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Island, die Asche und der Hvannadalshnúkur

– Über den Öræfajökull –

Island geht es gut! Wohl die wichtigste Erkenntnis meiner kurzen Reise auf die Insel im Nordatlantik – zumindest aus der Sicht der Isländer. Es war eine der ersten Informationen, die uns mit aller Nachdrücklichkeit mitgeteilt wurde. Entgegen mancher Vermutung ist der kleine Inselstaat nicht unter der übermächtigen Aschewolke des Eyjafjallajökull verschwunden, die den Rest der Welt über Tage und Wochen niederdrückte und am Boden festhielt. Schon die Ankunft in Reykjavik gestaltete sich warm und freundlich. Sonnenschein und angenehme Frühlingstemperaturen – von Asche keine Spur. Der isländische Funktionsbekleidungshersteller 66°North nahm uns, eine Gruppe europäischer und amerikanischer Journalisten, in Empfang, um uns in den folgenden drei Tagen die Firma, das Land und vor allem den höchsten Gipfel Islands näher zu bringen. So stand als erstes ein Besuch des Firmensitzes auf dem straffen Programm, wo wir einen Einblick in die Geschichte des 1926 gegründeten Unternehmens bekamen, das mit Seemannsbekleidung anfing und erst seit 1999 verstärkt den Outdoormarkt bedient. Bevor wir uns von dort auf den Weg gen Osten und Richtung Hvannadalshnúkur machen konnten, schaute auch noch Leifur, einer der Guides der Isländischen Bergführergesellschaft (IMG), vorbei. Gemeinsam mit 66°North veranstalteten die Icelandic Mountainguides ein Trainingsprogramm, welches Teilnehmern die Gelegenheit gab, den Gipfel von Europas größtem Gletscher zu erklimmen. Auch wir bekamen von Leifur noch ein paar Informationen zugesteckt: die Länge der Strecke, die Höhe des Aufstiegs, wie wir uns zu kleiden und was wir alles mitzunehmen hätten.

– Seljalandsfoss und ein klappriger Land Rover –

Auf der Fahrt über die Ringstraße entlang Islands Südküste reihte sich ein Highlight ans nächste. In Sellfoss aßen wir Spínat Lasagna, bevor ein Stopp am Urri∂afoss unseren engen Zeitplan zum ersten Mal ins Stocken brachte. Es ist wohl keine leichte Aufgabe, eine Meute neugieriger Jounalisten und Fotografen unter Kontrolle zu halten. Den für 15 Minuten angesetzten Halt dehnten wir locker auf 45 aus – ein Umstand, den wir fortan bei jedem Stopp regelmäßig wiederholten. Im Hotel Rangá, einem luxuriösen Holzbau am Fluss Hólsá, gab es Kaffee mit Kuchen, der den World Pavillion Suites, thematisch gestaltet nach den sieben Kontinenten, in nichts nachstand. Auch wenn uns ein Blick auf den berühmten Berg Hekla im Norden verwehrt blieb, genossen wir in den nächsten Stunden weiterhin die Aussicht aus den Busfenstern über die zunehmend in Wolken und in Niesel eingetauchte Landschaft.

Nach einer Runde um den Seljalandsfoss, der über die ehemalige Küstenlinie in die Überschwemmungsebene des Markarfljót stürzt, kamen wir dann doch noch der Asche näher. Am Südrand des Eyjafjallajökull befindet sich das einzige Gebiet, welches auf Island unter dem Vulkanausbruch zu leiden hatte. Vor allem zwei Farmer sind betroffen, deren Grund und Boden nun von einer dicken Schicht bedeckt ist. Wir hielten kurz in einer Ecke düsterer Tristesse, fügten dem Land unsere Fußabdrücke hinzu, um alsbald weiterzufahren über Vík, Kirkjubæjarklaustur und den schwarzen Skei∂arársandur bis nach Skaftafell.

– Aufstieg und Spuren in der Asche –

Die Nacht im Hotel Skaftafell war kurz. Nur wenige Stunden bis zum frühen Morgen, der uns wolkenverhangen begrüßte. Frühstück um 4 Uhr, Aufbruch wenige Zeit später, denn um 5 sollte es losgehen auf den Hvannadalshnúkur. Am verlassenen Bauernhof Sandfell warteten 18 Mountainguides, um an diesem Tag eine große Gruppe zum Gipfel zu führen. Mehr als 150 Teilnehmer des Trainingsprogrammes teilten sich in kleinere Gruppen auf, nach Leistungsstärke sortiert, denen wir uns anschlossen. Jedes der Trüppchen bekam einen Guide, der von nun an das Tempo und die Richtung bestimmte. In langer Schlange stiegen wir über steile Geröllhänge hinauf. Nebelfeucht. Doch der Wettergott meinte es gut mit uns an diesem Tag – auf etwa 1000 Meter Höhe durchbrachen wir die Wolkendecke. Blauer Himmel und Sonnenschein tauchte die Gletscherlandschaft in ein Licht, so strahlend hell, wie man es sonst nur aus dem Flugzeug kennt, das über einem Meer aus Wolken seinem Ziel entgegen fliegt. Nun ja, wir flogen nicht, sondern stapften von nun an angeseilt Schritt für Schritt höher und überquerten Spalten im Eis. Stunden vergingen, bis wir den steilen Gipfelaufbau erreichten, den wir mit Steigeisen an den Füßen auch noch erklommen. Um 14 Uhr stand ich bei Windstille 2110 Meter hoch am höchsten Punkt von Europas größtem Gletscher.

– Am Gipfel des Hvannadalshnúkur –

Hinab ging es nicht bedeutend schneller. Man kann sagen, es zog sich. Doch beflügelt ob der gewaltigen Landschaft, des intensiven Erlebnisses, nahmen wir auch noch diese Hürde. All die Gruppen, die sich aufgemacht hatten, waren mittlerweile weit voneinander getrennt. Zu unterschiedlich die Geschwindigkeiten beim Laufen, oder die Lust stehenzubleiben und nur zu schauen. Ich gehörte einer der langsamsten Gruppen an, was mir gerade recht war, schließlich befand ich mich nicht auf der Flucht. Nach 14,5 Stunden trudelten wir wieder in Sandfell ein. Eine warme Suppe erwartete uns dort – liebevoll serviert und dankbar angenommen am Ende eines langen Tages. Auch unser Guide Gísli war müde. Bereits zum dritten Mal hatte er nun den höchsten Berg seines Landes bestiegen hatte. Doch wie für uns und die meisten seiner Landsleute, war dieser Tag etwas ganz Besonderes, wird der Hvannadalshnúkur doch so oft von Wolken und Winden umtobt.

– Die Reynisdrangar-Säulen und eine Flasche Brennivín –

Müde in den Beinen kletterten wir anderntags wieder in den Bus. Es ging zurück nach Reykjavik. In Vík, vor dessen schwarzem Lava-Strand Reynisfjara die versteinerten „Reynisdrangar-Trolle“ aus dem Wasser ragen, gab es isländische Fleischsuppe. Am Skógafoss der nächste Stopp – wieder einmal an einem der unzähligen Wasserfälle. In Þorlákshöfn nahm uns das dort ansässige Team der isländischen Rettungsgesellschaft Landsbjörg noch in Schlauchbooten mit auf’s Meer. Ein feuchter Ritt in Rettungswesten, der für etwas Adrenalin zum Ende der Reise sorgte. Viel zu schnell vergingen die Tage auf einer Insel, auf der uns weder Asche begrub, noch Brennivín – The Original Icelandic Schnapps, der auch als svarti dauði, „Schwarzer Tod“, bekannt ist – den Garaus machte.

Takk!!

> Bildergalerie der Island Reise

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Martin,

    wie immer sehr schöne Bilder und super Bericht. Könnte man glatt neidisch werden. ;)

    PS: Wenn Du Zeit hast, melde Dich mal wieder.

    VG Thomas

    Antworten

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