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Island, die Asche und der Hvannadalshnúkur

– Über den Öræfajökull –

Island geht es gut! Wohl die wichtigste Erkenntnis meiner kurzen Reise auf die Insel im Nordatlantik – zumindest aus der Sicht der Isländer. Es war eine der ersten Informationen, die uns mit aller Nachdrücklichkeit mitgeteilt wurde. Entgegen mancher Vermutung ist der kleine Inselstaat nicht unter der übermächtigen Aschewolke des Eyjafjallajökull verschwunden, die den Rest der Welt über Tage und Wochen niederdrückte und am Boden festhielt. Schon die Ankunft in Reykjavik gestaltete sich warm und freundlich. Sonnenschein und angenehme Frühlingstemperaturen – von Asche keine Spur. Der isländische Funktionsbekleidungshersteller 66°North nahm uns, eine Gruppe europäischer und amerikanischer Journalisten, in Empfang, um uns in den folgenden drei Tagen die Firma, das Land und vor allem den höchsten Gipfel Islands näher zu bringen. So stand als erstes ein Besuch des Firmensitzes auf dem straffen Programm, wo wir einen Einblick in die Geschichte des 1926 gegründeten Unternehmens bekamen, das mit Seemannsbekleidung anfing und erst seit 1999 verstärkt den Outdoormarkt bedient. Bevor wir uns von dort auf den Weg gen Osten und Richtung Hvannadalshnúkur machen konnten, schaute auch noch Leifur, einer der Guides der Isländischen Bergführergesellschaft (IMG), vorbei. Gemeinsam mit 66°North veranstalteten die Icelandic Mountainguides ein Trainingsprogramm, welches Teilnehmern die Gelegenheit gab, den Gipfel von Europas größtem Gletscher zu erklimmen. Auch wir bekamen von Leifur noch ein paar Informationen zugesteckt: die Länge der Strecke, die Höhe des Aufstiegs, wie wir uns zu kleiden und was wir alles mitzunehmen hätten.

– Seljalandsfoss und ein klappriger Land Rover –

Auf der Fahrt über die Ringstraße entlang Islands Südküste reihte sich ein Highlight ans nächste. In Sellfoss aßen wir Spínat Lasagna, bevor ein Stopp am Urri∂afoss unseren engen Zeitplan zum ersten Mal ins Stocken brachte. Es ist wohl keine leichte Aufgabe, eine Meute neugieriger Jounalisten und Fotografen unter Kontrolle zu halten. Den für 15 Minuten angesetzten Halt dehnten wir locker auf 45 aus – ein Umstand, den wir fortan bei jedem Stopp regelmäßig wiederholten. Im Hotel Rangá, einem luxuriösen Holzbau am Fluss Hólsá, gab es Kaffee mit Kuchen, der den World Pavillion Suites, thematisch gestaltet nach den sieben Kontinenten, in nichts nachstand. Auch wenn uns ein Blick auf den berühmten Berg Hekla im Norden verwehrt blieb, genossen wir in den nächsten Stunden weiterhin die Aussicht aus den Busfenstern über die zunehmend in Wolken und in Niesel eingetauchte Landschaft.

Nach einer Runde um den Seljalandsfoss, der über die ehemalige Küstenlinie in die Überschwemmungsebene des Markarfljót stürzt, kamen wir dann doch noch der Asche näher. Am Südrand des Eyjafjallajökull befindet sich das einzige Gebiet, welches auf Island unter dem Vulkanausbruch zu leiden hatte. Vor allem zwei Farmer sind betroffen, deren Grund und Boden nun von einer dicken Schicht bedeckt ist. Wir hielten kurz in einer Ecke düsterer Tristesse, fügten dem Land unsere Fußabdrücke hinzu, um alsbald weiterzufahren über Vík, Kirkjubæjarklaustur und den schwarzen Skei∂arársandur bis nach Skaftafell.

– Aufstieg und Spuren in der Asche –

Die Nacht im Hotel Skaftafell war kurz. Nur wenige Stunden bis zum frühen Morgen, der uns wolkenverhangen begrüßte. Frühstück um 4 Uhr, Aufbruch wenige Zeit später, denn um 5 sollte es losgehen auf den Hvannadalshnúkur. Am verlassenen Bauernhof Sandfell warteten 18 Mountainguides, um an diesem Tag eine große Gruppe zum Gipfel zu führen. Mehr als 150 Teilnehmer des Trainingsprogrammes teilten sich in kleinere Gruppen auf, nach Leistungsstärke sortiert, denen wir uns anschlossen. Jedes der Trüppchen bekam einen Guide, der von nun an das Tempo und die Richtung bestimmte. In langer Schlange stiegen wir über steile Geröllhänge hinauf. Nebelfeucht. Doch der Wettergott meinte es gut mit uns an diesem Tag – auf etwa 1000 Meter Höhe durchbrachen wir die Wolkendecke. Blauer Himmel und Sonnenschein tauchte die Gletscherlandschaft in ein Licht, so strahlend hell, wie man es sonst nur aus dem Flugzeug kennt, das über einem Meer aus Wolken seinem Ziel entgegen fliegt. Nun ja, wir flogen nicht, sondern stapften von nun an angeseilt Schritt für Schritt höher und überquerten Spalten im Eis. Stunden vergingen, bis wir den steilen Gipfelaufbau erreichten, den wir mit Steigeisen an den Füßen auch noch erklommen. Um 14 Uhr stand ich bei Windstille 2110 Meter hoch am höchsten Punkt von Europas größtem Gletscher.

– Am Gipfel des Hvannadalshnúkur –

Hinab ging es nicht bedeutend schneller. Man kann sagen, es zog sich. Doch beflügelt ob der gewaltigen Landschaft, des intensiven Erlebnisses, nahmen wir auch noch diese Hürde. All die Gruppen, die sich aufgemacht hatten, waren mittlerweile weit voneinander getrennt. Zu unterschiedlich die Geschwindigkeiten beim Laufen, oder die Lust stehenzubleiben und nur zu schauen. Ich gehörte einer der langsamsten Gruppen an, was mir gerade recht war, schließlich befand ich mich nicht auf der Flucht. Nach 14,5 Stunden trudelten wir wieder in Sandfell ein. Eine warme Suppe erwartete uns dort – liebevoll serviert und dankbar angenommen am Ende eines langen Tages. Auch unser Guide Gísli war müde. Bereits zum dritten Mal hatte er nun den höchsten Berg seines Landes bestiegen hatte. Doch wie für uns und die meisten seiner Landsleute, war dieser Tag etwas ganz Besonderes, wird der Hvannadalshnúkur doch so oft von Wolken und Winden umtobt.

– Die Reynisdrangar-Säulen und eine Flasche Brennivín –

Müde in den Beinen kletterten wir anderntags wieder in den Bus. Es ging zurück nach Reykjavik. In Vík, vor dessen schwarzem Lava-Strand Reynisfjara die versteinerten „Reynisdrangar-Trolle“ aus dem Wasser ragen, gab es isländische Fleischsuppe. Am Skógafoss der nächste Stopp – wieder einmal an einem der unzähligen Wasserfälle. In Þorlákshöfn nahm uns das dort ansässige Team der isländischen Rettungsgesellschaft Landsbjörg noch in Schlauchbooten mit auf’s Meer. Ein feuchter Ritt in Rettungswesten, der für etwas Adrenalin zum Ende der Reise sorgte. Viel zu schnell vergingen die Tage auf einer Insel, auf der uns weder Asche begrub, noch Brennivín – The Original Icelandic Schnapps, der auch als svarti dauði, „Schwarzer Tod“, bekannt ist – den Garaus machte.

Takk!!

> Bildergalerie der Island Reise

Zwei Tage Fotoshooting in Nord-Norwegen

– Flug nach Sørkjosen –

Im Norden Norwegens sollte in dieser Woche noch Schnee liegen. Daher flog ich mit Michael Draksal vom Draksal Fachverlag am Dienstag in die Kommune Nordreisa, um dort einige Fotos von Georg Sichelschmidt zu machen, der gerade an einem Winterreise-Ratgeber schreibt, für den noch einige Bilder fehlen. Georg, mit dem ich 2006 das grönländische Inlandeis überquert hatte, lebt mittlerweile im norwegischen Storslett. Ein weiter Weg ist es bis dorthin. Nach stundenlanger Anreise und mehreren Flügen erreichten wir schließlich Tromsø, von wo es nur noch ein Katzensprung mit einer kleinen Dash 8 Propellermaschine bis nach Sørkjosen, einem Kaff unweit von Storslett, sein sollte. Doch der 20-minütige Flug zog sich wetterbedingt in die Länge, da heftiger Regen und Nebel eine Landung verhinderte. Zweimal setzte der Pilot dazu an, doch beide Male zog er im letzten Moment die Maschine wieder höher und startete durch. Nicht ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit, wie uns später berichtet wurde … Also retour, zurück nach Tromsø und rein in einen Bus, den die Fluglinie Widerøe bereitstellte. Nach etwa 4 Stunden Fahrt, anstelle der 20 Minuten Flug, erreichten wir mitten in der Nacht das Reisafjord Hotel in Sørkjosen. Als ich kurz nach 1 Uhr mein Zimmer betrat, war es draußen noch immer hell.

– Hotelzimmerausblick – 01:13 Uhr –

Nach dem Frühstück fuhren wir mit Georgs Auto zu einem höher gelegenen Pass, wo der Schnee noch liegen sollte. Ein schmutziger Restehaufen vor dem Hotel war unserer Zuversicht auf die weiße Masse jedoch nicht zuträglich. Starke Bewölkung und die Wetteraussicht auf Regen gesellte sich unvorteilhaft hinzu. In der Höhe, und in tief hängenden Wolken, angekommen, sondierten wir die Lage. War Georg hier vor einer Woche noch bei bestem Wetter Ski gelaufen, hatte in der Zwischenzeit frühlingshaftes Tauwetter zugeschlagen und allerorts dunkle Geröll- und Erdflächen freigelegt. Dazu kam nun das triste Wetter, diese unwinterliche Stimmung. Nicht das, was wir uns noch erhofft hatten: Schnee, Aussicht, blauer Himmel … Der erste Fototag nahm keinen guten Anfang und unsere Gedanken kreisten nur um die „Bilderliste“ mit all den Motiven, die wir fotografieren wollten. Unverrichteter Dinge fuhren wir zurück ins Hotel und hielten Kriegsrat. Nun galt es, das Beste aus der Situation herauszuholen.

– Am Wolkenpass –

Am späteren Nachmittag standen einige Husky-Bilder auf dem Programm. Vor den Toren Storsletts leben einige Züchter, von denen wir einen besuchten. Neben den großen, für Schlittenrennen trainierten Hunde, tummelten sich auch einige Welpen. Ich versuchte Georg mit ihnen zu fotografieren. Husky auf dem Schoss, Husky auf dem Arm, Huskies um sich herum. Der Auslöser klickte und klickte. Mal diese, mal jene Perspektive. Ein Haufen Ausschuss sammelte sich, aber auch ein paar gelungene Aufnahmen. Mit einem der großen Huskies machten wir dann noch das Bild „Pfotenkontrolle“, bei dem Georg die Pfote des Tieres auf eine Verletzung hin untersucht. So hatten wir am Ende des Tages immerhin zwei Motive der langen Liste im Kasten.

Schnell war uns klar geworden, dass stimmungsvolle Winterbilder bei den herrschenden Bedingungen nicht mehr zu realisieren sind. Den zweiten Fototag nutzten wir stattdessen für Aufnahmen, die Georg mit allerlei Ausrüstung, in erklärenden Posen und an einem Esstisch zeigen, denn schließlich gehört gutes Essen auf einer Wintertour auch dazu. Apropos: Der Wal, der uns zu Mittag im Hotel serviert wurde, schmeckte hervorragend … Zum Ausklang der zwei Tage Fotoshooting spazierten wir bei Nieselregen noch ein Stück am Reisafjord entlang. Schneereste berührten das Wasser, Meeresgeruch lag in der Luft.

– Hundeblick –

Am Morgen des Abreisetages atmeten wir auf. Kein Nebel hüllte die Landschaft ein, kein Regen prasselte herab. Dem Flug nach Tromsø durfte also nichts im Wege stehen. Doch am Sørkjoser Flughafen belehrte man uns eines Besseren. War es nun nicht das Wetter, so war es jetzt die Aschewolke des Eyjafjallajökull, welche im hohen Norden Norwegens so tief in der Luft hing, dass sie die Flüge mit den niedrig fliegenden Propellermaschinen zunichte machte. Wieder hieß es in einen Bus zu steigen und stundenlang nach Tromsø zu fahren. Fjorde und Berge rauschten am Fenster vorbei. Dunkle Wolken wechselten sich mit Sonne und Regen ab. Von Tromsø konnten wir weiterfliegen. Nach Oslo und nach Hause. Im Gepäck ein Haufen Bilder. Und die Eindrücke eines Fotoshootings, welches nicht ganz so gelaufen war, wie es im Idealfall hätte sein sollen.

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Rund um Ennepetal – 54 Kilometer in 12 Stunden

– Durst –

Es war warm. Ein Sommertag im Frühling. Genau richtig, um eine lange Tageswanderung zu unternehmen … Oder etwa nicht? Früh brach ich gestern Morgen auf und fuhr mit der S-Bahn nach Schwelm. Mein Ziel für den Tag war mal wieder der Rundweg um Ennepetal, den ich zuvor schon 9x an einem Stück gelaufen bin. Über die Jahre ist der Weg zu meiner Hausstrecke geworden. Ich habe alle Passagen gut im Kopf, kenne die Auf- und Abstiege wie meine Westentasche. Doch weil der Weg so schön ist, in seinem Verlauf selten Straßen und Häuser tangiert, vielmehr die meiste Zeit durch Wälder, über Felder und an Talsperren entlang führt, laufe ich ihn immer wieder gerne. Dabei ist die Strecke anspruchsvoll. Zu den 54 Kilometern Länge gesellen sich noch 1800 Höhenmeter hinzu, die hinauf und wieder hinunter bewältigt werden wollen. Vor einigen Jahren wollte ich es mal wissen – sehen, was geht. Da bin ich den Rundweg nicht nur zügig abgewandert, sondern an manchen Stellen auch gelaufen. 7 Stunden und 55 Minuten betrug die Zeit nach dem Kraftakt. Diesmal wollte ich es gemütlicher angehen und die Runde möglichst locker hinter mich bringen. Die Zeit sollte nicht im Vordergrund stehen, nur ein langer Tag in der Natur. Ich rechnete mit 12 Stunden.

– Am Weg –

Um 7:55 Uhr startete ich am Schloss Martfeld in Schwelm. Über die Höhen zog am Morgen noch ein frisches Lüftchen, das mich leichten Schrittes zum Bahnhof Ennepetal führte und dahinter in die Wälder eintauchen ließ. Doch im Laufe des Vormittages wurde es schnell wärmer. Bald stand die Luft zwischen den Bäumen, heizte mir die Sonne auf staubigen Feldwegen ein und der Schweiß rann munter an mir hinab. Ich hatte 3 Liter Wasser im Rucksack und in jeder Pause die Angst, ich würde zu große Schlucke nehmen und das kostbare Gut zu früh komplett in mich hinein kippen. An der Hasper Talsperre war daher die Versuchung groß, aus einem Hahn am Wegesrand zu trinken, der munter vor sich hin plätscherte. Doch die Warnung „Kein Trinkwasser“ ließ mich im letzten Moment doch noch davon Abstand nehmen und mit zunehmend verstärkt am Gaumen klebender Zunge weiter ziehen.

– Rast –

Irgendwo im Dunstkreis der Breckerfelder Straße, die ich oberhalb der Talsperre überquerte, lag wohl die Hälfte des Weges hinter mir. Mittlerweile zwickte es am rechten Fuß – eine Blase an der Ferse war im Anmarsch, die mir als neugewonnener Kompagnon auf dieser Wanderrunde noch einige Freude bereiten sollte. Noch trübte sich meine von der sommerlichen Wärme aufgeheizte Stimmung aber nicht allzu sehr und ich lief über Peddenöde, Burg und an Filde vorbei weiter zur Heilenbecker Talsperre. Darüber vergingen die Stunden, doch weitere Kilometer blieben. Langsam wurde es doch noch zu einer zähen Angelegenheit und der Glaube an eine lockere Runde schwand mehr und mehr. Entlang der Spreeler Mühle stieg ich ab zur Wupper und zum Beyenburger Stausee. Viele Kanuten tummelten sich auf dem Wasser, doch ich hatte kaum mehr einen Blick für sie. Nur noch das Ziel vor Augen, nahm ich die letzte Hürde in Angriff. Die Schwelmer Höhe galt es noch zu überwinden, bevor ich um 19:52 Uhr wieder am Schloss Martfeld eintrudelte.

Knapp 12 Stunden hatte ich gebraucht, so wie am Morgen anvisiert, doch es kostete mich mehr Anstrengung als erwartet. Muss an dem warmen Wetter gelegen haben, für das es wohl eine große Freude war, mich auszulaugen. Und weil eine kleine Blase kaum der Erzählung wert ist, entstand am Ende des Tages noch eine zweite unter dem linken Ballen. So nahmen beide Füße etwas mit nach Hause, worauf ich selber gut hätte verzichten können.

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Der Jostedalsbreen, die Spalten und die Umkehr

– Småttene, Jostedalsbreen, Norwegen –

Seit Mittwoch Abend bin ich aus Norwegen zurück, wo ich gemeinsam mit Christian Müller eine Überquerung des Jostedalsbreen unternehmen wollte. Schon der Anfang der Tour gestaltete sich schwierig – nur noch wenig Schnee lag in Pollfoss, unserem Ausgangspunkt. Wir mussten die komplette Ausrüstung – die Ski und das Essen für 10 Tage, einen Pulka-Schlitten, ein Seil und vieles mehr – erst einmal in mehreren Portagen bis nach Framrusteseter schleppen. Ab da lag eine geschlossene Schneedecke und wir erreichten von nun an auf Ski und mit der Pulka im Schlepp, am Raudberget vorbei und über den zugefrorenen Raudalsvatnet, den Fuß der Gletscherausläufer, von dem es 700 steile Höhenmeter hinauf bis an den Rand des weitläufigen Eisplateaus ging.

Zügig liefen wir von dort über den Sikilbreen und den Sygneskardbreen am Klubben vorbei bis nach Høgda, am Rande der Schlüsselstelle unserer geplanten Route gelegen – oberhalb des Lodalsbreen und gegenüber des Småttene Eisfalls, über den der Aufstieg auf das eigentliche Plateau des Jostedalsbreen führen sollte. Doch hier kam alles anders als gedacht und erwartet. Bei schönstem Wetter – Sonnenschein und angenehmen Temperaturen – standen wir auf dem steilen Gletscherhang Lodalsbrekka, der hinab zum Lodalsbreen führt. Und mussten schnell einsehen, dass der Weiterweg für uns zu riskant sein würde. Der Gletscherhang war durchzogen mit Spalten, die „normalerweise“ zu dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt sein müssten und ein recht problemloses Weiterkommen an dieser Stelle ermöglichen sollten. Doch der schneearme Winter in Norwegen machte uns nun einen Strich durch die Rechnung. Der Blick hinüber zum Småttene war noch ernüchternder. Der Eisfall, der im Sommer als nahezu unpassierbar gilt, zeigte sich auch jetzt in weiten Teilen zerrissen und zerfurcht. Ohne die tragende Schneeauflage, die einen Aufstiegsweg zum Jostedalsbreen bilden sollte.

Eine Umkehr an dieser Stelle war unumgänglich. Einen alternativen Übergang zum Jostedalsbreen gibt es hier nicht. Zwar hatten wir ein Seil und Ausrüstung zur Sicherung dabei, doch nur zu zweit erschien uns der Weg mit all dem schweren Gepäck als zu gefährlich. Eventuell in einer Dreier-Seilschaft, nur mit Rucksäcken und ohne Pulka, so hätte man es wagen können auch bei diesen Bedingungen … Aber für uns Zwei war hier Schluss. Zähneknirschend drehten wir um. Und als sich auch ein Abstieg über den nahen Erdalsbreen hinab ins Erdalen, vom Gipfel der Stornosa aus betrachtet, als wenig gangbar erwies, blieb nur ein langer Rückweg nach Pollfoss.

Zu allem Überfluss änderte sich das Wetter. Aus Gut wurde Schlecht und in der Nähe der Leirvasshøi mussten wir drei Tage im Zelt in einem Schneesturm am Rande der Gletscher ausharren, bis wir wieder hinab steigen konnten aus den Regionen des ewigen Eises, zum Raudalsvatnet und zurück nach Pollfoss …

Hardangervidda – Das Tagebuch einer Wintertour

– Der Hardangerjøkulen –

Vom 26. Februar bis zum 09. März war ich in Norwegen auf der Hardangervidda unterwegs. Von Haukeliseter im Süden bis nach Finse im Norden. Das Wetter zeigte sich von allen Seiten, während ich ganz allein meinen Pulka-Schlitten durch die weiße Weite und das Auf und Ab der Berge zog. Etwa 150 Kilometer lang war meine Route über die größte Hochebene Nordeuropas.

Das Tagebuch der Wintertour

Freitag, 26. Februar – Um kurz nach 10 breche ich auf in Haukeliseter. Laufe erst ein Stück über den Ståvatn, bevor ich die Straße E134 quere und rauf in die Berge steige. Es ist steil und warm. Hinauf gen Vesle Nup kommt mir eine Dreiergruppe entgegen. Ihre Abfahrtsspur ist mir zum Aufstieg zu steil – ich mache weitere Bögen und schwitze dennoch bei leichten Plusgraden am ganzen Körper. Wolken verschlingen zunehmend die Gipfel, während ich auf der anderen Seite hinab ins Bordalen ziehe. Bei zunehmend schlechter Sicht ist die Steilheit des Geländes kaum mehr einzuschätzen. Als es wieder bergauf geht, finden die Ski im lockeren Schnee an einem steilen Hang keinen Halt mehr – der Pulka-Schlitten zerrt mich zurück. Schritt für Schritt wühle ich mich hinauf. Am Årmotvatni ist nach 7 Stunden Schluss. Ich bin platt.

Samstag, 27. Februar – Durch das Tal der Bora ziehe ich weiter meine Spuren durch tiefen Schnee. Etwas Wind kühlt. Die Sicht ist mäßig – ältere Ski-Spuren anderer Wanderer verliere ich immer wieder in der Konturlosigkeit der Schneelandschaft. Ich begegne zwei Norwegerinnen und einem einzelnen Norweger. Ansonsten bin ich allein. Auch am Hellevatnet, über den der Wind mit steigender Kraft aufkommenden Schneefall treibt. Oberhalb des Sees schlage ich mein Zelt auf und verkrieche mich rasch darin. Als ich im Dunkeln nochmals heraustrete, steht der fast volle Mond am Himmel. Umrahmt von Wolkenschlieren.

Sonntag, 28. Februar – Am Morgen Windstille. Doch weiterhin hängt eine dünne Wolkenschicht über der Landschaft, in der die Sonne nur einmal kurz hervorblinzelt. Ich folge dem Store Urevatnet, mit den drei kleinen Bergen nordwestlich des Svervenuten als Landmarke. Der Schnee ist hier etwas fester und ich komme besser voran. Ins nächste Tal taste ich mich hinab – die Steilheit wird mal wieder von flachem Licht geschluckt und ist erneut kaum zu erkennen. Unten angekommen, sehe ich entfernt drei Elche.

Montag, 01. März – Als ich mich aus dem Schlafsack schäle, herrschen -18,1 Grad im Zelt. Dafür ist der Himmel blau – Freudentanz. Rasch wird es in der Sonne warm und ich überquere den Gunleiksbuvatnet im Kvennedalen im Unterhemd. Kurz darauf geht es 200 Höhenmeter steil bergan. In weiten Serpentinen steige ich hinauf zu den Seen östlich des Kringlesjånuten. Der Schnee ist wieder einmal tief und das Vorankommen mühsam. Erst die zerklüftete Seen- und Flusspassage hinab zum Skardvatnet bringt Abwechslung in einige Kilometer Monotonie.

Dienstag, 02. März – Noch kälter als am Tag zuvor ist es am Morgen im Zelt. Doch früh erwärmen die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages meine Unterkunft. Der schroffere Westteil der Hardangervidda liegt nun für ein paar Tage hinter mir. Vor mir breitet sich der weitläufigere Ostteil aus, durch den ich in Richtung Lågaros weiterziehe. Erst spät entdecke ich die Hütten, an denen ich auf Norweger stoße, die mit Skidoos von Mårbu kommend einen Winterwanderweg markiert haben. Auf meiner weiteren Route fehlen die Wegweiser jedoch noch. Bei guter Sicht kein Problem –  auch ohne die in den Schnee gesteckten Bäumchen finde ich meinen Weg. Als ich Skjerhøl erreiche, steht die Sonne tief. Ich genieße das Licht bei zunehmender Kälte.

– Licht und Schatten auf der Hardangervidda –

Mittwoch, 03. März – Es dauert ein wenig, bis die Sonne den Morgennebel durchdringt und auflöst. Mit ihr kommt erneut die Wärme, die meinen Motor auf Touren bringt und mich am Melrakknutan entlang zum Geitvatnet stürmen lässt. Noch ist der Schnee fest, doch das ändert sich ab den Mittagsstunden und der weitere Weg durch das Geitvassdalen wird zunehmend anstrengender. Hinter den Ausläufern des Tjuvhyttnutan biege ich in nordwestlicher Richtung gen Rauhelleren ab und stecke in leicht ansteigendem Gelände nahezu fest. Im „Valley Of Deep White Shit“ – schnell ist ein Name für diese Passage gefunden. Doch auf die Peitsche folgt zur Abwechslung bald ein Zuckerbrot: Ich stoße auf den frisch markierten Winterweg, der von Mårbu nach Rauhelleren führt. Über die feste Skidoospur gelange ich schnell zu der Hütte, die zu meiner Überraschung nicht verschlossen ist. Wobei, offiziell wird die DNT-Hütte Rauhelleren erst in zwei Tagen eröffnet – Hüttenwirtin Mona Lægreid ist gerade noch dabei alles für die anstehende Wintersaison vorzubereiten. Eingeheizt ist schon und ich darf eine Nacht bleiben – eine willkommene Abwechslung zu den eisigen Zeltnächten. Spät geht an diesem Abend die Sonne hinter dem markanten Gipfel des Hårteigen unter, der weit entfernt hinter dem Langesjøen aufragt.

Donnerstag, 04. März – Ungern verlasse ich den heimeligen Aufenthaltsraum der Rauhelleren-Hütte, in dem ein knisterndes Kaminfeuer wohlige Wärme ausstrahlte. Doch ein neuer Sonnentag erleichtert den Aufbruch. Ich fühle mich frisch und laufe geschwind in drei Stunden bis Stigstuv, wo die Eingangstüre jedoch noch mit Holzbrettern verrammelt ist. Weiter ziehe ich durch das Stigstudalen, bis ich oberhalb der Bjoreidalshytta mal wieder mein Zelt aufschlage. Am Abend fällt die Temperatur rasch – schon bevor ich mich in den Schlafsack verkrieche, zeigt das Thermometer unter minus 20 Grad an. Frostig!

Freitag, 05. März – Am Morgen Ernüchterung: Wind, Schneefall und kaum Sicht. Nach dem Frühstück bleibe ich im Zelt liegen und warte ab – vielleicht bessert sich das Wetter im Laufe des Tages. Langsam wird es immer wärmer und das Zelt zur Tropfsteinhöhle. Die in der Nacht am Innenzelt gefrorene Atemluft taut auf und fällt in dicken Tropfen auf mich herab. Wind und Schneefall lassen allerdings erst spät nach – ein Aufbruch am heutigen Tag lohnt nicht mehr. Lieber gönne ich mir einige Ruhe und erfahre mal wieder, wie schnell ein ganzer Tag mit Nichtstun vergeht. Am Abend überspannt ein Sternenhimmel meinen Lagerplatz. So ungemein funkelnd, wie es nur der klare Nordlandhimmel ans Firmament zaubern kann.

Samstag, 06. März – Das schlechtes Wetter noch schlechter werden kann, sehe ich heute. Oder besser gesagt, ich sehe so gut wie nichts. Die Wolken liegen so dicht auf der Landschaft, dass sich der Übergang zwischen Himmel und Erde aufzulösen scheint und alles zu einem einzigen konturlosen Raum verschmilzt. White-Out erster Güte. Trotzdem laufe ich einige Kilometer weiter, hangel mich von Wegmarkierung zu Wegmarkierung – der ich jetzt folgen kann -, bis ich auf die Straße stoße, die von Haugastøl nach Eidfjord über die Hardangervidda führt. Die Dyranut Fjellstova ist noch verschlossen und ich warte im Windschatten des großen Gebäudes ab. Immer wieder kommen Räumfahrzeuge vorbei, um die Straße freizuhalten. Das nützt mir wenig – ich möchte bessere Sicht haben für den Weiterweg zur Kjeldebu. Doch sie kommt nicht. Also bleibe ich. Im Zelt neben der Dyranut Turisthytta. Die Straße nur einen Schneeballwurf entfernt.

Sonntag, 07. März – Noch immer mieses Wetter. Warm und feucht. Kein Schnee – eher Regen. Trotzdem ziehe ich weiter. Noch länger warten hat keinen Sinn. Bis ich schnellen Schrittes am Dyranutane und dem Søre Gjerenuten vorbei bin, hat die nasse Luft von außen und triefender Schweiß von innen meine Kleidung durchfeuchtet. Doch bevor es steiler in Richtung Kjeldebu hinab geht, hebt sich die Wolkendecke. Die Sicht wird besser, der Niederschlag ebbt ab. Als ich die Hütten erreiche, zeigen sich gar Flecken blauen Himmels. Ich genieße den Weg entlang des Langavatnet bis zum Finnsbergvatnet, auch wenn mir das stete auf und ab der markierten Route weiterhin den Schweiß in die Klamotten treibt, die am Abend eine gehörige Portion Feuchtigkeit inne haben. Egal, der Schlafsack lockt als Trockenraum. Spät kommt noch die Sonne. Und stärkerer Wind, der mich nach einem anstrengen Lauftag fix ins Zelt treibt.

– Ich liebe Norwegen …  –

Montag, 08. März – Eine windige Nacht und ein windiger Tag. Sonne am Morgen, später feuchter Schnee und dunkle Bewölkung. Über den Midnutvatnet laufe ich dem Hardangerjøkulen entgegen, unterhalb des Søre Kongsnuten vorbei und weiter zum Finsevatnet. Ich erreiche den See, auf dessen anderer Seite die Bahnlinie Oslo-Bergen verläuft. Böen wirbeln Schnee auf – wenig einladend erscheint mir die Winterwelt für ein letztes Zeltlager. Spontan laufe ich hinüber zur Finsehytta, der Unterkunft des DNT. Nach 11 Tagen empfängt mich dort ein Matratzenlager, in dem ein grünes Notausgangsschild in der Nacht den Raum erhellt – dafür ist es Windstill, kein Hauch rüttelt am Zelt, der Schlaf gut nach der Zeit in wilder Einsamkeit.

Dienstag, 09. März – Bis ich mit dem Nachtzug zurück nach Oslo fahre, ist noch Zeit. Nach einem üppigen Frühstück starte ich mit zwei weiteren Deutschländern, die in den letzten Tagen von Ustaoset hierher gewandert sind, zu einer Tagestour gen Hardangerjøkulen. An der Appelsinhytta machen wir eine erste Rast. Ein paar Flocken wirbeln umher, dann klart es wieder auf. Wir laufen hinüber zum Blåisen und stehen ganz dicht vor der zerfurchen Gletscherwelt. Näher am Søre Kongsnuten ist der Eisausläufer fest verschneit und wir steigen über ihn dem Plateau des Hardangerjøkulen ein Stück entgegen. Nicht weit, aber genug, um einen Eindruck des weitläufigen Gletschers zu gewinnen. Staunen ob der geschwungenen Sanftheit bis zum Horizont, inmitten derer entfernt ein Gipfel hervorragt. Über den Nordre Kongsnuten gelangen wir steil hinab wieder zurück zur Appelsinhytta und nach Finse. Ein schöner Tag am Ende einer Wintertour. Als Sonne und Tageslicht verschwunden sind und erneut Wind und Schneefall Platz gemacht haben, sitze ich in der Sauna des Hotels Finse 1222. Beklemmende Hitze treibt den Schweiß hervor – im Kopf noch immer die Gedanken an den Blick zum weißen Horizont.

> Bildergalerie Hardangervidda Wintertouren

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