Suche
Suche Menü

Mission Accomplished

– Gruppendynamik –

Es galt, eine offene Rechnung zu begleichen. Die Niederlage einer vor Jahren missglückten Island Winter-Transversale endlich in einen Erfolg zu verwandeln. Mitte März brach ich auf. Dieses Mal jedoch nicht allein wie noch 2005, sondern mit einer Gruppe des Reiseunternehmens Wüstenwandern, um die Insel aus Feuer und Eis nun mit Ski und Pulka-Schlitten zu durchqueren. Gemeinsam mit Jerome Blösser wollte ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sicher ans Ziel führen und mich darüber hinaus auf die Jagd nach einer spannenden Geschichte und ausdrucksstarken Fotos machen.

Vor der Abreise drifteten meine Gedanken ins Ungewisse:

„Einmal von der Ringstraße im Norden bis zur Ringstraße im Süden. Durchs innere Hochland, den Sprengisandur, und über den Vatnajökull, den größten Gletscher Europas. Eine Herausforderung, die neben der anspruchsvollen Route vor allem vom Wetter bestimmt wird. Ist es kalt und schneereich? Oder wird es Plusgrade geben und gar mal regnen? Und was macht der Wind? Die Stürme sind berüchtigt und auch mir ist auf Island beinahe einmal ein Zelt zerrissen und davongeflogen.“

Es war zu erwarten, dass es wieder einmal kein reines Zuckerschlecken werden würde. Und ich fragte mich, warum ich nur immer in diese launigen Regionen aufbrechen muss. Doch dann kam alles, naja, nicht anders, aber viel besser als in den schlimmsten Szenarien ausgemalt …

Als wir vor unserer Fahrt in den Norden Islands und zum Ausgangspunkt unserer Skitour, der Öxnadalsheiđi und dem Kaldbaksdalur, in der Hauptstadt Reykjavík saßen, flackerte ein Nordlicht über den nächtlichen Himmel. Ich versuchte darin ein gutes Omen zu sehen und tatsächlich war es vielleicht ein Vorbote der vor uns liegenden Zeit in Schnee und Eis. Zwar bekamen wir keine weitere Aurora Borealis mehr zu Gesicht, aber dafür war uns der isländische Wettergott – entgegen all unserer Furcht vor den Naturgewalten – von da an wohlgesinnt. Island zeigte sich zahm wie ein Lamm. Stürme blieben aus. Kein White-Out verhüllte die Landschaft. Die Minusgrade waren mäßig. Oft schien die Sonne vom stahlblauen Himmel. Und es regnete nie. Es wurde fast eine reine Genusstour, wenn nicht ein paar Nickligkeiten doch auf unserem Weg gelegen hätten und der Unternehmung die nötige Würze verliehen.

Der Sprengisandur inmitten des Hochlandes war nicht allerorts solide verschneit und wir mussten an manchen Stellen im Zickzack nach gangbaren Routen suchen und die Pulkas auch das eine oder andere Mal kurze Stücke tragen. Aber das ließ sich leicht verschmerzen im Angesicht der fantastischen Ausblicke auf Hofs- und Tungnafellsjökull. Trotzdem waren wir nach diesen kleinen Stolpersteinen, die uns hier und da im wahrsten Sinne des Wortes im Wege lagen, überglücklich, als sich der Panzer des Vatnajökull vor uns ausbreitete und wir in der Gegend des Vonarskarđ, des Passes der Hoffnung, über den Köldukvíslarjökull auf diese ausgedehnte Fläche ewigen Eises steigen konnten. Von dort an liefen wir ohne sonderliche Hürden weiter über Europas größten Gletscher. Bis zu seinem südöstlichen Ende, dem Skálafellsjökull, über den wir wieder hinabglitten in tiefere Lagen, der Küste und dem Meer entgegen. Doch die Ringstraße erreichten wir erst durch einen kasteienden Akt – auf zunehmend schneeloser Piste buckelten wir all unser Gepäck die letzten Kilometer vom Eisrand bis zum Zielstrich.

Es war eine großartige Tour, die mir am Ende jedoch einfacher erschien, als sie normalerweise wohl ist. Wir hatten einfach unglaubliches Glück. Alles passte. Die „Faust der Arktis“, über die wir immer wieder sinnierten, schlug nicht zu. Dabei war der Respekt, mit dem ich der Herausforderung zuvor begenete, immer gerechtfertigt. Auch wenn es letztendlich doch überwiegend ein Zuckerschlecken wurde.

Soweit ein erster Eindruck. Sobald ich mich durch den Berg an mitgebrachten Bildern gearbeitet habe, wird es noch mehr zu sehen geben. Vom Schutz der Bergland-Hütte, der Grímsvötn-Caldera und all den anderen Dingen, an denen wir unsere Spuren vorbeizogen.

> Bildergalerie Island Winter-Durchquerung 2013

Eine offene Rechnung

– Umkehr –

Es war vor nahezu genau acht Jahren. Da brach ich im Norden Islands zu einer Tour auf, die so richtig in die Hose ging. Ich wollte im Winter allein einmal quer über die Insel laufen und scheiterte an Schneemangel, warmen Temperaturen und wohl auch schlechter Planung. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine bessere Routenwahl hätte mir den Stachel, der seitdem tief in mir sitzt, vielleicht erspart. Sei’s drum – diese „Niederlage“ lehrte mich, sorgfältiger zu sein. Nicht nur Plan A, sondern auch einen Plan B im Gepäck zu haben. Und den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Ein paar Monate darauf gelang mir eine Solo-Überquerung des Vatnajökull, im Folgejahr meine erste Expedition übers grönländische Inlandeis.

Trotzdem: Da ist noch eine Rechnung offen. Im vorigen Jahr wollte ich sie bereits begleichen und erneut eine Ski-Durchquerung Islands versuchen. Auf einer anderen Route und mit besserer Taktik. Doch am Tag vor der Abreise auf die Insel aus Feuer und Eis erkrankte mein Partner und wir mussten die Unternehmung spontan absagen. Weitere 12 Monate verstrichen, aber jetzt, am kommenden Sonntag, breche ich mit einer Gruppe des Reiseunternehmens Wüstenwandern nach Island auf, um die Insel nun mit Ski und Pulka-Schlitten zu durchqueren. Einmal von der Ringstraße im Norden bis zur Ringstraße im Süden. Durchs innere Hochland, den Sprengisandur, und über den Vatnajökull, den größten Gletscher Europas. Eine Herausforderung, die neben der anspruchsvollen Route vor allem vom Wetter bestimmt wird. Ist es kalt und schneereich? Oder wird es Plusgrade geben und gar mal regnen? Und was macht der Wind? Die Stürme sind berüchtigt und auch mir ist auf Island beinahe einmal ein Zelt zerrissen und davongeflogen.

Wir haben die Tour bis ins Detail geplant, werden zu siebt 16 Tage unterwegs sein und in diesem Jahr hoffentlich mehr Glück haben als ich allein vor langer Zeit. Aber das wird schon. Ein wenig Sorge bereitet mir nur meine konditionelle Verfassung. Nach der Skitour über die Hardangervidda in Norwegen im Februar, bei der mich eine Erkältung schwächte, bestanden meine sportlichen Aktivitäten allein daraus, Selma tagein tagaus mit dem Kinderwagen in die Kita zu bringen. Gut, muss ich eventuelle Defizite einfach mit Erfahrung kompensieren …

Neben dem, dass ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mini-Expedition gemeinsam mit Jerome Blösser sicher ans Ziel zu führen habe, ist diese Island-Reise darüber hinaus ein weiterer Teil meines aktuell laufenden Projektes „Mein Norden“. Ich bin also auch auf der Jagd nach einer spannenden Geschichte und ausdrucksstarken Fotos.

Wer genauer erfahren möchte, wie es mir 2005 ergangen ist, als ich erfolglos von Island zurückkehrte, findet nachfolgend eine Art Tagebuch mit einer Schilderung der damaligen Erlebnisse:

Geschmolzener Traum – Der Versuch einer Island Winter-Transversale im Alleingang

Prolog
Das Ziel war herausfordernd. Eine Durchquerung Islands von Nord nach Süd. Von Ásbyrgi nach Hvolsvöllur. Im Winter. Allein. Nur mit Skiern, Pulka-Schlitten und einem Rucksack quer durch das menschenleere Hochland. An Vulkanen, Gletschern und heißen Quellen vorbei. Während der Fahrt nach Ásbyrgi brandete das Nordmeer sturmgetrieben an die felsige Küste. An Land schimmerte allerorts das Grau, Schwarz und Braun der Landschaft durch die dünne Schneedecke. Ich war der einzige Fahrgast in dem Bus, der diese kaum besiedelte Ecke Nordost-Islands bedient. Am Rand des Nationalpark Jökulsárgljúfur erwartete mich ein einsamer Laden, eine Tankstelle und ein eisiger Wind, der mir die Kälte in die Knochen trieb und mich mein Zelt rasch etwas geschützt in der Felsenschlucht Ásbyrgi aufbauen ließ. Ein wenig lief ich noch durch diese Schlucht, die der Sage nach durch einen Huftritt von Odins achtfüßigem Galopper Sleipnir entstanden sein soll, bevor ich mich in meiner Nylonhütte verkroch. Am nächsten Tag sollte es losgehen. Der erste Tag von 28 Tagen. Mehr als 400 Kilometer Strecke lagen vor mir. Sturm war angesagt, dann steigende Temperaturen, auch Regen. Wie würden die Schneebedingungen sein? Zweifel nagten an mir. Ich war bedrückt.

– Ásbyrgi –

Freitag, 18. März – 1. Tag
Die erste Nacht war unruhig. Der Sturm rüttelte ununterbrochen am Zelt. Mehrfach musste ich hinaus schlüpfen und die Zeltleinen neu fixieren. Erst am Vormittag ebbte der Wind ab. Die Sonne kam hervor und ich konnte meinen Rucksack und den Schlitten packen. Auf dem ersten Abschnitt meiner Route lag jedoch gar kein Schnee. Daher montierte ich zwei Reifen unter die Pulka, um sie so hinter mir herziehen zu können. Erst über ein Stück Asphalt, dann über eine recht feste Schotterstraße, später über die aufgeweichte Hochlandpiste F862. Die Pulka zerrte höllisch am Rucksack, tänzelte hin und her, und die Reifen gruben sich tief in den Kies. Stoisch nahm ich meine quälende Langsamkeit in Kauf. Der Schnee und damit die Glückseligkeit des Skilaufens würde schon noch kommen. Und dann kam er. Dünn lag er auf der Piste, die sich wie ein weißes Band durch die Landschaft zu ziehen schien. Endlich konnte ich die Skier anlegen und die Reifen auf den Schlitten verbannen. Nun ging es so richtig los. Doch auch auf der Hochlandpiste war die Schnee- und Eisdecke nicht überall von tragender Qualität. Mancherorts setzte sie sogar ganz aus und machte Platz für Pfützen, Steine und Matsch. Da es aber immer nur ein paar Schritte waren, stakste ich mit den Skiern an den Füßen einfach hinüber, bis ich wieder auf glattem Grund stand. Die Pulka zerrte ich einfach hinterher. Am Abend hatte ich so eine gute Handvoll Kilometer geschafft und an Höhe gewonnen. Aber ich hoffte auf bessere Bedingungen. Weiter gen Hochland, da müsste der Schnee kommen.

Samstag, 19. März – 2. Tag
Ein grünes Nordlicht zog spät am vorigen Abend noch seine faszinierenden Schlieren über den dunklen Himmel und mich in seinen Bann. Doch am Tage zog ich die schwere Pulka wieder über den spärlichen Schnee. Bei Temperaturen um die Null Grad schien der Schlitten daran festzukleben. Dazu lastete der Rucksack niederdrückend auf meinen Schultern. Alle 45 Minuten musste ich eine Pause einlegen, noch öfter kurz stehen bleiben und durchschnaufen. Zweimal zeigte sich die Piste an diesem Tag auf ganzer Breite in einer grau-braunen Masse. Mehr als hundert Meter weit. Beide Male schnallte ich die Skier ab und zerrte die Pulka entweder brutal weiter, wobei die Kufen des Schlittens wässrige Rinnen im Matsch hinterließen, oder ich nahm Umwege über Schneereste in Kauf. Mit jedem Schritt blieb etwas mehr Kraft und Energie in dem alten und dreckigen Weiß, auf den Eisplatten oder zwischen den in der Erde eingelagerten Steinen hängen. Dabei fielen nasse Schneeflocken vom Himmel, die auf der Kleidung schmolzen und auch auf dem Boden nicht lange liegen blieben. Am Abend regnete es und die Tropfen zermürbten weiter den wenigen Schnee.

– Eilífur –
– Ringstraße –

Sonntag, 20. März – 3. Tag
Endlich kam ich in ein Gebiet, wo der Schnee Überhand über die steinige Landschaft gewann, sie aber auch noch nicht ganz verdrängen konnte. Zwar hatten sich über Nacht Pfützen auf den eisigen Abschnitten der Piste gebildet, doch bald lag mir so viel Weiß zu Füßen, dass ich die Piste nicht mehr ausmachen konnte und ihren Verlauf aus den Augen verlor. Von nun an orientierte ich mich an Bergkuppen und manövrierte so zwischen Felsinseln hindurch. Zuweilen konnte ich das laute Tosen der Jökulsá á Fjöllum und des Dettifoss vernehmen. Der gewaltige Gletscherfluss und Europas mächtigster Wasserfall donnerten ein paar Kilometer entfernt, vom Vatnajökull kommend, gen Nordmeer. Der Berg Eilífur zeigte sich markant am Horizont und bald entdeckte ich auch wieder Anzeichen der Piste. Ich stieß auf Markierungen und Spuren im Schnee, zu denen sich kurz darauf die passenden Geräusche gesellten. Motorenlärm drang an mein Ohr, gefolgt von zwei Super-Jeeps, die plötzlich hinter einer Schneekuppe auftauchten. Mit den riesigen Reifen schwammen sie förmlich auf der Schneedecke. Es waren Ausflügler auf dem Weg zum Dettifoss. Ich wurde fotografiert, als wäre ich ein Exot. Und so kam ich mir auch vor. Niemand sonst war hier mit Skiern unterwegs. Ich folgte den Reifenspuren und kam zu meiner Zufriedenheit etwas zügiger voran. Aber der Schnee wurde bei einigen Graden über Null immer nasser und bräunlich schmutzig war er ohnehin allerorts. Als ich ihn am Abend zum Kochen schmolz, setzte sich ein dunkler Belag am Topfboden ab.

Montag, 21. März – 4. Tag
Die relativ gute Schneelage war nur von kurzer Dauer. Je näher ich der Ringstraße kam, desto mehr nahm auch die Schneemenge wieder ab. Kahle Stellen wurden wieder häufiger. Vielfach schrabbte ich mit den Skiern über Flechten und Gestrüpp. Immer öfter verfiel mein Weg in ein weiträumiges Zickzack. Wasser stand in großen Tümpeln auf dem Eis. Das Thermometer zeigte 10 Grad an und mir rann der Schweiß von der Stirn. Am späten Mittag erreichte ich die Straße. Dort ließ ich meinen Blick weiter Richtung Süden wandern und wurde mit Ernüchterung gepeinigt. Schnee war kaum zu sehen. Nur dunkle Lavafelder. Naja, die Sicht war schlecht. Vielleicht lag die Besserung in höheren Lagen. Als ich erneut die Reifen unter die Pulka montierte, existierte noch ein Rest Hoffnung. Aber diese wurde entlang der Ringstraße, auf dem Weg nach Osten, zunehmend zerschmettert. Ich wollte die nächste Hochlandpiste erreichen und dieser dann weiter nach Süden ins Hochland folgen. Bis dahin erschien die Ringstraße als vermeintlich einfachster Weg. Doch mit der schweren, am Rucksack zerrenden Pulka über den Asphalt zu ziehen, war quälerisch. Zu meiner Freude entdeckte ich im Straßengraben ein schmales Schneeband. Ich sattelte wieder auf die Skier um und kam unweit der Asphaltpiste für kurze Zeit so etwas besser voran. Schließlich lief es allerdings auch hier alles andere als gut. Der Schnee war dreckig und klebrig. Grau und von tiefem Schwarz. Mit aller Kraft musste ich den Schlitten vom Fleck bewegen. Die Skier blockierten auf dem stumpfen Untergrund. Etwas Regen kam auf. Eine dunkle Stimmung hüllte die Landschaft und mein Gemüt ein. Die Zweifel wurden immer einnehmender.

– Süden –
– Ende –

Dienstag, 22. März – 5. Tag
Die letzten Kilometer bis zur Abzweigung der Hochlandpiste waren extremste Schinderei. Die Pulka bekam ich zuweilen kaum vom Fleck. Nur mit aller erdenklichen Anstrengung kam ich Schritt für Schritt weiter. Erst der Anblick der Piste F88 hellte meine Gedanken ein letztes Mal kurzzeitig auf. Eine Eisbahn, wenn auch mit Wasser überzogen, schien von hier ins Hochland zu ziehen. Doch nach den ersten beflügelnden Metern Wasserski wurden die Bedingungen noch grausamer als zuvor. Der alte, stumpfe Schnee kehrte zurück. Dazu abwechselnd fragiles Eis, welches unter meinem Gewicht zerbrach. Dann wieder Schnee. Aber nun nass und matschig. Unterhöhlt oder überspühlt von Schmelzwasserbächen. Ich versuchte es mit und ohne Skier, nur um zu sehen, zu erfahren, wie die Sinnlosigkeit dieses Tuns in mir zur Erkenntnis reifte. Tränen kamen und Trotz. Noch ein Stück quälte ich mich weiter am Rande der Lavawüste Ódádahraun. Der Wüste der Missetäter. Als düstere Bewölkung aufzog, suchte ich nach einem Zeltplatz. Zwischen matschigem Kiesgrund, Bachläufen und Steinen fand ich gerade noch einen Schneefleck, wo Platz war für mein Zelt. Bis zum Horizont und wohl auch darüber hinaus dominierte schwarzes Land meinen Blick. Keine Anzeichen einer geschlossenen Schneedecke konnten diesen noch einmal erfreuen. Der Weg ins Innere des Hochlandes lag unüberwindbar vor mir. Diese schneesichere Region war in unerreichbare Ferne gerückt. Die Trostlosigkeit der Landschaft ergriff von mir Besitz.

– Zurück –

Mittwoch, 23. März – 6.Tag
Am Morgen war ich träge. Umzukehren fiel mir schwer, obwohl die Entscheidung von der Natur eindeutig diktiert wurde. Auf dem Weg zurück zur Ringstraße schleppte ich nun auch noch die Enttäuschung mit mir. Eine große Last, die sich weniger leicht abstreifen ließ wie der Rucksack oder die zerrende Pulka. Zurück an der Straße setzte Schneefall ein. Wie herab fallender Spott erschienen mir die Flocken. Ich packte alles zusammen und stellte mich an den Straßenrand. Der erste Wagen hielt. Es war vorbei.

Epilog
Die folgenden Tage verbrachte ich am Myvatn. In der prallen Sonne kletterten die Temperaturen auf nahezu 20 Grad. Die Schneedecke verschwand zusehends. Überall auf Island herrschten nun Plusgrade. Auch im Innersten der Insel. Dauerregen weichte dort den noch verbliebenen Schnee weiter auf und meine Entscheidung wurde ins rechte Licht gerückt. Die Herausforderung, Island von Nord nach Süd, von einem letzten Vorposten der Zivilisation im Norden bis fast zur Küste im Süden zu durchqueren, war in diesem Winter nicht möglich. Zumindest nicht „unsupported“ und „by fair means“. Nur mit Hilfe solcher Super-Jeeps, wie ich sie in der Nähe des Dettifoss getroffen hatte, wäre es möglich gewesen. Damit hätte ich mich hineinfahren lassen können ins Hochland. Dorthin, wo der Schnee lag. Aber dieser Insel mit riesigen Reifen und Dieselgestank zu Leibe zu rücken, war nicht mein Ziel. Nur mit schmalen Skiern und Kocherbenzin gerüstet, erschien mir die Herausforderung angemessen. Auch wenn ich lernen musste, dass dem Menschen ohne den Einsatz maßloser Technik zuweilen Grenzen gesetzt sind.

Die Route:
Ásbyrgi – Hochlandpiste F862 – Ringstraße – Hochlandpiste F88 – Umkehrpunkt – Ringstraße (etwa 80 Kilometer)

– Pfannkucheneis –

Soweit die abgehakte Geschichte. Jetzt richte ich meinen Blick in die Zukunft, die Ende dieser Woche beginnt. Voller Respekt begegne ich ihr. Aber auch gewillt, alles daran zu setzen, dieses Mal erfolgreich heimzukehren. Dabei ist zu erwarten, dass es wieder einmal kein reines Zuckerschlecken wird. Warum muss ich nur immer in diese launigen Regionen aufbrechen?

Hardangervidda – Die Bilder

– Skitour über die Hardangervidda – Die Bilder –

Über unsere Begegnung mit Jodler Bjørn inmitten der tief verschneiten Hardangervidda, die Band Polkabjørn & Kleineheine und den Song „I Like to Ski“ hatte ich schon berichtet. Auch den sonstigen Verlauf meiner elften Skitour auf Nordeuropas größter Hochebene skizzierte ich bereits. Hatte vom blauen Himmel erzählt, den Minusgraden, Windstille und traumhaften Bedingungen. Aber auch von Wolken, fahlem Licht und stürmischen Momenten.

„Dabei war es natürlich einmal mehr wunderschön, die Skispitzen durch den Schnee gleiten zu lassen, die funkelnden Kristalle zu bestaunen und mit den Augen über die Weite zu schweifen.“

Fotografiert mit der Fujifilm X-Pro1, dem XF14mmF2.8 R und dem XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS.

> Bildergalerie Hardangervidda Wintertour 2013

„I Like to Ski“

– Auf die Vidda –

Wir erreichten Sandhaug inmitten der tief verschneiten Hardangervidda gleichzeitig mit drei Norwegern. Sie kamen aus Südwest von Litlos, wir aus südlicher Richtung von Hansbu. Schnell war in der Selbstversorgerhütte Sandhaugs ein knisterndes Feuer im Ofen entfacht und wir tauten rasch auf an diesem windig-kalten Tag, der uns in die heimelige Unterkunft getrieben hatte.

Nachdem die üblichen Einstiegsfragen des Woher und Wohin gestellt, die Nationalitäten geklärt und aller anfänglicher Smalltalk abgehakt waren, stiegen wir bei Keksen, Tee und Kaffee ein in eine rege Unterhaltung, die Jerome und mich gleichsam zum Staunen und Lachen brachte. Bjørn Tomren, der nicht nur viele Wochen zuvor an Norwegens südlichster Spitze, dem Kap Lindesnes, zu einer Skitour zum Nordkapp aufgebrochen war und noch ewige Zeiten unterwegs sein würde, entpuppte sich zudem als Musiker mit Liebe zur deutschen Volksmusik. Er mochte Heino und Margot Hellwig und war selbst ein landesweit bekannter Jodler. Auch Klaus Kinski war für ihn ein Genie, der sich irgendwie mit in unsere Unterhaltung schlich, und dem Bjørn einst eine Ode widmete. Zudem erzählte er uns von Konzerten in Deutschland, die er selbst gegeben und bei denen er dem Publikum kundgetan hatte, Florian Silbereisen zu mögen und in Berlin dafür ausgebuht und in München vom Publikum mit dem Eindruck einer Verarschung bedacht wurde. Nun, wir hatten unseren Spaß in Sandhaug, der immer mal wieder mit einem kleinen Jodler Bjørns untermalt wurde …

Der zweite im Bunde, Endre Ruset, war ein Gedichte-Schreiber und er begleitete Bjørn auf dessen Mission „Norge på langs“ immer mal wieder. Zwischendurch stieg er ab und an auch wieder aus um zu arbeiten und zu schreiben. Überhaupt kam bei dieser Mammut-Tour alles nicht so genau – schließlich seien sie Künstler und machten es eben Hippie-Style. Dazu passte auch die zerrissene Unterhose des anderen Bjørn, dem letzten des Norweger-Trio. Ein Beinkleid, mit dem wir uns kaum in die Kälte gewagt hätten. Aber er lief darin das Stück über die Hardangervidda mit, um anschließend von Finse mit der Bahn nach Voss zu fahren, dort andere Freunde zu treffen, mit ihnen zu einer weiteren Hütte zu laufen, um ein gemeinsames Wochenende mit viel Alkohol zu verbringen. Eine Herrentour, zu der schon jetzt gut passte, dass er nach dem Abendessen einige Flaschen Underberg auspackte.

Über Jodler Bjørn stieß ich wieder daheim auf die Band Polkabjørn & Kleineheine. Und den Song I Like to Ski. Wie passend zu unserer Begegnung im Nirgendwo, bei der wir neben dem Phänomen Volksmusik auch so Sachen wie Ski-Expeditionen über das grönländische Inlandeis oder quer durch Island thematisierten.

Die Begegnung mit den Dreien war ein Highlight unserer Tour über die Hardangervidda, die ansonsten wenig spektakulär verlief und rasch erzählt ist. Nach unserem Aufbruch in Haukeliseter wurde das Wetter strahlend gut und knackig kalt. Die Sonne stand am blauen Himmel und die Temperaturen sanken bis auf minus 25 Grad hinab. Dazu war es absolut windstill. Die Freude an diesen traumhaften Bedingungen hielt bei mir nur nicht lange an. Vor unserer Abreise nach Norwegen plagte mich eine Erkältung mit Schnupfen, die bis zum Start noch nicht ganz verschunden war und in Schnee und Eis wieder auftauchte, mir die Kälte in die Glieder trieb und die Rotze in die Nase. Angeschlagen und mit müden Beinen war ich froh, dass wir einen ganzen Tag in Sandhaug ausharrten und ich mich dort am fünften Tourtag wieder etwas berappeln konnte. Selten hatte ich mich so über schlechtes Wetter gefreut, das nach der Stille nun mit starkem Wind und Schneetreiben über die Vidda fegte. Am Holzfeuer konnte ich mich wärmen. Danach änderte sich das Wetter, die Sonne brach nur noch selten durch die Wolken und die Landschaft war in fahles Licht getaucht. Zeiten ohne Wind wechselten sich mit stürmischen Momenten ab, in denen die Hardangervidda ihr wahres Gesicht zeigte.

Finse erreichten wir trotz allem ohne Probleme. Ich war nur müder als sonst – die Tage hatten mich geschlaucht. Aber nicht nur mein Körper war von den kränkelnden Umständen angegriffen, auch mein Geist war leerer als üblich. Es war meine elfte Skitour auf der Hardangervidda. Und zum ersten Mal machte sich Monotonie breit. Meine Beine fanden den Weg wie von selbst, der Rest schien oft nicht anwesend. Es fehlten die Reize, der Hauch von Ungewissheit, Abenteuer und Entdeckerfreude. Das Gefühl, bald jedes Tal, jeden Stein zu kennen, machte mich träge. Es ist wohl an der Zeit, dieser weißen Wüste, in die ich so oft aufgebrochen bin und die mir zu einem zweiten Zuhause geworden ist, auf unbestimmte Zeit den Rücken zu kehren und in den kommenden Wintern andere Herausforderungen zu suchen.

Dabei war es natürlich einmal mehr wunderschön, die Skispitzen durch den Schnee gleiten zu lassen, die funkelnden Kristalle zu bestaunen und mit den Augen über die Weite zu schweifen. „I Like to Ski“ gepaart mit Abschiedsgefühlen. Eine Arbeitstour ohne die großen Emotionen. Aber ein Wegweiser zu neuen Ufern.

Die Route:
Haukeliseter – Hellevassbu – Låven – Hansbu – Sandhaug – Rauhelleren – Fagerheim – Krækkja – Finse

> Bildergalerie Hardangervidda Wintertour 2013

Let’s go!

– Transition #6 –

Puh, meine letzte Schreiberei hier im Blog liegt schon eine Weile zurück und das neue Jahr, das doch gerade erst begonnen hat, ist auch schon wieder gut drei Wochen alt … Naja, dafür sind in der Zwischenzeit einige Dinge passiert, die mich davon abhielten, hier bereits früher wieder aktiv zu werden. Wie angekündigt verbrachte ich den Jahreswechsel mit Frau und Kind an der Nordsee in Ostfriesland, wo wir die frische Luft und manche Meeresbrise genossen. Wir unternahmen Spaziergänge und schlenderten durch die zahlreichen Siels.

Und dabei machte ich vor allem unscharfe Bilder. Für viele vielleicht merkwürdig. Dazu in grobem Schwarz und Weiß. Oft düster obendrein. Transition nannte ich die Serie. Übergang. Es sind nicht nur Impressionen einer Zeit an der See, in der wir von einem Jahr ins nächste übergingen. Silvester und Neujahr und ein paar Tage drumherum. Es sind auch Innenansichten, entrückter Stillstand, der Versuch von Distanz zwischen Gewesenem und Kommendem.

Die vergangenen 12 Monate hielten für mich einige Überraschungen parat, auf die ich auf den ersten Blick sicherlich gerne verzichtet hätte. Geplatzte Träume – Reisen, die nicht stattfanden. Die Epilepsie – eine Erkrankung, die mich von nun an begleitet und erstmal alles auf den Kopf stellte. Aber auf den zweiten Blick auch die Möglichkeit einer Besinnung. Eines Neubeginns, der mich voran bringen soll, statt auf der Stelle zu treten. Dieses “We have to dream it all up again” nahm bereits Fahrt auf und wird in diesem Jahr – allem Unvorhersehbarem zum Trotz – hoffentlich rasant weitergehen.

Dafür steht die Serie Transition, zu der es auf Flickr weitere Bilder zu sehen gibt, in erster Linie. In dieser Zeit in Ostfriesland, in denen ich an das „Alte“ zurückdachte und mich auf das „Neue“ freute, verblasste das Hier und Jetzt. Entrückt und etwas nebulös lag es vor mir. Nicht direkt fassbar. Zwar da, aber kein direkter Teil von mir. Nur ein Übergang.

Gut, soweit zum persönlichen Hintergrund dieser Bilder. Zurück von der Küste musste ich noch ein paar Tage warten, bis ich endlich einen neuen iMac bekam (mein alter hatte im Dezember den Geist aufgegeben). Aber jetzt flutscht die Arbeit wieder und ich bin voller Elan, das Jahr 2013 so richtig in Angriff zu nehmen. Die nächsten Reisen sind auch schon in die Wege geleitet, ich schreibe an Reportagen für Magazine und plane, tüftel und organisiere weiter an meiner Liebeserklärung an den Norden. Und zu allem wird es bald fortlaufend was zu lesen und zu sehen geben.

Let’s go!

– Transition #5 –
– Transition #9 –
– Transition #7 –

> Bildergalerie Transition