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Fossá – Der höchste Wasserfall auf den Färöer-Inseln

– Fossá –

Selma war im Auto eingeschlafen, als wir an der Ostseite der Färöer-Insel Streymoy entlang von Tjørnuvík zurück gen Tórshavn fuhren. Zwischen Haldarsvík und Langasandur nutzte ich die Gunst der Stunde, einen weiteren Stopp einzulegen, um oberhalb der Straße den höchsten Wasserfall des Archipels in Ruhe abzulichten. Ich hing mir die Fototasche über die Schulter, holte das Stativ aus dem Kofferraum, kletterte über die Leitplanke und stieg ein kurzes Stück das Fossdalur hinauf. Während Selma weiter im Reich der Träume weilte und Nina sich ein Buch schnappte, hatte ich genügend Ruhe, mich ein paar Langzeitbelichtungen des über zwei Kaskaden insgesamt 140 Meter in die Tiefe stürzenden Fossá hinzugeben.

Zuerst kraxelte ich ganz hoch hinauf bis ran an die überhängenden Felsen, über die sich der untere Fall ergießt. Dabei hielt ich Ausschau nach einem guten Standort, dem besten Winkel. Ich versuchte es an mehreren Stellen, machte Probebilder, baute das Stativ auf und wieder ab. Dann fand ich eine gute Position. Doch die Sonne schien über den Berg – ein Gegenlicht, das die hellsten Stellen des Wassers ausfressen ließ. Zu hässlich diese Spitzlichter. Ich wartete. Darauf, dass sich Wolken vor die  Sonne schoben und sich der Kontrast minderte. Nach einer Weile hatte ich Glück – jetzt passte es. Ich machte ein erstes Bild des Fossá. Dabei war nicht nur der Sonnenschein ein Problem, sondern auch der Wind. Mit dem 14-mm-Weitwinkel stand ich ganz nah dran am Wasserfall und immer wieder wurden feine Tropfen herangeweht, die sich auf der Linse – oder besser gesagt dem aufgeschraubten Graufilter – absetzten. Ein Tuch hatte ich immer zur Hand und versuchte, zwischen all den Auslösungen, das Nass wieder fortzuwischen. So hatte ich schließlich den Wasserfall aus dieser Perspektive im Kasten. Aber das reichte mir noch nicht.

Über Gras und Steine balancierte ich wieder ein Stück hinab. Dicht an den Flusslauf, wo ich auf Steinen im Wasser das Dreibein errichtete. Ich rückte es etwas hierhin, dann dorthin, bis ich auch an dieser Stelle einen guten Aufnahmewinkel gefunden hatte. Bei diesem zweiten Bild des Fossá wollte ich nicht nur eine richtig lange Belichtungszeit anwenden, um das Wasser im Vordergrund ganz samtig darzustellen, sondern auch die Bewegung der Wolken am Himmel sollte sichtbar werden. Um das gewünschte Resultat zu erzielen, griff ich zum stärksten Graufilter. Auch hier machte ich einige Fotos, zwischendurch immer wieder darauf bedacht, die Optik frei von all den umherschwirrenden Tropfen zu halten, was leichter gesagt als getan war. Doch unter all den Aufnahmen war wiederum eine dabei, die meiner Vorstellung nahekam. Dahinschweifende Wolken über dem gleichsam weich fallenden und dahinfließenden Gewässer.

Zufrieden packte ich zusammen und lief zurück zum Auto, in dem Selma noch immer schlief. Dabei war die Zeit wie im Flug vergangen, so vertieft war ich in die Fotografiererei.

Die kalten Fakten:
Fujifilm X-E1, Fujinon XF14mmF2.8 R, B+W 110 ND 3,0 1000x Graufilter, ISO 200, 27s, Blende 16, -2 LW, Adobe Photoshop CS6 (ACR), VSCO Film 01

> Bildergalerie Färöer-Inseln 2013, Mein Norden // The Land of Maybe

„Kanska“ – Vielleicht

– Wanderfreuden –

Meine schlimmste Befürchtung trat nicht ein. Die 30-stündige Fährfahrt auf die Färöer war harmlos. Aber es hätte auch anders kommen können – ein wilder Wellenritt voller Übelkeit. „The Land of Maybe“ erreichten wir im Nebel. Wie auch sonst, alles andere hätte uns überrascht. Verregnet war das Olavsfest, der Nationalfeiertag. Jedoch erhellten Menschen in bunten Trachten an allen Ecken das triste Wetter und bescherten uns einen schönen Einstieg in dieses Land. Vor Regen geschützt aßen wir Fish’n Chips, im Hintergrund spielte eine Blaskapelle. Nach einer ersten Wanderung von der Hauptstadt Tórshavn hinüber zum alten Bischofssitz in Kirkjubøur, bei der es trocken war und uns die gerade einmal zweistelligen Temperaturen gar nicht so kalt erschienen, fuhren wir mit dem Auto über Brücken und durch Tunnel zu den Nordinseln, wo wir uns auf dem Klaksvíker Zeltplatz – direkt hinter dem Kindergarten – für ein paar Tage häuslich einrichteten.

Wie grüne Haifischflossen recken sich die Inseln aus dem Meer empor. An ihren äußersten Kanten säumen schmale Straßen die Eilande und führen zu entlegenen Dörfern, die oftmals nur aus einer Handvoll Häusern bestehen, die verwittert dem launischen Wetter trotzen. Der Weg nach Viđareiđi, der nördlichsten Siedlung auf den Schafsinseln, führte durch düstere, einspurige Tunnel, hinter denen wir immer froh waren, wieder Licht zu erblicken. Doch leider blieb uns der Aufstieg zum gut 750 m hohen Kap Enniberg, der Nordspitze Viđoys, von tiefhängenden Wolken verwehrt. Die Sonne blinzelte hervor, Berge verhüllten sich wieder, es regnete. Nirgends habe ich bisher so rasche Wetterwechsel erlebt.

Auf Fugloy warfen wir nur einen Blick, Kunoy war uns einen kurzen Abstecher wert. Dann nahmen wir die kleine Fähre hinüber nach Kalsoy, dieser lang gestreckten Insel, die aufgrund ihrer Form und gleich fünf Tunneln angeblich scherzhaft Blöckflöte genannt wird. Gut, sie stieß keine Töne aus, dafür machten wir einen Spaziergang von Trøllanes zur Landspitze Kallur, von der wir trotz mäßigem Wetter bis zu den Steintrollen Risin und Kellingin blicken konnten. Auf der Nachbarinsel Kunoy markiert der fast lotrecht ins Meer stürzende Kunoyarnakkur mit seinen 818 Metern die höchste Klippe Europas. Beeindruckt von all der Schroffheit stiefelten wir über unwegsame Schafspfade retour und verließen anderntags die Nordinseln, um Esturoy zu erkunden.

Campingplätze sind rar auf den Färöern. Nicht lohnend, bei einem so geringen Touristenaufkommen. Die meisten sind Durchreisende auf dem Weg nach oder von Island, die nur einen zweitägigen Stopp einlegen. Wer länger bleibt, erntet fragende Blicke der Einheimischen. Als würden sie selbst nicht verstehen, was man hier zu suchen hat. In Elduvík schließlich fanden wir einen weiteren Platz zum Verweilen. Fast ein Idyll, wenn wenig ausreicht. Das Zelten dort war umsonst. Dafür gab es kein heißes Wasser. Und auch keine Dusche. Nur das Dorf-Klo. Hoch über der Brandung liefen wir am Funningsfjørđur entlang hinüber nach Oyndarfjørđur und zurück. Voller Freude, in dieser einmaligen, abgeschiedenen Landschaft unterwegs zu sein.

Dann lockte Gjógv, ein weiteres Dorf, in dem sich die kleinen Häuser dicht aneinander drängen. Hauptattraktion des Ortes ist eine Kluft, eine Art natürlicher Hafen, in der Boote geschützt vor den chaotischen Wellen eines tosenden Meeres anlanden und per Seilwinde auf eine Rampe gezogen werden können. Wir drehten eine Runde, sahen Seevögel und verzogen uns vor dem aufkommenden Nieselregen ins Hotel Gjáargarđur, wo der Kaffee den Charme einer Drückekanne geschmacklich auf unsere Gaumen zauberte. Dafür riss es am nächsten Tag komplett auf und ich nutzte sogleich die Gelegenheit, allein den Gipfel des Slættaratindur, des höchsten Berges auf den Färöer-Inseln, zu erklimmen. Vom Pass Eiđisskarđ kein großer Akt – in einer Stunde war ich oben und hatte das halbe Archipel zu Füßen. Weit reichte mein Blick über all die grünen Zacken, Hänge, Täler und all die blauen Fjorde.

Wind und Wetter sind die bestimmenden Faktoren, nach denen sich alles richtet. Vielleicht fährt morgen die Fähre, vielleicht klappt dann eine weitere Wanderung. Vielleicht stürmt und regnet es aber auch oder es ist bis auf Meereshöhe nebelverhangen. „Kanska“ – Vielleicht, wie die Färinger zu sagen pflegten … Unser nächster Stopp war die Insel Vágar, wo wir den alten Weg nach Gásadalur nahmen und genauso über die Berge kraxelten, wie es bis vor wenigen Jahren noch dreimal in der Woche der Postbote getan hat. Erst 2006 wurde die Häuseransammlung als letzte auf den Färöern durch einen Tunnel ans Straßennetz angebunden.

Am folgenden Tag setzten wir mit einem kleinen Schiff von Sørvágur nach Mykines über. Und auf der Fährfahrt zu dieser westlichsten Insel der Färöer passierte es: mir wurde kotzübel. Nach einer knappen Stunde Überfahrt war ich froh, als wir endlich angekommen waren auf dieser autofreien Insel. Noch beklommen stieg auch ich die unzähligen Treppenstufen vom Anleger empor ins winzige Dorf und zu unserer Herberge. Als sich mein Magen wieder beruhigt hatte, erkundeten wir an zwei Tagen die Gegend und waren uns rasch einig – der schönste Fleck bisher. Über Mykineshólmur schwirrten die Papageitaucher umher wie die Mücken in der Abendsonne. Inmitten der Vögel zu stehen, kaum mehr als einen ausgestreckten Arm entfernt, über Klippen und am Leuchtturm, war faszinierend. Selma lief weite Teile selbst, fast unermüdlich, und freute sich über jedes neue Schaf. An den Nachmittagen schlemmten wir vor dem Kristianshús Waffeln und Eis – wenn die Sonne schien, wurde es richtig warm. Auch den Berg Knúkur bestiegen wir und verließen die Insel, kurz bevor sich die drolligen Papageitaucher Mitte August aufmachten auf ihre lange Reise in den Süden.

Zurück auf Vágar wanderten wir noch zum Wasserfall Bøsdalsfossur, der sich von dem See mit zwei Namen 50 m senkrecht ins Meer stürzt. Je nachdem, wen man fragt, heißt der größte See der Färöer entweder Sørvágsvatn oder Leitisvatn. Aber egal. Durch den Mauttunnel unter dem Vestmannasund ging es zurück auf die Hauptinsel Streymoy, auf der wir uns mal wieder in Tórshavn gemütlich einrichteten. Von dort brachen wir auf nach Saksun und wanderten am Pollurin um die sandige Lagune, bevor uns die Flut vom Atlantik den Rückweg versperrte. Wolken und Nässe hingen mal wieder tief zwischen den engstehenden Bergen. Kälte kroch in uns, was uns aber nicht davon abhielt, mit Gummistiefeln im feuchten Sand zu stehen und Steine ins Wasser zu schmeißen. Selma war in all den Tagen kaum von einem See, einem Bach oder selbst nur einer Pfütze zu trennen, in die sie am liebsten immer wieder große Brocken werfen wollte … Und auch in Tjørnuvík sprangen Nina und Selma am Strand über Wellen, bis nicht nur die Hosenbeine klatschnass waren. Doch zum Glück gab es wie in jedem noch so kleinen Ort auch hier ein Toilettenhäuschen im Dorf, in dem wir Selma komplett umziehen und wieder in trockene Kleider stecken konnten. Über allem wachten in der Ferne Risin und Kelligin, die beiden Trolle, die einst von Island herkamen, das sich Sorgen um die kleinen Färöer machte, die einsam im Nordatlantik lagen, und sie nach Hause holen wollte. Dafür wurden die Trolle ausgesandt, doch es dauerte zu lange, alle 18 Inseln zu vertäuen, um sie übers Meer nach Island zu ziehen. Die Nacht war fortgeschritten, der Tag graute. Und als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont kamen, verwandelten sich beide Trolle augenblicklich zu Stein.

Uns blieb derlei erspart und so nahmen wir auch noch die Fähre Smyril zur südlichsten Insel der Färöer, Suđuroy. Touristisch noch abgelegener als alle anderen Orte, fanden wir keinen Fleck, um unser Zelt aufschlagen zu können. Wildes Campen ist nicht erlaubt und so verbrachten wir ein paar Nächte im Scouthouse von Tvøroyri, das einen etwas gespenstischen Eindruck vermittelte – kalt und modrig.

Sumba und der Leuchtturm am Akraberg, die Bergstraße und der Beinisvørđ, die Glyvrabergsgjógv und der Sandstrand bei Sandvík, schließlich ein Fernrohr mit Aussicht aufs Meer und der Kirkjuvatn bei Fámjin waren die Schlusspunkte unserer Reise, die uns ans Ende der Welt geführt hatte. In eine dramatische Insellandschaft, in der sich die Färinger zwischen Tradition und Moderne bewegen. Die bäuerliche Landarbeit wirkte oft wie ein Relikt längst vergangener Zeiten. Viel Handarbeit allerorts. Ganze Familien, die gemeinsam mühselig in kleinen Portionen Heu einfuhren. Traktoren sahen wir selten. Aber daneben gehen subventionierte Helikopterflüge von Insel zu Insel einher, nicht zu vergessen die millionenschweren Tunnelbauten. Vieles blieb uns verborgen und war schwer zu fassen. Es verlor sich im Nebel oder wir konnten oft nur staunen.

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The Old Man of Storr

– The Old Man of Storr –

Nachdem ich der alten Brücke von Sligachan den Rücken gekehrt hatte, lief ich über den Skye Trail weiter nach Portree. Das nächste fotografische Highlight sollte der Old Man of Storr sein, diese weithin sichtbare Felsnadel, rund 50 Meter hoch und durch Erdrutsche entstanden. Wieder so ein „Hotspot“ – von Touristen heimgesucht wie kaum ein anderer Fleck auf der Isle of Skye und der Halbinsel Trotternish. Und auch so ein Postkartenmotiv, das an jeder Ecke auftaucht. Egal ob Buchshop, Outdoorladen oder Tankstelle. Der Blick über den Alten Mann und den danebenliegenden Needle Rock, mit den Storr Lochs im Hintergrund, ist ein Klassiker. Dieses Bild hatte ich ebenfalls im Kopf und auf meiner Liste der Must-haves. Obwohl man es unweigerlich allerorts sieht, wollte ich es trotzdem im Kasten haben. Vielleicht auch gerade deshalb – denn ohne geht Skye einfach nicht. Und da der Old Man of Storr sowieso direkt an der Wanderstrecke liegt, sollte auch kein großer Aufwand nötig sein …

Also machte ich mich von Portree über die Küstenvariante des Trails auf zu den Felsen. Vom Parkplatz an der Staffin-Road geht es schließlich das letzte Stück durch den mittlerweile abgeholzten „Storr-Wald“ auf gut ausgebautem Pfad  hinauf in die zerklüftete Bergwelt. Neben den vielen Tagesausflüglern, die teils in Schlappen den matschigen, steinigen Weg in Angriff nahmen, schleppte ich als einziger einen großen vollbepackten Rucksack. Ich wollte direkt am Ort des Geschehens zelten. Während des Aufstiegs goss es mal wieder in Strömen. Langsam stieg ich daher empor, um unter der Regenjacke nicht zu sehr zu schwitzen. Angekommen in der bizarren Felsenlandschaft machte ich mich gleich auf die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Bäche fand ich keine, nur einen kleinen See, der mir Trinkwasser spenden musste. Allerdings ist die Gegend fast ausnahmslos buckelig. Und an den wenigen, einigermaßen flachen Stellen, triefte der Boden vor Nässe. Ich lief hin und her, prüfte und verwarf. Dann erst fand ich doch noch eine gute Ecke. Gerade groß genug für mein winziges Zelt. Nicht absolut eben, aber dafür schön trocken und durch einen dicken Felsbrocken vor Wind geschützt. Direkt darüber ragte der Old Man of Storr in den Himmel. Würde er umkippen, sähe es nicht gut für mich aus. Was soll’s? Ich dachte mir, der steht schon so lange so da, da wird er auch noch etwas länger so stehenbleiben. Der Regen hörte wieder auf, Wolken zogen durch, verhüllten die Berge. Am Abend drehte ich dann noch eine kleine Runde, machte erste Bilder und genoss den friedlichen Ort, nachdem gegen 20 Uhr endlich Ruhe einkehrte und ich allein zurückblieb, alle anderen wieder abstiegen zu ihren Autos. Ich blickte hinaus aufs Meer, lauschte der Stille, blökenden Schafen und Vogelgezwitscher.

Ich hoffte auf Morgensonne. Doch die kam nicht. Dafür früh die ersten Leute aus dem Tal herauf. Ich wartete ab, frühstückte erstmal. Was tun? Der Weiterweg über die Trotternish Ridge schien wenig sinnvoll. Zu mies das Wetter, oder? Um 11 Uhr fiel eine Entscheidung – für ein paar Stunden ging von da an die Welt unter. Es fing an zu regnen und zu stürmen. Unaufhörlich. Ich saß fest. Mein Zelt wurde durchgerüttelt und es prasselte darauf ein. Langsam vergingen die Stunden – mit Musik, Tee, Keksen. Erst als sich am späten Nachmittag das Wetter beruhigte, machte ich mich fertig und auf den Weg. Holte neues Wasser am See und drehte wieder eine Runde um die Felsen. Ich stieg rauf zum Fuß des Alten Mannes, ließ eine Graupelschauer über mich ergehen und lief noch weiter hoch zu einem kleinen Aussichtshügel, von dem man diesen typischen Blick hat über den Old Man of Storr und den Needle Rock. Sogar die Sonne lugte am Abend noch hervor, nur kommt sie da aus der falschen Richtung. Der frühe Vogel fängt den Wurm, ist das Gebot des Ortes, um die gewünschten Aufnahmen zu bekommen. Nicht das letzte Licht – dennoch konnte ich mich kaum losreißen. Ich sog alles in mich auf. Es wurde spät. Und kalt. Mit klammen Händen und steifen Fingern drückte ich trotzallem immer wieder auf den Auslöser. Nutzte jede Gelegenheit, die sich mir bot.

Tja, so ging ein Tag dahin, ohne dass ich auf dem Skye Trail vorangekommen wäre. Noch an dieser Stelle die gewünschten Bilder hätte machen können. Nun blieb mir als letzte Chance der folgende Morgen – danach würde es heißen: Weiterziehen! Ob mit oder ohne Traumbild in der Tasche …

In der Nacht stürmte es. Und schneite. In der Früh war es etwas Weiß ums Zelt. Aber als die Sonne immer mal wieder zum Vorschein kam, wollte ich nichts verpassen. Rein in die Klamotten und geschwind los mit den Kameras. Rauf zu den guten Stellen, mit Blick über die Felsen und hinaus über den Loch Leathan und den Sound of Raasay. Graupel- und Schneeschauern zogen mal wieder über mich hinweg. Dazu ein Wind, der es mir erschwerte, stillzustehen und die Kamera ruhig zu halten. Abwechselnd machte ich Fotos mal mit der Fujifilm X-Pro1 und dann der X100S. In der großen Hoffnung, dass irgendetwas Gutes dabei sein würde. Ich suchte nochmal einen anderen Standort auf, wollte nichts ungenutzt lassen. Wartete. Auf gutes Licht. Diesen Strahl Sonne, der die vor mir liegende Landschaft genau im richtigen Winkel beleuchtet. Aber so richtig kam er nicht – irgendwas lag immer recht trostlos im Schatten. Als ich sah, wie die ersten Ausflügler wieder heraufkamen zum Old Man of Storr und diesen bald umlagerten, machte ich mich auf den Rückweg zum Zelt. Ich hatte alles versucht, hatte viel Zeit an diesem faszinierenden Ort verbracht. Und was ich nun im Kasten hatte, war Ausdruck des Augenblicks. Wie er war. Mit Wolken, weniger Licht, mehr Schatten und auch etwas Schnee. Nicht ganz das, was in den Läden verkauft wird. Diese fast schon überhöhte Schönheit, die man nur mit äußerst viel Glück zu Gesicht bekommt. Oder enormer Geduld. Beides hatte ich nur in Maßen. Mir blieb allein die Möglichkeit, mit den Bildern meiner Momente zu gehen.

Zurück am Zelt kam der Regen wieder. Ich packte alles zusammen und verließ den Ort. Auch an diesem Tag nicht über die Trotternish Ridge – dafür blieb das Wetter weiterhin zu schlecht. Stattdessen lief ich im Sauseschritt hinab zum Parkplatz und von dort der Straße entlang weiter nordwärts, um später wieder auf den Skye Trail zu schwenken. Vieles lag noch vor mir. Weitere spannende Fotomotive, auf die ich mich ebenso freute. Wie Quiraing. Oder Hunish, die Nordspitze der Insel. Vielleicht nicht so spektakulär wie der Alte Mann und sein Nachbar, der Needle Rock. Aber trotzdem war es lohnend, sich auch noch dorthin aufzumachen.

Die kalten Fakten:
Fujifilm X100S, ISO 800, 1/1500s, Blende 8, Adobe Photoshop CS6 (ACR), VSCO Film 02

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Die alte Brücke von Sligachan

– Die alte Brücke von Sligachan –

Dieses Bild hatte ich im Kopf. Tagelang. Dabei war die Hoffnung nicht sonderlich groß, es auch so fotografieren zu können. Auf dem Skye Trail regnete es Katzen und Hunde und selbst dann, wenn mir die Nässe erspart blieb, war die Landschaft überwiegend in fahles Licht getaucht. Langweilig und ziemlich unfotogen. So auch, als ich die Cuillins passierte, die schroffsten aller schottischen Berge. In Elgol, wo sich als erstes hinüber über das Wasser des Loch Scavaig dieser Blick auf die markanten Gipfel auftun sollte, der in meiner mitgeführten Beschreibung des Weges vollmundig als „the finest coastel view in the British Isles“ angekündigt wurde, legte sich ein dicker, undurchdringlicher Wolkenteppich über die Zacken und hinab bis aufs Meer. Als sich dieser wieder lüftete, konnte ich zwar bei Sonnenschein den Gipfel des Sgurr na Stri erklimmen und das komplette Rund der Black und Red Cuillins überblicken, was schön anzusehen war, aber doch nur mäßig abzulichten. Zu öde der Himmel, fad die Felsen und dunkel die Lochs zu Füßen.

Tags drauf trudelte ich in Sligachan ein, dieser mickrigen Häuseransammlung an der Straßenkreuzung zwischen Portree, Dunvegan und Broadford. Mal wieder fing es an zu regnen und zu stürmen. Ich verzog mich ins Zelt, andere Wanderer ins Hotel, das den Ort dominiert. Aus der Zeit, in der die Unterkunft erbaut wurde, es soll um 1830 gewesen sein, stammt sicherlich auch die alte Brücke, welche mir so einprägsam im Gedächtnis haftete, hatte ich doch vor meiner Reise schon so viele Aufnahmen dieser Szenerie gesehen. Das steinerne Bauwerk, wie es den River Sligachan überspannt, und dahinter die formvollendeten Berge Sgurr nan Gillean und Am Basteir. Ein Postkartenmotiv wie es klassischer nicht sein könnte. Gut, diese Tourispots, an denen gerne mal auf dem Boden aufgemalte Füße zeigen, wo man am besten zur Kamera greift, sind eigentlich nicht mein Ding. Aber in dieses Bild setzte ich dennoch eine letzte Hoffnung, waren mir zuvor doch wenige Cuillin-Bilder mit Erkenungswert geglückt. Zudem wollte ich diese Berge nicht mit Belanglosem verlassen und hier bot sich die letzte Chance. Daher schritt ich schon im regnerrischen und windigen Moment meiner Ankunft Ort und Stelle ab, auf der Suche nach dem besten Blickwinkel für eine mögliche Aufnahme am nächsten Tag. Ich fand einen guten Standort auf der neuen Brücke, über die heutzutage die Hauptstraße A863 führt und die nur einen Steinwurf entfernt neben ihrem alten Pendant den Verkehr über den Fluss leitet. Aber erstmal hieß es abwarten, eine Nacht schlafen, hoffen auf den nächsten Tag, einen guten Morgen mit brauchbarem Wetter und schöner Aussicht.

Und was soll ich sagen? Als ich früh um 06:30 Uhr aus dem Zelt blickte, stand bereits die Sonne am Himmel. Weggefegt die Tristesse des Vorabends. Aber noch lag der River Sligachan im Schatten. Mir blieb die Zeit, in Ruhe zu frühstücken, dann erst gegen Acht lief ich zur neuen Brücke. Gerade rechtzeitig als die die ersten Strahlen über die Berge kamen, zwischen den Wolken hindurchbrachen und das Motiv in warmes Licht tauchten. Mein Stativ baute ich mit einem Bein hinter der Leitplanke fast auf der Straße und dem Rest auf dem schmalen Gehweg auf. Zum Glück war zu dieser Zeit noch wenig los – sowohl auf der A863 als auch auf der alten Brücke, die an sich zu den meisten Tageszeiten kaum ohne Menschen daherkommt. In der folgenden knappen Stunde machte ich zahlreiche Fotos, immer fix in den Momenten, wo die Wolken für kurze Zeit der Sonne Platz machten und das Licht wohlwollend auf Brücke, Fluss und Berge fiel.

Dabei wunderte ich mich über die recht kurzen Verschlusszeiten von nur wenigen Sekunden selbst bei Blende 16. Mmh, hatte ich doch meinen stärksten Graufilter vors Objektiv geschraubt, um das Wasser schön samtig abzubilden. Eigentlich hätte da die Belichtungszeit viel länger ausfallen müssen, aber irgendwie kam ich nicht darauf, warum es dieses Mal nicht so war, wie es hätte sein sollen. Vielleicht wurde ich in meiner Konzentration zu sehr davon abgelenkt, dass mir die frische Morgenluft in die Glieder fuhr. Ich fröstelte. Hätte ich mal besser ne dickere Jacke angezogen … Und zu allem Überfluss verspürte ich auch einen zunehmenden Drang, pinkeln zu müssen. Tja, dem konnte ich hier auf der Brücke, auf der langsam der Verkehr immer stärker wurde, keinen freien Lauf lassen. Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Druck zu widerstehen und auch die Kälte einfach auszublenden.

Nach einer Weile hatte ich für meinen Geschmack genügend Langzeitbelichtungen im Kasten. Nicht nur die kurzen Sonnenmomente gab es abzupassen, mittlerweile auch die Phasen, wo mal keine LKWs über die Brücke rollten und diese in Schwingungen versetzten. Als das Unterfangen immer schwieriger zu realisieren war, packte ich meine sieben Sachen wieder zusammen und lief zurück zum Zelt.

Aufgewärmt und erleichtert fiel es mir kurz darauf wie Schuppen von den Augen, warum die Belichtungszeit nicht so lang war, wie sie hätte sein müssen. Ich hatte die Fujifilm X-Pro1 auf AUTO-ISO stehen lassen und da wählte sie natürlich den höchst möglichen ISO-Wert, in diesem Falle 800 … Grrr, wenn man nicht alle Sinne beisammen hat! Natürlich hätte ich zuvor fix auf ISO 200 stellen müssen … Nun ja, jetzt war es zu spät. Die Sonne nahm fortan einen ungünstigen Verlauf und auch die Touris nahmen die alte Brücke von Sligachan wieder in ihren Besitz. Die morgendliche Ruhe vor dem Sturm war vorbei. Auf dem Kamera-Monitor konnte ich jedoch zum Glück erkennen, dass kein großer Unterschied zwischen Bildern mit gut Dreien oder gar nur einer Sekunde Belichtungszeit zu sein schien. Daher war es fraglich, ob ein vieles Mehr überhaupt zu einem deutlich besseren Ergebnis geführt hätte.

Etwas später am Tag zog ich wieder los. Weiter über den Skye Trail gen Norden. Auf zu weiteren Fotozielen wie dem Old Man of Storr. Aber das ist eine neue Geschichte …

Die kalten Fakten:
Fujifilm X-Pro1, Fujinon XF18-55mmF2.8-4 R LM OIS, B+W 110 ND 3,0 1000x Graufilter, ISO 800, 3,1s, Blende 16, -0,7 LW, Adobe Photoshop CS6 (ACR), VSCO Film 02

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Eine offene Rechnung

– Umkehr –

Es war vor nahezu genau acht Jahren. Da brach ich im Norden Islands zu einer Tour auf, die so richtig in die Hose ging. Ich wollte im Winter allein einmal quer über die Insel laufen und scheiterte an Schneemangel, warmen Temperaturen und wohl auch schlechter Planung. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine bessere Routenwahl hätte mir den Stachel, der seitdem tief in mir sitzt, vielleicht erspart. Sei’s drum – diese „Niederlage“ lehrte mich, sorgfältiger zu sein. Nicht nur Plan A, sondern auch einen Plan B im Gepäck zu haben. Und den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Ein paar Monate darauf gelang mir eine Solo-Überquerung des Vatnajökull, im Folgejahr meine erste Expedition übers grönländische Inlandeis.

Trotzdem: Da ist noch eine Rechnung offen. Im vorigen Jahr wollte ich sie bereits begleichen und erneut eine Ski-Durchquerung Islands versuchen. Auf einer anderen Route und mit besserer Taktik. Doch am Vortag der Abreise auf die Insel aus Feuer und Eis erkrankte mein Partner und wir mussten die Unternehmung spontan absagen. Weitere zwölf Monate verstrichen. Aber jetzt, am kommenden Sonntag, breche ich mit einer Gruppe des Reiseunternehmens Puretreks nach Island auf, um die Insel nun mit Ski und Pulka-Schlitten zu durchqueren. Einmal von der Ringstraße im Norden bis zur Ringstraße im Süden. Durchs innere Hochland, den Sprengisandur, und über den Vatnajökull, den größten Gletscher Europas. Eine Herausforderung, die neben der anspruchsvollen Route vor allem vom Wetter bestimmt wird. Wird es kalt und schneereich? Oder könnten uns Plusgrade gar mal Regen bescheren? Und was macht der Wind? Besonders die Stürme sind berüchtigt – und auch mir ist auf Island beinahe einmal ein Zelt zerrissen und davongeflogen.

Wir haben die Tour bis ins Detail geplant, werden zu siebt 16 Tage unterwegs sein und in diesem Jahr hoffentlich mehr Glück haben als ich allein vor langer Zeit. Ein wenig Sorge bereitet mir nur meine konditionelle Verfassung. Nach der Skitour über die Hardangervidda in Norwegen im Februar, bei der mich eine Erkältung schwächte, bestanden meine sportlichen Aktivitäten allein daraus, Töchterchen Selma tagein tagaus mit dem Kinderwagen in die Kita zu bringen. Gut, muss ich eventuelle Defizite einfach mit Erfahrung kompensieren …

Neben dem, dass ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mini-Expedition gemeinsam mit Jerome Blösser sicher ans Ziel zu führen habe, ist diese Island-Reise darüber hinaus ein weiterer Teil meines aktuell laufenden Projektes Mein Norden. Ich mache mich also auch auf die Jagd nach einer spannenden Geschichte und ausdrucksstarken Fotos.

Und wer nun noch genauer erfahren möchte, wie es mir 2005 ergangen ist, als ich erfolglos von Island zurückkehrte, findet nachfolgend eine Art Tagebuch mit einer Schilderung der damaligen Erlebnisse:

Geschmolzener Traum

Der Versuch einer Island Winter-Transversale im Alleingang

Prolog Das Ziel war herausfordernd. Eine Durchquerung Islands von Nord nach Süd. Von Ásbyrgi nach Hvolsvöllur. Im Winter. Allein. Nur mit Skiern, Pulka-Schlitten und einem Rucksack quer durch das menschenleere Hochland. An Vulkanen, Gletschern und heißen Quellen vorbei. Während der Fahrt nach Ásbyrgi brandete das Nordmeer sturmgetrieben an die felsige Küste. An Land schimmerte allerorts das Grau, Schwarz und Braun der Landschaft durch die dünne Schneedecke. Ich war der einzige Fahrgast in dem Bus, der diese kaum besiedelte Ecke Nordost-Islands bedient. Am Rand des Nationalparks Jökulsárgljúfur erwartete mich ein einsamer Laden, eine Tankstelle und ein eisiger Wind, der mir die Kälte in die Knochen trieb und mich mein Zelt rasch etwas geschützt in der Felsenschlucht Ásbyrgi aufbauen ließ. Ein wenig lief ich noch durch diese Schlucht, die der Sage nach durch einen Huftritt von Odins achtfüßigem Galopper Sleipnir entstanden sein soll, bevor ich mich in meiner Nylonhütte verkroch. Am nächsten Tag sollte es losgehen. Der erste Tag von 28 Tagen. Mehr als 400 Kilometer Strecke lagen vor mir. Sturm war angesagt, dann steigende Temperaturen, auch Regen. Wie würden die Schneebedingungen sein? Zweifel nagten an mir. Ich war bedrückt.

– Ásbyrgi –

Freitag, 18. März – 1. Tag Die erste Nacht war unruhig. Der Sturm rüttelte ununterbrochen am Zelt. Mehrfach musste ich hinaus schlüpfen und die Zeltleinen neu fixieren. Erst am Vormittag ebbte der Wind ab. Die Sonne kam hervor und ich konnte meinen Rucksack und den Schlitten packen. Auf dem ersten Abschnitt meiner Route lag jedoch gar kein Schnee. Daher montierte ich zwei Reifen unter die Pulka, um sie so hinter mir herziehen zu können. Erst über ein Stück Asphalt, dann über eine recht feste Schotterstraße, später über die aufgeweichte Hochlandpiste F862. Die Pulka zerrte höllisch am Rucksack, tänzelte hin und her, und die Reifen gruben sich tief in den Kies. Stoisch nahm ich meine quälende Langsamkeit in Kauf. Der Schnee, und damit die Glückseligkeit des Skilaufens, würde schon noch kommen. Und dann kam er. Dünn lag er auf der Piste, die sich wie ein weißes Band durch die Landschaft zu ziehen schien. Endlich konnte ich die Skier anlegen und die Reifen auf den Schlitten verbannen. Nun ging es so richtig los. Doch auch auf der Hochlandpiste war die Schnee- und Eisdecke nicht überall von tragender Qualität. Mancherorts setzte sie sogar ganz aus und machte Platz für Pfützen, Steine und Matsch. Da es aber immer nur ein paar Schritte waren, stakste ich mit den Skiern an den Füßen einfach hinüber, bis ich wieder auf glattem Grund stand. Die Pulka zerrte ich einfach hinterher. Am Abend hatte ich so eine gute Handvoll Kilometer geschafft und an Höhe gewonnen. Aber ich hoffte auf bessere Bedingungen. Weiter gen Hochland, da müsste der Schnee kommen.

Samstag, 19. März – 2. Tag Ein grünes Nordlicht zog spät am vorigen Abend noch seine faszinierenden Schlieren über den dunklen Himmel. Doch am Tage zog ich die schwere Pulka wieder über den spärlichen Schnee. Bei Temperaturen um die Null Grad schien der Schlitten daran festzukleben. Dazu lastete der Rucksack niederdrückend auf meinen Schultern. Alle 45 Minuten musste ich eine Pause einlegen, noch öfter kurz stehen bleiben und durchschnaufen. Zweimal zeigte sich die Piste an diesem Tag auf ganzer Breite in einer grau-braunen Masse. Mehr als hundert Meter weit. Beide Male schnallte ich die Skier ab und zerrte die Pulka entweder brutal weiter, wobei die Kufen des Schlittens wässrige Rinnen im Matsch hinterließen, oder ich nahm Umwege über Schneereste in Kauf. Mit jedem Schritt blieb etwas mehr Kraft und Energie in dem alten und dreckigen Weiß, auf den Eisplatten oder zwischen den in der Erde eingelagerten Steinen hängen. Dabei fielen nasse Schneeflocken vom Himmel, die auf der Kleidung schmolzen und auch auf dem Boden nicht lange liegen blieben. Am Abend regnete es und die Tropfen lösten weiter den wenigen Schnee auf.

– Eilífur –
– Ringstraße –

Sonntag, 20. März – 3. Tag Endlich kam ich in ein Gebiet, wo der Schnee Überhand über die steinige Landschaft gewann, sie aber auch noch nicht ganz verdrängen konnte. Zwar hatten sich über Nacht Pfützen auf den eisigen Abschnitten der Piste gebildet, doch bald lag mir so viel Weiß zu Füßen, dass ich die Piste nicht mehr ausmachen konnte und ihren Verlauf aus den Augen verlor. Von nun an orientierte ich mich an Bergkuppen und manövrierte so zwischen Felsinseln hindurch. Zuweilen konnte ich das laute Tosen der Jökulsá á Fjöllum und des Dettifoss vernehmen. Der gewaltige Gletscherfluss und Europas mächtigster Wasserfall donnerten ein paar Kilometer entfernt, vom Vatnajökull kommend, gen Nordmeer. Der Berg Eilífur zeigte sich markant am Horizont und bald entdeckte ich auch wieder Anzeichen der Piste. Ich stieß auf Markierungen und Spuren im Schnee, zu denen sich kurz darauf die passenden Geräusche gesellten. Motorenlärm drang an mein Ohr, gefolgt von zwei Super-Jeeps, die plötzlich hinter einer Schneekuppe auftauchten. Mit den riesigen Reifen schwammen sie förmlich auf der Schneedecke. Es waren Ausflügler auf dem Weg zum Dettifoss. Ich wurde fotografiert, als wäre ich ein Exot. Und so kam ich mir auch vor. Niemand sonst war hier mit Skiern unterwegs. Ich folgte den Reifenspuren und kam zu meiner Zufriedenheit etwas zügiger voran. Aber der Schnee wurde bei einigen Graden über Null immer nasser. Bräunlich schmutzig war er ohnehin allerorts. Als ich ihn am Abend zum Kochen schmolz, setzte sich ein dunkler Belag am Topfboden ab.

Montag, 21. März – 4. Tag Die relativ gute Schneelage war nur von kurzer Dauer. Je näher ich der Ringstraße kam, desto mehr nahm auch die Schneemenge wieder ab. Kahle Stellen wurden wieder häufiger. Vielfach schrabbte ich mit den Skiern über Flechten und Gestrüpp. Immer öfter verfiel mein Weg in ein weiträumiges Zickzack. Wasser stand in großen Tümpeln auf dem Eis. Das Thermometer zeigte 10 Grad an und mir rann der Schweiß von der Stirn. Am späten Mittag erreichte ich die Straße. Dort ließ ich meinen Blick weiter Richtung Süden wandern und wurde mit Ernüchterung gepeinigt. Schnee war kaum zu sehen. Nur dunkle Lavafelder. Naja, die Sicht war schlecht. Vielleicht lag die Besserung in höheren Lagen. Als ich erneut die Reifen unter die Pulka montierte, existierte noch ein Rest Hoffnung. Aber diese wurde entlang der Ringstraße, auf dem Weg nach Osten, zunehmend zerschmettert. Ich wollte die nächste Hochlandpiste erreichen und dieser dann weiter nach Süden ins Hochland folgen. Bis dahin erschien die Ringstraße als vermeintlich einfachster Weg. Doch mit der schweren, am Rucksack zerrenden Pulka über den Asphalt zu ziehen, war quälerisch. Zu meiner Freude entdeckte ich im Straßengraben ein schmales Schneeband. Ich sattelte wieder auf die Skier um und kam unweit der Asphaltpiste für kurze Zeit so etwas besser voran. Schließlich lief es allerdings auch hier alles andere als gut. Der Schnee war dreckig und klebrig. Grau und von tiefem Schwarz. Mit aller Kraft musste ich den Schlitten vom Fleck bewegen. Die Skier blockierten auf dem stumpfen Untergrund. Etwas Regen kam auf. Eine dunkle Stimmung hüllte die Landschaft und mein Gemüt ein. Die Zweifel wurden immer einnehmender.

– Süden –
– Ende –

Dienstag, 22. März – 5. Tag Die letzten Kilometer bis zur Abzweigung der Hochlandpiste waren extremste Schinderei. Die Pulka bekam ich zuweilen kaum vom Fleck. Nur mit aller erdenklichen Anstrengung kam ich Schritt für Schritt weiter. Erst der Anblick der Piste F88 hellte meine Gedanken ein letztes Mal kurzzeitig auf. Eine Eisbahn, wenn auch mit Wasser überzogen, schien von hier ins Hochland zu ziehen. Doch nach den ersten beflügelnden Metern Wasserski wurden die Bedingungen noch grausamer als zuvor. Der alte, stumpfe Schnee kehrte zurück. Dazu abwechselnd fragiles Eis, welches unter meinem Gewicht zerbrach. Dann wieder Schnee. Aber nun nass und matschig. Unterhöhlt oder überspühlt von Schmelzwasserbächen. Ich versuchte es mit und ohne Skier, nur um zu sehen, zu erfahren, wie die Sinnlosigkeit dieses Tuns in mir zur Erkenntnis reifte. Tränen kamen und Trotz. Noch ein Stück quälte ich mich weiter am Rande der Lavawüste Ódádahraun. Der Wüste der Missetäter. Als düstere Bewölkung aufzog, suchte ich nach einem Zeltplatz. Zwischen matschigem Kiesgrund, Bachläufen und Steinen fand ich gerade noch einen Schneefleck, wo Platz war für mein Zelt. Bis zum Horizont und wohl auch darüber hinaus dominierte schwarzes Land meinen Blick. Keine Anzeichen einer geschlossenen Schneedecke konnten diesen noch einmal erfreuen. Der Weg ins Innere des Hochlandes lag unüberwindbar vor mir. Diese schneesichere Region war in unerreichbare Ferne gerückt. Die Trostlosigkeit der Landschaft ergriff von mir Besitz.

– Zurück –

Mittwoch, 23. März – 6.Tag Am Morgen war ich träge. Umzukehren, fiel mir schwer, obwohl die Entscheidung von der Natur eindeutig diktiert wurde. Auf dem Weg zurück zur Ringstraße schleppte ich nun auch noch die Enttäuschung mit mir. Eine große Last, die sich weniger leicht abstreifen ließ wie der Rucksack oder die zerrende Pulka. Zurück an der Straße setzte Schneefall ein. Wie herab fallender Spott erschienen mir die Flocken. Ich packte alles zusammen und stellte mich an den Straßenrand. Der erste Wagen hielt. Es war vorbei.

Epilog Die folgenden Tage verbrachte ich am Myvatn. In der prallen Sonne kletterten die Temperaturen auf nahezu 20 Grad. Die Schneedecke verschwand zusehends. Überall auf Island herrschten nun Plusgrade. Auch im Innersten der Insel. Dauerregen weichte dort den noch verbliebenen Schnee weiter auf und meine Entscheidung wurde ins rechte Licht gerückt. Die Herausforderung, Island von Nord nach Süd, von einem letzten Vorposten der Zivilisation im Norden bis fast zur Küste im Süden zu durchqueren, war in diesem Winter nicht möglich. Zumindest nicht „unsupported“ und „by fair means“. Nur mit Hilfe solcher Super-Jeeps, wie ich sie in der Nähe des Dettifoss getroffen hatte, wäre es möglich gewesen. Damit hätte ich mich hineinfahren lassen können ins Hochland. Dorthin, wo der Schnee lag. Aber dieser Insel mit riesigen Reifen und Dieselgestank zu Leibe zu rücken, war nicht mein Ziel. Nur mit schmalen Skiern und Kocherbenzin gerüstet, erschien mir die Herausforderung angemessen. Auch wenn ich lernen musste, dass dem Menschen ohne den Einsatz maßloser Technik zuweilen Grenzen gesetzt sind.

Die Route Ásbyrgi – Hochlandpiste F862 – Ringstraße – Hochlandpiste F88 – Umkehrpunkt – Ringstraße (etwa 80 Kilometer)

– Pfannkucheneis –

Soweit die abgehakte Geschichte. Jetzt richte ich meinen Blick in die Zukunft, die Ende dieser Woche beginnt. Voller Respekt begegne ich ihr. Aber auch gewillt, alles daran zu setzen, dieses Mal erfolgreich heimzukehren. Dabei ist zu erwarten, dass es wieder einmal kein reines Zuckerschlecken wird. Warum muss ich nur immer in diese launigen Regionen aufbrechen?