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Rund um Hattingen – dank Leukoplast schnurstracks ins Ziel

– Geschafft –

Um 14:15 Uhr machte ich die nächste Pause. Fünf Minuten früher als geplant. Doch die Bank am Wegesrand kam in diesem Moment gerade recht. Meine Füße zwickten mehr und mehr und riefen immer lauter danach, beachtet zu werden. Über sieben Stunden war ich zu dem Zeitpunkt bereits unterwegs, nachdem ich am letzten Freitag früh am Morgen auf dem Hackenberg in der Nähe von Herzkamp meinen Marsch über den Hattinger Rundweg angetreten hatte.

Um mit meinen Kräften hauszuhalten, wollte ich einem strikten Rhythmus folgen: 80 Minuten Gehen, dann 10 Minuten Pause. So hielt ich es auch mehr oder weniger durch und kam in meinen Augen gut voran. Startschuss um 07:00 Uhr. 08:20 Uhr die erste planmäßige Rast im Deilbachtal unweit von Schmahl am Schmalen. Von dort hinauf auf den Höhenweg, wo mir ein Mann mit Hund begegnete. Mein zügiger Schritt wurde bemerkt und ich gefragt, wie viele Kilometer es heute wohl werden sollen. Ich erwiderte, dass wohl einige zusammenkommen würden und verschwieg die anvisierten 62 km, da ich weder für verrückt erklärt werden wollte noch auf ungläubige Blicke aus war. Ich wollte einfach schnellstens weiter, um spätestens nach drei Stunden das Felderbachtal zu erreichen, was mir auch gerade eben so gelang. Gegen Zehn wurde es da langsam richtig warm.

Über den nächsten Höhenrücken war ich von dort rasch im Wodantal und weiter hinauf und hinab an der Nierenhofer Straße und am Isenberg, hinter dem die dritte Pause folgte und ich nicht nur einen weiteren Riegel verspeiste und einige Schluck Wasser trank, sondern auch Sonnencreme auftrug, denn schließlich war für die Mittagsstunden vor erhöhter UV-Strahlung gewarnt worden. Alles lief bis dahin wie geschmiert und ich gelangte an Niederbonsfeld und Niederwenigern vorbei zur Ruhr. Ein Schwimmer mühte sich gegen den Strom und Gänse führten ihre Jungen aus. Ich folgte ein Stück dem Fluss und wechselte an der nächsten Brücke die Uferseite.

Hinter einem Spielplatz setzte die Wegmarkierung kurz aus und ich verschwendete ein paar Momente darauf, tunlichst nicht von der Route abzukommen und das nächste Wanderzeichen zu suchen. Kurz darauf war es dann ein Kletterfelsen im Wald, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Zu gerne hätte ich kurz Hand an den Stein gelegt, doch ich musste ja weiter, hatte ich doch ein zeitliches Ziel im Kopf. Also marschierte ich in einem fort, bis ich zur nächsten Ruhrbrücke kam und wieder auf die südliche Seite des Gewässers zurückkehrte.

Nach sieben Laufstunden wollte ich die Burg Blankenstein erreicht haben, doch während sich das Folgestück über den Leinpfad entlang der Ruhr etwas zäh gestaltete, schwand meine Zuversicht zusehends. Und zu allem Übel endete an einem kleinen Campingplatz hinter der L705 der Weg. Wo es offensichtlich hätte weitergehen müssen, war die Strecke gesperrt. Ich lief hin und her und suchte nach einer neuen Ausschilderung, doch ich fand keine. Also kramte ich mein Mobiltelefon hervor und schaute auf die Onlinekarte des Rundwegs. Mmh, was tun? Mir blieb nichts anderes übrig, als ein paar hundert Meter den Gleisen der stillgelegten Ruhrtalbahn zu folgen, unter der es später ohnehin hindurch gegangen wäre. Also stolperte ich über die Bohlen, kletterte etwas genervt wieder hinab auf den rechten Weg und verspürte nun immer stärker werdend dieses Zwicken unter den Fußballen, das nie etwas Gutes verheißt.

Um Viertel nach Zwei daher der nächste Stopp, der nun nicht nur dem Essen und Trinken galt, sondern vor allem auch meiner Füße. Zwar hatte ich mittlerweile einen großen Teil von Rund um Hattingen geschafft, aber viele Stunden würden noch vor mir liegen. Wieder kramte ich die Onlinekarte hervor und zoomte hinein und wieder hinaus, versuchte die verbleibende Distanz und Laufzeit zu überschlagen. Würde ich meinem bisherigen Tempo treu bleiben, liefe es bestimmt auf eine Gesamtzeit von zwölf Stunden hinaus. Zu langsam, ich wollte schneller sein. Also musste ich nicht nur einen Gang höher schalten, sondern am besten auch meinen liebgewonnenen Pausenrhythmus aufgeben. Aber bevor ich durchstartete und zum langen Endspurt blies, klebte ich meine Füße einfach großzügig mit Leukoplast ab, in der Hoffnung, es würde die Reibung minimieren und mir das schnelle Gehen wieder angenehmer machen. Und siehe da, es klappte!

Vorbei an den Gemäuern der im 13. Jahrhundert durch den Grafen Adolf I. von der Mark erbauten Burg Blankenstein, stürmte ich mit frischem Elan hinein in den Nachmittag. Es purzelten die Kilometer, obwohl es nach dem Flackstück entlang der Ruhr nun erneut ständig Auf und Ab ging, schließlich sind insgesamt über 2.000 Höhenmeter zu bewältigen. Aber mit einem zunehmenden Tunnelblick verschwomm alles links und rechts und mich schreckte nichts mehr. Bald war ich an der Bredenscheider Straße und durch Felder und über Wiesen am Hotel Zum Hackstück. Immer wieder schielte ich auf die Uhr. Nun könnte es doch noch eine gute Zeit werden.

Als ich das Naturschutzgebiet Wald am oberen Paasbach erreichte, war ich mir siegessicher. Die Füße würden halten und vielleicht käme ich sogar nah an meine frühere Bestzeit von 10 Stunden und 35 Minuten auf dieser Strecke heran. In einer letzten kurzen Pause drückte ich mir ein Energie-Gel in den Mund und kippte etwas Wasser hinterher. Jetzt nicht mehr lange ruhen, umso schwerer kommt man danach wieder in die Gänge. Weiter, immer weiter war die Devise. Über die Nockenbergstraße und runter ins Tal zur Fahrentrappe. Schließlich der letzte Anstieg, der sich in Bögen durch den Wald am Steinert zog. Dann die finalen Meter, noch ein kurzes Steilstück. Ich pumpte und pustete. Und war zurück am Startpunkt.

18:10 Uhr. 11 Stunden und 10 Minuten. Juchhu, das war gut! Unterwegs hatte ich eine Weile gar nicht mehr daran geglaubt, eine so gute Zeit erreichen zu können. Und hätte ich nicht an einer weiteren markierungslosen Stelle unterwegs noch Sekunden verloren oder beim Versuch, ein Selbstportrait in einem Spiegel am Wegesrand zu machen – das natürlich auch in zig Versuchen nichts wurde – Minuten verstreichen lassen, hätte sich der Kreis sicherlich in unter elf Stunden geschlossen.

Zum guten Schlus machte ich dann im Ziel noch ein Bild von mir. Geschafft und erschöpft. Dann schlurfte ich ausgelaugt zurück Richtung Herzkamp. Langsam wich das Adrenalin aus meinem Körper und die Füße fingen wieder an zu Schmerzen. Aber was soll’s? Das ist ein Teil des Spiels. Einkalkulierte Schinderei, die einhergeht mit dem Gefühl von Lebendigkeit. Nach dem Wappenweg rund um Ennepetal war es die zweite lange Runde in diesem Jahr. Und die nächste, den Röntgenweg rund um Remscheid, habe ich auch schon im Kopf. Ich kann es einfach nicht lassen …

#StayAtHome – oder laufe 54 Kilometer

– Wappenweg rund um Ennepetal –

#WirBleibenZuhause ist das Motto dieser Tage. Doch in den vergangenen drei Wochen, die seit geraumer Zeit geprägt sind von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten, waren wir mehr denn je in der Natur unterwegs. Meine Tochter, 4. Klasse, hatte „schulfrei“ und meine Frau, Lehrerin, war auch daheim. Gut, beide mussten jeden Tag Hausaufgaben erledigen und waren damit immer ein paar Stunden beschäftigt. Aber an den Nachmittagen und Wochenenden zog es uns fast täglich raus in den Wald, wo wir kleinere und größere Runden abspulten, die Ankunft des Frühlings genossen und so das Allerbeste aus der Situation machten. Und jetzt in den Osterferien, in denen alle Schulverpflichtungen wegfallen, kann das nur noch besser werden.

Nachdem mich im Februar eine Grippe mit Fieber lange geärgert hatte und ich deswegen auch eine Skitour in Schweden sausen lassen musste, waren die nun so vielen Stunden an der frischen Luft ideal, um wieder so richtig auf die Beine zu kommen. Neben unseren gemächlicheren Familienwanderungen streute ich darüber hinaus noch ein paar schnelle Solo-Ausflüge ein und war bald wieder fit und bereit für ein großes Ding – wie zuletzt im Dezember, als ich den Langenberger Rundweg gelaufen war.

Am vorigen Freitag nahm ich mir dafür mal wieder den Wappenweg rund um Ennepetal zur Brust. Meine Lieblingsstrecke, die ich bereits zwölfmal an nur einem Tag absolviert habe und über die auch hier im Blog schon so manche Zeile zu lesen ist, weswegen ich jetzt nicht in aller Kleinigkeit über Stock und Stein berichten möchte. Die Essenz des Tages soll reichen …

Wie eh und je startete ich früh am Morgen am Schloss Martfeld in Schwelm. Ich wollte es ruhig angehen lassen mit vielen Pausen und strebte dieses Mal keine besonders gute Laufzeit an. Doch schnell spürte ich ein gutes Gefühl in den Beinen, der Ehrgeiz erwachte zum Leben und bald brachte ich manche Bergabpassage gar in einem leichten Trab hinter mich. Denn so konnte ich immer wieder „verlorene“ Zeit aufholen, da ich an den häufigen Pausen – etwa einmal pro Stunde – trotzdem weiterhin festhielt. Ich kam in einen Flow, passierte Milspe, huschte an der Hasper Talsperre vorbei und wanderte durchs Tal der Ennepe. Alles schien an diesem Tag perfekt zu sein auf diesem 54 km langen Streifzug. Bis ich zur Heilenbecker Talsperre kam. Hier war der Weg verlegt, da die Passage durch Ebinghausen gesperrt ist.

Kurzerhand folgte ich der neuen Beschilderung, nur um wenig später festzustellen, dass hinter der Häuseransammlung Schiffahrt weitere Markierungen ausblieben oder nicht zu finden waren. Spontan nahm ich den logischsten Weg, bis ich zu einer Wegekreuzung kam und dumm dastand. Wo sollte es weitergehen? Mittlerweile war ich bereits über sieben Stunden unterwegs und wohl schon etwas mitgenommen – auf die Idee, mein Mobiltelefon herauszukramen und nach einer Onlinekarte des Wappenweges zu suchen, kam ich nicht. Eine normale Karte hatte ich nicht dabei und so bog ich in den Waldweg ein, der mir der richtige erschien. Doch er entpuppte sich als die falsche Wahl und bescherte mir einen ordentlichen Umweg samt blöder Latscherei entlang einer Bundesstraße, bis ich bei Schlagbaum wieder auf den richtigen Wappenweg stieß. Fortlaufend überschlug ich die ganze Misere und kam zu dem Schluss, dass ich die Runde, die mancherorts gar mit 56 Kilometern angegeben ist – die alten Schilder am Wegesrand scheinen nicht mehr zu stimmen –, so wahrscheinlich auf mindestens 58 km erweitert hatte. Mist.

Immer wieder blickte ich auf die Uhr. Ich wahr weiterhin angestachelt und wollte entgegen meiner morgendlichen Idee einer „lockeren“ Wanderung nun doch eine schnelle Zeit hinlegen. Zehn Stunden sind für mich auf dieser Strecke der Maßstab. Alles darunter ist gut, alles darüber schlecht. Und das basierend auf den einst nur 54 Kilometern … Ich machte noch eine Pause am Spreeler Bach, bevor ich zum Endspurt blies. Strammen Schrittes marschierte ich durch Wuppertal-Beyenburg, wo die Füße immer stärker anfingen zu zwiscken. Ein letzter langer Aufstieg Richtung Königsfeld, dann das Finalstück zurück nach Schwelm. Am Ende joggte ich nochmal. So gut es ging, versuchte ich alles zu geben. Als ich zurück war am Schloss Martfeld und sich der Kreis geschlossen hatte, waren 9 Stunden und 55 Minuten vergangen. Puh, trotz Wegeverlegung und nochmals selbstverschuldeter zusätzlicher Streckenverlängerung gerade noch eine „akzeptable“ Zeit ;-)

Aber ich wusste sofort: Irgendwann werde ich nochmal ran müssen, um dann mit weniger Pausen und auf dem richtigen Weg eine neue persönliche Bestzeit zu versuchen. Die liegt auf der alten 54 km messenden Strecke bei nur 7 Stunden und 55 Minuten – doch ich denke, dass da noch was gehen könnte …

Lest Euch derweil durch einige meiner weiteren bisherigen Erlebnisse auf dem Rundweg um Ennepetal oder werft einen Blick in ein Fotoalbum eines Microadventures auf dieser immer wieder schönen Wanderroute!

PS:
Es sind verrückte Zeiten. In all der bisherigen Corona-Krise fiel uns auf, dass es so viele Menschen hinaus in die Natur zieht wie nie zuvor. Selbst in der Woche sind momentan mehr Leute im Wald unterwegs als zu normalen Zeiten am Wochenende. Hatte ich bei meiner langen Tagestour zumeist einigermaße Ruhe – es war trüb und nicht allzu warm –, ist bei dem jetzt oft schönstem Wetter vielfach die Hölle los. Insgeheim hoffen wir daher schon wieder auf die Nach-Corona-Zeit, wenn die meisten bestimmt wieder lieber in Geschäfte und Cafés strömen werden und es im Wald erneut so einsam sein wird wie zuvor.

Auf Speed

– Schnellen Schrittes –

Vorgestern bin ich mal wieder den Langenberger Rundweg gelaufen, den ich zuletzt Ende Oktober vorigen Jahres in Angriff genommen hatte.

Mal wieder startete ich daheim und wanderte zuerst ins Deilbachtal, wo ich auf die eigentliche 34 km langen Runde stieß. Ich marschierte weiter ins Felderbachtal und hinüber nach Velbert-Nierenhof. Es folgten Huisgen und das Asbachtal. Die Temperaturen waren fast frühlingshaft, während derer ich durch Wälder und über Felder schritt. Pfade, Feldwege, auch mal ein Stück Asphalt. Ein auf und ab, ein weiter, immer weiter. Ein Golfplatz zur linken, später Windrath, Nordrath. Wieder im Deilbachtal schloss sich der Kreis und ich musste von dort nur noch zurück nach Hause flitzen.

Nur vier Pausen machte ich unterwegs – zwischen Morgengrauen und  Dunkelheit. Doch nie läuft alles ganz ohne Beschwerden ab – mal wieder zwickte es an mehreren Stellen. Am linken Fuß drückte nicht nur die Schnürung des Schuhs, sondern noch immer reagierte die Stelle unter der Ferse sensibel auf eine stundenlange Belastung, an der ich mir während einer Wanderung über den Ennepetaler Wappenweg vor mittlerweile 13 Monaten eine üble Blutblase zugezogen hatte. Aber egal, dieses Mal war es nur ein leichtes Zwicken, was mich nicht davon abhielt, die Tour von Anfang bis Ende schnellen Schrittes durchzuziehen.

Hatte ich für den Rundweg um Langenberg beim letzten Mal noch knappe 10,5 h benötigt, war ich nun bereits nach nur 9 Stunden und 20 Minuten wieder zu Hause.

„A strong will grows from suffering and being rewarded for it.“

Mark F. Twight hat einfach recht – alles Durchhalten hatte sich mal wieder gelohnt und ausgezahlt in einer neuen Bestzeit auf dieser Runde. Überhaupt bin ich auf allen Trainingsunternehmungen, die ich in den zurückliegenden Wochen und Monaten unternommen habe, immer deutlich zügiger unterwegs als in früheren Tagen. Ich frage mich, worin dieser Geschwindigkeitsschub begründet liegt. Etwa in den „Neujahrsvorsätzen“, die ich bereits seit Ende der Sommerferien versuche umzusetzen? Eine gesündere Ernährung mit weniger Zucker und weniger fettigem Zeug. Das brachte zwar umgehend einen Gewichtsverlust von 2, 3 Kilo mit sich, aber auch eine Beruhigung meines Verdauungstraktes und ein insgesamt besseres Körpergefühl. Oder trägt einfach das seit geraumer Zeit recht konsequent durchgeführte Coretraining dazu bei, dass ich meine Füße flinker bewegen kann? Egal, der Fitnesszuwachs macht auf jeden Fall Lust, noch so manche Herausforderung anzunehmen!

Mal sehen, was das nächste Jahr so bringt – weitere lange Tageswanderungen habe ich bereits auf dem Schirm.

Fotourlaub und Bewegungsdrang

– Allgäuer Alpen –

Es ist mal wieder an der Zeit etwas zu bloggen. Über die Lustlosigkeit zu fotografieren und die Lust sich zu bewegen. Aber der Reihe nach …

Diesen Sommer erlebte ich auf einem Familientrip nach Norwegen eine wunderbare Zeit, wo wir uns abseits aller Touristenströme in die wilde Natur schlugen:

„Morgennebel lag über der Landschaft. Nichts war zu sehen, kein Mucks zu hören. Wir saßen auf einem Stein, schlürften Kaffee und wagten es kaum zu reden. Die Ruhe des Augenblicks war betörend.

Nur ganz langsam schaffte es die Sonne, zu den Bergen und Seen vorzudringen und die Weite in goldenes Licht zu tauchen. Nahe der Krækkjahytta hatten wir unser Zelt für drei Nächte am Drageidfjorden aufgebaut. Von hier schlenderten wir entlang des Wassers, ließen die Seele baumeln und genossen unser Dasein auf der Hardangervidda.

Dabei versuchte ich, die Stille, die überall so gegenwärtig war, mit meiner Kamera einzufangen. Bereits in Jotunheimen, wo wir von Eidsbugarden ein paar Kilometer zum Store Mjølkedalsvatnet gelaufen waren, konnte ich ein Sinnbild der herrschenden Ruhe einfangen. Jeden Tag aufs Neue breitete sich dort der See, über dem die schroffen Berge des „Heims der Riesen“ thronten, spiegelglatt vor uns aus.

Ich legte mich zwischen Wollgras auf den Boden oder kauerte in einem Fluss hinter Steinen, um ganz nah hineinzugelangen in die Natur und sie unmittelbar einzubeziehen in die Bildkompositionen.

Ähnlich erging es uns auch in Skarvheimen, wo wir einen Temperatursturz mit Regen wegstecken mussten, der am Geiteryggvatnet nach einer Umrundung des Sees über uns hereinbrach und uns in die gemütliche Geiterygghytta zu Waffeln mit saurer Sahne und Marmelade trieb.

Wir dachten an all die Tage, in denen wir einfach da waren, an Ort und Stelle, und die uns immer wieder mit dem Gefühl von Freiheit und großer Zufriedenheit beschenkten.“

Wieder zu Hause von dieser Entspannungskur war ich voller Elan. Ich legte mir einen Plan zurecht und unternahm fortan regelmäßig kleinere und größere Tageswanderungen mit steigender Dauer und Intensität. Nicht, dass ich nicht schön früher viel draußen vor der Haustüre unterwegs gewesen wäre, aber jetzt machte mir das Outdoorleben fast noch mehr Freude als je zuvor. Ich konnte kaum genug bekommen, erledigte Schreibtischarbeiten mit einer gehörigen Portion Widerwillen und sehnte mich nach jedem neuen Ausflug in die Natur.

Fotourlaub in den Allgäuer Alpen

Umso willkommener die Herbstferien mit einer Reise in die Allgäuer Alpen. In Kornau am Rande von Oberstdorf hatten wir eine Ferienwohnung gemietet, von der wir jeden Tag aufbrachen in die Bergwelt. Das Wetter war herrlich und bescherte uns fast immerzu warme Temperaturen und Sonnenschein. Unterwegs zwischen Gipfeln und Graten wollte ich natürlich auch Fotos machen. Die Ausrüstung hatte ich abgespeckt – eine Fujifilm X-Pro2 samt 27er Pancake –, damit sie mir nicht im Wege war und ich sie immer griffbereit dabeihaben konnte. Also hängte ich mir die Kamera am ersten Morgen pflichtbewusst um den Hals, an dem wir mit der Gondel zur Bergstation des Nebelhorns fuhren und von dort den Rest zu Fuß über den Südgrat zum Gipfel stiegen. Doch schon hier merkte ich, wie meine fotografischen Ambitionen schwanden und ich die Berge lieber nur mit meinen Sinnen aufsaugen wollte anstatt sie laufend auch noch abzulichten. Immerhin knipste ich noch ein Bild eines stillstehenden Sesselliftes.

An den folgenden Tagen packte ich den Fotoapparat zwar noch jeden Morgen in den Rucksack, holte ihn aber unterwegs gar nicht mehr hervor. Ob der Weg hinauf zum Söllereck und von dort dem grasigen Grat folgend über den Schlappoldkopf und das Fellhorn bis zur Kanzelwand, die Tour am Heuberg entlang und vorbei an der unteren und oberen Walmendinger Alpe auf das Walmendinger Horn oder der Aufstieg auf das Hahnenköpfle mit einem kurzen Abstecher durch die Steilpassage am Hohen Ifen – alles brannte sich nur in meinem Kopf ein, wurde von mir aber nicht auf einen Chip gebannt.

Als ich dann zu einem wunderbar abenteuerlichen Soloausflug von Oberstdorf durch den Faltenbachtobel hinauf aufs Rubihorn aufbrach, nahm ich die Kamera gar nicht mehr mit. Ich wollte diesen Tag einfach nur ganz für mich haben. Und so stieg ich zuerst in weniger als zwei Stunden die über 1.000 Höhenmeter vom Talgrund zum Gipfel des Rubihorn empor, von wo aus ich den langen Kamm hinüber zum Nebelhorn in Angriff nahm. Auf diesem wohl einsamsten Aufstieg hinauf auf den so viel besuchten Aussichtsgipfel sind ein paar kleinere Kletterstellen und exponierte Passagen zu bewältigen, die meine ganze Aufmerksamkeit erforderten. Den höchsten Punkt des felsigen Gaisalphorns erreichte ich mithilfe eines herabhängenden Drahtseiles und einer über einem Abgrund emporstrebenden Leiter. Die Überschreitung des anschließenden Geißfußes war etwas einfacher und brachte kurzzeitige Erholung, bevor am Geißfußsattel der Grat über den Gundkopf auf das Nebelhorn begann. Gelegentlich wurde hier nach Handarbeit verlangt, doch faszinierende Tiefblicke auf die beiden Gaisalpseen entschädigten für alle heiklen Stellen. Ich saugte jeden Schritt, jeden Griff auf und war fast schon traurig, nach wenig mehr als vier Stunden gesamter Aufstiegszeit am Gipfel des Nebelhorns zwischen unzähligen Ausflüglern anzukommen.

Zum Abschluss unserer Herbstferienwoche besuchten wir noch einmal das Walmendinger Horn und liefen von dort zur Ochsenhofer Scharte und wanderten bei ausnahmsweise wolkig-nebligem Wetter über die Kühgund Alpe zur Fiderepasshütte und vorbei an der Inneren Kuhgeren Alpe retour zur Bergstation Kanzelwand.

Die Fotografie in dieser Zeit einmal links liegen zu lassen, war eine Wohltat. Denn kurz nach unserer Rückkehr aus den Bergen hieß es für mich, eine nächste Fotoreise zu leiten, bei der tagein tagaus das Bildermachen wieder absolute Priorität haben würde. Aber auch während der Zeit auf den Färöer-Inseln, in denen wir viele kleinere Ausflüge in Dörfer, an Steilklippen und zu Wasserfällen unternahmen, hätte ich gerne den einen oder anderen Gipfel erklommen, so ungestillt war nach wie vor mein Drang, mich auszutoben.

Flach dahin und hoch hinaus

Zurück von den Schafsinseln nahm ich daher schnell wieder Fahrt auf, drehte Runden durch die heimischen Wälder und fing auch mit Kletterei nach langer Zeit mal wieder etwas ernsthafter an, bis mich eine fiebrige Erkältung kurzerhand ausbremste. Einige Tage musste ich zähneknirschend die Füße stillhalten, erst dann konnte ich weiter meinem Bewegungsdrang frönen und selbst daheim durch Klettersteige kraxeln.

Aber wie macht Ihr das? Habt Ihr die Kamera immer dabei oder macht Ihr auch mal Fotourlaub?

Die Mär von Freud und Leid

– Rund um Ennepetal –

Es war ein Kraftakt. In 11 Stunden und 10 Minuten bin ich gestern den 54 km langen Wappenweg rund um Ennepetal gewandert. Ich kenne die Strecke wie meine Westentasche, und es sollten nach der Tagestour über den Langenberger Rundweg weitere fordernde Trainingskilometer auf dem Weg nach Patagonien werden.

Um 07:45 Uhr machte ich mich in Schwelm am Schloss Martfeld auf den Weg, gelangte rasch zum Bahnhof Ennepetal und erklomm den Buchenberg. Allerdings bemerkte ich schon in diesem frühen Stadium eine Reiberei unter der linken Ferse. Genau an der Stelle, wo ich mir im Oktober beim Rothaarsteig-Marathon – als Nordic Walker auf der Halbmarathon-Strecke – auch eine Blase eingefangen hatte. Nach anderthalb Stunden machte ich daher bereits die erste Pause. Ich stopfte eine Banane, ein paar Snack-Möhren, zwei Knäckebrote und ein Balisto in mich hinein und spülte alles mit zwei Bechern Tee hinunter. Dann widmete ich mich meinem Fuß und klebte die betroffene Stelle mit Tape ab, um die Reibung zu minimieren.

Frisch versorgt kam ich daraufhin ganz gut weiter. Ich durchschritt das Haspertal und tauchte ein ins Waldgebiet Ikshardt. Dort ersparte ich mir, den längsten Anstieg der ganzen Runde an einem Stück zu erklimmen und machte auf halbem Weg die nächste Rast. Wieder vertilgte ich einige Leckereien, was mich aber nur kurz davon ablenkte, das in der Zwischenzeit doch stärker gewordene Zwicken unter dem lädierten Fuß wahrzunehmen. Gut, noch war es eine erträgliche Randnotiz, aber auf dem folgenden Abschitt vorbei an der Hasper Talsperre und hinüber ins Tal der Ennepe – wo irgendwo gerade mal die Hälfte des Weges hinter mir lag – wurde die Blase, zu der sich das Zwacken mittlerweile ausgewchsen hatte, zum bestimmenden Faktor. Hinter Peddenöde und kurz vor Brauck musste ich handeln. Ich wechselte das Tape und fügte noch ein Blasenpflaster hinzu, das Druck von der Stelle nehmen sollte. Nur alles Wohlwollen kam leider zu spät. Von hier an wurde die verbleibende Strecke zu einer harten Auseinandersetzung zwischen Körper und Geist.

Abzubrechen, stand nicht zur Diskussion. Mein Wille durchzuhalten, war stärker. Ich dachte an Mark F. Twight und die Worte in seinem Buch Extreme Alpinism. „A strong will grows from suffering and being rewarded for it.“ Die Mär von Freud und Leid, das so dicht beieinander liegt, beschäftige für den Rest des Tages zunehmend meine Sinne …

„Does a strong will come from years of multihour training runs or do those runs result from a dominating will?“

Weiter, immer weiter trieb ich mich im Schatten des Westenberg voran bis zur Heilenbecker Talsperre. Nochmals ließ ich mich auf eine Bank plumpsen, verdrückte Speiß und Trank. Ich beobachtete ein paar Spaziergänger, die gemütlich ihre Runden drehten. Mit steifen Gliedern rappelte ich mich wieder auf und stöhnte auf den nächsten Metern vor mich hin. Sich nach etwas Ruhe wieder an die Schmerzen zu gewöhnen, dauert immer eine Weile.

Als ich am Brebach entlang lief, setzte die Dämmerung ein. Ich war der Kühle auf den Höhenzügen entkommen und genoss im windgeschützten Tal für Momente das Draußensein in der Natur. Doch es blieb bei einem letzten Aufbäumen, bevor sich meine Schritte immer mehr verlangsamten. Am Beyenburger Stausee wurde es finster. Von hier hätte ich einen Bus nach Hause nehmen können. Aber nein, ich wollte es mal wieder schaffen. Unter dem Bilstein hielt ich ein letztes Mal an – ein letztes Mal Kraft tanken für den Schlussakt. Nur die Schwelmer Höhe galt es noch zu überwinden. In völliger Dunkelheit spendete meine Stirnlampe ein spärliches Licht. Sie erhellte vor mir gerade so viel wie nötig. Der nächste Schritt, der nächste Meter. Das war alles, was noch zählte.

Meine Beine waren verkrampft. Ich kämpfte mich die verbliebenen Steigungen hinauf nach Königsfeld und schließlich am Rande des Martfelfer Wald hinab ins Ziel. Aber noch war ich nicht zu Hause. Ohne anzuhalten und den Erfolg zu genießen, quälte ich mich zum Schwelmer Bahnhof, erwischte zum Glück rasch einen Zug zurück nach Wuppertal, nahm dort noch einen Bus, um ja so wenige weitere Meter wie möglich laufen zu müssen. Daheim im Treppenhaus ließ ich mich auf die Stufen fallen, zog die Schuhe aus und blieb erstmal sitzen. Ich war platt. Und gezeichnet. Später entfernte ich Tape und Pflaster von Fuß und Blase und stach das blutige Biest auf. Ich humpelte durch die Wohnung. Geist und Körper waren leer.