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Die alte Brücke von Sligachan

– Die alte Brücke von Sligachan –

Dieses Bild hatte ich im Kopf. Tagelang. Dabei war die Hoffnung nicht sonderlich groß, es auch so fotografieren zu können. Auf dem Skye Trail regnete es Katzen und Hunde und selbst dann, wenn mir die Nässe erspart blieb, war die Landschaft überwiegend in fahles Licht getaucht. Langweilig und ziemlich unfotogen. So auch, als ich die Cuillins passierte, die schroffsten aller schottischen Berge. In Elgol, wo sich als erstes hinüber über das Wasser des Loch Scavaig dieser Blick auf die markanten Gipfel auftun sollte, der in meiner mitgeführten Beschreibung des Weges vollmundig als „the finest coastel view in the British Isles“ angekündigt wurde, legte sich ein dicker, undurchdringlicher Wolkenteppich über die Zacken und hinab bis aufs Meer. Als sich dieser wieder lüftete, konnte ich zwar bei Sonnenschein den Gipfel des Sgurr na Stri erklimmen und das komplette Rund der Black und Red Cuillins überblicken, was schön anzusehen war, aber doch nur mäßig abzulichten. Zu öde der Himmel, fad die Felsen und dunkel die Lochs zu Füßen.

Tags drauf trudelte ich in Sligachan ein, dieser mickrigen Häuseransammlung an der Straßenkreuzung zwischen Portree, Dunvegan und Broadford. Mal wieder fing es an zu regnen und zu stürmen. Ich verzog mich ins Zelt, andere Wanderer ins Hotel, das den Ort dominiert. Aus der Zeit, in der die Unterkunft erbaut wurde, es soll um 1830 gewesen sein, stammt sicherlich auch die alte Brücke, welche mir so einprägsam im Gedächtnis haftete, hatte ich doch vor meiner Reise schon so viele Aufnahmen dieser Szenerie gesehen. Das steinerne Bauwerk, wie es den River Sligachan überspannt, und dahinter die formvollendeten Berge Sgurr nan Gillean und Am Basteir. Ein Postkartenmotiv wie es klassischer nicht sein könnte. Gut, diese Tourispots, an denen gerne mal auf dem Boden aufgemalte Füße zeigen, wo man am besten zur Kamera greift, sind eigentlich nicht mein Ding. Aber in dieses Bild setzte ich dennoch eine letzte Hoffnung, waren mir zuvor doch wenige Cuillin-Bilder mit Erkenungswert geglückt. Zudem wollte ich diese Berge nicht mit Belanglosem verlassen und hier bot sich die letzte Chance. Daher schritt ich schon im regnerrischen und windigen Moment meiner Ankunft Ort und Stelle ab, auf der Suche nach dem besten Blickwinkel für eine mögliche Aufnahme am nächsten Tag. Ich fand einen guten Standort auf der neuen Brücke, über die heutzutage die Hauptstraße A863 führt und die nur einen Steinwurf entfernt neben ihrem alten Pendant den Verkehr über den Fluss leitet. Aber erstmal hieß es abwarten, eine Nacht schlafen, hoffen auf den nächsten Tag, einen guten Morgen mit brauchbarem Wetter und schöner Aussicht.

Und was soll ich sagen? Als ich früh um 06:30 Uhr aus dem Zelt blickte, stand bereits die Sonne am Himmel. Weggefegt die Tristesse des Vorabends. Aber noch lag der River Sligachan im Schatten. Mir blieb die Zeit, in Ruhe zu frühstücken, dann erst gegen Acht lief ich zur neuen Brücke. Gerade rechtzeitig als die die ersten Strahlen über die Berge kamen, zwischen den Wolken hindurchbrachen und das Motiv in warmes Licht tauchten. Mein Stativ baute ich mit einem Bein hinter der Leitplanke fast auf der Straße und dem Rest auf dem schmalen Gehweg auf. Zum Glück war zu dieser Zeit noch wenig los – sowohl auf der A863 als auch auf der alten Brücke, die an sich zu den meisten Tageszeiten kaum ohne Menschen daherkommt. In der folgenden knappen Stunde machte ich zahlreiche Fotos, immer fix in den Momenten, wo die Wolken für kurze Zeit der Sonne Platz machten und das Licht wohlwollend auf Brücke, Fluss und Berge fiel.

Dabei wunderte ich mich über die recht kurzen Verschlusszeiten von nur wenigen Sekunden selbst bei Blende 16. Mmh, hatte ich doch meinen stärksten Graufilter vors Objektiv geschraubt, um das Wasser schön samtig abzubilden. Eigentlich hätte da die Belichtungszeit viel länger ausfallen müssen, aber irgendwie kam ich nicht darauf, warum es dieses Mal nicht so war, wie es hätte sein sollen. Vielleicht wurde ich in meiner Konzentration zu sehr davon abgelenkt, dass mir die frische Morgenluft in die Glieder fuhr. Ich fröstelte. Hätte ich mal besser ne dickere Jacke angezogen … Und zu allem Überfluss verspürte ich auch einen zunehmenden Drang, pinkeln zu müssen. Tja, dem konnte ich hier auf der Brücke, auf der langsam der Verkehr immer stärker wurde, keinen freien Lauf lassen. Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Druck zu widerstehen und auch die Kälte einfach auszublenden.

Nach einer Weile hatte ich für meinen Geschmack genügend Langzeitbelichtungen im Kasten. Nicht nur die kurzen Sonnenmomente gab es abzupassen, mittlerweile auch die Phasen, wo mal keine LKWs über die Brücke rollten und diese in Schwingungen versetzten. Als das Unterfangen immer schwieriger zu realisieren war, packte ich meine sieben Sachen wieder zusammen und lief zurück zum Zelt.

Aufgewärmt und erleichtert fiel es mir kurz darauf wie Schuppen von den Augen, warum die Belichtungszeit nicht so lang war, wie sie hätte sein müssen. Ich hatte die Fujifilm X-Pro1 auf AUTO-ISO stehen lassen und da wählte sie natürlich den höchst möglichen ISO-Wert, in diesem Falle 800 … Grrr, wenn man nicht alle Sinne beisammen hat! Natürlich hätte ich zuvor fix auf ISO 200 stellen müssen … Nun ja, jetzt war es zu spät. Die Sonne nahm fortan einen ungünstigen Verlauf und auch die Touris nahmen die alte Brücke von Sligachan wieder in ihren Besitz. Die morgendliche Ruhe vor dem Sturm war vorbei. Auf dem Kamera-Monitor konnte ich jedoch zum Glück erkennen, dass kein großer Unterschied zwischen Bildern mit gut Dreien oder gar nur einer Sekunde Belichtungszeit zu sein schien. Daher war es fraglich, ob ein vieles Mehr überhaupt zu einem deutlich besseren Ergebnis geführt hätte.

Etwas später am Tag zog ich wieder los. Weiter über den Skye Trail gen Norden. Auf zu weiteren Fotozielen wie dem Old Man of Storr. Aber das ist eine neue Geschichte …

Die kalten Fakten:
Fujifilm X-Pro1, Fujinon XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS, B+W 110 ND 3,0 1000x Graufilter, ISO 800, 3,1s, Blende 16, -0,7 LW, Adobe Photoshop CS6 (ACR), VSCO Film 02

> Bildergalerie Schottland 2013, Mein Norden // It’s raining cats and dogs

Eine offene Rechnung

– Umkehr –

Es war vor nahezu genau acht Jahren. Da brach ich im Norden Islands zu einer Tour auf, die so richtig in die Hose ging. Ich wollte im Winter allein einmal quer über die Insel laufen und scheiterte an Schneemangel, warmen Temperaturen und wohl auch schlechter Planung. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine bessere Routenwahl hätte mir den Stachel, der seitdem tief in mir sitzt, vielleicht erspart. Sei’s drum – diese „Niederlage“ lehrte mich, sorgfältiger zu sein. Nicht nur Plan A, sondern auch einen Plan B im Gepäck zu haben. Und den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Ein paar Monate darauf gelang mir eine Solo-Überquerung des Vatnajökull, im Folgejahr meine erste Expedition übers grönländische Inlandeis.

Trotzdem: Da ist noch eine Rechnung offen. Im vorigen Jahr wollte ich sie bereits begleichen und erneut eine Ski-Durchquerung Islands versuchen. Auf einer anderen Route und mit besserer Taktik. Doch am Vortag der Abreise auf die Insel aus Feuer und Eis erkrankte mein Partner und wir mussten die Unternehmung spontan absagen. Weitere zwölf Monate verstrichen. Aber jetzt, am kommenden Sonntag, breche ich mit einer Gruppe des Reiseunternehmens Puretreks nach Island auf, um die Insel nun mit Ski und Pulka-Schlitten zu durchqueren. Einmal von der Ringstraße im Norden bis zur Ringstraße im Süden. Durchs innere Hochland, den Sprengisandur, und über den Vatnajökull, den größten Gletscher Europas. Eine Herausforderung, die neben der anspruchsvollen Route vor allem vom Wetter bestimmt wird. Wird es kalt und schneereich? Oder könnten uns Plusgrade gar mal Regen bescheren? Und was macht der Wind? Besonders die Stürme sind berüchtigt – und auch mir ist auf Island beinahe einmal ein Zelt zerrissen und davongeflogen.

Wir haben die Tour bis ins Detail geplant, werden zu siebt 16 Tage unterwegs sein und in diesem Jahr hoffentlich mehr Glück haben als ich allein vor langer Zeit. Ein wenig Sorge bereitet mir nur meine konditionelle Verfassung. Nach der Skitour über die Hardangervidda in Norwegen im Februar, bei der mich eine Erkältung schwächte, bestanden meine sportlichen Aktivitäten allein daraus, Töchterchen Selma tagein tagaus mit dem Kinderwagen in die Kita zu bringen. Gut, muss ich eventuelle Defizite einfach mit Erfahrung kompensieren …

Neben dem, dass ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mini-Expedition gemeinsam mit Jerome Blösser sicher ans Ziel zu führen habe, ist diese Island-Reise darüber hinaus ein weiterer Teil meines aktuell laufenden Projektes Mein Norden. Ich mache mich also auch auf die Jagd nach einer spannenden Geschichte und ausdrucksstarken Fotos.

Und wer nun noch genauer erfahren möchte, wie es mir 2005 ergangen ist, als ich erfolglos von Island zurückkehrte, findet nachfolgend eine Art Tagebuch mit einer Schilderung der damaligen Erlebnisse:

Geschmolzener Traum

Der Versuch einer Island Winter-Transversale im Alleingang

Prolog Das Ziel war herausfordernd. Eine Durchquerung Islands von Nord nach Süd. Von Ásbyrgi nach Hvolsvöllur. Im Winter. Allein. Nur mit Skiern, Pulka-Schlitten und einem Rucksack quer durch das menschenleere Hochland. An Vulkanen, Gletschern und heißen Quellen vorbei. Während der Fahrt nach Ásbyrgi brandete das Nordmeer sturmgetrieben an die felsige Küste. An Land schimmerte allerorts das Grau, Schwarz und Braun der Landschaft durch die dünne Schneedecke. Ich war der einzige Fahrgast in dem Bus, der diese kaum besiedelte Ecke Nordost-Islands bedient. Am Rand des Nationalparks Jökulsárgljúfur erwartete mich ein einsamer Laden, eine Tankstelle und ein eisiger Wind, der mir die Kälte in die Knochen trieb und mich mein Zelt rasch etwas geschützt in der Felsenschlucht Ásbyrgi aufbauen ließ. Ein wenig lief ich noch durch diese Schlucht, die der Sage nach durch einen Huftritt von Odins achtfüßigem Galopper Sleipnir entstanden sein soll, bevor ich mich in meiner Nylonhütte verkroch. Am nächsten Tag sollte es losgehen. Der erste Tag von 28 Tagen. Mehr als 400 Kilometer Strecke lagen vor mir. Sturm war angesagt, dann steigende Temperaturen, auch Regen. Wie würden die Schneebedingungen sein? Zweifel nagten an mir. Ich war bedrückt.

– Ásbyrgi –

Freitag, 18. März – 1. Tag Die erste Nacht war unruhig. Der Sturm rüttelte ununterbrochen am Zelt. Mehrfach musste ich hinaus schlüpfen und die Zeltleinen neu fixieren. Erst am Vormittag ebbte der Wind ab. Die Sonne kam hervor und ich konnte meinen Rucksack und den Schlitten packen. Auf dem ersten Abschnitt meiner Route lag jedoch gar kein Schnee. Daher montierte ich zwei Reifen unter die Pulka, um sie so hinter mir herziehen zu können. Erst über ein Stück Asphalt, dann über eine recht feste Schotterstraße, später über die aufgeweichte Hochlandpiste F862. Die Pulka zerrte höllisch am Rucksack, tänzelte hin und her, und die Reifen gruben sich tief in den Kies. Stoisch nahm ich meine quälende Langsamkeit in Kauf. Der Schnee, und damit die Glückseligkeit des Skilaufens, würde schon noch kommen. Und dann kam er. Dünn lag er auf der Piste, die sich wie ein weißes Band durch die Landschaft zu ziehen schien. Endlich konnte ich die Skier anlegen und die Reifen auf den Schlitten verbannen. Nun ging es so richtig los. Doch auch auf der Hochlandpiste war die Schnee- und Eisdecke nicht überall von tragender Qualität. Mancherorts setzte sie sogar ganz aus und machte Platz für Pfützen, Steine und Matsch. Da es aber immer nur ein paar Schritte waren, stakste ich mit den Skiern an den Füßen einfach hinüber, bis ich wieder auf glattem Grund stand. Die Pulka zerrte ich einfach hinterher. Am Abend hatte ich so eine gute Handvoll Kilometer geschafft und an Höhe gewonnen. Aber ich hoffte auf bessere Bedingungen. Weiter gen Hochland, da müsste der Schnee kommen.

Samstag, 19. März – 2. Tag Ein grünes Nordlicht zog spät am vorigen Abend noch seine faszinierenden Schlieren über den dunklen Himmel. Doch am Tage zog ich die schwere Pulka wieder über den spärlichen Schnee. Bei Temperaturen um die Null Grad schien der Schlitten daran festzukleben. Dazu lastete der Rucksack niederdrückend auf meinen Schultern. Alle 45 Minuten musste ich eine Pause einlegen, noch öfter kurz stehen bleiben und durchschnaufen. Zweimal zeigte sich die Piste an diesem Tag auf ganzer Breite in einer grau-braunen Masse. Mehr als hundert Meter weit. Beide Male schnallte ich die Skier ab und zerrte die Pulka entweder brutal weiter, wobei die Kufen des Schlittens wässrige Rinnen im Matsch hinterließen, oder ich nahm Umwege über Schneereste in Kauf. Mit jedem Schritt blieb etwas mehr Kraft und Energie in dem alten und dreckigen Weiß, auf den Eisplatten oder zwischen den in der Erde eingelagerten Steinen hängen. Dabei fielen nasse Schneeflocken vom Himmel, die auf der Kleidung schmolzen und auch auf dem Boden nicht lange liegen blieben. Am Abend regnete es und die Tropfen lösten weiter den wenigen Schnee auf.

– Eilífur –
– Ringstraße –

Sonntag, 20. März – 3. Tag Endlich kam ich in ein Gebiet, wo der Schnee Überhand über die steinige Landschaft gewann, sie aber auch noch nicht ganz verdrängen konnte. Zwar hatten sich über Nacht Pfützen auf den eisigen Abschnitten der Piste gebildet, doch bald lag mir so viel Weiß zu Füßen, dass ich die Piste nicht mehr ausmachen konnte und ihren Verlauf aus den Augen verlor. Von nun an orientierte ich mich an Bergkuppen und manövrierte so zwischen Felsinseln hindurch. Zuweilen konnte ich das laute Tosen der Jökulsá á Fjöllum und des Dettifoss vernehmen. Der gewaltige Gletscherfluss und Europas mächtigster Wasserfall donnerten ein paar Kilometer entfernt, vom Vatnajökull kommend, gen Nordmeer. Der Berg Eilífur zeigte sich markant am Horizont und bald entdeckte ich auch wieder Anzeichen der Piste. Ich stieß auf Markierungen und Spuren im Schnee, zu denen sich kurz darauf die passenden Geräusche gesellten. Motorenlärm drang an mein Ohr, gefolgt von zwei Super-Jeeps, die plötzlich hinter einer Schneekuppe auftauchten. Mit den riesigen Reifen schwammen sie förmlich auf der Schneedecke. Es waren Ausflügler auf dem Weg zum Dettifoss. Ich wurde fotografiert, als wäre ich ein Exot. Und so kam ich mir auch vor. Niemand sonst war hier mit Skiern unterwegs. Ich folgte den Reifenspuren und kam zu meiner Zufriedenheit etwas zügiger voran. Aber der Schnee wurde bei einigen Graden über Null immer nasser. Bräunlich schmutzig war er ohnehin allerorts. Als ich ihn am Abend zum Kochen schmolz, setzte sich ein dunkler Belag am Topfboden ab.

Montag, 21. März – 4. Tag Die relativ gute Schneelage war nur von kurzer Dauer. Je näher ich der Ringstraße kam, desto mehr nahm auch die Schneemenge wieder ab. Kahle Stellen wurden wieder häufiger. Vielfach schrabbte ich mit den Skiern über Flechten und Gestrüpp. Immer öfter verfiel mein Weg in ein weiträumiges Zickzack. Wasser stand in großen Tümpeln auf dem Eis. Das Thermometer zeigte 10 Grad an und mir rann der Schweiß von der Stirn. Am späten Mittag erreichte ich die Straße. Dort ließ ich meinen Blick weiter Richtung Süden wandern und wurde mit Ernüchterung gepeinigt. Schnee war kaum zu sehen. Nur dunkle Lavafelder. Naja, die Sicht war schlecht. Vielleicht lag die Besserung in höheren Lagen. Als ich erneut die Reifen unter die Pulka montierte, existierte noch ein Rest Hoffnung. Aber diese wurde entlang der Ringstraße, auf dem Weg nach Osten, zunehmend zerschmettert. Ich wollte die nächste Hochlandpiste erreichen und dieser dann weiter nach Süden ins Hochland folgen. Bis dahin erschien die Ringstraße als vermeintlich einfachster Weg. Doch mit der schweren, am Rucksack zerrenden Pulka über den Asphalt zu ziehen, war quälerisch. Zu meiner Freude entdeckte ich im Straßengraben ein schmales Schneeband. Ich sattelte wieder auf die Skier um und kam unweit der Asphaltpiste für kurze Zeit so etwas besser voran. Schließlich lief es allerdings auch hier alles andere als gut. Der Schnee war dreckig und klebrig. Grau und von tiefem Schwarz. Mit aller Kraft musste ich den Schlitten vom Fleck bewegen. Die Skier blockierten auf dem stumpfen Untergrund. Etwas Regen kam auf. Eine dunkle Stimmung hüllte die Landschaft und mein Gemüt ein. Die Zweifel wurden immer einnehmender.

– Süden –
– Ende –

Dienstag, 22. März – 5. Tag Die letzten Kilometer bis zur Abzweigung der Hochlandpiste waren extremste Schinderei. Die Pulka bekam ich zuweilen kaum vom Fleck. Nur mit aller erdenklichen Anstrengung kam ich Schritt für Schritt weiter. Erst der Anblick der Piste F88 hellte meine Gedanken ein letztes Mal kurzzeitig auf. Eine Eisbahn, wenn auch mit Wasser überzogen, schien von hier ins Hochland zu ziehen. Doch nach den ersten beflügelnden Metern Wasserski wurden die Bedingungen noch grausamer als zuvor. Der alte, stumpfe Schnee kehrte zurück. Dazu abwechselnd fragiles Eis, welches unter meinem Gewicht zerbrach. Dann wieder Schnee. Aber nun nass und matschig. Unterhöhlt oder überspühlt von Schmelzwasserbächen. Ich versuchte es mit und ohne Skier, nur um zu sehen, zu erfahren, wie die Sinnlosigkeit dieses Tuns in mir zur Erkenntnis reifte. Tränen kamen und Trotz. Noch ein Stück quälte ich mich weiter am Rande der Lavawüste Ódádahraun. Der Wüste der Missetäter. Als düstere Bewölkung aufzog, suchte ich nach einem Zeltplatz. Zwischen matschigem Kiesgrund, Bachläufen und Steinen fand ich gerade noch einen Schneefleck, wo Platz war für mein Zelt. Bis zum Horizont und wohl auch darüber hinaus dominierte schwarzes Land meinen Blick. Keine Anzeichen einer geschlossenen Schneedecke konnten diesen noch einmal erfreuen. Der Weg ins Innere des Hochlandes lag unüberwindbar vor mir. Diese schneesichere Region war in unerreichbare Ferne gerückt. Die Trostlosigkeit der Landschaft ergriff von mir Besitz.

– Zurück –

Mittwoch, 23. März – 6.Tag Am Morgen war ich träge. Umzukehren, fiel mir schwer, obwohl die Entscheidung von der Natur eindeutig diktiert wurde. Auf dem Weg zurück zur Ringstraße schleppte ich nun auch noch die Enttäuschung mit mir. Eine große Last, die sich weniger leicht abstreifen ließ wie der Rucksack oder die zerrende Pulka. Zurück an der Straße setzte Schneefall ein. Wie herab fallender Spott erschienen mir die Flocken. Ich packte alles zusammen und stellte mich an den Straßenrand. Der erste Wagen hielt. Es war vorbei.

Epilog Die folgenden Tage verbrachte ich am Myvatn. In der prallen Sonne kletterten die Temperaturen auf nahezu 20 Grad. Die Schneedecke verschwand zusehends. Überall auf Island herrschten nun Plusgrade. Auch im Innersten der Insel. Dauerregen weichte dort den noch verbliebenen Schnee weiter auf und meine Entscheidung wurde ins rechte Licht gerückt. Die Herausforderung, Island von Nord nach Süd, von einem letzten Vorposten der Zivilisation im Norden bis fast zur Küste im Süden zu durchqueren, war in diesem Winter nicht möglich. Zumindest nicht „unsupported“ und „by fair means“. Nur mit Hilfe solcher Super-Jeeps, wie ich sie in der Nähe des Dettifoss getroffen hatte, wäre es möglich gewesen. Damit hätte ich mich hineinfahren lassen können ins Hochland. Dorthin, wo der Schnee lag. Aber dieser Insel mit riesigen Reifen und Dieselgestank zu Leibe zu rücken, war nicht mein Ziel. Nur mit schmalen Skiern und Kocherbenzin gerüstet, erschien mir die Herausforderung angemessen. Auch wenn ich lernen musste, dass dem Menschen ohne den Einsatz maßloser Technik zuweilen Grenzen gesetzt sind.

Die Route Ásbyrgi – Hochlandpiste F862 – Ringstraße – Hochlandpiste F88 – Umkehrpunkt – Ringstraße (etwa 80 Kilometer)

– Pfannkucheneis –

Soweit die abgehakte Geschichte. Jetzt richte ich meinen Blick in die Zukunft, die Ende dieser Woche beginnt. Voller Respekt begegne ich ihr. Aber auch gewillt, alles daran zu setzen, dieses Mal erfolgreich heimzukehren. Dabei ist zu erwarten, dass es wieder einmal kein reines Zuckerschlecken wird. Warum muss ich nur immer in diese launigen Regionen aufbrechen?

Transition

– Transition #6 –

Puh, das neue Jahr, das doch gerade erst begonnen hat, ist auch schon wieder gut drei Wochen alt … Aber egal, den Jahreswechsel verbrachte ich mit Frau und Kind an der Nordsee in Ostfriesland, wo wir die frische Luft und manch salzige Meeresbrise genossen. Wir unternahmen Spaziergänge und schlenderten durch die zahlreichen Siels.

Und dabei machte ich vor allem unscharfe Bilder. Dazu in grobem Schwarz und Weiß. Oft düster obendrein. Transition nannte ich die Serie. Übergang. Es sind nicht nur Impressionen einer Zeit an der See, in der wir von einem Jahr ins nächste übergingen – Silvester und Neujahr und ein paar Tage drumherum. Es sind auch Innenansichten, eine Art von Stillstand, Distanz zwischen Gewesenem und Kommendem.

Die vergangenen zwölf Monate hielten für mich einige Überraschungen parat, auf die ich auf den ersten Blick sicherlich gerne verzichtet hätte. Geplatzte Träume – Reisen, die nicht stattfanden. Die Epilepsie – eine Erkrankung, die mich von nun an begleitet und erstmal alles auf den Kopf stellte. Aber auf den zweiten Blick auch die Möglichkeit einer Besinnung. Eines Neubeginns, der mich voranbringen soll, statt auf der Stelle zu treten. Dieses „We have to dream it all up again“ nahm bereits Fahrt auf und wird in diesem Jahr – allem Unvorhersehbarem zum Trotz – hoffentlich rasant weitergehen.

Dafür steht die Serie Transition in erster Linie. In dieser Zeit in Ostfriesland, in denen ich an das „Alte“ zurückdachte und mich auf das „Neue“ freute, verblasste das Hier und Jetzt. Entrückt und etwas nebulös lag es vor mir. Nicht direkt fassbar. Zwar da, aber kein direkter Teil von mir. Nur ein Übergang.

Let’s go!

– Transition #5 –
– Transition #9 –
– Transition #7 –
– Transition #8 –

> Bildergalerie Transition

Als noch Winter war

– Wolken –

Genau vor einer Woche trieb es mich gerade noch rechtzeitig hinaus in den Schnee, bevor das Tauwetter mit Regen und Plusgraden über uns hereinzog und aus dem vielen Weiß wieder ein ödes Grau machte. Am letzten Tag, an dem noch Winter war, unternahm ich nochmals eine Wanderung auf dem Brezelweg. Erneut lockte mich die bergige Strecke rund um Burg.

Gute fünf Stunden lief ich durch verschneite Wälder und über windige Höhen. Dabei machte ich auch wieder einige Fotos – monochrom reduziert.

Zu Hause spürte ich das Auf und Ab in den Beinen. Und freute mich über den schönen Wintertag, die kühle Luft, die klaren Kontraste, Wolken am Himmel, gezuckerte Baumwipfel, Licht und Schatten.

– Bank –
– Schatten –
– Wald –
– Hundehaufen –

> Bildergalerie Schwarz/Weiss

Schlechtes Wetter? Kein Problem!

– Fjærlandsfjord –

Im Frühsommer des letzten Jahres haben wir eine Familienreise durch Norwegen unternommen. Weltuntergangsstimmung, Dauerregen und Tristesse waren unsere ständigen Begleiter. Dennoch war es ein Erlebnis, fünf Wochen in dem Land der Fjorde, Gletscher und Wasserfälle unterwegs zu sein. Hier ist die Geschichte.

Norwegen empfängt uns in Nationaltracht, mit bunten Umzügen und einem rot-weiß-blauen Fahnenmeer. Es ist der 17. Mai: Nationalfeiertag! Aber trotz Sonnenschein und angenehmen Frühlingstemperaturen zieht das Spektakel an uns vorüber, ohne dass ich die Kamera zücke. Von der Fährfahrt nach Kristiansand ist mir speiübel – erst nach ein paar Stunden an Land geht es wieder besser.

Wir stehen am Anfang einer Reise, die uns durch den Süden des Landes führen soll. Entlang der Küste, vorbei an Fjorden und hinein in die Gletscherwelt. Dabei sind wir besonders gespannt, ob unsere Tochter Selma alles problemlos mitmachen wird. Sie ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Wie wird es sein, jeden Tag an einem anderen Ort im Zelt zu übernachten und immer weiterzuziehen?

Bereits die ersten Tage sind eine harte Probe. Vorbei am Kap Lindesnes, der südlichen Spitze des norwegischen Festlandes, gelangen wir bei dunklem Regenwetter nach Flekkefjord. Die Natur ist wild und bedrückend. In die engen, dicht bewaldeten Täler fällt zwischen kahlen Bergrücken kaum Licht. Umso mehr genießen wir anderntags eine kleine Wanderung zum Eigerøy Fyr bei Egersund. Weit schweift dort unser Blick vom Leuchtturm über das Meer.

– Regenwetter –
– Hellern –

Auf dem Weg zum Lysefjord durchqueren wir die Region Jæren. 600 Grabhügel zeugen vom ältesten Siedlungsgebiet des Landes. Uns lockt jedoch der Preikestolen, eine gut 600 Meter hohe scharfkantige Felskanzel, welche atemberaubend über dem Fjordufer aufragt. Zahllose Wanderer nehmen den steinigen Pfad hinauf auf den „Predigtstuhl“ Jahr für Jahr in Angriff, um einen kühnen Blick hinab zu wagen. Auch wir reihen uns ein – Nina trägt Selma in der Kindertrage auf dem Rücken und ich schleppe die Fotoausrüstung und unsere Verpflegung für den Tag. Dabei lässt der Lysefjord bei der trüben Wetterlage jeglichen Liebreiz vermissen. Eintönig und dunkel liegt der schmale Meeresarm tief unter uns. Ich bin enttäuscht und grummelig. Doch als wir schon wieder dabei sind abzusteigen, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie jemand an der Felskante ausgelassen in die Luft springt. Schnell greife ich nach der Kamera und mache ein paar Fotos. Ein Bild ist okay – die Wanderung hat sich doch noch gelohnt!

– Schafe und der Preikestolen –

Nach zwei Lichtblicken in Stavanger und dem beschaulichen Skudeneshavn – in Form eines liebevoll eingerichteten Cafés und eines sonnigen Bummels durch das mit blitzweißen Fassaden beeindruckende Fischerdorf – erwischt es uns am Hardangerfjord mit aller Macht: Es schüttet wie aus Kübeln. Tagelang. Nach einer unruhigen Nacht auf einer mit Pfützen übersäten Campingplatzwiese beziehen wir eine winzige Hütte direkt am Ufer des Fjords. Wolkenschwaden hüllen die Berge ein, Wind kräuselt das Wasser. Sobald ich in freier Wildbahn ein Foto machen will, sammeln sich ruckzuck unzählige Regentropfen auf der Linse. Eigentlich wollte ich viele Langzeitbelichtungen von Wasserfällen und der Meeresküste machen, doch das Wetter zwingt mich dazu, solche Ambitionen zu begraben und einfach zu nehmen, was kommt.

– Skudeneshavn und der Tvindefossen –

Und es kommt noch viel. Auch wenn unsere Hoffnung, dass es in fünf Wochen doch irgendwann mal besser werden müsste, immer wieder enttäuscht wird, sehen und erleben wir das Land in seiner ganzen Vielfalt – Superlative eingeschlossen. Unsere weitere Route gen Norden säumen die blau schimmernden Zungen des größten europäischen Festlandsgletschers Jostedalsbreen oder auch die höchste Seeklippe Skandinaviens, Hornelen. Mit der Zeit arrangieren wir uns auch mit dem Regen. Etwas Niesel nehmen wir kaum mehr wahr, freuen uns aber natürlich über jeden Sonnenstrahl, der die Norwegerinnen selbst bei mäßigen zehn Grad Plus dazu verführt, nur mit Hotpants bekleidet überraschend viel braune Haut zu zeigen.

– Über dem Lustrafjord –
– Suphellebreen –
– Hornelen –

Die kleine Selma stört das miese Wetter am wenigsten. Nicht nur im Zelt ist sie in ihrem Element und wir immer auf Augenhöhe. Das gefällt ihr. Wir müssen als Klettergerüst herhalten und unsere Frühstücksbrote vor ihr verteidigen. Am nebelverhangenen Vestkapp strahlt sie über beide Ohren, während wir mal wieder ungläubige Blicke ernten, als wir mit ihr bei Schmuddelwetter und einstelligen Temperaturen aus dem Auto steigen und komfortverwöhnten Hüttenurlaubern begegnen.

– Am Vestkapp –

Im Laufe der Zeit bleibt mir als Fotograf nur die Möglichkeit, den Ist-Zustand zu dokumentieren und mich auf die Suche nach ganz anderen als den vorgestellten Motiven zu machen. Mit jedem weiteren trüben Tag, der mir zu Beginn der Reise aufs Gemüt schlug, werde ich gelassener und nehme die Lage als gegeben hin – ob nun an der Schären überspannenden Atlantikstraße, den engen Serpentinen des Trollstigen oder all den vielen weiteren Mosaiksteinen, welche unsere Reise zu einem besonderen Erlebnis machen.

– Ein Stuhl –
– Gipfel der Trollwand –

Ein letztes Mal setzen uns die Wetterkapriolen bei der Rückreise in den Süden zu. Norwegens Hauptverkehrsader, die E6, ist überflutet und gesperrt. Die Nachricht schafft es sogar in deutsche Medien und wir müssen uns einen alternativen Weg über rumpelige Schotterpisten bahnen.

Die Reiseroute
Kristiansand – Kap Lindesnes – Eigerøya – Lysefjord und Preikestolen – Stavanger – Skudeneshavn – Hardangerfjord – Bergen – Aurlandsfjord – Lustrafjord – Jostedalen – Solvorn – Fjærland – Florø – Bremangerlandet – Vågsøy – Stadlandet – Westkapp – Ålesund – Atlantikstraße – Molde – Trollstigen – Romsdalen – Valdres – Oslo – Kristiansand

> Bildergalerie der Norwegen Rundreise 2011