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Rauhelleren – DNT-Hütte mit Ausblick

– DNT-Hütte Rauhelleren: Blick auf den Langesjøen –

Seit vielen Jahren bereise ich die nordischen Länder. Auch im Winter immer wieder mit dem Zelt. Doch vielleicht werde ich auch einmal eine reine Hüttentour unternehmen, um die Gemütlichkeit weiter auszukosten, wie ich sie im vergangenen Jahr bei einer Skitour über die Hardangervidda in der DNT-Hütte Rauhelleren erlebt habe.

Eine Kurzgeschichte

Seit mehreren Tagen laufe ich bereits über die Hardangervidda. Gestartet bin ich Ende Februar in Haukeliseter, am Südrand der größten Hochebene Nordeuropas. Mein Ziel ist Finse, weiter im Norden gelegen, an der Bahnlinie Oslo-Bergen. Bis dorthin erstreckt sich eine weitläufige Berglandschaft. Nur vereinzelte Hütten des DNT, des norwegischen Wandervereins, sind hier und da zu finden. Die meisten davon sind klein, für Selbstversorger vorgesehen, und verschlossen. Den Schlüssel erhält man als Vereinsmitglied beim DNT. Ich bin ohne diesen Nøkkel unterwegs, schließlich habe ich ein Zelt in meinem Pulka-Schlitten, welches ich jeden Abend an einem anderen Ort aufschlage. Entlang der Hellevassbu und den Hütten von Lågaros ziehe ich meine Skispur durch verschneite Täler und über zugefrorene Seen. Die Tage sind recht warm, die Nächte eisigkalt. Schnee liegt nicht viel – nur gut ein Meter. An exponierten Stellen kommt der kahle Boden durch. Kalt war es über Monate in diesem Winter. Immerzu Frost. Es fehlten die sonst üblichen warmen Tage dazwischen, die normalerweise dazu führen, dass sich der Schnee verdichtet und fest wird. So ist die weiße Masse nun trotz der geringen Menge oft tief und grundlos. Vielerorts ist das Vorankommen anstrengend. Auch im Geitvassdalen, einige Kilometer südöstlich der Rauhelleren-Hütte. Hinter dem Tjuvhyttnutan schleppe ich mich ein flaches Tal hinauf – langsam, sehr langsam. Bis ich endlich höher komme, sich der Ausblick weitet und ich entfernt die Gebäude unterhalb des markanten Midtnuten-Berges sehen kann. Und zu meiner freudigen Überraschung stolpere ich hier über eine frisch markierte Winterroute, die schnurstracks nach Rauhelleren führt. Sie muss von Mårbu kommen und ist jetzt in den ersten Märztagen, der Zeit, in der die Winterwege auf der Hardangervidda markiert werden, mit Skidoos abgefahren worden. Alle 20 Meter steckt ein kleines Bäumchen im Schnee – so findet jeder Wanderer auch bei schlechtester Sicht den Weg.

Nach Rauhelleren
Schnell komme ich auf der frisch gewalzten Trasse weiter voran bis Rauhelleren, einer der größeren Hütten im Hardangervidda-Nationalpark. Einige Zeit im Jahr ist sie sogar bewirtschaftet, doch noch wird sie wohl geschlossen haben, denke ich, und überlege, in ihrer Nähe mein Zelt aufzuschlagen. Als ich mich dem Eingang nähere, sehe ich allerdings, dass dieser freigeräumt ist. Ich schnalle Ski und Schlitten ab und gehe zur Türe. Und siehe da: Sie ist unverschlossen. In der Hütte schlägt mir erdrückend warme Luft ins Gesicht. Der Schnee, der eben noch an meinen Schuhen klebte, fällt auf den Boden und schmilzt in rasantem Tempo. Niemand ist zu sehen. Doch dann vernehme ich Stimmen. Ich mache mich auf die Suche und stoße in der großen Küche auf einen älteren Norweger. Kurzentschlossen frage ich, ob es möglich wäre, die kommende Nacht hier zu verbringen. Der Gedanke an ein warmes Bett anstelle einer kalten Zeltnacht ist zu verlockend. Er ruft eine jüngere Frau hinzu, die sich als die Hüttenwirtin entpuppt. Tja, eigentlich hätten sie noch gar nicht geöffnet, meint sie, das wäre erst in zwei Tagen der Fall. Aber ich könnte trotzdem schon bleiben. Nur, einen Haken hätte das ganze: Die Wasserleitungen seien defekt und es gäbe daher noch kein fließend Wasser. Sie müssten auf dem Herd Schnee schmelzen, bis ein Klempner mit dem Schneemobil kommt, um die Leitungen zu reparieren. Eine warme Dusche könnte ich daher nicht genießen, aber sie könne mir kochendes Wasser in meine Thermoskannen füllen. Wenn ich damit zurecht käme, dann wäre das mit der Übernachtung kein Problem.

Schnell habe ich meine wichtigsten Sachen von draußen hereingeholt und in meinem kleinen Zimmer ausgebreitet. Vor allem der Schlafsack kann hier einmal so richtig durchtrocknen. Ich mache es mir im gemütlichen Aufenthaltsraum bequem, wo ein Kaminfeuer knistert und für angenehme Wärme sorgt. Sonnenstrahlen durchfluten das Zimmer. Durch die großen Fenster blicke ich auf den Langesjøen, der sich unterhalb der Hütte ausbreitet. Ich bin der einzige Gast und der erste des Jahres. Entsprechend ruhig ist es. Nur ab und an kommt Lars-Magnus auf wackeligen Beinen anmarschiert – der 20 Monate alte chinesische Adoptivsohn der Hüttenwirtin Mona Lægreid. Zielstrebig läuft er immer wieder zu den Fenstern. Auch er hat schon erkannt, wie schön der Ausblick von hier ist. Als er am Abend im oberen Stockwerk von seiner Mutter zu Bett gebracht wird, geht im Westen langsam die Sonne unter. Glühende Wolkenfetzen hängen wie Feuer am Hårteigen, diesem markanten Gipfel, der weithin sichtbar am Horizont hinter dem „langen See“ aufragt.

Friedliche Nachtruhe
Eine friedliche Nachtruhe legt sich über Rauhelleren. Am klaren Himmel prangen die Sterne wie Millionen funkelnde Schneekristalle. Doch bevor auch ich ins Bett krieche, unterhalte ich mich noch mit Mona Lægreid über alte Zeiten. Sie sitzt in einem kleinen Wohnraum hinter der Rezeption und strickt. Rauhelleren ist seit Generationen im Familienbesitz und schon ihr Großvater kam aus Eidfjord hierher, wo die Lægreids eigentlich wohnen. Früher zogen sie mit Pferden auf die Hardangervidda. Auch im Winter. Da wurden den Tieren Schneeschuhe angelegt, die sie zuerst schnell wieder loswerden wollten. Doch die Pferde merkten schnell, dass sie damit im tiefen Schnee leichter vorankamen. Dennoch dauerte die beschwerliche Reise von den Ausläufern des Hardangerfjorden bis ins Gebirge drei Tage. Kaum zu glauben – heutzutage ist die Strecke mit Auto und Skidoo in 1,5 Stunden zu bewältigen.

Am nächsten Morgen halten ein paar Wolken die Sonne zurück, die in den letzten Tagen immer schon so früh für Wärme sorgte. In Ruhe frühstücke ich Milchreis Vanille, den ich mit kochendem Wasser aus der Küche angerührt habe. Dazu ein heißer Tee, das lodernde Kaminfeuer und der Blick aus dem Fenster. Ungern verlasse ich Rauhelleren, um für weitere Tage hinauszuziehen in die kalte Winterlandschaft. Doch ich packe meinen Schlitten und lasse den gastfreundlichen Ort zurück. Kurz bevor ich aufbreche, kommen Hans-Olav, der Mann von Mona Lægreid, und ein Klempner mit einem Motorschlitten angedüst. Ob sie die Wasserleitungen schnell wieder frei bekommen? Denn morgen öffnet Rauhelleren für alle Skiwanderer offiziell seine Pforten. Den Blick über die weiße Weite des Langesjøen und die Hardangervidda mögen sie alle genießen.

> Bildergalerie Hardangervidda Wintertouren

Durch Sturmwind und Tiefschnee

– Wüstenwandern Skitour über die Hardangervidda –

Seit Anfang der Woche bin ich zurück aus Norwegen – im Gepäck eine erfolgreiche Skitour über die Hardangervidda. Doch der Weg über Nordeuropas größte Hochebene, über die ich als Guide für das Reiseunternehmen Puretreks eine kleine Gruppe geführt habe, war in diesem Jahr äußerst anspruchsvoll. Denn Wind und Wetter machten das Reisen oft zu einem echten Abenteuer und die Teilnehmer der Tour bekamen die volle norwegische Winterpackung ab.

Schon am ersten Tag zogen nach unserem Aufbruch von der Haukeliseter Fjellstue stürmische Winde auf, die das Laufen erschwerten und die Sicht durch aufstiebenden Schnee vernebelten. Böen mit Geschwindigkeiten von 80 km/h drohten uns umzuwerfen und zeigten uns rasch die Grenzen auf. Nach vielen Stunden erreichten wir eine kleine Fischerhütte am Mannevatn, in deren spärlichen Windschatten wir unsere Zelte aufschlagen wollten. Kurz nachdem wir an dem kleinen Verschlag ankamen, trudelten auch zwei Norweger dort ein, von denen einer durch die Kälte und den Sturm bereits schwer gezeichnet war. Während wir zu fünft eines unserer Zelte aufbauten, mühten sich die Zwei mit ihrem vergebens. Auch unsere Hilfe brachte keinen Erfolg, und sie waren nahe daran, wieder aufzubrechen und weiterzuziehen. Erneut hinein in den Sturm, die nahende Nacht, in Richtung des Rettung versprechenden Haukeliseter. Uns war klar, dass sie – so apathisch wie sie schon wirkten – keine Chance hätten, die Fjellstue bei diesem Wetter aus eigener Kraft sicher zu erreichen. Hier und jetzt musste eine Lösung gefunden werden.

An der Hütte war eine Telefonnummer angeschlagen, die man in Notfällen anrufen kann, um einen Code zu erfragen, der Zugriff auf einen Schlüssel ermöglicht, mit dem sich die Türe der Hütte öffnen lässt. In Sturm, Kälte und bedrohlicher Situation ein äußerst kompliziertes Unterfangen, zumal ein Mobiltelefon keinen Empfang hatte. Zum Glück waren wir mit einem Satellitentelefon gerüstet und konnten damit den Code knacken. Bis die Hütte geöffnet und mit einem Feuer im Ofen erwärmt war, hatten wir den besonders angeschlagenen Norweger in unser Zelt verfrachtet und dort umsorgt. Es dauerte eine Stunde, bis er seine Füße wieder spürte …

Die beiden Norweger waren erfahrene Winterwanderer, doch durch eine Verkettung kleiner Nachlässigkeiten, kombiniert mit dem Strum, der ihnen den ganzen Tag lang ins Gesicht blies, waren sie in diese verzwickte Lage gekommen. Sie waren dankbar, uns getroffen zu haben. Und wir froh darüber, ihnen haben helfen zu können.

In den nächsten beiden Tagen besserte sich das Wetter, und wir liefen durch das Tal der Bora und an der Hellevassbu vorbei bis zum Bjørnavatnet. Doch dann kam der Sturm zurück. Gepaart mit White-Out hielt er uns in den Zelten gefangen. An ein Weitergehen war nicht zu denken. Wir verloren kostbare Zeit und dachten in Angesicht einer bescheidenen Wettervorhersage über eine Umkehr nach Haukeliseter oder eine einfachere Alternativroute nach Rjukan nach. Der geplante Weg nach Finse schien weit und bei Wind, Schneefall und schlechter Sicht kaum schaffbar.

Am folgenden Morgen sah die Wetterprognose aber nicht mehr ganz so düster aus – wir beschlossen, unseren ursprünglichen Plan umzusetzen. Auf der weiteren Strecke über Låven und Hansbu schlief der Wind gar für kurze Zeit komplett ein und bei Sonnenschein schien die weite Landschaft friedlich. Doch rasch wurden Wolken erneut stürmisch herangetragen und wir hatten wieder alle Hände voll zu tun, unsere Zelte sicher aufzubauen, um eine weitere Nacht im Schutze dünnen Nylons zu verbringen.

Das Wetter blieb wechselhaft. Mal miserable Sicht, dann wieder Sonne und blauer Himmel. Mal starker Wind, dann Flaute. Manchmal erschien es auch wie ein Mix aus allem zu sein. In Sandhaug machten wir Mittagspause in der warmen Hütte, bei Hellehalsen genossen wir den Zeltaufbau bei Windstille und zwischen Dyranutane und Søre Gjerenuten erlebten wir einen herrlichen Sonnenaufgang mit Blick auf das eisige Dach des Hardangerjøkulen. Hier wähnten wir uns schon fast am Ziel, doch hinter der Kjeldebu kam es nochmal ganz dicke. Die Hardangervidda wollte uns wohl nicht so einfach ziehen lassen …

Große Flocken fielen vom Himmel und tiefer Neuschnee lag in den Tälern. Mühsam stapften wir weiter und hinterließen kurzzeitig eine Schneise im Schnee, die der stete Luftzug jedoch rasch wieder zuwehte. Wenn es wenigstens bei der nur leichten Brise geblieben wäre – den Schneefall hätten wir da stoisch akzeptiert. Aber nein: Aus dem Wind musste natürlich noch einmal ein Sturm werden! Ohne Sicht, und die nahende Dunkelheit vor Augen, mussten wir auf dem Finnsbergvatnet die Zelte in kräftigen Böen aufschlagen.

Auch der letzte Tag nach Finse war ein Kraftakt. Weiterhin grundloser Schnee und ein Wind, der kalt vom Gletscher herunterwehte und unsere Gesichter erstarren ließ. Doch als wir nach neun anstrengenden Tagen in die weichen Betten des Hotels Finse 1222 fielen, waren wir glücklich und zufrieden. Glücklich darüber, die Hardangervidda von Süd nach Nord überquert zu haben. Und zufrieden, es trotz Sturmwind und Tiefschnee geschafft zu haben.

Die Route
Haukeliseter Fjellstue – Hellevassbu – Hellevatnet – Bjørnavatnet – Låven – Hansbu – Sandhaug – Bjoreidalshytta – Dyranut – Kjeldebu – Finnsbergvatnet – Finse

> Bildergalerie Hardangervidda Wintertouren

Noch 800 Meter – Im White-Out durch Norwegen

– An der Dærtahytta in Norwegen-

Viele Jahre bevor ich zu abenteuerlichen Expeditionen über das grönländische Inlandeis aufbrach, erlebte ich einen Sturm und White-Out in Norwegen. Meine Erfahrung war zu diesem Zeitpunkt – im März 1997 – noch recht gering. Daher gehört der Tag zwischen Dærtahytta und Rostahytta im Øvre-Dividalen-Nationalpark zu meinen eindrücklichsten Erfahrungen.

Eine Kurzgeschichte

Zwei Tage sitze ich bereits im Schuppen der Dærtahytta fest. Den Schlüssel für die Haupthütte habe ich nicht, bin ich auf meiner Skitour durch den Øvre-Dividalen-Nationalpark doch mit dem Zelt unterwegs. Aber im hohen Norden Norwegens zog ich mich bei diesem stürmischen Wetter lieber in die unverschlossene Bretterbude zurück – zwei Tage zwischen aufgeschichtetem Brennholz und dem Doppelklo der Hütte. Tage, während denen der Wind beängstigend heulte, und Schneekristalle gegen das winzige Fensterchen prasselten. Trotzdem war es hier drinnen gemütlich. Gegen Ende des zweiten Tages, als das ohnehin diffuse Licht nahe daran ist der dunklen Nacht zu weichen, erspähe ich durch eine kleine schneefreie Fläche auf der Scheibe, wie sich zwei Gestalten die letzten Meter zur Hütte kämpfen.

Es sind Dänen, und sie haben den Hüttenschlüssel des DNT, des norwegischen Touristenvereins. Kurze Zeit später breiten wir uns in der Haupthütte aus, und nachdem etwas Holz gehackt ist, zieht schon bald der Geruch eines wärmenden Feuers durch die vier Wände.

Die beiden haben auch ein GPS-Gerät dabei. Nur mit dessen Hilfe hatten sie die Dærtahytta überhaupt finden können. Etwas ungläubig lausche ich ihrer Erzählung, war ich in der Vergangenheit doch immer mit Karte und Kompass ausgekommen.

Durch das „Weiße Nichts“
Am nächsten Morgen ist das Wetter nach wie vor miserabel. Der stete Wind hüllt die Dærtahytta weiterhin mit dicken Schneeflocken ein. Der etwa zehn Meter entfernte Schuppen ist kaum zu sehen. Dennoch beschließen wir, aufzubrechen – das GPS-Gerät wird uns den rechten Weg schon weisen. Also schnallen wir die Skier an und schultern die Rucksäcke.

Bereits nach wenigen Metern verliert sich die Dærtahytta hinter uns im White-Out. Wir stapfen und schliddern durch das „Weiße Nichts“ – einen konturlosen Raum ohne oben und unten. Nur begleitet von eisigen Böen und einer Kälte, die den heranstiebenden Schnee im Gesicht zu einer Eiskruste gefrieren lässt. In meinen Wimpern hängen dicke Klumpen und behindern die ohnehin spärliche Sicht.

Während des Laufens bilde ich meist das Schlusslicht – die schwere Pulka, die ich zusätzlich zu meinem Rucksack hinter mir herziehe, scheint im tiefen Neuschnee versinken zu wollen und lässt sich nur mit brachialer Gewalt von der Stelle locken. Fluchend und keuchend wühle ich mich hinter den Dänen her. An diesem Tag bin ich froh, mich nicht um die Orientierung und die Suche nach dem besten Weg kümmern zu müssen. Ich vertraue mich den beiden an und hoffe, dass sie das GPS-Gerät zu benutzen verstehen.

Wo ist die rettende Hütte?
Wir arbeiten uns von Wegpunkt zu Wegpunkt voran, ändern dort jeweils den Kurs und stolpern weiter in die weiß-graue Unendlichkeit hinein. Ohne exakte Positionsbestimmung würden wir all die Abzweigungen niemals finden. Ob es bergauf oder bergab geht, können wir kaum mehr unterscheiden.

Gegen vier Uhr nachmittags sind es noch immer sieben Kilometer bis zur Rostahytta. Ernüchterung! Doch wir müssen weiter. Einfach weiter in der bald heraufziehenden Dämmerung. Wir wollen die Sicherheit spendende Behausung unbedingt erreichen, eine Übernachtung im Zelt bei diesem stürmischen Wetter auf jeden Fall vermeiden.

Der letzte Abstieg ist zum Glück nicht so steil wie befürchtet. Wir schaffen es runter in den Talboden, der unter der dichten Wolkendecke liegt. Krüppelige Birken sind zu sehen. Irgendwo hier muss die Hütte liegen. Es ist nahezu dunkel, als wir ein letztes Mal das GPS einschalten. Auf dem Display erscheinen die Koordinaten unseres Standpunktes und die nahezu erlösende verbleibende Entfernung zur Rostahytta: Nur noch 800 Meter! Ein kurzer Moment des Glücks – fast haben wir es geschafft.

Um 18:30 Uhr sind wir schließlich dort. Sitzen ausgelaugt in der fünf Grad kalten Hütte. In Sicherheit.

Am Ende kommt es knüppeldick

– Über den Ehrenberg –

Es sollte die Jahresabschlusswanderung werden. Einmal Rüggeberg und zurück. Eine Runde, die ich schon oft gelaufen bin. Und eine, für die ich normalerweise – also zu Zeiten, wo sich nicht der Schnee meterhoch auftürmt – etwa 8 bis 8,5 Stunden benötige. Keine Kleinigkeit, aber auch nichts Außergewöhnliches. Da die Tage Ende Dezember kurz sind, lief ich gestern früh los. Um 10 vor 8 stand ich auf der Straße vor der Haustür und machte mich auf den Weg. Runter nach Oberbarmen und erstmal zum Ehrenberg. Nach 45 Minuten war mir schon so warm, dass ich Windjacke und Handschuhe für den Rest des Tages in den Rucksack stecken konnte. Weiter ging es entlang der Wupper nach Beyenburg und durch den Wald zur Spreeler Mühle. Bis dahin war alles gut zu gehen und ich kam zügig voran.

Doch dann war plötzlich Schluss mit lustig: Ich traf auf ein Stück Weg, bei dem noch niemand einen Pfad in den Schnee getrampelt hatte. Nur eine Skispur zog sich zwischen den Bäumen entlang. Nun gut, ich nahm meine Kräfte zusammen und stapfte – oft knietief – hindurch. Schön war’s anzusehen – die fast unberührte Winterlandschaft -, aber beschissen hindurch zu laufen. Zum Glück war die Passage nicht allzu lang, und ich erreichte die Heilenbecker Talsperre. Dort machte ich eine Pause auf einer verschneiten Bank, nicht wissend, dass es danach noch übler kommen sollte. Eine Art Hohlweg zwischen zwei Feldern war nahezu komplett zugeweht. Ich fühlte mich wie in Skandinavien – Schneewehen zu beiden Seiten, dazu schlechte Sicht. An manchen Stellen reichte mir die weiße Pracht bis zu den Oberschenkeln. Als ich Rüggeberg erreichte, war ich mir nicht sicher, ob ich die Strecke so laufen könnte, wie geplant. Wenn ich weiterhin so viel durch grundlosen Schnee stapfen müsste, käme ich nie mehr zu Hause an!

Aber ich hatte Glück: Die meiste Zeit war der weitere Weg ganz brauchbar – dank Traktorspur oder Fußpfad -, auch wenn es noch ein paar Abschnitte gab, bei denen mir Schneeschuhe oder Ski eine gute Hilfe gewesen wären. Stoisch ackerte ich mich dort durch den Schnee, bekam eine nasse Hose, Schuhe und Socken. Egal, irgendwie ging es immer weiter. Selbst an der Klinik Königsfeld, wo ich die Müdigkeit in den Beinen schon deutlich spürte. Doch von dort waren es noch immer ein paar Stunden zu gehen …

– Autobahn –

Als ich am einst abgebrannten „Meiers am Kühlchen“ vorbeikam, machte sich das ohnehin diffuse Tageslicht bereit, der Dämmerung zu weichen. Zügig lief ich weiter. Über verschneite Felder und durch dichten Wald, aus dem ab und an ein Reh hervorsprang und meinen Weg kreuzte. Bis ich schließlich wieder den Ehrenberg erreichte, den ich zu guter Letzt nochmals überqueren musste. Der Weg hinauf ist steil. Am Ende gar immer steiler. Ich hatte fast das Gefühl, meine Zehen würden die Schienbeine berühren. Oben auf dem Kopf machte ich eine letzte Pause. Noch ein Becher Tee, ein Stück Schokolade. Dann rüber zum Wildgehege, runter zur Straße, zurück nach Hause.

Aus der Dämmerung wurde nun zunehmend Dunkelheit. Der Wald verfinsterte sich. Die Bäume verschmolzen mit dem Schnee. Aus allem wurde Eins. Und ich noch immer mittendrin. Dann die ersten Lichter der Stadt. Straßen, Autos, mehr oder weniger geräumte Wege. Um 17:45 Uhr war ich zurück. Nach fast 10 Stunden. Die Beine schwer. Der tiefe Schnee hatte alle Kraft eingesammelt. Am Ende des Jahres kam es so noch knüppeldick. Und es wurde – trotz allem – die Jahresabschlusswanderung.

Mit Sturmtief Petra in die Elfringhauser Schweiz

– In der Elfringhauser Schweiz –

Die Wettervorhersage war hervorragend: Für zahlreiche Landesteile hatte der Deutsche Wetterdienst (DWD) Unwetterwarnungen ausgegeben. Tief „Petra“ näherte sich, den Meteorologen zufolge, in den Morgenstunden von Nordwesten her mit starkem Schneefall und heftigem Wind und würde sich im Laufe des Tages weiter in Richtung Südosten bewegen. Dabei müsste mit Neuschnee von örtlich bis zu 20 Zentimetern gerechnet werden. Klar, dass ich mir das nicht entgehen lassen konnte …

Mein Ziel war die Elfringhauser Schweiz. Zwischen Hattingen, Wuppertal und Velbert gelegen, bietet die Hügelkette dem Besucher zahlreiche Wanderwege und eine schöne Landschaft. Auch wenn die höchsten Erhebungen selten die 300 Meter-Marke überschreiten, trägt sie den Namen Schweiz nicht umsonst. Denn man sollte diese Buckel nicht unterschätzen – häufig sind sie recht steil!

Um 10 nach 9 lief ich am Morgen los. Zum Hilgenpütt, der Fahrentrappe und hoch zum Bergerhof. Der Wald war schön verschneit – aber aufregendes passierte noch nicht. Auch nicht auf dem Weg ins Felderbachtal und überhaupt den ganzen Vormittag. Erst in den späteren Mittagsstunden fing es stärker an zu schneien. Dicke Flocken, die immer dichter wurden. Hinzu kam auffrischender Wind, der mir den Schnee in die Augen blies und die Sicht trübte. Herrlich! Ich fühlte mich schlagartig in den rauen Norden versetzt und war in meinem Element. Gut, dass ich noch ein ganzes Stück zu laufen hatte – ins Deilbachtal, an Schmahl am Schmalen vorbei und zurück Richtung Heimat – und so das Schneetreiben weiter genießen konnte.

20 vor 4 zeigte die Uhr, als ich wieder zu Hause ankam und aussah wie ein Schneemann. Feucht klebte das Weiß an Hose und Jacke. Mütze und Handschuhe waren nass. Im Wald war ich den Tag über fast ganz allein – nur die Petra, die war auch noch dort.