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Rund um Hattingen – dank Leukoplast schnurstracks ins Ziel

– Geschafft –

Um 14:15 Uhr machte ich die nächste Pause. Fünf Minuten früher als geplant. Doch die Bank am Wegesrand kam in diesem Moment gerade recht. Meine Füße zwickten mehr und mehr und riefen immer lauter danach, beachtet zu werden. Über sieben Stunden war ich zu dem Zeitpunkt bereits unterwegs, nachdem ich am letzten Freitag früh am Morgen auf dem Hackenberg in der Nähe von Herzkamp meinen Marsch über den Hattinger Rundweg angetreten hatte.

Um mit meinen Kräften hauszuhalten, wollte ich einem strikten Rhythmus folgen: 80 Minuten Gehen, dann 10 Minuten Pause. So hielt ich es auch mehr oder weniger durch und kam in meinen Augen gut voran. Startschuss um 07:00 Uhr. 08:20 Uhr die erste planmäßige Rast im Deilbachtal unweit von Schmahl am Schmalen. Von dort hinauf auf den Höhenweg, wo mir ein Mann mit Hund begegnete. Mein zügiger Schritt wurde bemerkt und ich gefragt, wie viele Kilometer es heute wohl werden sollen. Ich erwiderte, dass wohl einige zusammenkommen würden und verschwieg die anvisierten 62 km, da ich weder für verrückt erklärt werden wollte noch auf ungläubige Blicke aus war. Ich wollte einfach schnellstens weiter, um spätestens nach drei Stunden das Felderbachtal zu erreichen, was mir auch gerade eben so gelang. Gegen Zehn wurde es da langsam richtig warm.

Über den nächsten Höhenrücken war ich von dort rasch im Wodantal und weiter hinauf und hinab an der Nierenhofer Straße und am Isenberg, hinter dem die dritte Pause folgte und ich nicht nur einen weiteren Riegel verspeiste und einige Schluck Wasser trank, sondern auch Sonnencreme auftrug, denn schließlich war für die Mittagsstunden vor erhöhter UV-Strahlung gewarnt worden. Alles lief bis dahin wie geschmiert und ich gelangte an Niederbonsfeld und Niederwenigern vorbei zur Ruhr. Ein Schwimmer mühte sich gegen den Strom und Gänse führten ihre Jungen aus. Ich folgte ein Stück dem Fluss und wechselte an der nächsten Brücke die Uferseite.

Hinter einem Spielplatz setzte die Wegmarkierung kurz aus und ich verschwendete ein paar Momente darauf, tunlichst nicht von der Route abzukommen und das nächste Wanderzeichen zu suchen. Kurz darauf war es dann ein Kletterfelsen im Wald, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Zu gerne hätte ich kurz Hand an den Stein gelegt, doch ich musste ja weiter, hatte ich doch ein zeitliches Ziel im Kopf. Also marschierte ich in einem fort, bis ich zur nächsten Ruhrbrücke kam und wieder auf die südliche Seite des Gewässers zurückkehrte.

Nach sieben Laufstunden wollte ich die Burg Blankenstein erreicht haben, doch während sich das Folgestück über den Leinpfad entlang der Ruhr etwas zäh gestaltete, schwand meine Zuversicht zusehends. Und zu allem Übel endete an einem kleinen Campingplatz hinter der L705 der Weg. Wo es offensichtlich hätte weitergehen müssen, war die Strecke gesperrt. Ich lief hin und her und suchte nach einer neuen Ausschilderung, doch ich fand keine. Also kramte ich mein Mobiltelefon hervor und schaute auf die Onlinekarte des Rundwegs. Mmh, was tun? Mir blieb nichts anderes übrig, als ein paar hundert Meter den Gleisen der stillgelegten Ruhrtalbahn zu folgen, unter der es später ohnehin hindurch gegangen wäre. Also stolperte ich über die Bohlen, kletterte etwas genervt wieder hinab auf den rechten Weg und verspürte nun immer stärker werdend dieses Zwicken unter den Fußballen, das nie etwas Gutes verheißt.

Um Viertel nach Zwei daher der nächste Stopp, der nun nicht nur dem Essen und Trinken galt, sondern vor allem auch meiner Füße. Zwar hatte ich mittlerweile einen großen Teil von Rund um Hattingen geschafft, aber viele Stunden würden noch vor mir liegen. Wieder kramte ich die Onlinekarte hervor und zoomte hinein und wieder hinaus, versuchte die verbleibende Distanz und Laufzeit zu überschlagen. Würde ich meinem bisherigen Tempo treu bleiben, liefe es bestimmt auf eine Gesamtzeit von zwölf Stunden hinaus. Zu langsam, ich wollte schneller sein. Also musste ich nicht nur einen Gang höher schalten, sondern am besten auch meinen liebgewonnenen Pausenrhythmus aufgeben. Aber bevor ich durchstartete und zum langen Endspurt blies, klebte ich meine Füße einfach großzügig mit Leukoplast ab, in der Hoffnung, es würde die Reibung minimieren und mir das schnelle Gehen wieder angenehmer machen. Und siehe da, es klappte!

Vorbei an den Gemäuern der im 13. Jahrhundert durch den Grafen Adolf I. von der Mark erbauten Burg Blankenstein, stürmte ich mit frischem Elan hinein in den Nachmittag. Es purzelten die Kilometer, obwohl es nach dem Flackstück entlang der Ruhr nun erneut ständig Auf und Ab ging, schließlich sind insgesamt über 2.000 Höhenmeter zu bewältigen. Aber mit einem zunehmenden Tunnelblick verschwomm alles links und rechts und mich schreckte nichts mehr. Bald war ich an der Bredenscheider Straße und durch Felder und über Wiesen am Hotel Zum Hackstück. Immer wieder schielte ich auf die Uhr. Nun könnte es doch noch eine gute Zeit werden.

Als ich das Naturschutzgebiet Wald am oberen Paasbach erreichte, war ich mir siegessicher. Die Füße würden halten und vielleicht käme ich sogar nah an meine frühere Bestzeit von 10 Stunden und 35 Minuten auf dieser Strecke heran. In einer letzten kurzen Pause drückte ich mir ein Energie-Gel in den Mund und kippte etwas Wasser hinterher. Jetzt nicht mehr lange ruhen, umso schwerer kommt man danach wieder in die Gänge. Weiter, immer weiter war die Devise. Über die Nockenbergstraße und runter ins Tal zur Fahrentrappe. Schließlich der letzte Anstieg, der sich in Bögen durch den Wald am Steinert zog. Dann die finalen Meter, noch ein kurzes Steilstück. Ich pumpte und pustete. Und war zurück am Startpunkt.

18:10 Uhr. 11 Stunden und 10 Minuten. Juchhu, das war gut! Unterwegs hatte ich eine Weile gar nicht mehr daran geglaubt, eine so gute Zeit erreichen zu können. Und hätte ich nicht an einer weiteren markierungslosen Stelle unterwegs noch Sekunden verloren oder beim Versuch, ein Selbstportrait in einem Spiegel am Wegesrand zu machen – das natürlich auch in zig Versuchen nichts wurde – Minuten verstreichen lassen, hätte sich der Kreis sicherlich in unter elf Stunden geschlossen.

Zum guten Schlus machte ich dann im Ziel noch ein Bild von mir. Geschafft und erschöpft. Dann schlurfte ich ausgelaugt zurück Richtung Herzkamp. Langsam wich das Adrenalin aus meinem Körper und die Füße fingen wieder an zu Schmerzen. Aber was soll’s? Das ist ein Teil des Spiels. Einkalkulierte Schinderei, die einhergeht mit dem Gefühl von Lebendigkeit. Nach dem Wappenweg rund um Ennepetal war es die zweite lange Runde in diesem Jahr. Und die nächste, den Röntgenweg rund um Remscheid, habe ich auch schon im Kopf. Ich kann es einfach nicht lassen …

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