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Frische Luft

– Trampolin –

Am Samstag war ich mit Selma unterwegs. Mal schob ich sie im Kinderwagen, dann lief sie wieder selbst. Vor allem die kleinen, holprigen Wege zwischen Feldern und durch den Wald gefallen ihr. An Wuppertals Stadtrand schauten wir bei Pferden und Schafen vorbei. Wir zogen weiter bis zum Garten meiner Schwester. Aber da war niemand. Trotzdem schaukelten wir ein wenig, setzten uns auf die Wippe und kletterten aufs Trampolin. Das Sicherheitsnetz lässt sich nicht ganz verschließen, aber ich machte es zu so gut es ging.

Wir hüpften. Mal abwechselnd, dann Hand in Hand. Selma kullerte über die Sprungfläche, lachte übers ganze Gesicht. Wir hatten Spaß. Irgendwann meinte sie, ich solle den Verschluss des Netzes wieder öffnen. Ich fragte, warum. Damit mehr frische Luft reinkommt, war ihre Antwort …

Als ein paar Regentropfen fielen, stellten wir uns an einem Gartenhaus unter. Wir teilten die mitgebrachten Süßigkeiten und freuten uns des Lebens. Dann liefen wir zurück. Wieder vorbei an den Pferden und den Schafen.

Gemeinsame Stunden. Schöne Stunden.

It’s raining cats and dogs

– „not“ –

April, April, der macht, was er will … Aber doch nicht der Mai! Der gilt auch in Schottland als Wonnemonat – mit stabilen Schönwetterlagen und sommerlichen Temperaturen. Das habe ich dort selbst schon erlebt und bin vor vielen Jahren in T-Shirt und kurzen Hosen durch die Letterewe Wilderness gestiefelt. Als ich nun vor etwa 2,5 Wochen zur Isle of Skye aufbrach, um dort den Skye Trail zu laufen, hoffte ich natürlich nicht nur auf dramatisch fotogenes Lichterspiel, sondern auch auf schöne Frühlingsbedingungen. Naja, der Mai entpuppte sich dieses Mal jedoch nicht als „normaler“ Mai, sondern eher als eine Verlängerung des April. Aber was ist im Norden schon normal?

Bereits während der Busfahrt vom Glasgower Flughafen nach Portree sah ich hinter den Scheiben das ganze Übel vorüberziehen. Allerorts rauschten prall gefüllte Bäche und Flüsse wild schäumend die Berge herunter, das Wasser der Seen trat über die Ufer, es regnete Bindfäden und im Glen Shiel schließlich schneite es auch noch. Mit mulmigen Gefühlen kam ich auf der Inneren Hebriden Insel an – ich befürchtete eine mir bevorstehende Wasserschlacht. Genährt wurde die Vorstellung zudem von anderen Wanderern, die ich in Portree traf und die ihr Vorhaben, ebenfalls den Skye Trail komplett zu laufen, bereits abgebrochen hatten und sich fortan auf einige Häppchen des Weges beschränkten, um zwischendurch immer mal wieder in wohlig warmen Hostels durchtrocknen zu können. Darüber hinaus begleitete eine steife Brise den steten Regen, die das Nass klatschend über Skye trieb.

Gut, ich kaufte mir erstmal Gas-Kartuschen und eine wetterfeste Karte des Weges, bevor ich in Broadford loslief, so, als könne mich nichts erschüttern. Nun ja, Erschütterungen gab es in der folgenden Zeit dann aber noch einige – in Form immer wiederkehrender Regengüsse, stürmischen Windes und schmatzend feuchten Bodens. Doch ich sollte auch Glück im Unglück haben. Ich kam durch, konnte alle Flüsse problemlos queren, behielt trockene Füße, zeltete an einigen wunderschönen Flecken, die ich zwischen all der Matsche fand, und lief von Süd nach Nord den ganzen Weg. An den Ruinen von Boreraig und Suishnish vorbei, durch Torrin und Elgol. Am Wasser entlang und auf schmalen Pfaden hoch über steilen Klippen. Ich erklomm den Gipfel des Sgurr na Stri und später auch noch des Ben Tianavaig. Von den Cuillins sah ich jede Felsenspitze und hatte eine Nacht lang meine Ruhe am vielbesuchten Ausflugsziel, dem Loch Coruisk. Sligachan lag am Weg und The Braes. Ein auf und ab über Berge, dann der Old Man Of Storr und sein Nachbar, der Needle Rock. Dort wartete ich ab. Aber anstelle guten Wetters, das für das folgende Stück jetzt wirklich nötig gewesen wäre, kamen Graupelschauern und wieder Schnee. Dazu tiefhängende, düstere Wolken und ein Sturm, der mich von der Trotternish Ridge hinaus aufs offene Meer geschleudert hätte. Der Bergkamm blieb mir daher als einziges verwehrt und ich folgte stattdessen der Straße bis Staffin. Das war allerdings nicht weiter schlimm – zum Ende der Tour entschädigte Quiraing und schließlich The Lookout, hoch über Hunish und der Nordspitze der Isle of Skye.

Ich war angekommen dort oben. Verdreckt und oft patschnass. Aber was soll’s? Ab und an hatten auf meiner Wanderung dann doch ein paar Sonnenstrahlen für Momente den Weg zu mir gefunden, mich immer wieder aufgemuntert und so bot sich fast das, was ich mir zuvor erträumt hatte …

„Düstere Wolkenformationen, die dramatisch über den Bergen thronen und nur einen Spaltbreit der Sonne Raum lassen, die Schwärze zu durchbrechen, aufzublitzen und die Szenerie ganz punktuell golden zu erleuchten.“

Ach ja, so war es am Schluss eine Runde Sache, wenn auch eher auf der dunkleren Seite der Möglichkeiten. Das landschaftliche Potpourri des Skye Trail durfte ich erleben, bin reicher an Begegnungen und konnte auch bei den oft miesen Umständen so manches in Bildern festhalten.

Soweit eine erste Zusamenfassung. Viele Impressionen werden noch folgen!

> Bildergalerie Skye Trail 2013

Up And Away

– Über uns –

Wieder gilt es, dem Ruf der Wildnis zu folgen. Ich hatte es ja bereits über diverse Kanäle verbreitet, dass ich am morgigen Freitag erneut aufbreche. Dieses Mal nach Schottland auf die Isle of Skye. Die zu den Inneren Hebriden gehörende Insel wartet mit einem äußerst verlockenden Wanderweg auf, den ich innerhalb der nächsten zwei Wochen laufen möchte. Der Skye Trail bietet ein landschaftliches Potpourri, auf das ich mich diebisch freue.

„The trail covers 128 km of tough terrain including spectacular mountain and coastal scenery. It follows much of the celebrated Trotternish Ridge and also passes under the very shadow of the jagged Cuillin, the finest mountains in Britain. There are remarkable but almost unvisited coastal cliffs, steep trails above high drops, and the haunting ruins of deserted villages destroyed in the Highland Clearances.“

Über London fliege ich nach Glasgow und fahre von dort mit einem Bus via Fort William bis nach Portree. Nach einer Nacht im Bayfield Backpackers muss ich mir im Hauptort Skye’s noch Gas-Kartuschen besorgen, bevor ich in Broadford starten und loslaufen werde. Torin, Elgol und Camasunary sind die ersten Stationen am Weg, dann lockt der Loch Coruisk inmitten der schroffen Cuillins. Weiter über Sligachan geht es erneut nach Portree und von dort zuerst oberhalb der Küste längs, bis ich hinaufsteigen werde zum Old Man Of Storr, dieser weithin sichtbaren Felsnadel. Es folgt anschließend der Trotternish Bergrücken, über dessen Kamm ich – gutes Wetter vorausgesetzt – zur Nordspitze der Insel gelangen möchte. Dort wartet die Lookout Bothy unweit von Rubha Hunish als kleines Schmankerl mit großer Aussicht am Ziel der Tour.

Eigentlich ist der Skye Trail mit sieben Tagen angegeben, aber ich habe ein paar mehr zur Verfügung. Das ist gut so, mache ich mich doch auch besonders auf die Suche nach Bildern, die ich einfangen und mit nach Hause bringen möchte. Ich werde daher wieder einmal viel Fotokrempel durch die Lande buckeln. Aber das könnte sich auf der Isle of Skye auszahlen, ist doch das, was ich bisher davon gesehen habe, ein Augenschmaus.

Wetterberichte habe ich vorab nicht studiert – ich lasse alles auf mich zukommen. Aber ich träume von düsteren Wolkenformationen, die dramatisch über den Bergen thronen und nur einen Spaltbreit der Sonne Raum lassen, die Schwärze zu durchbrechen, aufzublitzen und die Szenerie ganz punktuell golden zu erleuchten. Ach ja …

Mission Accomplished

– Gruppendynamik –

Es galt, eine offene Rechnung zu begleichen. Die Niederlage einer vor Jahren missglückten Island Winter-Transversale endlich in einen Erfolg zu verwandeln. Mitte März brach ich auf. Dieses Mal jedoch nicht allein wie noch 2005, sondern mit einer Gruppe des Reiseunternehmens Wüstenwandern, um die Insel aus Feuer und Eis nun mit Ski und Pulka-Schlitten zu durchqueren. Gemeinsam mit Jerome Blösser wollte ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sicher ans Ziel führen und mich darüber hinaus auf die Jagd nach einer spannenden Geschichte und ausdrucksstarken Fotos machen.

Vor der Abreise drifteten meine Gedanken ins Ungewisse:

„Einmal von der Ringstraße im Norden bis zur Ringstraße im Süden. Durchs innere Hochland, den Sprengisandur, und über den Vatnajökull, den größten Gletscher Europas. Eine Herausforderung, die neben der anspruchsvollen Route vor allem vom Wetter bestimmt wird. Ist es kalt und schneereich? Oder wird es Plusgrade geben und gar mal regnen? Und was macht der Wind? Die Stürme sind berüchtigt und auch mir ist auf Island beinahe einmal ein Zelt zerrissen und davongeflogen.“

Es war zu erwarten, dass es wieder einmal kein reines Zuckerschlecken werden würde. Und ich fragte mich, warum ich nur immer in diese launigen Regionen aufbrechen muss. Doch dann kam alles, naja, nicht anders, aber viel besser als in den schlimmsten Szenarien ausgemalt …

Als wir vor unserer Fahrt in den Norden Islands und zum Ausgangspunkt unserer Skitour, der Öxnadalsheiđi und dem Kaldbaksdalur, in der Hauptstadt Reykjavík saßen, flackerte ein Nordlicht über den nächtlichen Himmel. Ich versuchte darin ein gutes Omen zu sehen und tatsächlich war es vielleicht ein Vorbote der vor uns liegenden Zeit in Schnee und Eis. Zwar bekamen wir keine weitere Aurora Borealis mehr zu Gesicht, aber dafür war uns der isländische Wettergott – entgegen all unserer Furcht vor den Naturgewalten – von da an wohlgesinnt. Island zeigte sich zahm wie ein Lamm. Stürme blieben aus. Kein White-Out verhüllte die Landschaft. Die Minusgrade waren mäßig. Oft schien die Sonne vom stahlblauen Himmel. Und es regnete nie. Es wurde fast eine reine Genusstour, wenn nicht ein paar Nickligkeiten doch auf unserem Weg gelegen hätten und der Unternehmung die nötige Würze verliehen.

Der Sprengisandur inmitten des Hochlandes war nicht allerorts solide verschneit und wir mussten an manchen Stellen im Zickzack nach gangbaren Routen suchen und die Pulkas auch das eine oder andere Mal kurze Stücke tragen. Aber das ließ sich leicht verschmerzen im Angesicht der fantastischen Ausblicke auf Hofs- und Tungnafellsjökull. Trotzdem waren wir nach diesen kleinen Stolpersteinen, die uns hier und da im wahrsten Sinne des Wortes im Wege lagen, überglücklich, als sich der Panzer des Vatnajökull vor uns ausbreitete und wir in der Gegend des Vonarskarđ, des Passes der Hoffnung, über den Köldukvíslarjökull auf diese ausgedehnte Fläche ewigen Eises steigen konnten. Von dort an liefen wir ohne sonderliche Hürden weiter über Europas größten Gletscher. Bis zu seinem südöstlichen Ende, dem Skálafellsjökull, über den wir wieder hinabglitten in tiefere Lagen, der Küste und dem Meer entgegen. Doch die Ringstraße erreichten wir erst durch einen kasteienden Akt – auf zunehmend schneeloser Piste buckelten wir all unser Gepäck die letzten Kilometer vom Eisrand bis zum Zielstrich.

Es war eine großartige Tour, die mir am Ende jedoch einfacher erschien, als sie normalerweise wohl ist. Wir hatten einfach unglaubliches Glück. Alles passte. Die „Faust der Arktis“, über die wir immer wieder sinnierten, schlug nicht zu. Dabei war der Respekt, mit dem ich der Herausforderung zuvor begenete, immer gerechtfertigt. Auch wenn es letztendlich doch überwiegend ein Zuckerschlecken wurde.

Soweit ein erster Eindruck. Sobald ich mich durch den Berg an mitgebrachten Bildern gearbeitet habe, wird es noch mehr zu sehen geben. Vom Schutz der Bergland-Hütte, der Grímsvötn-Caldera und all den anderen Dingen, an denen wir unsere Spuren vorbeizogen.

> Bildergalerie Island Winter-Durchquerung 2013

Eine offene Rechnung

– Umkehr –

Es war vor nahezu genau acht Jahren. Da brach ich im Norden Islands zu einer Tour auf, die so richtig in die Hose ging. Ich wollte im Winter allein einmal quer über die Insel laufen und scheiterte an Schneemangel, warmen Temperaturen und wohl auch schlechter Planung. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine bessere Routenwahl hätte mir den Stachel, der seitdem tief in mir sitzt, vielleicht erspart. Sei’s drum – diese „Niederlage“ lehrte mich, sorgfältiger zu sein. Nicht nur Plan A, sondern auch einen Plan B im Gepäck zu haben. Und den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Ein paar Monate darauf gelang mir eine Solo-Überquerung des Vatnajökull, im Folgejahr meine erste Expedition übers grönländische Inlandeis.

Trotzdem: Da ist noch eine Rechnung offen. Im vorigen Jahr wollte ich sie bereits begleichen und erneut eine Ski-Durchquerung Islands versuchen. Auf einer anderen Route und mit besserer Taktik. Doch am Tag vor der Abreise auf die Insel aus Feuer und Eis erkrankte mein Partner und wir mussten die Unternehmung spontan absagen. Weitere 12 Monate verstrichen, aber jetzt, am kommenden Sonntag, breche ich mit einer Gruppe des Reiseunternehmens Wüstenwandern nach Island auf, um die Insel nun mit Ski und Pulka-Schlitten zu durchqueren. Einmal von der Ringstraße im Norden bis zur Ringstraße im Süden. Durchs innere Hochland, den Sprengisandur, und über den Vatnajökull, den größten Gletscher Europas. Eine Herausforderung, die neben der anspruchsvollen Route vor allem vom Wetter bestimmt wird. Ist es kalt und schneereich? Oder wird es Plusgrade geben und gar mal regnen? Und was macht der Wind? Die Stürme sind berüchtigt und auch mir ist auf Island beinahe einmal ein Zelt zerrissen und davongeflogen.

Wir haben die Tour bis ins Detail geplant, werden zu siebt 16 Tage unterwegs sein und in diesem Jahr hoffentlich mehr Glück haben als ich allein vor langer Zeit. Aber das wird schon. Ein wenig Sorge bereitet mir nur meine konditionelle Verfassung. Nach der Skitour über die Hardangervidda in Norwegen im Februar, bei der mich eine Erkältung schwächte, bestanden meine sportlichen Aktivitäten allein daraus, Selma tagein tagaus mit dem Kinderwagen in die Kita zu bringen. Gut, muss ich eventuelle Defizite einfach mit Erfahrung kompensieren …

Neben dem, dass ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mini-Expedition gemeinsam mit Jerome Blösser sicher ans Ziel zu führen habe, ist diese Island-Reise darüber hinaus ein weiterer Teil meines aktuell laufenden Projektes „Mein Norden“. Ich bin also auch auf der Jagd nach einer spannenden Geschichte und ausdrucksstarken Fotos.

Wer genauer erfahren möchte, wie es mir 2005 ergangen ist, als ich erfolglos von Island zurückkehrte, findet nachfolgend eine Art Tagebuch mit einer Schilderung der damaligen Erlebnisse:

Geschmolzener Traum – Der Versuch einer Island Winter-Transversale im Alleingang

Prolog
Das Ziel war herausfordernd. Eine Durchquerung Islands von Nord nach Süd. Von Ásbyrgi nach Hvolsvöllur. Im Winter. Allein. Nur mit Skiern, Pulka-Schlitten und einem Rucksack quer durch das menschenleere Hochland. An Vulkanen, Gletschern und heißen Quellen vorbei. Während der Fahrt nach Ásbyrgi brandete das Nordmeer sturmgetrieben an die felsige Küste. An Land schimmerte allerorts das Grau, Schwarz und Braun der Landschaft durch die dünne Schneedecke. Ich war der einzige Fahrgast in dem Bus, der diese kaum besiedelte Ecke Nordost-Islands bedient. Am Rand des Nationalpark Jökulsárgljúfur erwartete mich ein einsamer Laden, eine Tankstelle und ein eisiger Wind, der mir die Kälte in die Knochen trieb und mich mein Zelt rasch etwas geschützt in der Felsenschlucht Ásbyrgi aufbauen ließ. Ein wenig lief ich noch durch diese Schlucht, die der Sage nach durch einen Huftritt von Odins achtfüßigem Galopper Sleipnir entstanden sein soll, bevor ich mich in meiner Nylonhütte verkroch. Am nächsten Tag sollte es losgehen. Der erste Tag von 28 Tagen. Mehr als 400 Kilometer Strecke lagen vor mir. Sturm war angesagt, dann steigende Temperaturen, auch Regen. Wie würden die Schneebedingungen sein? Zweifel nagten an mir. Ich war bedrückt.

– Ásbyrgi –

Freitag, 18. März – 1. Tag
Die erste Nacht war unruhig. Der Sturm rüttelte ununterbrochen am Zelt. Mehrfach musste ich hinaus schlüpfen und die Zeltleinen neu fixieren. Erst am Vormittag ebbte der Wind ab. Die Sonne kam hervor und ich konnte meinen Rucksack und den Schlitten packen. Auf dem ersten Abschnitt meiner Route lag jedoch gar kein Schnee. Daher montierte ich zwei Reifen unter die Pulka, um sie so hinter mir herziehen zu können. Erst über ein Stück Asphalt, dann über eine recht feste Schotterstraße, später über die aufgeweichte Hochlandpiste F862. Die Pulka zerrte höllisch am Rucksack, tänzelte hin und her, und die Reifen gruben sich tief in den Kies. Stoisch nahm ich meine quälende Langsamkeit in Kauf. Der Schnee und damit die Glückseligkeit des Skilaufens würde schon noch kommen. Und dann kam er. Dünn lag er auf der Piste, die sich wie ein weißes Band durch die Landschaft zu ziehen schien. Endlich konnte ich die Skier anlegen und die Reifen auf den Schlitten verbannen. Nun ging es so richtig los. Doch auch auf der Hochlandpiste war die Schnee- und Eisdecke nicht überall von tragender Qualität. Mancherorts setzte sie sogar ganz aus und machte Platz für Pfützen, Steine und Matsch. Da es aber immer nur ein paar Schritte waren, stakste ich mit den Skiern an den Füßen einfach hinüber, bis ich wieder auf glattem Grund stand. Die Pulka zerrte ich einfach hinterher. Am Abend hatte ich so eine gute Handvoll Kilometer geschafft und an Höhe gewonnen. Aber ich hoffte auf bessere Bedingungen. Weiter gen Hochland, da müsste der Schnee kommen.

Samstag, 19. März – 2. Tag
Ein grünes Nordlicht zog spät am vorigen Abend noch seine faszinierenden Schlieren über den dunklen Himmel und mich in seinen Bann. Doch am Tage zog ich die schwere Pulka wieder über den spärlichen Schnee. Bei Temperaturen um die Null Grad schien der Schlitten daran festzukleben. Dazu lastete der Rucksack niederdrückend auf meinen Schultern. Alle 45 Minuten musste ich eine Pause einlegen, noch öfter kurz stehen bleiben und durchschnaufen. Zweimal zeigte sich die Piste an diesem Tag auf ganzer Breite in einer grau-braunen Masse. Mehr als hundert Meter weit. Beide Male schnallte ich die Skier ab und zerrte die Pulka entweder brutal weiter, wobei die Kufen des Schlittens wässrige Rinnen im Matsch hinterließen, oder ich nahm Umwege über Schneereste in Kauf. Mit jedem Schritt blieb etwas mehr Kraft und Energie in dem alten und dreckigen Weiß, auf den Eisplatten oder zwischen den in der Erde eingelagerten Steinen hängen. Dabei fielen nasse Schneeflocken vom Himmel, die auf der Kleidung schmolzen und auch auf dem Boden nicht lange liegen blieben. Am Abend regnete es und die Tropfen zermürbten weiter den wenigen Schnee.

– Eilífur –
– Ringstraße –

Sonntag, 20. März – 3. Tag
Endlich kam ich in ein Gebiet, wo der Schnee Überhand über die steinige Landschaft gewann, sie aber auch noch nicht ganz verdrängen konnte. Zwar hatten sich über Nacht Pfützen auf den eisigen Abschnitten der Piste gebildet, doch bald lag mir so viel Weiß zu Füßen, dass ich die Piste nicht mehr ausmachen konnte und ihren Verlauf aus den Augen verlor. Von nun an orientierte ich mich an Bergkuppen und manövrierte so zwischen Felsinseln hindurch. Zuweilen konnte ich das laute Tosen der Jökulsá á Fjöllum und des Dettifoss vernehmen. Der gewaltige Gletscherfluss und Europas mächtigster Wasserfall donnerten ein paar Kilometer entfernt, vom Vatnajökull kommend, gen Nordmeer. Der Berg Eilífur zeigte sich markant am Horizont und bald entdeckte ich auch wieder Anzeichen der Piste. Ich stieß auf Markierungen und Spuren im Schnee, zu denen sich kurz darauf die passenden Geräusche gesellten. Motorenlärm drang an mein Ohr, gefolgt von zwei Super-Jeeps, die plötzlich hinter einer Schneekuppe auftauchten. Mit den riesigen Reifen schwammen sie förmlich auf der Schneedecke. Es waren Ausflügler auf dem Weg zum Dettifoss. Ich wurde fotografiert, als wäre ich ein Exot. Und so kam ich mir auch vor. Niemand sonst war hier mit Skiern unterwegs. Ich folgte den Reifenspuren und kam zu meiner Zufriedenheit etwas zügiger voran. Aber der Schnee wurde bei einigen Graden über Null immer nasser und bräunlich schmutzig war er ohnehin allerorts. Als ich ihn am Abend zum Kochen schmolz, setzte sich ein dunkler Belag am Topfboden ab.

Montag, 21. März – 4. Tag
Die relativ gute Schneelage war nur von kurzer Dauer. Je näher ich der Ringstraße kam, desto mehr nahm auch die Schneemenge wieder ab. Kahle Stellen wurden wieder häufiger. Vielfach schrabbte ich mit den Skiern über Flechten und Gestrüpp. Immer öfter verfiel mein Weg in ein weiträumiges Zickzack. Wasser stand in großen Tümpeln auf dem Eis. Das Thermometer zeigte 10 Grad an und mir rann der Schweiß von der Stirn. Am späten Mittag erreichte ich die Straße. Dort ließ ich meinen Blick weiter Richtung Süden wandern und wurde mit Ernüchterung gepeinigt. Schnee war kaum zu sehen. Nur dunkle Lavafelder. Naja, die Sicht war schlecht. Vielleicht lag die Besserung in höheren Lagen. Als ich erneut die Reifen unter die Pulka montierte, existierte noch ein Rest Hoffnung. Aber diese wurde entlang der Ringstraße, auf dem Weg nach Osten, zunehmend zerschmettert. Ich wollte die nächste Hochlandpiste erreichen und dieser dann weiter nach Süden ins Hochland folgen. Bis dahin erschien die Ringstraße als vermeintlich einfachster Weg. Doch mit der schweren, am Rucksack zerrenden Pulka über den Asphalt zu ziehen, war quälerisch. Zu meiner Freude entdeckte ich im Straßengraben ein schmales Schneeband. Ich sattelte wieder auf die Skier um und kam unweit der Asphaltpiste für kurze Zeit so etwas besser voran. Schließlich lief es allerdings auch hier alles andere als gut. Der Schnee war dreckig und klebrig. Grau und von tiefem Schwarz. Mit aller Kraft musste ich den Schlitten vom Fleck bewegen. Die Skier blockierten auf dem stumpfen Untergrund. Etwas Regen kam auf. Eine dunkle Stimmung hüllte die Landschaft und mein Gemüt ein. Die Zweifel wurden immer einnehmender.

– Süden –
– Ende –

Dienstag, 22. März – 5. Tag
Die letzten Kilometer bis zur Abzweigung der Hochlandpiste waren extremste Schinderei. Die Pulka bekam ich zuweilen kaum vom Fleck. Nur mit aller erdenklichen Anstrengung kam ich Schritt für Schritt weiter. Erst der Anblick der Piste F88 hellte meine Gedanken ein letztes Mal kurzzeitig auf. Eine Eisbahn, wenn auch mit Wasser überzogen, schien von hier ins Hochland zu ziehen. Doch nach den ersten beflügelnden Metern Wasserski wurden die Bedingungen noch grausamer als zuvor. Der alte, stumpfe Schnee kehrte zurück. Dazu abwechselnd fragiles Eis, welches unter meinem Gewicht zerbrach. Dann wieder Schnee. Aber nun nass und matschig. Unterhöhlt oder überspühlt von Schmelzwasserbächen. Ich versuchte es mit und ohne Skier, nur um zu sehen, zu erfahren, wie die Sinnlosigkeit dieses Tuns in mir zur Erkenntnis reifte. Tränen kamen und Trotz. Noch ein Stück quälte ich mich weiter am Rande der Lavawüste Ódádahraun. Der Wüste der Missetäter. Als düstere Bewölkung aufzog, suchte ich nach einem Zeltplatz. Zwischen matschigem Kiesgrund, Bachläufen und Steinen fand ich gerade noch einen Schneefleck, wo Platz war für mein Zelt. Bis zum Horizont und wohl auch darüber hinaus dominierte schwarzes Land meinen Blick. Keine Anzeichen einer geschlossenen Schneedecke konnten diesen noch einmal erfreuen. Der Weg ins Innere des Hochlandes lag unüberwindbar vor mir. Diese schneesichere Region war in unerreichbare Ferne gerückt. Die Trostlosigkeit der Landschaft ergriff von mir Besitz.

– Zurück –

Mittwoch, 23. März – 6.Tag
Am Morgen war ich träge. Umzukehren fiel mir schwer, obwohl die Entscheidung von der Natur eindeutig diktiert wurde. Auf dem Weg zurück zur Ringstraße schleppte ich nun auch noch die Enttäuschung mit mir. Eine große Last, die sich weniger leicht abstreifen ließ wie der Rucksack oder die zerrende Pulka. Zurück an der Straße setzte Schneefall ein. Wie herab fallender Spott erschienen mir die Flocken. Ich packte alles zusammen und stellte mich an den Straßenrand. Der erste Wagen hielt. Es war vorbei.

Epilog
Die folgenden Tage verbrachte ich am Myvatn. In der prallen Sonne kletterten die Temperaturen auf nahezu 20 Grad. Die Schneedecke verschwand zusehends. Überall auf Island herrschten nun Plusgrade. Auch im Innersten der Insel. Dauerregen weichte dort den noch verbliebenen Schnee weiter auf und meine Entscheidung wurde ins rechte Licht gerückt. Die Herausforderung, Island von Nord nach Süd, von einem letzten Vorposten der Zivilisation im Norden bis fast zur Küste im Süden zu durchqueren, war in diesem Winter nicht möglich. Zumindest nicht „unsupported“ und „by fair means“. Nur mit Hilfe solcher Super-Jeeps, wie ich sie in der Nähe des Dettifoss getroffen hatte, wäre es möglich gewesen. Damit hätte ich mich hineinfahren lassen können ins Hochland. Dorthin, wo der Schnee lag. Aber dieser Insel mit riesigen Reifen und Dieselgestank zu Leibe zu rücken, war nicht mein Ziel. Nur mit schmalen Skiern und Kocherbenzin gerüstet, erschien mir die Herausforderung angemessen. Auch wenn ich lernen musste, dass dem Menschen ohne den Einsatz maßloser Technik zuweilen Grenzen gesetzt sind.

Die Route:
Ásbyrgi – Hochlandpiste F862 – Ringstraße – Hochlandpiste F88 – Umkehrpunkt – Ringstraße (etwa 80 Kilometer)

– Pfannkucheneis –

Soweit die abgehakte Geschichte. Jetzt richte ich meinen Blick in die Zukunft, die Ende dieser Woche beginnt. Voller Respekt begegne ich ihr. Aber auch gewillt, alles daran zu setzen, dieses Mal erfolgreich heimzukehren. Dabei ist zu erwarten, dass es wieder einmal kein reines Zuckerschlecken wird. Warum muss ich nur immer in diese launigen Regionen aufbrechen?