor Dáhtá verlasse ich den Trupp Franzosen und schlage mich alleine – gen Sarek – in die sich nach Westen ausweitende Buschlandschaft. Die Boarek-Sameviste – ein kleines Lappenlager – ist mein erstes Etappenziel.

Im Wirrwarr der Birken und Fichten verlaufe ich mich aber sogleich fürchterlich. Ich folge den falschen Skidoo-Spuren, die abrupt im Nichts enden, stürze unzählige Male im grundlosen Tiefschnee der Wälder und geistre frustriert umher. Erst am späten Nachmittag – vom ewigen Suchen und nicht Finden schon ziemlich erschöpft – treffe ich auf die richtige Spur. Diese führt mich endlich hinauf in die Berge. Zwei Schweden überholen mich noch auf ihren Motorschlitten, auch sie sind auf dem Weg zur Sameviste. An diesem Abend komme ich jedoch nicht mehr dorthin, und ich baue schließlich – mitten auf deren Spur – mein Zelt auf.

Dieser erste Tag hat mich schon ziemlich geschlaucht. Aller Hunger ist mir vergangen. In den ersten geschmolzenen Schnee werfe ich bloß eine Aspirin-Brausetablette und stürze die lauwarme Flüssigkeit mit gierigen Schlucken hinunter. Ein bisschen Schokolade ist alles, was ich noch an fester Nahrung zu mir nehme.

Wo ist die Hütte?
Der zweite Tag ist nicht minder lang und anstrengend. Der Weg über den Pass des Sähkok ist steil und stark vereist. Bei meinem begrenzten skifahrerischen Können kann ich die Bretter auf den glatten Passagen nur schwerlich unter Kontrolle halten. Manche Stelle bringe ich beinahe kriechend und auf allen vieren hinter mich.

Auch hinab ins Njoatsosvágge geht es anschließend nicht besser. Des öfteren schnalle ich die Ski ab und laufe die steilsten Abschnitte – manchmal bis zu den Knien einsinkend – zu Fuß hinunter. Vom Gehen ermüdet – so aber zeitraubenden Stürzen entgangen –, komme ich zu Beginn der Dämmerung unten im Tal an.

Der Gedanke an die wenige Kilometer entfernt liegende Njoatsosstugan (Anm.: Die Hütte existiert mittlerweile nicht mehr) treibt mich aber sogleich weiter. Ich folge dem Fluß, an dem die Hütte liegt, und hoffe sie somit bei immer schlechteren Lichtverhältnissen nicht zu verpassen. Aber auch mit den Skiern sinke ich oftmals knietief ein. Ich bin zu langsam und entschließe mich dazu, bei aufkommendem Schneegestöber dann doch mein Zelt irgendwo aufzuschlagen. Bei meiner angekratzten Kondition, dem immer schlechter werdenden Wetter und der fast schon vorhandenen Dunkelheit will ich nicht zuviel riskieren. Es erscheint mir sicherer, bei noch ausreichender Fitness in relativer Nähe der Hütte sicher zu zelten, als total erschöpft von einer langen Sucherei unmittelbar neben dem Häuschen nachher noch zu erfrieren.

Zwischen ein paar mickrigen Birken und einem großen Felsblock werfe ich meinen Rucksack in den Schnee. Die Sicht schrumpft auf wenige Meter. Schneeflocken wirbeln um mich herum. Ich versuche, die Skier abzuschnallen, komme jedoch nur mit dem linken Schuh aus der Bindung. Ich fange mit dem rechten Fuß an zu zerren, zu drücken, zu reißen. Nichts tut sich. Irgendwie muss Schnee in die Bindung gelangt sein und nun lässt sie sich nicht öffnen. Von dem unwirtlichen Wetter bekomme ich schon kaum mehr etwas mit. Der Ski hält mich gefangen. In meiner Verzweiflung krame ich meine Biwakschuhe aus dem Rucksack. Den Rücken gegen den immer stärker werdenden Wind gerichtet, ziehe ich den Skischuh dann einfach aus und lasse ihn erstmal am Ski hängen. Geschwind schlüpfe ich in die leichten Biwakschuhe und kann mich endlich frei bewegen. Mit Hilfe des Schweizer-Messers gelingt es mir dann auch, den Schnee aus der Bindung zu popeln und den Schuh zu lösen. In Windeseile baue ich schließlich das Zelt in einer Schneewehe auf. Nur dürftig kann ich es mit den Skiern und Stöcken, an dem Felsen und den Birken, abspannen. Es steht krumm und schief. Als ich hineinkrieche, ist es dunkel. Aus dem Rucksack hole ich die kleine Kerzenlaterne hervor und hänge sie in den Zeltgiebel. Wie eine Schiffslaterne schwankt sie vom Sturm gebeutelt hin und her.

Schnee überall
Am anderen Morgen überzieht eine feine Schneeschicht jegliche Ausrüstung in der Apsis. Unerbittlich hat der Wind unter dem miserabel abgespannten Heck des Zeltes hindurch Schnee nach vorne getrieben. Selbst in meine Schuhe haben sich einige Flocken verirrt. Notdürftig krame ich sie mit bloßen Händen heraus.

Auch der weitere Weg ist von grundlosem Schnee gekennzeichnet. Wiederholt sinke ich mit den Skiern tief ein. Doch nach nur einer guten Stunde Marsch – weit wäre es am vorigen Abend tatsächlich nicht mehr gewesen – öffne ich die kleine Tür der Njoatsosstugan. In ihrer winzigen Gemütlichkeit bleibe ich den Rest des Tages und erhole mich – kochend und lesend – von den bisherigen Anstrengungen. Dabei bin ich froh, es gestern nicht bis zum bitteren Ende ausgereizt zu haben.

Ein uriger Kauz
Zwischen den steilaufragenden Wänden des Tsähkkok und des Vássjábákte hindurch, den drei Njoatsosjávrre-Seen folgend – auf deren ebener Schneedecke man zügig vorankommt –, erreiche ich anderntags schon zeitig die nächste Hütte, die Álggastugan (Anm.: Die Hütte existiert mittlerweile nicht mehr).

Dabei treibt mich ein starker Rückenwind voran, der auch eine beängstigend dunkle Wolkenwand hinter mir auftürmt. Ein Schneesturm scheint aufzuziehen. Ich beschleunige meine unbeholfenen Schritte und laufe pausenlos weiter. Gerne hätte ich eine kleine Abfahrt zur Zeiteinsparung genutzt. Doch mal wieder reißt es mich zu Boden, so dass ich mich wieder behutsam hinabtasten muss, um mir nicht bei einem weiteren Sturz mal ein Knie zu verdrehen. Der Sturm zieht vorbei und erwischt mich nicht. So habe ich nun keine Probleme die stark eingeschneite Hütte ausfindig zu machen.

Dort treffe ich auf einen urigen Kauz. Sein schweres Baumwollzelt trocknet über dem Hüttenofen, und er sitzt in alte Woll- und Lodenkleidung gehüllt, mitsamt einem Hund, in einer dunklen Ecke. Auf einem simplen uralt Benzinkocher köchelt sein Haferbrei. Ich geselle mich zu ihm und komme mir mit meiner High-Tech-Ausrüstung fast etwas deplaziert vor. Nur sein recht moderner Kunstfaserschlafsack zeigt, dass er der Amundsen-Ära doch schon etwas entsprungen scheint.

Ins Herz des Sarek
Durch das wunderschöne Álggavágge, wo der Wind mir während einer Pause beinahe einen Fäustling entreißt, und einer weiteren Nacht in einer offenen Renvaktarstuga, führt mich mein Weg nach Skárjá – dem Herzen des Sarek. Dort – an der Mikkastugan – treffe ich auf zwei Deutsche. Wir machen gemeinsam Rast und blinzeln dabei in die wärmende Mittagssonne. Aus der geöffneten Tür des dortigen Plumpsklos kann ich auf die höchsten Sarek-Gipfel blicken. Gerne würde ich dort oben stehen und hinabschauen über die endlose weiße Weite. Aber auch dieser Platz erfüllt mich mit Zufriedenheit – der angestauten Bedürfnisse kann ich mich in diesem Holzhäuschen, vor Wind geschützt, entledigen. Bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlos blauem Himmel lasse ich den Sarek-Mittelpunkt, auch die „Gesprächspartner für kurze Zeit“, zurück, um mir in dem breiten Ruohtesvágge ein Plätzchen für meine Stoffhütte zu suchen.

Die Nacht im Ruohtesvágge ist erbärmlich kalt. Fröstelnd liege ich im Schlafsack und finde nur schwerlich verdiente Ruhe. Es sind bestimmt -20°C – draußen sicherlich noch etwas mehr. Im Gegensatz zu traumhaft klaren Tagen laden klare Nächte kaum zum Träumen ein. Ich bin froh, als sich irgendwann in der Nacht eine Wolkendecke über das Tal legt und es sachte anfängt zu schneien. Da wird es wieder etwas wärmer.

Am Morgen wabern dicke Schneeflocken ums Zelt – begrenzen die Sicht auf ein Minimum. Trist und traurig sieht es aus. Nachher wird es sogar stürmisch. Ich beschließe, den Tag im Zelt zu verbringen und setze meine Füße erst gar nicht vor die Apsis. Eine Weithalsflasche muss als Pissoir herhalten. Ansonsten versuche ich, in der Enge des kleinen Zeltes einige Selbstportraits zu machen und lasse mich – bei einer Lektüre Günther Grass’scher Satzkonstruktionen – das unwirtliche Wetter zeitweise vergessen.

Als Fußgänger im tiefen Schnee
Kurz bevor ich am darauffolgenden Tag den Sarek-Nationalpark verlasse und die Kisurisstugan am Padjelantaleden erreiche, passiert mir eines der größten Unglücke, die einen auf einer Wintertour erwischen können. Der Metallstift in meinem Schuh – die Verbindung zum Ski – bricht und macht die Einheit unbrauchbar. Schon seit Tagen bekam ich die Probleme damit nicht in den Griff. Die Bindung vereiste ständig, und nur mit Gewalt bekam ich die Ski dann vom Fuß. Nun bin ich urplötzlich zum Fußgänger degradiert.

Der phantastische Blick auf die Eiskaskaden an der Nordwestwand des Niják ist sofort vergessen – die Ski in den Händen hinter mir herschleifend, bewältige ich mühevoll die letzten Kilometer zur Hütte. Frustriert von all dem Einsacken, halte ich dort zuerst eine Sitzung auf einem der Plumpsklos. Ich beschließe, weitere Entscheidungen auf den nächsten Morgen – den letzten Tag der Tour – zu verlegen, und breite mein Lager erstmal in der kalten STF-Hütte aus. Die Gasheizung bekomme ich nicht in Gang – nur eine alte Petroleumlampe gaukelt mir etwas Wärme vor.

Glücklicher Endspurt
Am Morgen tauchen unvermittelt zwei Hüttenwarte auf. Ich spreche sie auf meine missliche Lage an, und nach einiger Überlegung borgt man mir ein Paar Schneeschuhe. In Gällivare soll ich sie vor Beginn meiner Heimreise bei der Polizei abgeben. Man wird sich die Bärentatzen da wieder abholen. Erstaunt über soviel Vertrauen, die Ski am Rucksack befestigt, komme ich über eine festgefahrene Skidoo-Spur relativ problemlos zum Áhkájávrre, das gewaltige Áhkká-Massiv im Rücken.

Mit den Schneeschuhen war ich aber langsamer als mit den Skiern an den Tagen zuvor. Deshalb möchte ich mich von dem nur schwedisch sprechenden, alten Hüttenwart der Akkastugorna die letzten zwölf Kilometer per Skidoo über den riesigen Áhkájávrre nach Ritsem bringen lassen. Mit Händen und Füßen kann ich einen akzeptablen Preis aushandeln. Letztendlich sind wir beide zufrieden und sitzen uns in der warmen Hütte lächelnd gegenüber.

Auf dem hölzernen Anhänger seines Motorschlittens friere ich mir fast noch die Füße ab und werde nicht übel durchgeschüttelt. Aber in all meine Kleidung gepackt, die Mütze weit über beide Ohren gezogen, überstehe ich auch noch diesen windigen Trip.

Am Ziel
Müde und ausgelaugt stehe ich unter einer warmen Dusche in der Fjällstation von Ritsem und lasse mir das Wasser über den Körper rinnen. Ich denke an die letzten Tage zurück. Einsamkeit habe ich erlebt. Schnee umhüllte mich. Wind zerrte am Zelt. Kälte ließ mich in mancher Nacht frösteln. Ich durfte am Mythos des Sarek schnuppern. Körper und Geist wurden auf eine harte Probe gestellt.

Die Route
Kvikkjokk – Boarek – Njoatsosvágge – Álggavágge – Skárjá – Ruohtesvágge – Kisurisstugan – Akkastugorna – Ritsem

Fotourlaub und Bewegungsdrang

– Allgäuer Alpen –

Es ist mal wieder an der Zeit etwas zu bloggen. Über die Lustlosigkeit zu fotografieren und die Lust sich zu bewegen. Aber der Reihe nach …

Diesen Sommer erlebte ich auf einem Familientrip nach Norwegen eine wunderbare Zeit, wo wir uns abseits aller Touristenströme in die wilde Natur schlugen:

„Morgennebel lag über der Landschaft. Nichts war zu sehen, kein Mucks zu hören. Wir saßen auf einem Stein, schlürften Kaffee und wagten es kaum zu reden. Die Ruhe des Augenblicks war betörend.

Nur ganz langsam schaffte es die Sonne, zu den Bergen und Seen vorzudringen und die Weite in goldenes Licht zu tauchen. Nahe der Krækkjahytta hatten wir unser Zelt für drei Nächte am Drageidfjorden aufgebaut. Von hier schlenderten wir entlang des Wassers, ließen die Seele baumeln und genossen unser Dasein auf der Hardangervidda.

Dabei versuchte ich, die Stille, die überall so gegenwärtig war, mit meiner Kamera einzufangen. Bereits in Jotunheimen, wo wir von Eidsbugarden ein paar Kilometer zum Store Mjølkedalsvatnet gelaufen waren, konnte ich ein Sinnbild der herrschenden Ruhe einfangen. Jeden Tag aufs Neue breitete sich dort der See, über dem die schroffen Berge des „Heims der Riesen“ thronten, spiegelglatt vor uns aus.

Ich legte mich zwischen Wollgras auf den Boden oder kauerte in einem Fluss hinter Steinen, um ganz nah hineinzugelangen in die Natur und sie unmittelbar einzubeziehen in die Bildkompositionen.

Ähnlich erging es uns auch in Skarvheimen, wo wir einen Temperatursturz mit Regen wegstecken mussten, der am Geiteryggvatnet nach einer Umrundung des Sees über uns hereinbrach und uns in die gemütliche Geiterygghytta zu Waffeln mit saurer Sahne und Marmelade trieb.

Wir dachten an all die Tage, in denen wir einfach da waren, an Ort und Stelle, und die uns immer wieder mit dem Gefühl von Freiheit und großer Zufriedenheit beschenkten.“

Wieder zu Hause von dieser Entspannungskur war ich voller Elan. Ich legte mir einen Plan zurecht und unternahm fortan regelmäßig kleinere und größere Tageswanderungen mit steigender Dauer und Intensität. Nicht, dass ich nicht schön früher viel draußen vor der Haustüre unterwegs gewesen wäre, aber jetzt machte mir das Outdoorleben fast noch mehr Freude als je zuvor. Ich konnte kaum genug bekommen, erledigte Schreibtischarbeiten mit einer gehörigen Portion Widerwillen und sehnte mich nach jedem neuen Ausflug in die Natur.

Fotourlaub in den Allgäuer Alpen

Umso willkommener die Herbstferien mit einer Reise in die Allgäuer Alpen. In Kornau am Rande von Oberstdorf hatten wir eine Ferienwohnung gemietet, von der wir jeden Tag aufbrachen in die Bergwelt. Das Wetter war herrlich und bescherte uns fast immerzu warme Temperaturen und Sonnenschein. Unterwegs zwischen Gipfeln und Graten wollte ich natürlich auch Fotos machen. Die Ausrüstung hatte ich abgespeckt – eine Fujifilm X-Pro2 samt 27er Pancake –, damit sie mir nicht im Wege war und ich sie immer griffbereit dabeihaben konnte. Also hängte ich mir die Kamera am ersten Morgen pflichtbewusst um den Hals, an dem wir mit der Gondel zur Bergstation des Nebelhorns fuhren und von dort den Rest zu Fuß über den Südgrat zum Gipfel stiegen. Doch schon hier merkte ich, wie meine fotografischen Ambitionen schwanden und ich die Berge lieber nur mit meinen Sinnen aufsaugen wollte anstatt sie laufend auch noch abzulichten. Immerhin knipste ich noch ein Bild eines stillstehenden Sesselliftes.

An den folgenden Tagen packte ich den Fotoapparat zwar noch jeden Morgen in den Rucksack, holte ihn aber unterwegs gar nicht mehr hervor. Ob der Weg hinauf zum Söllereck und von dort dem grasigen Grat folgend über den Schlappoldkopf und das Fellhorn bis zur Kanzelwand, die Tour am Heuberg entlang und vorbei an der unteren und oberen Walmendinger Alpe auf das Walmendinger Horn oder der Aufstieg auf das Hahnenköpfle mit einem kurzen Abstecher durch die Steilpassage am Hohen Ifen – alles brannte sich nur in meinem Kopf ein, wurde von mir aber nicht auf einen Chip gebannt.

Als ich dann zu einem wunderbar abenteuerlichen Soloausflug von Oberstdorf durch den Faltenbachtobel hinauf aufs Rubihorn aufbrach, nahm ich die Kamera gar nicht mehr mit. Ich wollte diesen Tag einfach nur ganz für mich haben. Und so stieg ich zuerst in weniger als zwei Stunden die über 1.000 Höhenmeter vom Talgrund zum Gipfel des Rubihorn empor, von wo aus ich den langen Kamm hinüber zum Nebelhorn in Angriff nahm. Auf diesem wohl einsamsten Aufstieg hinauf auf den so viel besuchten Aussichtsgipfel sind ein paar kleinere Kletterstellen und exponierte Passagen zu bewältigen, die meine ganze Aufmerksamkeit erforderten. Den höchsten Punkt des felsigen Gaisalphorns erreichte ich mithilfe eines herabhängenden Drahtseiles und einer über einem Abgrund emporstrebenden Leiter. Die Überschreitung des anschließenden Geißfußes war etwas einfacher und brachte kurzzeitige Erholung, bevor am Geißfußsattel der Grat über den Gundkopf auf das Nebelhorn begann. Gelegentlich wurde hier nach Handarbeit verlangt, doch faszinierende Tiefblicke auf die beiden Gaisalpseen entschädigten für alle heiklen Stellen. Ich saugte jeden Schritt, jeden Griff auf und war fast schon traurig, nach wenig mehr als vier Stunden gesamter Aufstiegszeit am Gipfel des Nebelhorns zwischen unzähligen Ausflüglern anzukommen.

Zum Abschluss unserer Herbstferienwoche besuchten wir noch einmal das Walmendinger Horn und liefen von dort zur Ochsenhofer Scharte und wanderten bei ausnahmsweise wolkig-nebligem Wetter über die Kühgund Alpe zur Fiderepasshütte und vorbei an der Inneren Kuhgeren Alpe retour zur Bergstation Kanzelwand.

Die Fotografie in dieser Zeit einmal links liegen zu lassen, war eine Wohltat. Denn kurz nach unserer Rückkehr aus den Bergen hieß es für mich, eine nächste Fotoreise zu leiten, bei der tagein tagaus das Bildermachen wieder absolute Priorität haben würde. Aber auch während der Zeit auf den Färöer-Inseln, in denen wir viele kleinere Ausflüge in Dörfer, an Steilklippen und zu Wasserfällen unternahmen, hätte ich gerne den einen oder anderen Gipfel erklommen, so ungestillt war nach wie vor mein Drang, mich auszutoben.

Flach dahin und hoch hinaus

Zurück von den Schafsinseln nahm ich daher schnell wieder Fahrt auf, drehte Runden durch die heimischen Wälder und fing auch mit Kletterei nach langer Zeit mal wieder etwas ernsthafter an, bis mich eine fiebrige Erkältung kurzerhand ausbremste. Einige Tage musste ich zähneknirschend die Füße stillhalten, erst dann konnte ich weiter meinem Bewegungsdrang frönen und selbst daheim durch Klettersteige kraxeln.

Aber wie macht Ihr das? Habt Ihr die Kamera immer dabei oder macht Ihr auch mal Fotourlaub?

Warum die Fujifilm GFX 50R für mich (aktuell) des Guten zu viel ist

Bei der diesjährigen Ausgabe der Nordische Momente – Lofoten Masterclass hatte ich die Möglichkeit, mit der Fujifilm GFX 50R zu fotografieren und zum ersten Mal einen Ausflug ins Mittelformat zu unternehmen. Dabei erinnere ich mich noch gut daran, wie ich bereits in den Anfangstagen meines fotografischen Werdegangs die Nase an diesem Format platt drückte. Dank eines gut gefüllten Materialschranks meines Vaters hatte ich zwar schon früh Zugriff auf eine Menge Nikon-Ausrüstung, doch über das Kleinbildformat ging es dort nicht hinaus. In der Schule war ich allerdings in der Foto-AG und unser Lehrer besaß eine Hasselblad – einen dieser ikonischen Würfel aus der V-Serie. Doch so sehr ich immer wieder von einer eigenen Hasselblad träumte, blieb ich analog immer nur beim kleineren Format. Daran änderte sich auch in der Digitalzeit nichts, wo ich es ebenfalls nicht über das Vollformat aka Kleinbild hinausschaffte.

Erst als X-Fotograf und aufgrund meiner Zusammenarbeit mit Fujifilm ergab sich die Chance, Mittelformatluft zu schnuppern und zu sehen, ob das, vom dem ich früher so oft geträumt hatte, etwas für mich (und meine aktuelle Arbeitsweise) sein könnte. Bereits im vorigen Jahr hatten wir die GFX 50S mit mehreren Objektiven bei unserer ersten Fotoreise auf die Lofoten mit dabei. Doch damals war sie für die Teilnehmer reserviert, die damit nach Herzenslust fotografieren durften. Mich sprach das recht klobige Gehäuse seinerzeit allerdings gar nicht so an, was sich jedoch beim Schwestermodell 50R sofort änderte, welches Fujifilm auf der letzten photokina präsentierte und das ich dort sofort sehr interessiert befummelte. Schließlich ist die 50R im Rangefinderlook gestaltet (wofür auch das R im Namen steht) und kommt daher meinem Liebling aus dem X System, der X-Pro2, viel näher als die 50S. Voller Spannung machte ich mich daher im letzten März auf in den Norden Norwegens – von Fujifilm für den Fototrip ausgestattet mit der GFX 50R und den beiden Festbrennweiten GF45mmF2.8 R WR und GF63mmF2.8 R WR, den aktuell kleinsten und leichtesten Objektiven aus dem GFX System.

Eine Eingewöhnungsphase hatte ich nicht, war ich doch nur wenige Tage zuvor aus Patagonien zurückgekehrt, wo ich noch mit der X-Pro2 fotografiert hatte. Einmal ausgepackt, konfigurierte ich das Menü der GFX 50R nur fix so, wie auch meine Kameras aus dem X System eingestellt sind (sofern sich das 1:1 übertragen ließ). Dann machte ich mich auf den Weg und sprang ins kalte Wasser. Die ersten Aufnahmen an einem sehr windigen Tag, an dem es kaum möglich war, ruhig zu stehen, wurden auch prompt nix – sie waren verwackelt und unscharf. Ich brauchte doch etwas Zeit, um mich an den „entschleunigten“ Fotografieprozess zu gewöhnen. Ich hatte den Eindruck einer „verzögerten“ Auslösung und musste mich erst herantasten an ein stimmiges Zusammenspiel aus passenden Verschlusszeiten und einem korrekten stillhalten der Kamera, ohne zu früh zu verreißen.

Doch nach diesem Kaltstart wurden wir bald warm miteinander und ich kam mit der 50R nicht nur gut zurecht, es machte vor allem auch sehr viel Freude, mit ihr unterwegs zu sein. Mit den beiden 45- und 63-mm-Festbrennweiten ist die Kamera für ein Mittelformatmodell noch immer recht kompakt. Zudem liegt sie sehr gut in der Hand und besonders der Sucher ist fantastisch. Von der bestechenden Bildqualität ganz zu schweigen – die steht natürlich außer Frage!

So zog ich mit unserer Fotogruppe bei Wind und Wetter über die Inselgruppe der Lofoten, trotzte eisigen Minusgraden und heftigen Schneestürmen. Ich machte Aufnahmen vom Meer, Fischköpfen und einem am Straßenrand abgestellten Tresor. Und fragte mich dabei immer wieder, ob die GFX 50R, deren Leistungsfähigkeit unbestreitbar ist, für mich und meine Fotografie ein nächster Schritt, eine erstrebenswerte Weiterentwicklung sein könnte.

Doch wieder daheim, und nach der Bearbeitung der mitgebrachten Bilder, konnte ich die Kamera ohne Wehmut wieder abgeben. Klar, im ersten Moment, in dem ich mir wieder „APS-C-Bilder“ ansah, dachte ich mir, diese unglaubliche Auflösung des Mittelformats müsse ich nun unbedingt dauerhaft haben, zeichnet das „mickrige“ Format des X Systems doch so viel weniger Details auf. Aber wie sieht das ganze mit etwas Abstand aus? Mit einem Blick auf alle für mich relevanten Aspekte? Und da kam ich zu dem Schluss, dass die Fujifilm GFX 50R für mich (aktuell) des Guten zu viel ist …

– In Henningsvær – GFX 50R, GF45mmF2.8 R WR, 1/550 Sek, f 4, ISO 100 –
– Am Strand von Flakstad – GFX 50R, GF63mmF2.8 R WR, 1/250 Sek, f 8, ISO 250 –

Dreimal Contra

Das Gewicht und die Größe
Bekanntlich bin ich meist zu Fuß unterwegs und schleppe auf vielen meiner Touren nicht nur den Fotokrämpel, sondern auch alle für das Überleben in der Wildnis notwendige Ausrüstung mit mir rum. Auch deshalb fröhne ich dem Motto der Konzentration auf das Wesentliche. Und selbst wenn ich momentan immer nur mit wenigen Festbrennweiten losziehe, so benötige ich dennoch ein Mindestmaß an Vielfalt – beim X System bewege ich mich da zwischen 16 und 50/56 Millimetern. Zwar erwähnte ich weiter oben bereits, dass die GFX 50R mit den beiden 45- und 63-mm-Festbrennweiten (entsprechend einem 23er und 35er im X System bzw. 35 und 50 mm beim Kleinbildformat) noch recht kompakt ist, aber dieses minimale Setup bringt bereits 1.670 Gramm auf die Waage, hingegen die X-Pro2 sogar mit den drei lichtstarken und verhältnismäßig schweren XF16mmF1.4 R WR, XF23mmF1.4 R und XF56mmF1.2 R nur 1.575 Gramm.

Darüber hinaus fehlt im GFX System ein äquivalent zu der von mir im X System geliebten 16-mm-Brennweite (24 Millimeter an Kleinbild). Für das Mittelformat gibt es jenseits des 45ers nur das GF23mmF4 R LM WR (entsprechend 18 mm an KB), das mir nicht nur zu weitwinklig ist, sondern das auch groß und schwer daherkommt. Daneben ist das GF110mmF2 R LM WR zwar eine dem XF56er vergleichbare Brennweite (beide ca. 85 mm KB), aber mit 2,5-fachem Gewicht.

Nicht zu unterschätzen auch der Volumenanstieg der Ausrüstung. Die 50R mit den zwei kleinen FBs nahm in der Fototasche etwa so viel Raum ein wie zwei X-Pro2 mit drei Objektiven. Meine Vorgehensweise, alles, was ich brauche, in einer Tasche griffbereit zu tragen, würde mit dem GFX-Modell nur zusammen mit der rudimentärsten Objektivbestückung funktionieren. Von einer zusätzlichen Backup-Kamera ganz zu schweigen …

Unterm Strich wäre für meine Art der Fotografie das Mittelformat aufgrund des Gewichts und der Größe nur dann sinnvoll einsetzbar, wenn ich mich bei den Objektiven noch weiter reduzieren könnte, als ich es beim X System ohnehin schon tue. Also auf maximal zwei Festbrennweiten.

Der Preis
Ich sag ja immer: „Die Fotoausrüstung muss bezahlbar sein.“ Und wenn man die Fotografie beruflich betreibt, meine ich damit natürlich auch das Verhältnis zu dem, was man mit seiner Tätigkeit verdient. Durchaus renommierte Magazine zahlen teilweise nur lächerliche 50 Euro pro Seite. Und selbst wenn man darin eine tolle 14-seitige Reportage hat, kann sich jeder ausrechnen, was das für ein mickriges Honorar ergibt.

Allein die bereits genannte Kombi aus der GFX 50R mit den beiden 45- und 63-mm-Festbrennweiten schlägt schon mal mit ca. 7.900 Euro zu Buche (Listenpreis). Die X-Pro2 mit den drei 16-, 23- und 56-mm-Objektiven kostet dafür nur ca. 4.550 Euro (da könnte man sogar eine zweite Backup-Kamera hinzunehmen und läge weiterhin deutlich unter den Kosten für das größere Format). Greift man beim X System gar zu den „Fujicrons“, geht es noch günstiger (und nochmals leichter und kleiner) – dafür müsste man für die schon erwähnten GF23- und GF110-mm-Linsen weitere fast 5.800 Euro zahlen.

Und auch hier ist eine Backup-Kamera (zweites GFX-Modell) oder ein Backup-System (zumindest eine Kamera aus dem X System mit einem Objektiv) noch nicht eingerechnet …

Für mich heißt das, dass eine Anschaffung des GFX Systems finanziell im Grunde nicht zu rechtfertigen wäre, muss ich doch schließlich zuallererst die Reisekosten stemmen, um dann überhaupt erstmal fotografiach aktiv werden zu können.

Die Bildqualität
Ja, die ist fantastisch! Selbst weit hineingezoomt in ein Bild sind so viele Details zu erkennen – einfach toll. Aber brauche ich das wirklich? Momentan nicht. Auch bei meinem aktuellen Projekt – bei dem es mir wie bereits bei Mein Norden nicht um absolute Perfektion geht, sondern darum, Erlebnisse und Emotionen sichtbar zu machen – gleicht mein Stil eher „rotziger Reportage“ anstatt „stylischen Beautyfotos“. Die Bilder aus der GFX 50R waren mir schon fast zu gut, schlägt mein Herz doch viel mehr für schmuddelige Analogaufnahmen als das überreine Digitalzeugs …

Für Magazinveröffentlichungen und Buchpublikationen ist ein kleineres Format sowieso ausreichend. Nur im Hinblick auf wirklich große Prints hat das größere Ausgangsformat natürlich Vorteile.

– Ramberg – GFX 50R, GF63mmF2.8 R WR, 1/500 Sek, f 5.6, ISO 250 –
– Brandung – GFX 50R, GF63mmF2.8 R WR, 1/250 Sek, f 5.6, ISO 640 –

Fazit

Eins vorweg: Ich prangerte ein wenig den Preis des GFX Systems an – das gilt jedoch nur aus meinem Blickwinkel. Wer Mittelformat braucht, ist hier bestens aufgehoben und findet in dem System (wie auch im neuen Topmodell GFX 100) eine Ausrüstung mit herausragendem Preis-Leistungs-Verhältnis!

Für meine Zwecke ist die wunderschöne GFX 50R aktuell aber überdimensioniert. Das gilt für das Projekt, an dem ich gerade noch arbeite, und sicherlich auch für das folgende, das mir bereits im Kopf umherschwirrt und bei dem ich mit dem kompakteren und leichteren X System weiterhin besser bedient sein werde. Aber man soll bekanntlich niemals nie sagen – und wer weiß, vielleicht ist ein GFX-Modell mit ein oder zwei Festbrennweiten irgendwann genau das, was ich brauche …

Bleibt Ihr auch noch beim X System oder seid Ihr schon zum GFX System gewechselt? Berichtet gerne in den Kommentaren!

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