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Sarek & Padjelanta Durchquerung – Die Bilder

– Sarek & Padjelanta Durchquerung – Die Bilder –

Über einen Monat bin ich schon wieder zurück von der Solo-Durchquerung der Sarek & Padjelanta Region in Schweden und Norwegen. 15 Tage schleppte ich meinen schwer beladenen Rucksack durch die karge Landschaft. Ich traf unzählige Rentiere, arrangierte mich mit Nässe und Kälte und versuchte, jeden Moment zu genießen. Egal ob in Wolken gehüllt oder von wärmenden Strahlen beschienen.

„Aber es war nicht einfach, die Tour anspruchsvoll. Viel schlechtes Wetter, Regen, sumpfiger Grund. Ein erster Wintereinbruch mit Minusgraden. Doch auch Sonne, klarer Himmel. Weite bis zum Horizont.“

Die Wanderung im hohen Norden bot alles, was eine gute Tour ausmacht. Anspruchsvolles Gelände, wechselhaftes Wetter, Unsicherheit, Freude, grandiose Landschaften, miese Stimmungen und ein tiefes Eintauchen in die Zeit vor Ort. Keine Oberflächlichkeit, kein schnelles Abenteuer. Es war eine Unternehmung mit Haut und Haar.

Die Route:
Saltoluokta – Sitojaure – Aktse – Skierffe – Rapadalen – Skárjá – Álggavágge – Alkavare kapell – Tuottarstugorna – Staloluokta – Staddajåkkåstugorna – Sårjåsjávrre – Sulitjelma

Es hat etwas gedauert, aber jetzt gibt es endlich die komplette Bilderserie der Sarek & Padjelanta Durchquerung zu sehen. Auf Flickr. Viel Freude damit …

PS:
Wie die Fotos mit meiner Fujifilm X-Pro1 bei dieser Reise enstanden sind und wie mein Workflow vom Anfang bis zum Ende aussah, hatte ich kürzlich schon hier beschrieben.

> Bildergalerie Sarek & Padjelanta Durchquerung 2012

Mein Fujifilm X-Pro1 Workflow

– Nach Saltoluokta –

In der vorigen Woche hatte ich mir Gedanken über RAW vs. JPG gemacht. Darüber, ob ich nun ein Fotograf oder Knipser bin. Ich erläuterte die Probleme mit JPGs und die Vorteile von RAW. Es ging um Farbkanäle, Bit-Werte und die Gefahr von Artefakten. Schlicht darum, wie das Optimum an Bildqualität zu erreichen ist. Und das zu guter Letzt auch im Hinblick auf meine fotografische Arbeit mit Fujifilms X-Pro1 und den Herausforderungen, die deren X-Trans Sensor an die Bildnachbearbeitung stellt. Zwar sind die Ergebnisse grundsätzlich vorzüglich, vor allem die der Out-of-Cam JPGs, die nachträgliche RAW-Konvertierung ist allerdings nicht ganz einfach. Nach einiger Probiererei habe ich aber mittlerweile einen Weg für mich gefunden, der zwar ein Kompromiss ist, dafür jedoch schnell und leicht zu sehr guten Resultaten führt. Und den Fokus mehr auf die Fotografie „alter Schule“ legt als die nachträgliche Werkelei an Bilddateien!

Nachfolgend mein Fujifilm X-Pro1 Workflow im Detail. Vom Anfang bis zum Ende …

Vor der Aufnahme

Die Grundlage lege ich bereits vor der Aufnahme. So zum Beispiel im Vorfeld einer Reise, vor der ich mir Gedanken dazu mache, wie die Farbgebung, die Sättigung, der Kontrast der Aufnahmen ausfallen soll. Entsprechend wähle ich eine dazu passende Filmsimulation und setze daran noch individuell die Parameter für Farbe, Lichter und Schatten fest. Hier erweist es sich als ausgesprochen nützlich, dass sich diese Einstellungen – sofern nicht nur JPGs gemacht, sondern auch in RAW fotografiert wurde – nachträglich wieder ändern und/oder optimieren lassen. Bei meiner letzten Unternehmung, der Sarek & Padjelanta Durchquerung, hatte ich alle Fotos mit der Filmsimulation ASTIA aufgenommen. Doch nachher gefielen mir die Bilder so nicht – sie waren zu gesättigt, besonders das Himmelsblau. Für die Serie dieser Tour fand ich die PRO Neg.Hi Simulation später stimmiger und habe alle Fotos nachher dahingehend geändert (s.u.).

Die vielen Filmsimulationsmodi in der Kamera sind eine feine Sache und erinnern mich an die alte analoge Zeit, wo der Film einmal eingelegt, das spätere Ergebnis vorgab. So einfach konnte/kann Fotografie sein – die Bildwirkung lässt sich schon vor dem Auslösen sehr gut bestimmen und reduziert auf diesem Weg, die für die Nachbearbeitung – bzw. Anpassung einer individuellen Bildanmutung – benötigte Zeit. Das Fotografieren rückt wieder mehr in den Vordergrund, aber mit der Option – digitales Zeitalter dann doch sei Dank -, hinterher doch alles noch korrigieren und über den Haufen werfen zu können.

Während der Aufnahme

Die Aufnahme von Bildern im RAW- oder JPG-Format unterscheidet sich. Und zwar grundlegend. Bei RAW-Fotos gilt die ETTR-Regel – Expose To The Right. Also eine Belichtung nach rechts. Gemeint ist damit das Histogramm, das die hellen Bildbereiche auf der rechten Seite darstellt und die dunklen auf seiner linken. Und da in den hellen Bereichen mehr Bildinformationen stecken als in den dunklen, ist es im Sinne der Bildqualität besser, ein zu helles Bild später wieder abzudunkeln als ein unterbelichtetes Foto aufzuhellen. Auch lassen sich bei einem RAW-Bild aus überbelichteten Partien oft noch Details wiederherstellen – ein völliges Ausbrennen der Lichter sollte natürlich grundsätzlich vermieden werden (sofern nicht explizit gewollt oder in Kauf genommen). Bei einem JPG sieht es allerdings anders aus. Hier müssen die hellen Stellen stärker berücksichtigt werden, da in deutlich überbelichteten Bereichen im Foto Bildinformationen schneller unwiederbringlich verloren gehen. Von gänzlich ausgefressenen Lichtern ganz zu schweigen, die meistens nicht wieder zum Leben zu erwecken sind, was bei manchen RAW-Bildern teilweise dann doch noch gelingt. Also: RAW-Fotos lieber reichlicher belichten, JPGs lieber etwas knapper.

Wenn man wie ich – und was jedem zu raten ist – parallel RAW und JPG fotografiert, ist es die Frage, welche Richtung man einschlägt. Ob hin zu einer optimalen RAW-Grundlage oder einem JPG ohne Macken. Die RAW-Nutzung führt einen schnell dazu, mich eingeschlossen, fahrlässig während des Fotografierens zu sein, frei nach dem Motto, später alles wieder ausbessern zu können. Falsche Belichtung, falscher Weißabgleich, falscher was weiß ich nicht alles. Ich versuche daher, ähnlich wie zu analogen Zeiten, die korrekte Belichtung und Einstellung möglichst schon bei der Aufnahme zu gewährleisten. Und einen Spagat zwischen den Anforderungen von RAW und JPG zu schaffen.

Import, Auswahl und Müllentsorgung

Ich lösche viel. Wenn ich ein Bild gemacht habe, kontrolliere ich es auf dem Kamera-Monitor oder im elektronischen Sucher. Ist es falsch belichtet, schief oder sonstwas, fliegt es sofort in den Papierkorb und ich mache die Aufnahme erneut. Diese Prozedur halte ich solange durch, bis ich zufrieden bin. So vermeide ich, dass sich auf der Speicherkarte Mist ansammelt, den ich sowieso nicht mehr sehen will. Ich hasse das. Bei statischen Motiven ist das natürlich einfacher – die laufen nicht weg und können immer wieder neu abgelichtet werden. Bei Actionbildern klappt das nicht immer ganz so konsequent. Aber auch da lösche ich, nachdem die Bildermacherei für den Moment zu Ende ist, schon in der Kamera das meiste, was mir auf den ersten Blick nicht zusagt.

Wenn die Reise dann einmal vorbei ist und ich wieder zu Hause vor dem Computer sitze, importiere ich erstmal nur die JPGs. Diese schaue ich dann am Bildschirm, wo eine richtige Qualitätsbeurteilung erst möglich ist, eins nach dem anderen durch und habe dazu parallel die X-Pro1 in Händen, jeweils mit Anzeige des selben Bildes, die ich gleichsam weiterklicke. Ist ein Foto unscharf, es sagt mir nichts oder ist aus welchen Gründen auch immer misslungen, wandert es sofort am Computer in den Papierkorb und ich lösche es auch direkt in der Kamera. Diesen Bilderdurchgang mache ich insgesamt dreimal. Dann ist zumindest der gröbste Unfug ausgemistet.

Sowohl im Computer als auch in der Kamera sind jetzt nur noch die Bilder, die ich auch behalten möchte. Anschließend sehe ich nach, ob meine gewählte Grundeinstellung gepasst hat, oder ich das eine oder andere Bild grundlegend nachbessern muss. Hier ist dann der Moment für die kamerainterne RAW-Konvertierung gekommen … Im schlimmsten Fall – wie bei den Sarek & Padjelanta Fotos – stimmen alle nicht.

RAW-Konvertierung

Wie schon in meinem vorigen Artikel beschrieben, ist die Konvertierung der X-Pro1 RAW-Dateien via einer externen Software noch nicht der letzte Schrei. Lightroom und Adobe Camera RAW machen nach wie vor Probleme und zaubern je nachdem einen „Aquarelleffekt“ hervor. (UPDATE: Dieses Problem gehört mittlerweile der Vergangenheit an) Besser ist da der Raw File Converter von Silkypix, welcher der Kamera beiliegt, oder der von der Bedienung völlig grässliche Raw Photo Processor (RPP). Ich habe mit beiden Programmen kurz gespielt und schnell wieder das Weite gesucht. Es macht Mühe, damit ein Ergebnis zu erzielen, welches den direkt aus der X-Pro1 kommenden JPGs ebenbürtig ist. Diese sind so hervorragend in Farbe, Kontrast und ihrer ganzen Anmutung, dass ich sie am liebsten sofort verwenden würde, ohne sie umständlich aus den RAW-Dateien “nachstellen” zu müssen. Dazu habe ich keine Lust. Lieber gehe ich hier den schon eingangs erwähnten Kompromiss ein und erspare mir die umständliche RAW-Konvertierung am Computer.

Sollten die aufgenommen JPGs Mängel aufweisen in Form einer völlig daneben liegenden Belichtung, missratenem Weißabgleich, nicht passender oder gewollter Filmsimulation, ausgefressener Lichter oder total zugelaufener Schatten, nehme ich mir die dazu entsprechenden und noch in der Kamera befindlichen RAW-Dateien nochmals zur Brust und konvertiere sie kameraintern mit optimierten Einstellungen zu neuen JPGs (was zügiger von der Hand geht, als mancher denken mag). Diese Möglichkeit ist großartig, lässt sich so doch jedes RAW-Bild selbst ohne externes Programm vielfältig nachbessern. Weißabgleich, Sättigung, Belichtungskorrektur, Filmsimulation, Dynamikerweiterung, Lichter, Schatten – all das kann nachträglich verändert und zu unendlich vielen neuen JPG-Varianten abgespeichert werden.

Im Falle der Sarek & Padjelanta Bilder habe ich, wie schon erwähnt, die Filmsimulation bei allen Fotos von ASTIA in PRO Neg.Hi geändert, ab und zu die Belichtung korrigiert und die Werte für Lichter und Schatten nachgebessert. So kam ich zu JPGs, die dann bereits sehr nah dran waren an dem, was ich als Endresultat haben wollte.

WICHTIG: Man muss auf jeden Fall parallel JPG und RAW fotografieren. Wer nur JPGs macht, dem entgeht die Möglichkeit der RAW-Konvertierung in der Kamera, die doch so nützlich ist.

Erneuter Import und Umwandlung in TIFF-Dateien

Nachdem ich die Fotos dann in der Kamera vorerst „fertig“ nachbearbeitet habe, importiere ich sowohl die RAW-Dateien als auch die neuen JPGs in den Computer (die alten JPGs werden dort gelöscht). Auch wenn ich jetzt nicht mehr mit den RAW-Bildern arbeite, archiviere ich diese natürlich! Denn es ist auch später noch möglich, sie via Speicherkarte zurück in die Kamera zu befördern und da erneut zu neuen JPGs zu bearbeiten. Ganz zu schweigen von der Option, sie irgendwann dann doch einmal mit einem guten RAW-Konverter am Computer umwandeln zu können.

Das finale Finetuning mache ich also mit den JPGs. Um aber den Qualitätsverlust zu vermeiden, der JPGs nach einer Bearbeitung und erneutem, verlustbehafteten Speichern anhängt (wie auch zuletzt beschrieben), konvertiere ich die JPGs erst einmal direkt nach dem Import in unkomprimierte 8 Bit TIFF-Dateien. Dadurch wächst zwar die Dateigröße um ein vielfaches an, aber jetzt kann ich die Fotos beliebig oft bearbeiten und neu abspeichern, ohne eine Minderung der Qualität hinnehmen zu müssen. Was mit TIFFs geht, mit JPGs aber eben nicht.

Bildbearbeitung am Computer

Auch wenn die ehemaligen JPGs – und jetzt TIFFs – schon sehr nah am Endresultat sind, bleibt eine letzte Feintüftelei unumgänglich. Dazu gehören schon mal all die „Aus“-Aktionen. Ausrichten, Ausschnitt verbessern, Ausflecken falls Dreck auf dem Sensor war. Auch sind mir die Bilder der X-Pro1 meist etwas zu kühl, weswegen ich fast immer die Wärme etwas anhebe. Dazu eine Optimierung der Tonwerte und falls nötig eine kleine Rettung der Lichter- und Schatten-Partien. Bei den hellen Bereichen achte ich, bis auf wenige Ausnahmen, penibel darauf, dass sie nicht ausbrennen. Zugelaufene Schatten finde ich hingegen nicht so dramatisch, da sie einem Bild oft Tiefe verleihen.

Aber das war’s dann eigentlich auch schon mit der finalen Bildbearbeitung …

Im Gegensatz zu einem reinen RAW-Workflow am Computer habe ich eine Qualitätsminderung nur bei der Konvertierung in der Kamera von RAW zu JPG. Aber diese ist meines Erachtens vernachlässigbar. Allerdings muss ich so mit 8 Bit Dateien zurechtkommen und kann nicht den Weg vom RAW-Bild über 16 Bit Tiffs gehen. Das ist eigentlich der größte Kompromiss, da mir so nur die 256 Farbinformationen pro Farbkanal zur Verfügung stehen und nicht tausende wie bei einer höheren Bit-Rate. Da sich meine Nachbearbeitung der 8 Bit Tiffs (JPGs) aber in Grenzen hält, komme ich so dennoch zu keinen sichtbaren Qualitätsverlusten. Eventuell wäre das anders, wenn ich nachträglich wirklich tiefgreifende Veränderungen an den Farben und Tonwerten vornehmen würde.

Schließlich speichere ich die bearbeiteten TIFF-Dateien mit verlustfreier LZW-Komprimierung ab, wodurch sich die Datenmenge je nach Bild erheblich reduziert. Bei der Frickelei an den Bildern gehe ich aktuell mit Nikons Capture NX2 und Adobe Photoshop zu Werke – weil ich es so gewohnt bin.

Sicherung und Formatierung der Speicherkarten

Auf dem Computer habe ich dann die Original-RAWs, die Original JPGs (evtl. in der neuen Ausführung) und die final bearbeiteten TIFFs. Dazu aus den TIFFs gewonnene JPGs in geringerer Qualität für Redaktionen oder dergleichen zur ersten Bildansicht. Eine ganz schöne Datenmenge und mein System entspricht da sicherlich nicht dem der Allgemeinheit. Aber auch zu Nikon-Zeiten hatte ich alle Bilder als RAW, TIFF und JPG vorliegen. Die Bilder für die Darstellung auf meiner Website, hier im Blog oder auf Flickr erstelle ich aus den TIFFs.

Diese Dateien sichere ich zudem alle auf zwei weiteren, externen Festplatten. Und erst wenn das geschehen ist und ich sozusagen eine Bilderserie endgültig abgeschlossen habe, formatiere ich die Speicherkarten und entledige mich dort dieser Fotos. Fertig!

Soweit mein aktueller Fujifilm X-Pro1 Workflow. Wie alles unterliegt er einem Wandel, aber momentan komme ich so am besten klar. Und komme auf einem Weg, der hier sicherlich umständlicher klingt als er ist, zu Ergebnissen, wie ich sie mir vorstelle.

Wie macht Ihr das mit Euren Fujifilm-Kameras? RAW oder JPG? Konvertierung in der Kamera oder am Computer?

PS:
Sollte etwas unverständlich sein, bitte in den Kommentaren nachfragen, damit ich dort für Klarheit sorgen und es im Artikel nachbessern kann.

RAW vs. JPG oder Fotograf vs. Knipser

– Einblick –

Früher war alles einfacher. Damals in der analogen Zeit. Ich fotografierte mit Diafilm und notfalls machte ich mehrere Aufnahmen mit leicht unterschiedlichen Einstellungen – eine Belichtungsreihe, um sicherzugehen, dass am Ende auch was Brauchbares dabei herauskommt. Aber das war’s dann auch. Mit dem Druck auf den Auslöser war die Sache für mich erledigt. Die Filmentwicklung übernahm ein Labor, ich musste danach nur noch den Müll aussortieren und wegschmeißen und die guten Fotos archivieren. Für eine Veröffentlichung schickte ich die Dias dann, so wie sie waren, an Magazine – mehr gab es nicht zu tun.

Mit meinem – relativ späten – Umstieg zur Digitalfotografie Anfang 2006 änderte sich das schlagartig. Unmittelbar sah ich mich mit einer Grundsatzfrage konfrontiert: RAW oder JPG? Das war ja schlimmer als die Entscheidung zwischen Dia- oder Negativfilm. Zu Beginn hatte ich von dem ganzen Kram keine Ahnung und auf meiner ersten „digitalen“ Reise, einer Skitour auf der Hardangervidda in Norwegen, machte ich JPGs. Um danach sogleich festzustellen, dass das nicht der optimale Weg war. In Schnee und Eis liegt zum Beispiel der Automatische Weißabgleich oftmals daneben, nur lässt sich dieser bei den JPGs nachträglich nicht mehr verändern, da er schon in der Kamera festgelegt wurde. Farbstiche zu korrigieren wird dann schwieriger. Also RAW. Aus gutem Grund blieb ich dann in all den folgenden Jahren dabei und machte alle Fotos fortan in diesem Aufnahmeformat.

Sowieso, ein Fotograf fotografiert erstmal „rohes“ Zeug, JPGs sind doch nur etwas für Knipser! Wobei, als ich 2007 den Wanderlauf Fjällräven Classic begleitete und in Bildern dokumentierte, war auch ein Fotograf für den stern dabei. Und der machte nur JPGs. Mmh, schien die Sache wohl doch nicht so in Stein gemeißelt zu sein … Egal, ich blieb bei RAW, denn schließlich hatte das einen Sinn, der über die Problematik der Winterfotografie hinausging.

Das Problem mit den JPGs

Nun, es sind gleich mehrere Probleme. Nicht nur die bereits erwähnte Unmöglichkeit, nachträglich einen falsch gewählten Weißabgleich oder eine misslunge Belichtung elegant korrigieren zu können (was bei RAW-Bildern machbar ist). Zudem stehen pro RGB-Kanal – also für Rot, Grün und Blau – jeweils nur 256 Farbinformationen zur Verfügung (entsprechend 8 Bit an Helligkeitsabstufungen). Will man später größere Farbänderungen oder Tonwertkorrekturen vornehmen, führt das leicht zu Bildfehlern, weil dafür einfach nicht ausreichend Infomaterial in der Datei vorhanden ist.

Da­r­ü­ber hi­n­aus werden die Bildinformationen einer JPG-Datei komprimiert und – was das größte Ärgernis ist – zudem verlustbehaftet gespeichert. Je nachdem wie stark diese Komprimierung ausfällt, gehen bei einer Speicherung mehr oder weniger Bilddetails unwiederbringlich verloren. Zwar werden die Dateien dadurch schön klein und nehmen auf Festplatten oder sonstwo wenig Platz ein, nur macht es das JPG-Format für die Bildbearbeitung nahezu unbrauchbar. Denn diese Komprimierung tritt nach jeder Bearbeitung und neuerlicher Abspeicherung des Bildes wiederholt ein. Bedeutet: Das Foto wird umso mehr zerstört, je öfter es erneut gespeichert wird! Sollte dieser Weg doch einmal unumgänglich sein, hält sich der Qualitätsverlust im Rahmen, wenn das Bild nur ein einziges Mal – und natürlich in höchster Qualität – abgespeichert wird (während des Speichervorgangs wird im Bildbearbeitungsprogramm nach der gewünschten Qualitätsstufe gefragt).

Die Vorteile von RAW

RAW-Dateien werden in der Regel – entgegen der JPGs – in der Kamera nicht komprimiert und mit 12 oder gar 14 Bit Farbtiefe ausgegeben. Das entspricht mindestens 4096 Farbtoninformationen pro Farbkanal. Entgegen der 256 bei einem JPG doch eine ganze Menge mehr. Und dieses Mehr ist besonders dann nützlich, wenn Bilder nachträglich stark verändert werden, wozu auch das Aufhellen zu dunkler Bildbereiche gehört. Farbabstufungen werden dadurch gestaucht oder gedehnt. Das kann zu hässlichen Fehlkontur-Effekten führen, die sich besonders in Bildbereichen mit feinen Farbabstufungen bemerkbar machen – z.B. im blauen Himmel. Da in einer RAW-Datei erheblich mehr Farbtöne zur Verfügung stehen, sind eben stärkere Veränderungen möglich und die von den JPGs bekannten Probleme treten erst viel später oder im besten Fall auch gar nicht auf. Wer also das Optimum an Bildqualität anstrebt und für den eine nachträgliche Bildbearbeitung zwingend dazu gehört, sollte das RAW-Format nutzen. Die Fotos können dann nach der Bearbeitung verlustfrei als TIFFs abgespeichert werden (aus denen sich wiederum „kleine“ JPGs erstellen lassen, falls sie für die Darstellung im Web oder sonstige Zwecke benötigt werden).

Aber warum zerbreche ich mir darüber jetzt den Kopf?

Ich war doch glücklich. Während meiner Nikon-Zeit fotografierte ich, bis auf den Anfang, ausschließlich im RAW-Format. Alle Bilder unterzog ich anschließend einer Nachbearbeitung, speicherte sie dann als TIFFs ab, machte davon JPG-Kopien und war für alles gerüstet. Doch dann bin ich zu Fujifilm und der X-Pro1 gewechselt und stehe vor zwei Herausforderungen. Natürlich kann ich auch mit dieser Kamera RAW-Dateien aufnehmen. Nur sind die Dateien, die der vorzügliche X-Trans Sensor auswirft, nun ja, etwas schwierig in der Handhabung. So sind Adobe Camera RAW und Lightroom noch nicht in der Lage, die RAWs des neuartigen Sensors gänzlich fehlerfrei zu bearbeiten. (UPDATE: Dieses Problem gehört mittlerweile der Vergangenheit an) Besser ist da Silkypix, das in einer abgespekten Version auch der Fujifilm-Kamera beiliegt. Nur mag ich das Programm nicht und es macht Mühe, damit ein Ergebnis zu erzielen, welches den direkt aus der X-Pro1 kommenden JPGs ebenbürtig ist. Diese sind so hervorragend in Farbe, Kontrast und ihrer ganzen Anmutung, dass ich sie am liebsten sofort verwenden würde, ohne sie umständlich aus den RAW-Dateien „nachstellen“ zu müssen. Auch die vielen Filmsimulationsmodi in der Kamera sind eine feine Sache und erinnern mich an die alte Dia-Zeit, wo der Film einmal eingelegt, das spätere Ergebnis vorgab. So einfach konnte/kann Fotografie sein …

Aus diesen beiden Gründen – dem für mich noch nicht optimalen RAW-Support der X-Pro1 Bilder, aber den dafür sauguten JPGs direkt aus der Kamera – experimentierte ich mit dem No-Go, der Nutzung der JPGs. Das schien sogar ganz gut zu klappen und ich hielt es eine Weile bei. Doch bei der Bearbeitung der Fotos meiner Sarek & Padjelanta Durchquerung stieß ich – ein wenig muss auch an noch so guten Out-of-Cam JPGs feingetüftelt werden – an die Grenze. Schlimmer, es geht so nicht. Durch die Optimierung der JPGs und das erneute Abspeichern, wiesen einige Bilder am Ende deutlich sichtbar die beschriebenen Farbfehler auf. Wirklich hässliche Artefakte, die sich im Himmel, an Wolken und anderen feinen Farbverläufen zeigten. Zwar kaum zu erkennen bei einem Foto in Web-Auflösung, aber bei 100%-Darstellung am Monitor unakzeptabel. Daher für mich nicht brauchbar und dieser Weg der Nachbearbeitung so nicht zu gehen.

Was tun? Wie kann ich die bislang suboptimale RAW-Konvertierung umgehen, stattdessen die nützlichen „JPG“-Filmsimulationsmodi der Kamera anwenden und doch die Qualität auch in der Nachbearbeitung hochhalten?

Bis es einen RAW-Konveter meines Geschmacks für die Fujifilm X-Trans Bilder gibt, habe ich einen Kompromiss gefunden. In einem weiteren Beitrag habe ich meinen aktuellen Fujifilm X-Pro1 Workflow mittlerweile dargestellt.

Gerade sitze ich zwischen den Stühlen. Bin Fotograf und doch auch Knipser.

Wie ist es mit Euch? RAW oder JPG? Und warum?

„We have to dream it all up again“

Es war der 30. Dezember 1989, als Bono, unzufrieden mit der Stagnation von U2, während der Lovetown Tour in Dublin diese legendären Worte sprach:

„We’ve had a lot of fun, just getting to know the kinda music that we didn’t know so much about. I was explaining to people the other night, but I might have gotten it a bit wrong, that this is just the end of something for U2, and that’s why we’re playing these concerts. We’re throwing a party for ourselves and for you. It’s no big deal, we have to go away and just dream it all up again.“

Niemand wusste, was das zu bedeuten hatte. Viele Fans fürchteten, soeben die letzten Klänge der Band gehört zu haben … Dabei waren U2 „nur“ auf dem Weg, sich nach dem riesigen Erfolg von „The Joshua Tree“ und des umstrittenen Nachfolgealbums „Rattle and Hum“ neu zu erfinden. Als U2 dann 1991 der Musikwelt „Achtung Baby“ schenkten, war diese darauf jedoch nicht vorbereitet und wurde mit industriellen, düsteren und schwermütigen Klängen überrollt. Mit dem, was die Band in den 80ern ausgezeichnet und in den Rock-Olymp gehoben hatte, hatte das nichts mehr zu tun. Die vier Iren, zuvor noch als griesgrämige Gebetsbrüder verspottet, präsentierten sich der Welt nun schrill, bunt, in Frauenkleidern und mit Sonnenbrillen über das ganze Gesicht. In dem Moment ahnte kaum jemand, dass ein Meisterwerk geboren war.

Alles zurück auf Anfang also! Das liegt nun bereits über 20 Jahre zurück und auch meine beiden Krampfanfälle, die mich Anfang Mai von den Beinen holten, sind schon eine Weile her. Im Krankenhaus und der Zeit danach stellte ich die Frage nach dem Sinn. Für irgendwas musste es gut sein … Mit angeknabberter Psyche lag ich körperlich geschwächt am Boden. Zwischen einem Gefangensein im Hier und Jetzt, dem Gefühl von Stillstand und Niederlage. Und der Option auf einen Neuanfang, der oft einer Krise innewohnt. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt, bei der in einem Moment alles verloren und im anderen alles möglich erschien. Es galt diese Möglichkeiten zu finden und nicht im Unmöglichen zu erstarren.

Mit der Diagnose Epilepsie in der Tasche erinnerte ich mich an Bono’s Worte. Und während ich die ersten neuen Schritte tat, reiften die Pläne und Ideen für einen Neuanfang. Mehr und mehr kristallisierte sich heraus, wozu dieser Zwangsstopp aufgrund der Krankheit gut sein könnte. Der steinige Weg besserte sich Schritt für Schritt und das Licht am Ende des Tunnels wurde heller und heller. Aber ich wollte nicht einfach mein altes Leben zurück, alles nur so haben, wie es vorher war. Nein, ich wollte diese Zeit des Innehaltens nutzen, mich neu zu fokussieren. Gar Veränderungen ins Auge fassen. Dinge über Bord werfen, Geliebtes neu entdecken.

Im Kopf entstand ein Gerüst für ein Langzeitprojekt raus aus der Krisenzeit. Zunehmend sah ich die Krankheit nur als einen Teil, der zwar vorerst immer noch da ist, der aber nicht bestimmt. Auch wenn sich Chaos und Ungewissheit nur schwer abschütteln ließen. Wie die Frage, ob es trotz der Krankheit möglich wäre, neue Wege zu gehen und weiterzukommen. Oder ob gerade dieses “kranksein”, diese Phase, manches erst ermöglichen würde?

Manchmal war es einfach zum Kotzen

Es war ein Auf und Ab. Zuerst machten sich Schwindel und Müdigkeit breit, hervorgerufen durch die Tabletten. Als die Nebenwirkungen nachließen, kam der Durchfall. Zwei Wochen lang. Doch dann, nach der Scheißerei, schien es endlich aufwärts zu gehen. Bis mir mein geschwächtes Immunsystem noch eine Gürtelrose bescherte. Ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden galt. Über zwei Monate diese ständigen Angriffe auf Körper und Psyche. Kaum die Möglichkeit einer “Auszeit”. Immer wieder was Neues. Ein Schritt vor und zwei zurück. Manchmal war es einfach zum Kotzen.

Wir wollten nur noch weg. Nach Schweden und Norwegen – auf unser imaginäres Sofa. Nach all meinen gesundheitlichen Querelen endlich die richtige Erholung finden, Abstand gewinnen, den Stress abschütteln. Und Kraft tanken für den Neuanfang, die Akkus wieder aufladen. Nach letzten Nickligkeiten waren wir dann auch endlich fort. Vier Wochen lang. Zurück aus dem Norden – von Meeresküsten, Waldpfaden und Berggipfeln – brachten wir die ersehnte Erholung mit. So, wie wir es uns gewünscht hatten. Charging Complete sozusagen.

Selma sprach in diesem Urlaub ihren ersten korrekten Satz: “Ich möchte raus!” Drei Worte, die für mich zu einer Art Mantra wurden. Auch ich wollte raus. Wieder raus. Zu den Orten im Norden, an denen meine Passion für diese Landschaften seinen Anfang nahm, die mir im Laufe meines Reiselebens wichtig waren. Aber auch zu neuen Orten, dorthin, wo ich noch nicht war.

Während unserers Unterwegsseins reifte der Plan, das Konzept für das neue und große Projekt weiter. Für das, was ich nach unserer Familienreise beginnen wollte. Nach den Wirren und dem Krankheitsscheiß. Entwickelt aus und durch die Krise. Und mit dem Zurück auf Los stecke ich jetzt schon mitten drin, habe mit der Sarek & Padjelanta Durchquerung den ersten Schritt getan. Diese Tour markiert, nach der schweren Zeit des zurückliegenden Sommers, den Beginn des Neuanfangs. Sie ist die erste Reise der Idee, die mir im Kopf sitzt, seitdem es mich im wahrsten Sinne umgeworfen hatte. Jetzt will ich das beginnen, und fortführen, was all dem dann vielleicht doch einen Sinn verleiht. Das, wozu es gut war.

Eine Liebeserklärung

Mein Norden. Ich will zurückkehren zu meinen Anfängen. Aber gleichermaßen auch aufbrechen zu neuen Abenteuern. Mit kindlicher Entdeckerfreude und voller Emotionen. Das Projekt soll eine Liebeserklärung an raue Landschaften, karge Regionen und eine intensive Art des Unterwegsseins sein. Auch, weil sich wie bei U2 eine Stagnation bei mir eingeschlichen hatte, nach erfolgreichen Expeditionen und all den Reisen seit Beginn der 90er Jahre. Großes Neues wollte in der letzten Zeit nie so recht klappen. Viel verpuffte, wurde zu Nichts. Schließlich die Epilepsie, letztendlich für mich die Besinnung. Der Auslöser, alles nochmal neu zu träumen. Wie es Bono mit seinem „We have to dream it all up again“ ausdrückte.

Über zehn Reisen in den Norden sollen es werden. Nach Schweden, Norwegen und Finnland, nach Schottland und Island, auf die Färöer-Inseln, nach Svalbard und nach Grönland. Vier Jahre Aufbruch. Zu allen Jahreszeiten hinein ins Abenteuer. Allein, mit Freunden und der Familie. Wanderungen und Skitouren dokumentiert in Bildern und Texten, die Emotionen transportieren und von Erlebnissen erzählen.

Die Solo-Durchquerung der Sarek & Padjelanta Region bot bereits alles, was eine gute Tour ausmacht. Anspruchsvolles Gelände, wechselhaftes Wetter, Unsicherheit, Freude, grandiose Landschaften, miese Stimmungen und ein tiefes Eintauchen in die Zeit vor Ort. Keine Oberflächlichkeit, kein schnelles Abenteuer. Es war eine Unternehmung mit Haut und Haar. Jeder Moment kostbar – egal ob vor Kälte zitternd oder in die Sonne blinzelnd.

Doch ohne das „Herausgerissensein“ in diesem Sommer hätte ich nicht zu diesem Schritt gefunden. Zum gleichsamen zurück in alte Gefilde und voran in neue Gebiete. Es ist auch ein bisschen wie Memory. Eine Karte liegt schon aufgedeckt vor mir, jetzt gilt es die passende dazu zu finden. Von so vielen früheren Reisen kenne ich den Norden und will ihn trotzdem nochmals ganz neu entdecken. Der Weg zurück auf Los, dieser Umweg ans Ziel, soll mich am Ende weiterbringen als vieles zuvor.

Aber nicht nur die Reisen an sich sind von Bedeutung. Die Wiederkehr zu Orten, die mir etwas bedeuten. Der Aufbruch zu Plätzen, von denen ich schon immer geträumt habe. Die Dokumentation ist ebenso wichtig. Und auch hier durchlebe ich den Wunsch, zurück zum Anfang zu wollen. Meine früheren Bilder sind Schall und Rauch. Ich begebe mich jetzt zudem auf die Suche nach neuen Sichtweisen, neuen Bildstilen, anderen Farben und Kontrasten. Das Alte zählt nicht mehr. Es braucht Neues. Um zu den jetzigen Reisen und den damit verbundenen Emotionen zu passen.

Daher ist das gesamte Projekt nicht nur ein Neuanfang im eigentlichen Sinn, sondern zugleich auch eine Weiterentwicklung, an dessen Ende „Veränderung“ auch in den Bildern der Unternehmungen erkennbar sein soll. Ich bin gespannt – und nach wie vor fast so aufgeregt wie vor meiner ersten Reise.

Mein Norden – Eine Liebeserklärung. Kommt mit und begleitet mich.

Sarek & Padjelanta – 15 Tage Zuckerbrot und Peitsche

 
– Am Padjelantaleden –

Der Plan war simpel: Mit dem Flugzeug nach Stockholm, weiter mit der Bahn nach Gällivare in Lappland und per Bus und Boot über Kebnats nach Saltoluokta am Kungsleden. Von dort den Königsweg ein Stück südwärts bis Aktse und dann hinein in den Sarek – Europas letzte Wildnis. Über den Skierffe und durch das Rapadalen nach Skárjá – das Herz der Hochgebirgsregion. Wieder hinaus aus der wilden Bergwelt durch das Álggavágge, an der Alkavare kapell vorbei und rüber in die Region Padjelanta – “Das höhere Land”. Schließlich zurück zur Zivilisation über Teile des Padjelanta- und Nordkalottleden nach Sulitjelma. Heimwärts wie gehabt. Mit Bus, Bahn und Flugzeug über Fauske, Trondheim und Oslo.

Seit letztem Sonntag bin ich nun zurück. Erfolgreich. Das Zurück auf Los hat funktioniert. Aber es war nicht einfach, die Tour anspruchsvoll. Viel schlechtes Wetter, Regen, sumpfiger Grund. Ein erster Wintereinbruch mit Minusgraden. Doch auch Sonne, klarer Himmel. Weite bis zum Horizont. 15 Tage schleppte ich meinen schwer beladenen Rucksack durch die karge Landschaft. Ich traf unzählige Rentiere, arrangierte mich mit Nässe und Kälte und versuchte, jeden Moment zu genießen. Egal ob in Wolken gehüllt oder von wärmenden Strahlen beschienen. Oft sah ich Regenbögen. Es war gut, zurückzukehren in die Region, wo einst alles begann. Der Neuanfang hat geklappt – es war der erste Schritt.

Ein Tagebuch

Freitag, 31. August – In der Nacht kam der Regen. Am Morgen Pfützen ums Zelt. Schnell gefrühstückt und gepackt. Um 9 Uhr breche ich von der Saltoluokta Fjällstation auf gen Süden. Steil führt der Kungsleden bergan in baumlose Gefilde. Die Szenerie wird dominiert von der düsteren Bergflanke des Lulep Gierkav. Ich sehe aus wie SpongeBob und schleppe meinen gelb verhüllten Rucksack durch das weite und karge Ávtsusjvágge. Das Tal hat wenig zu bieten, die Berge zu allen Seiten sind in Wolken gehüllt. Feucht und glitschig ist der Pfad, Bohlenwege sind überspült und die Bäche am Wegesrand voll vom vielen Niederschlag der vorangegangenen Wochen. Es zieht sich. Doch später kommt die Sonne raus und es reißt mehr und mehr auf. Am Sitojaure Fliegenterror – die Biester erfreuen sich an Windstille und etwas Wärme. Noch am Abend fährt mich eine Samin mit ihrem Motorboot über den See. Auf der anderen Seite schlage ich unweit der Svijnne-Schutzhütte mein Lager auf. Es war ein langer erster Tag. Als ich später noch einmal zum Pinkeln hinaustrete, hat sich bereits Eis auf dem Zelt gebildet. Willkommen Nachtfrost!

Samstag, 01. September – Morgensonne vertreibt die kalte Nacht. Ich folge weiter dem Königspfad. Erst durch lichten Wald, dann wieder hinauf in die kahle Bergwelt, wo ein eisiger Wind weht. Kurz darauf verlasse ich den markierten Weg und schwenke via Njunjes ab gen Sarek und zu den Seen unterhalb des Bassoajvve. In der Senke tummeln sich die Rentiere, inmitten derer ich meine Nylonhütte aufbaue. Es ist erst Mittag, aber ich habe noch was vor. Mit leichtem Sturmgepäck flitze ich runter zu den Aktse-Hütten und dem Ufer des Laitaure. Ich möchte den Steilabbruch des Skierffe erst von ganz unten sehen, bevor ich dessen Gipfel erklimme. Ich mache einige Bilder, eine kurze Rast. Dann flitze ich die 500 Höhenmeter wieder hinauf zum Zelt. Ein kurzer Zwischenstopp und weiter geht es zum Gipfel des Skierffe. Von seiner Rückseite ist der felsige Sporn einfach zu besteigen. Steinig nur das letzte Stück. Dann bin ich oben. Stehe unvermittelt an der Abbruchkante, an der es 700 Meter senkrecht hinab geht. Der Blick auf das Delta des Ráhpaädno verschlägt mir den Atem. Tief unter mir schlängeln sich die verästelten Arme des mächtigen Flusses durch einen sumpfigen grünen Teppich mit zahlreichen Seen und Bäumen klitzeklein. Eingekeilt zwischen den Felsabbrüchen des Skierffe und des gegenüberliegenden Tjahkelij münden die pulsierenden Adern des mit Gletschersedimenten durchsetzten Wassers in den Laitaure. Ich kann mich gar nicht sattsehen, doch irgendwann wird es kühl und ich muss noch zurück zum Zelt. Schweren Herzens trete ich den Rückweg an. Der Mond kommt hervor. Ich hole Wasser an einem der umliegenden Seen und verkrieche mich im Zelt. Um 21 Uhr ist es dunkel. Und gemütlich.

 
 
– Delta des Ráhpaädno –
 
– In Wolken verhangen –

Sonntag, 02. September – Als ich am Morgen aus dem Zelt blicke, sehe ich fast nichts. Alles ist in Wolken verhangen. Bei dem Wetter macht es keinen Sinn, weiterzulaufen. Also abwarten. Ich lege mich wieder hin, ziehe etwas Wärmeres an. Und schaue immer wieder auf die Karte, gehe die Tage und Wegabschnitte durch. Alleine im Zelt kommen die Zweifel. Kann ich die Strecke schaffen? Reicht die Zeit? Spielt das Wetter mit? Was ist mit den anstehenden Flussquerungen? Ich höre Musik, trinke Tee. Draußen ist der Regen mal stärker, mal weniger dicht. Ich hoffe auf den Nachmittag. Darauf, dann noch ein Stück weiterzukommen. Aber daraus wird nichts – schon eine Zwangspause am dritten Tag. Die Zeit vergeht etwas mühselig mit Nichtstun. Im Laufen ist es einfacher. In der Ruhe liegen die quälenden Gedanken. Am Abend dann reißt es doch noch auf. So sieht alles wieder freundlicher aus. Ich nehme es als gutes Zeichen und krieche mit besseren Gedanken in den Schlafsack.

Montag, 03. September – In der Nacht träume ich schlecht und wache genau in dem Moment auf, als ein paar Tropfen aufs Zelt fallen. Aber ich schlafe schnell wieder ein und früh am Morgen ist das Wetter gut. Bereits vor 7 bin ich unterwegs – da scheint schon längst die Sonne. Noch einmal steige ich auf den Skierffe, blicke hinab in die Tiefe und hinüber zu all den hohen Gipfeln, bevor ich mich endgültig auf den Weg mache hinein in den Sarek. Ab und an gibt es Trittspuren, auch mal ein Steinmännchen, aber meist ist es weglos. Ich quere einen steilen, felsigen Hang, springe über Bäche und laufe zum Sattel am 1078er Berg oberhalb des Ridok. Kurz zuvor begegne ich einer wortkargen Vierergruppe, die nicht mal grüßen. Noch ein letztes Mal blicke ich zurück zum Skierffe, dem Nammásj und dem Delta des Ráhpaädno. Dann ziehe ich, hoch über dem Rapadalen, den hier flachen Hang entlang weiter, bis ich am Lulep Vássjájågåsj stehe. Durch einen schluchtartigen Einschnitt rauscht der Fluss über Fallstufen hinab. Ich suche nach einem günstigen Übergang und finde ihn – nur knietief ist dort das Wasser, die Strömung kaum spürbar. Da ist es fast schwieriger, die andere Hangseite wieder hinauf zu kraxeln. Wenig später, nach 10 Stunden auf den Beinen, schlage ich mein Zelt auf einer flachen und steinlosen Stelle auf. Regenschauern treiben zur Eile. Etwas entfernt hole ich an einem kleinen Bach Wasser und genieße die großartige Aussicht über das Rapadalen, hinüber zum Rapaselet und den Bergen auf der anderen Talseite. Die Sonne blinzelt hervor, ein Regenbogen entsteht, der Mond steigt auf. Dazu dringt aus dem Tal fortlaufend das Rauschen des mächtigen Ráhpaädno empor. Einfach schön.

 
– Regenschauer im Rapadalen –

Dienstag, 04. September – Es sieht nicht mehr gut aus. Dunkle Wolken ziehen heran. Ich streife die Regenmontur über und folge einem unscheinbaren Pfad auf einem sanften Rücken hinunter ins Rapadalen und hinein in den dichten Wald der tieferen Lagen. Bald umhüllt mich die Nässe. Dazu ein Wirrwarr aus Bäumen, Bächen, Sträuchern. Flache Stellen sind sehr nass. Ich verliere den Weg, finde ihn wieder und erreiche nach einer Weile den Hauptpfad des Tales. Auch der ist nicht viel breiter, aber immerhin gut zu erkennen. Kurz darauf stehe ich am verzweigten Alep Vássjájågåsj. Bei der Querung des ersten Armes schwappt mir etwas Wasser in einen Schuh, den zweiten überquere ich balancierend auf umgestürzten Bäumen und Ästen. Danach folgt ein Sumpffeld. Von Büschel zu Büschel, Gestrüpp zu Gestrüpp taste ich mich voran. Und stehe trotzdem laufend bis zum Knöchel im Wasser. Der Pfad mäandert durch den Wald wie der Fluss durch das breite Tal. Dazu diese Nässe von allen Seiten. Von oben durch den Regen. Von unten durch die Bäche, den überspülten Weg und all den Morast. Von links und rechts durch das triefende und den Weg umschlingende Strauchwerk. Und von innen durch den Schweiß. Mir ist warm. Und in den Pausen rasch kalt. Das Laufen strengt an. Immer wieder ein Auf und Ab. Ein Zick und Zack. Das Rapadalen – die Schöne und das Biest. Zwei Welten – von oben betrachtet und mitten drin. Als sich der Weg ein wenig bessert, laufe ich mit dem Rucksack, der meinen Kopf überragt, gegen einen Ast, der nicht weichen will. Ich verliere das Gleichgewicht, kippe nach hinten und lande in einer tiefen Pfütze. Blitzschnell rappel ich mich wieder auf – fluchen kann ich nicht, nur lachen. Dann stehe ich plötzlich vor der verschlossenen Skårkistugan. Ich gehe ein Stück zurück und finde den Abzweig, der hinauf und wieder hinaus führt aus diesem Chaos. An der Baumgrenze bleibe ich – nur raus aus dem Wald. Wie auf einem Balkon steht das Zelt. Schnell fängt die Zeit im nassen Dickicht an zu verblassen. Tee, Kekse, wärmende Klamotten. Die feuchte Unterwäsche trocknet am Leib. Spät wieder reißt es auf. Blauer Himmel, Sonne auf den frisch verschneiten Bergspitzen. 5 Tage – ein Drittel der Tour ist rum.

 
– Bielloriehppe –

Mittwoch, 05. September – 6:15 Uhr. Gutes Wetter, die Sonne lugt hervor und scheint auf einen Hang im Sarvesvágge. Aber bald wird es wieder schlechter und erst um 10 klart es so richtig auf. Nix wie raus, Rucksack packen und auf gen Skárjá, dem Herzen des Sarek. Nach wenigen Metern muss ich gleich den Jilájåhkå furten. Frühsport zur Mittagszeit. Danach geht es steil raus aus dem Bachtal und hinauf zum Passübergang ins Snávvávágge. Steinig und feucht ist es dort. Und wieder kommt der Regen zurück. Voll konzentriert nehme ich die Passage an den Spökstenen in Angriff, über die mir schlimmes erzählt wurde. Dort wäre fast Kletterei gefordert und ich solle sehr aufpassen auf dem rutschigen Grund am steilen und felsigen Berghang des Bielatjåhkkå. Doch so fürchterlich ist es dann nicht. Ein Stück steil runter, eine Querung, schließlich wieder etwas hoch. Über Stock und Stein, ein paar Büsche hindurch und Geröllfelder hinweg. Natürlich, nicht schön zu laufen, aber gut machbar. Dafür kann sich das Wetter nicht entscheiden. Regen und Sonne geben sich die Klinke in die Hand und zaubern wieder einmal Regenbögen hervor. Wenige Kilometer weiter muss ich auch den Bielajåhkå und den Tjågnårisjågåsj furten, doch das Wasser reicht beide Male kaum bis zum Knie und ist nicht weiter der Rede wert. Dazwischen holprige und matschige Passagen. Zwischen Steinen und Weidengestrüpp. Ich treffe einen Schweizer, mit dem ich in der wilden Einsamkeit einen kurzen Plausch genieße. Schließlich das letzte Stück des Tages. Der Wind nimmt zu, auch die Nässe von oben. Als ich die kleine Nothütte bei Skárjá erreiche, klebt mir die Hose an den Beinen. Ich werfe nur kurz einen Blick in die Zelle mit Nottelefon und baue fix mein Zelt am Smájllájåhkå auf. Raus aus den nassen Klamotten und rein in die eigene, kleine Welt. Trotz des oft schlechten Wetters läuft bisher alles nach Plan.

Donnerstag, 06. September – Die ganze Nacht trommelt der Regen auf das Zeltdach und auch am Morgen halten die Schauern an. Ruohtes- und Guohpervágge sind finster und verhangen. Ich lümmel im Zelt herum, höre Musik und studiere die Karte. Ohnehin hatte ich für diesen Ort einen Ruhetag eingeplant. Hier, am Mittelpunkt des Sarek, wo die markantesten Täler zusammen kommen und auch der Ráhpaädno seinen Ursprung hat. Am frühen Nachmittag tritt leichte Wetterbesserung ein. Ich stromere etwas umher, doch es ist kalt und die Regenschauern werden abgelöst von Schneetreiben. Inmitten der imposanten Bergwelt ist außerhalb des Zeltes keine Gemütlichkeit zu finden. Trotzdem ist es schön. Allein zwischen den weißen Gipfeln. Aber die helleren Momente werden wieder abgelöst von Düsternis. Erst am Abend reißt es wie so oft wieder etwas auf.

 
– Rentierzaun bei Skárjá –
 
– Berge über dem Ruohtesvágge –

Freitag, 07. September – Bestes Wetter! Klar und kalt. Pfützen gefroren. Die verschneiten Berge strahlen über den grünen Tälern und vor dem Himmelsblau. Immer wieder blicke ich hinauf zu Graten, Zacken, Felsentürmen. Ein Wechselbad der Gefühle. Nach der absoluten Tristesse nun diese erhabene Schönheit der Landschaft. Mit Sack und Pack ziehe ich weiter zum Guohperjåhkå, der einfach zu durchwaten ist. Vor allem bei Sonnenschein und mittlerweile angenehm warmen Temperaturen. Durch die Türe in einem Rentierzaun geht es hinein ins Álggavágge, durch das ich den Rest des Tages laufe. Nach der Wasserscheide kommen wunderschöne Passagen, flach und gut zu gehen. Das Tal ist schön. Erst steinig und karg, dann sanft mit Wiesen. Erst später wieder hässlichere Stellen mit Gestrüpp und Nässe. Die Zeit schreitet voran und an dem weitgefächerten, vom Vattendelarglaciären runterziehenden Flusslauf endet mein Tagwerk. Leider ziehen dünne Wolkenschlieren vor die Sonne und es wird sogleich kühl. Bislang der schönste Wandertag der Tour. Und Halbzeit!

Samstag, 08. September – Naja, von einer stabilen Schönwetterlage kann allerdings keine Rede sein – der Mist ist schneller zurück als gehofft. Im Regen stiefel ich weiter bis zur Alkavare kapell, diesem steinernen Bau im Nirgendwo. Ein dunkler, kalter und trostloser Ort. Ich überlege, wie ich weiter vorgehe und entschließe mich dazu, den Miellädno über die Brücke zu queren, auch wenn es einen kleinen Umweg bedeutet. Zu einer Furt des Flusses am Ausgang aus dem Álggajávrre habe ich keine Lust und die Ruderboote, die dort die dritte Möglichkeit wären, möchte ich allein auch nicht nutzen. Doch vorher muss ich auch noch über den Gáinájjågåsj, was mit etwas Glück ganz gut klappt. Mit der Brücke und der Überschreitung des Miellädno verlasse ich den hochalpinen Sarek und trete ein in die weitläufige und hügelige Region Padjelanta. Ab und an bricht die Sonne durch und schickt Wärme. Doch es siegt auf Dauer mal wieder der Regen. Und der Schnee. Weglos schlage ich mich durch zum Rissájåhkå, den ich bereits aus der Ferne an einem markanten Wasserfall erkenne. Ich schaffe es gerade noch den Fluss in Crocs und mit hochgekrempelter Hose zu durchqueren, bevor nasse, dicke Schneeflocken das weite Land in Windeseile einhüllen. Im Nu ist Winter und die Sicht dahin. Entlang der Rissájávrre-Seen hangel ich mich weiter, krieche unter einem Rentierzaun hindurch und marschiere Richtung Tuottar. Es klart wieder etwas auf und der Schnee schmilzt rasch. Viele Rentiere ringsum, die Böden meist recht gut zu gehen. Mich locken die Tuottarstugorna am Padjelantaleden. Nach all den kalten Zeltnächten keimt in mir der Wunsch nach einer Pritsche und einer Decke über dem Kopf. Daher halten mich auch nasse Stellen oder Wiesen, die wie eine Buckelpiste daherkommen, nicht mehr auf. Ein letzter Hügel am Duottarjávrre, dann liegen sie vor mir. Alle Hütten sind bereits geschlossen. Bis auf eine, die das ganze Jahr über zugänglich bleibt. Drinnen haben es sich bereits vier Deutsche gemütlich gemacht. Wir rücken zusammen in der für 6 Personen ausgelegten Stuga. Es ist warm, die Gas-Heizung bullert. Draußen kommt der Schnee zurück und ein eisiger Wind pfeift um die Ecken.

 
– Tuottarstugorna am Padjelantaleden –
 
– Minus 3,5 Grad –

Sonntag, 09. September – Minus 3,5 Grad am Morgen. Dicht gedrängt schmiegt sich ein Rentier im Windschatten an die Hütte. Alles ist Weiß und bis wir aufbrechen, ziehen weitere Schneeschauern über uns hinweg. Dafür ist die Luft heute besonders frisch und klar. Und als dann die Sonne doch mal wieder Oberhand über das mäßige Wetter gewinnt, wird es ein herrlicher Tag. Es ist nicht nur ein Genuss, nach der Zeit im weglosen Gelände nun über einen ausgetretenen Pfad zu laufen. Nein, es ist ein Gang aus dem Winter in den Frühling. Über den Padjelantaleden steige ich aus den weißen Höhen hinab in die grüne Oase Staloluokta. Der Wind legt sich, hinter mir lasse ich die gepuderten Zacken der Sarek-Berge zurück, vor mir breitet sich der große Virihaure aus. An seinem Ufer errichte ich mein Zelt, schaue hinaus, träume und lasse die Gedanken schweifen. Vielleicht der schönste Fleck bisher. Weite und Stille. Langsam geht die Sonne unter. Ich lebe in diesem Moment.

Montag, 10. September – Ich liege bestens in der Zeit und kann mir einen weiteren Ruhetag gönnen. Der Himmel ist wieder zugezogen, die Landschaft grau. Es lockt nicht viel. Erst am Nachmittag drehe ich eine kleine Runde. Zu den Staloluoktastugorna, der Samensiedlung am Luoppal und der am Virihaure. Nirgends eine Menschenseele. Ich bin allein. Nach der Vierergruppe in der Hütte von Tuottar, begegneten mir nur noch wenige Wanderer. Alle liefen nach Süden, nach Kvikkjokk. Ich ein Stück nach Norden und ab morgen westwärts gen Norwegen.

– Virihaure –

Dienstag, 11. September – Abschied vom Virihaure, diesem schönen und ruhigen Ort. Ich laufe zu den Staddajåkkåstugorna über den Nordkalottleden durch ein karges, reizloses Tal. Zumindest ist der Pfad gut und ich komme schnell vorwärts. Um 12 Uhr bin ich an den Hütten. Öde gelegen, nicht sehr attraktiv. Zum Glück ist es noch trocken. Erst später, als es in höheren Lagen wieder steinig wird und Altschneefelder auftauchen, kommt der Regen zurück. Noch eine halbe Stunde, dann stehe ich vor der winzigen Sårjåsjaurestugan, die wunderschön am Ufer des Sårjåsjávrre liegt. Aus dem Fenster blicke ich über den See, doch drinnen ist es muffig. Lieber schlage ich ganz in der Nähe einmal mehr mein Zelt auf. Später und in der Nacht gehen kräftige Schauern nieder. Der Wind schüttelt meine Behausung und die Aussicht über die stark verhangenen Berge ist mäßig.

Mittwoch, 12. September – Wie gut, dass ich keine Eile habe. Erst im Laufe des Vormittags bessert sich das Wetter, kommt erneut die Sonne raus und die Wolken verschwinden. Mittags los. Egal, die Etappe heute ist kurz. Über feuchte Wiesen geht es am See entlang bis zur Reichsgrenze zwischen Schweden und Norwegen. Schwupps bin ich in einem anderen Land. Das vergletscherte Sulitelma-Massiv ragt im Süden in den Himmel. Am Ende meiner Tour ist die Landschaft wieder von schroffen Gipfeln dominiert. Und von immer mehr Steinen. Ich laufe bis zur Sorjoshytta, doch dort ist das Zelten schwierig, der Boden nicht schön. Also ein kleines Stück zurück zu einer winzigen Landzunge im Bajit Sorjosjávri und einer ebenen Stelle.

– Unter Wasser –
– Ny Sulitjelma –

Donnerstag, 13. September – Das Packen macht am Morgen keine Freude. Kalt ist der Wind. Brrr. Hinter der Sorjoshytta sind in den letzten Jahren zwei weitere Brücken installiert worden, die eine heikle Stelle entschärfen, aber auf meiner Karte noch nicht verzeichnet sind. Es geht bergauf in ein Reich aus Stein. Ab und an ein hartes Schneefeld, es ist felsig und äußerst karg. Auf über 1000 Meter steige ich empor und werde von einem eisigen Wind aus den Bergen vertrieben. Rüber über den höchsten Punkt, hinab zu einem See, noch ein Übergang, wieder ein See. Weiterhin in alle Richtungen nur Steine, Felsen und Schnee. In der Ferne schimmert ein Stück des Blåmannsisen. Dann die letzte Furt oberhalb des Storelvvatnan. Aber sie ist harmlos. Kurz darauf, als Hagel heranrollt und die Finsternis zurückkehrt, erreiche ich die Schotterpiste, die nach Sulitjelma, dieser ehemaligen Bergarbeitersiedlung, runterzieht. Aber ich wähle zuerst noch den steilen Pfad hinab zur Ny-Sulitjelma Hütte, an der die Sache schon jetzt so gut wie geschafft ist. Ein Auto kommt vorbei mit einer Norwegerin auf Beerensuche. Von hier an folge ich dem Fahrweg und halte Ausschau nach einer letzten Zeltmöglichkeit. An einem Flachstück mit See und Flusslauf, mit Blick auf Sulitjelma und Fagerli gelegen, werde ich fündig. Es geht weitere hunderte Höhenmeter hinab, aber die spare ich mir für morgen auf. Am Abend liegen mir beleuchtete Häuser und Straßenlaternen zu Füßen. Ich komme zur Ruhe.

Freitag, 14. September – Natürlich muss in der letzten Nacht stürmischer Wind aufkommen, der mir das Zeltgewebe ins Gesicht drückt. Ich bin früh auf den Beinen, zurück auf der Schotterpiste. Immerhin bleibt mir der Regen vorerst erspart, doch als ich um 8:30 Uhr in Sulitjelma an der Kirche einlaufe und kurz darauf vor dem noch nicht geöffneten coop stehe, herrscht mal wieder Mistwetter. Was soll’s? Der Drops ist gelutscht!

Die Solo-Durchquerung der Sarek & Padjelanta Region bot alles, was eine gute Tour ausmacht. Anspruchsvolles Gelände, wechselhaftes Wetter, Unsicherheit, Freude, grandiose Landschaften, miese Stimmungen und ein tiefes Eintauchen in die Zeit vor Ort. Keine Oberflächlichkeit, kein schnelles Abenteuer. Es war eine Unternehmung mit Haut und Haar. Jeder Moment kostbar – egal ob vor Kälte zitternd oder in die Sonne blinzelnd.

– Aus dem Fenster –

Ach ja, war da nicht noch was? Doch, ich habe ja Epilepsie. Jeden Morgen und Abend schluckte ich brav meine Tabletten. Mehr nicht. Ich fühlte mich gut, sicher. Auch völlig allein.

> Bildergalerie Sarek & Padjelanta Durchquerung 2012

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