Suche
Suche Menü

Es ist mal wieder an der Zeit …

– Auf der Hardangervidda –

Vier Jahre nach meiner letzten Wintertour (einer Überquerung des Jostedalsbreen 2016), zehn Jahre nach meiner letzten Solo-Wintertour (einer Skitour über die Hardangervidda 2010) und 17 Jahre nach meiner letzten Wintertour durch den Sarek-Nationalpark im Jahre 2003 ist es mal wieder an der Zeit, mit Ski und Pulka-Schlitten durch die weiße Weite nordischer Einsamkeit zu ziehen. Im kommenden März mache ich mich daher auf, um weit nördlich des Polarkreises von Abisko über Ritsem bis nach Kvikkjokk durch das schwedische Fjäll zu laufen. Zuerst ein Stück auf dem Kungsleden, dann etwas abseits des bekannten Königspfades und schließlich als I-Tüpfelchen noch einmal quer durch den Sarek. Allein hinein in „Europas letzte Wildnis“ und unterwegs auf den Spuren meiner eigenen Vergangenheit. Auf dem Kungsleden fing Anfang der Neunzigerjahre alles an. Und im Sarek-Nationalpark glückte meine erste erfolgreiche Wintertour im Norden Schwedens.

Aber kommt erstmal mit und schwelgt mit mir in Erinnerungen – hier ist der Bericht meines Sarek-Abenteuers in jungen Jahren. Unternommen in den Osterferien 1994 kurz vor dem Abitur und erstmals veröffentlicht in Ausgabe 1/99 des Wandermagazin:

Dem Mythos auf der Spur

Auf Skiern alleine durch den Sarek-Nationalpark

An einem Samstagnachmittag erreiche ich das nordschwedische Städtchen Jokkmokk. Bis zum kommenden Montagmorgen muss ich dort allerdings nun erstmal ausharren – erst dann fährt der nächste Bus nach Kvikkjokk, dem Ausgangspunkt meiner geplanten Sarek-Durchquerung. Ich überlege noch, ein Taxi dorthin zu nehmen, doch der Preis für die knapp 200 Kilometer lange Strecke ist so schwindelerregend, dass es mich beinahe in den Schnee wirft. Also doch warten. Dem Taxifahrer ist es wohl recht so. Lieber kurvt er weiter durch Jokkmokk und trinkt zwischendurch heißen Kaffee in der Zentrale, als einen verrückten Deutschen in das einsame Nestchen am Arsch der Welt zu bringen. So niste ich mich dann für zwei Nächte im Vandrarhem ein und nutze die zur Verfügung stehende Zeit zum „Langlauftraining“ auf einer nahegelegenen Loipe. Mehr schlecht als recht drehe ich dort einige Runden. Hoffentlich wird’s im Sarek bald besser gehen.

Meine Gedanken wandern zurück, während ich in einer Trainingspause alleine am Küchentisch des Vandrarhems sitze und einen warmen Tee schlürfe. Ich bin der einzige Gast, das Haus ist von Stille erfüllt. Erst im letzten Winter war ich wegen falscher Ausrüstung am bekannten Kungsleden – nach nur einem Tag – gescheitert. Die neuen Back-Country-Ski und die Negativ-Erfahrungen dieses missglückten Trips sollen eine Durchquerung des viel schwereren Sareks möglich machen. Den Mythos, der ihn umgibt, im Kopf – das vermeintliche Wissen um extreme Kälte, brutale Stürme und endlose Einsamkeit –, habe ich dennoch ein ungutes Gefühl in der Magengegend. All diese im Raum stehenden Warnungen, die den Gedanken an eine Solotour eigentlich im Keim ersticken sollten, sind es aber, die meine Phantasie beflügeln und die ich auf Wahrheit überprüfen will.

Ein früher Start
Um viertel nach Fünf spuckt mich der Bus, zusammen mit fünf Franzosen, in Kvikkjokk aus. Das tiefverschneite Nest liegt an diesem Märzmorgen menschenleer am Sakkat-See. Nachdem der Busfahrer auch die Post abgeworfen und uns in der Kälte zurückgelassen hat, tauchen wir nordwärts in den Wald ein. Langsam wird derweil die bläulich-kalte Nacht von der aufkommenden Sonne verwischt.

Einer Skidoo-Spur folgend, kommen wir auf den ersten Kilometern schnell voran. In der Gegend der zugefrorenen Seen Unna- und Stuor Dáhtá verlasse ich den Trupp Franzosen und schlage mich alleine – gen Sarek – in die sich nach Westen ausweitende Buschlandschaft. Die Boarek-Sameviste – ein kleines Lappenlager – ist mein erstes Etappenziel.

Im Wirrwarr der Birken und Fichten verlaufe ich mich aber sogleich fürchterlich. Ich folge den falschen Skidoo-Spuren, die abrupt im Nichts enden, stürze unzählige Male im grundlosen Tiefschnee der Wälder und geistre frustriert umher. Erst am späten Nachmittag – vom ewigen Suchen und nicht Finden schon ziemlich erschöpft – treffe ich auf die richtige Spur. Diese führt mich endlich hinauf in die Berge. Zwei Schweden überholen mich noch auf ihren Motorschlitten, auch sie sind auf dem Weg zur Sameviste. An diesem Abend komme ich jedoch nicht mehr dorthin, und ich baue schließlich – mitten auf deren Spur – mein Zelt auf.

Dieser erste Tag hat mich schon ziemlich geschlaucht. Aller Hunger ist mir vergangen. In den ersten geschmolzenen Schnee werfe ich bloß eine Aspirin-Brausetablette und stürze die lauwarme Flüssigkeit mit gierigen Schlucken hinunter. Ein bisschen Schokolade ist alles, was ich noch an fester Nahrung zu mir nehme.

Wo ist die Hütte?
Der zweite Tag ist nicht minder lang und anstrengend. Der Weg über den Pass des Sähkok ist steil und stark vereist. Bei meinem begrenzten skifahrerischen Können kann ich die Bretter auf den glatten Passagen nur schwerlich unter Kontrolle halten. Manche Stelle bringe ich beinahe kriechend und auf allen vieren hinter mich.

Auch hinab ins Njoatsosvágge geht es anschließend nicht besser. Des öfteren schnalle ich die Ski ab und laufe die steilsten Abschnitte – manchmal bis zu den Knien einsinkend – zu Fuß hinunter. Vom Gehen ermüdet – so aber zeitraubenden Stürzen entgangen –, komme ich zu Beginn der Dämmerung unten im Tal an.

Der Gedanke an die wenige Kilometer entfernt liegende Njoatsosstugan (Anm.: Die Hütte existiert mittlerweile nicht mehr) treibt mich aber sogleich weiter. Ich folge dem Fluß, an dem die Hütte liegt, und hoffe sie somit bei immer schlechteren Lichtverhältnissen nicht zu verpassen. Aber auch mit den Skiern sinke ich oftmals knietief ein. Ich bin zu langsam und entschließe mich dazu, bei aufkommendem Schneegestöber dann doch mein Zelt irgendwo aufzuschlagen. Bei meiner angekratzten Kondition, dem immer schlechter werdenden Wetter und der fast schon vorhandenen Dunkelheit will ich nicht zuviel riskieren. Es erscheint mir sicherer, bei noch ausreichender Fitness in relativer Nähe der Hütte sicher zu zelten, als total erschöpft von einer langen Sucherei unmittelbar neben dem Häuschen nachher noch zu erfrieren.

Zwischen ein paar mickrigen Birken und einem großen Felsblock werfe ich meinen Rucksack in den Schnee. Die Sicht schrumpft auf wenige Meter. Schneeflocken wirbeln um mich herum. Ich versuche, die Skier abzuschnallen, komme jedoch nur mit dem linken Schuh aus der Bindung. Ich fange mit dem rechten Fuß an zu zerren, zu drücken, zu reißen. Nichts tut sich. Irgendwie muss Schnee in die Bindung gelangt sein und nun lässt sie sich nicht öffnen. Von dem unwirtlichen Wetter bekomme ich schon kaum mehr etwas mit. Der Ski hält mich gefangen. In meiner Verzweiflung krame ich meine Biwakschuhe aus dem Rucksack. Den Rücken gegen den immer stärker werdenden Wind gerichtet, ziehe ich den Skischuh dann einfach aus und lasse ihn erstmal am Ski hängen. Geschwind schlüpfe ich in die leichten Biwakschuhe und kann mich endlich frei bewegen. Mit Hilfe des Schweizer-Messers gelingt es mir dann auch, den Schnee aus der Bindung zu popeln und den Schuh zu lösen. In Windeseile baue ich schließlich das Zelt in einer Schneewehe auf. Nur dürftig kann ich es mit den Skiern und Stöcken, an dem Felsen und den Birken, abspannen. Es steht krumm und schief. Als ich hineinkrieche, ist es dunkel. Aus dem Rucksack hole ich die kleine Kerzenlaterne hervor und hänge sie in den Zeltgiebel. Wie eine Schiffslaterne schwankt sie vom Sturm gebeutelt hin und her.

Schnee überall
Am anderen Morgen überzieht eine feine Schneeschicht jegliche Ausrüstung in der Apsis. Unerbittlich hat der Wind unter dem miserabel abgespannten Heck des Zeltes hindurch Schnee nach vorne getrieben. Selbst in meine Schuhe haben sich einige Flocken verirrt. Notdürftig krame ich sie mit bloßen Händen heraus.

Auch der weitere Weg ist von grundlosem Schnee gekennzeichnet. Wiederholt sinke ich mit den Skiern tief ein. Doch nach nur einer guten Stunde Marsch – weit wäre es am vorigen Abend tatsächlich nicht mehr gewesen – öffne ich die kleine Tür der Njoatsosstugan. In ihrer winzigen Gemütlichkeit bleibe ich den Rest des Tages und erhole mich – kochend und lesend – von den bisherigen Anstrengungen. Dabei bin ich froh, es gestern nicht bis zum bitteren Ende ausgereizt zu haben.

Ein uriger Kauz
Zwischen den steilaufragenden Wänden des Tsähkkok und des Vássjábákte hindurch, den drei Njoatsosjávrre-Seen folgend – auf deren ebener Schneedecke man zügig vorankommt –, erreiche ich anderntags schon zeitig die nächste Hütte, die Álggastugan (Anm.: Die Hütte existiert mittlerweile nicht mehr).

Dabei treibt mich ein starker Rückenwind voran, der auch eine beängstigend dunkle Wolkenwand hinter mir auftürmt. Ein Schneesturm scheint aufzuziehen. Ich beschleunige meine unbeholfenen Schritte und laufe pausenlos weiter. Gerne hätte ich eine kleine Abfahrt zur Zeiteinsparung genutzt. Doch mal wieder reißt es mich zu Boden, so dass ich mich wieder behutsam hinabtasten muss, um mir nicht bei einem weiteren Sturz mal ein Knie zu verdrehen. Der Sturm zieht vorbei und erwischt mich nicht. So habe ich nun keine Probleme die stark eingeschneite Hütte ausfindig zu machen.

Dort treffe ich auf einen urigen Kauz. Sein schweres Baumwollzelt trocknet über dem Hüttenofen, und er sitzt in alte Woll- und Lodenkleidung gehüllt, mitsamt einem Hund, in einer dunklen Ecke. Auf einem simplen uralt Benzinkocher köchelt sein Haferbrei. Ich geselle mich zu ihm und komme mir mit meiner High-Tech-Ausrüstung fast etwas deplaziert vor. Nur sein recht moderner Kunstfaserschlafsack zeigt, dass er der Amundsen-Ära doch schon etwas entsprungen scheint.

Ins Herz des Sarek
Durch das wunderschöne Álggavágge, wo der Wind mir während einer Pause beinahe einen Fäustling entreißt, und einer weiteren Nacht in einer offenen Renvaktarstuga, führt mich mein Weg nach Skárjá – dem Herzen des Sarek. Dort – an der Mikkastugan – treffe ich auf zwei Deutsche. Wir machen gemeinsam Rast und blinzeln dabei in die wärmende Mittagssonne. Aus der geöffneten Tür des dortigen Plumpsklos kann ich auf die höchsten Sarek-Gipfel blicken. Gerne würde ich dort oben stehen und hinabschauen über die endlose weiße Weite. Aber auch dieser Platz erfüllt mich mit Zufriedenheit – der angestauten Bedürfnisse kann ich mich in diesem Holzhäuschen, vor Wind geschützt, entledigen. Bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlos blauem Himmel lasse ich den Sarek-Mittelpunkt, auch die „Gesprächspartner für kurze Zeit“, zurück, um mir in dem breiten Ruohtesvágge ein Plätzchen für meine Stoffhütte zu suchen.

Die Nacht im Ruohtesvágge ist erbärmlich kalt. Fröstelnd liege ich im Schlafsack und finde nur schwerlich verdiente Ruhe. Es sind bestimmt -20°C – draußen sicherlich noch etwas mehr. Im Gegensatz zu traumhaft klaren Tagen laden klare Nächte kaum zum Träumen ein. Ich bin froh, als sich irgendwann in der Nacht eine Wolkendecke über das Tal legt und es sachte anfängt zu schneien. Da wird es wieder etwas wärmer.

Am Morgen wabern dicke Schneeflocken ums Zelt – begrenzen die Sicht auf ein Minimum. Trist und traurig sieht es aus. Nachher wird es sogar stürmisch. Ich beschließe, den Tag im Zelt zu verbringen und setze meine Füße erst gar nicht vor die Apsis. Eine Weithalsflasche muss als Pissoir herhalten. Ansonsten versuche ich, in der Enge des kleinen Zeltes einige Selbstportraits zu machen und lasse mich – bei einer Lektüre Günther Grass’scher Satzkonstruktionen – das unwirtliche Wetter zeitweise vergessen.

Als Fußgänger im tiefen Schnee
Kurz bevor ich am darauffolgenden Tag den Sarek-Nationalpark verlasse und die Kisurisstugan am Padjelantaleden erreiche, passiert mir eines der größten Unglücke, die einen auf einer Wintertour erwischen können. Der Metallstift in meinem Schuh – die Verbindung zum Ski – bricht und macht die Einheit unbrauchbar. Schon seit Tagen bekam ich die Probleme damit nicht in den Griff. Die Bindung vereiste ständig, und nur mit Gewalt bekam ich die Ski dann vom Fuß. Nun bin ich urplötzlich zum Fußgänger degradiert.

Der phantastische Blick auf die Eiskaskaden an der Nordwestwand des Niják ist sofort vergessen – die Ski in den Händen hinter mir herschleifend, bewältige ich mühevoll die letzten Kilometer zur Hütte. Frustriert von all dem Einsacken, halte ich dort zuerst eine Sitzung auf einem der Plumpsklos. Ich beschließe, weitere Entscheidungen auf den nächsten Morgen – den letzten Tag der Tour – zu verlegen, und breite mein Lager erstmal in der kalten STF-Hütte aus. Die Gasheizung bekomme ich nicht in Gang – nur eine alte Petroleumlampe gaukelt mir etwas Wärme vor.

Glücklicher Endspurt
Am Morgen tauchen unvermittelt zwei Hüttenwarte auf. Ich spreche sie auf meine missliche Lage an, und nach einiger Überlegung borgt man mir ein Paar Schneeschuhe. In Gällivare soll ich sie vor Beginn meiner Heimreise bei der Polizei abgeben. Man wird sich die Bärentatzen da wieder abholen. Erstaunt über soviel Vertrauen, die Ski am Rucksack befestigt, komme ich über eine festgefahrene Skidoo-Spur relativ problemlos zum Áhkájávrre, das gewaltige Áhkká-Massiv im Rücken.

Mit den Schneeschuhen war ich aber langsamer als mit den Skiern an den Tagen zuvor. Deshalb möchte ich mich von dem nur schwedisch sprechenden, alten Hüttenwart der Akkastugorna die letzten zwölf Kilometer per Skidoo über den riesigen Áhkájávrre nach Ritsem bringen lassen. Mit Händen und Füßen kann ich einen akzeptablen Preis aushandeln. Letztendlich sind wir beide zufrieden und sitzen uns in der warmen Hütte lächelnd gegenüber.

Auf dem hölzernen Anhänger seines Motorschlittens friere ich mir fast noch die Füße ab und werde nicht übel durchgeschüttelt. Aber in all meine Kleidung gepackt, die Mütze weit über beide Ohren gezogen, überstehe ich auch noch diesen windigen Trip.

Am Ziel
Müde und ausgelaugt stehe ich unter einer warmen Dusche in der Fjällstation von Ritsem und lasse mir das Wasser über den Körper rinnen. Ich denke an die letzten Tage zurück. Einsamkeit habe ich erlebt. Schnee umhüllte mich. Wind zerrte am Zelt. Kälte ließ mich in mancher Nacht frösteln. Ich durfte am Mythos des Sarek schnuppern. Körper und Geist wurden auf eine harte Probe gestellt.

Die Route
Kvikkjokk – Boarek – Njoatsosvágge – Álggavágge – Skárjá – Ruohtesvágge – Kisurisstugan – Akkastugorna – Ritsem

Fotourlaub und Bewegungsdrang

– Allgäuer Alpen –

Es ist mal wieder an der Zeit etwas zu bloggen. Über die Lustlosigkeit zu fotografieren und die Lust sich zu bewegen. Aber der Reihe nach …

Diesen Sommer erlebte ich auf einem Familientrip nach Norwegen eine wunderbare Zeit, wo wir uns abseits aller Touristenströme in die wilde Natur schlugen:

„Morgennebel lag über der Landschaft. Nichts war zu sehen, kein Mucks zu hören. Wir saßen auf einem Stein, schlürften Kaffee und wagten es kaum zu reden. Die Ruhe des Augenblicks war betörend.

Nur ganz langsam schaffte es die Sonne, zu den Bergen und Seen vorzudringen und die Weite in goldenes Licht zu tauchen. Nahe der Krækkjahytta hatten wir unser Zelt für drei Nächte am Drageidfjorden aufgebaut. Von hier schlenderten wir entlang des Wassers, ließen die Seele baumeln und genossen unser Dasein auf der Hardangervidda.

Dabei versuchte ich, die Stille, die überall so gegenwärtig war, mit meiner Kamera einzufangen. Bereits in Jotunheimen, wo wir von Eidsbugarden ein paar Kilometer zum Store Mjølkedalsvatnet gelaufen waren, konnte ich ein Sinnbild der herrschenden Ruhe einfangen. Jeden Tag aufs Neue breitete sich dort der See, über dem die schroffen Berge des „Heims der Riesen“ thronten, spiegelglatt vor uns aus.

Ich legte mich zwischen Wollgras auf den Boden oder kauerte in einem Fluss hinter Steinen, um ganz nah hineinzugelangen in die Natur und sie unmittelbar einzubeziehen in die Bildkompositionen.

Ähnlich erging es uns auch in Skarvheimen, wo wir einen Temperatursturz mit Regen wegstecken mussten, der am Geiteryggvatnet nach einer Umrundung des Sees über uns hereinbrach und uns in die gemütliche Geiterygghytta zu Waffeln mit saurer Sahne und Marmelade trieb.

Wir dachten an all die Tage, in denen wir einfach da waren, an Ort und Stelle, und die uns immer wieder mit dem Gefühl von Freiheit und großer Zufriedenheit beschenkten.“

Wieder zu Hause von dieser Entspannungskur war ich voller Elan. Ich legte mir einen Plan zurecht und unternahm fortan regelmäßig kleinere und größere Tageswanderungen mit steigender Dauer und Intensität. Nicht, dass ich nicht schön früher viel draußen vor der Haustüre unterwegs gewesen wäre, aber jetzt machte mir das Outdoorleben fast noch mehr Freude als je zuvor. Ich konnte kaum genug bekommen, erledigte Schreibtischarbeiten mit einer gehörigen Portion Widerwillen und sehnte mich nach jedem neuen Ausflug in die Natur.

Fotourlaub in den Allgäuer Alpen

Umso willkommener die Herbstferien mit einer Reise in die Allgäuer Alpen. In Kornau am Rande von Oberstdorf hatten wir eine Ferienwohnung gemietet, von der wir jeden Tag aufbrachen in die Bergwelt. Das Wetter war herrlich und bescherte uns fast immerzu warme Temperaturen und Sonnenschein. Unterwegs zwischen Gipfeln und Graten wollte ich natürlich auch Fotos machen. Die Ausrüstung hatte ich abgespeckt – eine Fujifilm X-Pro2 samt 27er Pancake –, damit sie mir nicht im Wege war und ich sie immer griffbereit dabeihaben konnte. Also hängte ich mir die Kamera am ersten Morgen pflichtbewusst um den Hals, an dem wir mit der Gondel zur Bergstation des Nebelhorns fuhren und von dort den Rest zu Fuß über den Südgrat zum Gipfel stiegen. Doch schon hier merkte ich, wie meine fotografischen Ambitionen schwanden und ich die Berge lieber nur mit meinen Sinnen aufsaugen wollte anstatt sie laufend auch noch abzulichten. Immerhin knipste ich noch ein Bild eines stillstehenden Sesselliftes.

An den folgenden Tagen packte ich den Fotoapparat zwar noch jeden Morgen in den Rucksack, holte ihn aber unterwegs gar nicht mehr hervor. Ob der Weg hinauf zum Söllereck und von dort dem grasigen Grat folgend über den Schlappoldkopf und das Fellhorn bis zur Kanzelwand, die Tour am Heuberg entlang und vorbei an der unteren und oberen Walmendinger Alpe auf das Walmendinger Horn oder der Aufstieg auf das Hahnenköpfle mit einem kurzen Abstecher durch die Steilpassage am Hohen Ifen – alles brannte sich nur in meinem Kopf ein, wurde von mir aber nicht auf einen Chip gebannt.

Als ich dann zu einem wunderbar abenteuerlichen Soloausflug von Oberstdorf durch den Faltenbachtobel hinauf aufs Rubihorn aufbrach, nahm ich die Kamera gar nicht mehr mit. Ich wollte diesen Tag einfach nur ganz für mich haben. Und so stieg ich zuerst in weniger als zwei Stunden die über 1.000 Höhenmeter vom Talgrund zum Gipfel des Rubihorn empor, von wo aus ich den langen Kamm hinüber zum Nebelhorn in Angriff nahm. Auf diesem wohl einsamsten Aufstieg hinauf auf den so viel besuchten Aussichtsgipfel sind ein paar kleinere Kletterstellen und exponierte Passagen zu bewältigen, die meine ganze Aufmerksamkeit erforderten. Den höchsten Punkt des felsigen Gaisalphorns erreichte ich mithilfe eines herabhängenden Drahtseiles und einer über einem Abgrund emporstrebenden Leiter. Die Überschreitung des anschließenden Geißfußes war etwas einfacher und brachte kurzzeitige Erholung, bevor am Geißfußsattel der Grat über den Gundkopf auf das Nebelhorn begann. Gelegentlich wurde hier nach Handarbeit verlangt, doch faszinierende Tiefblicke auf die beiden Gaisalpseen entschädigten für alle heiklen Stellen. Ich saugte jeden Schritt, jeden Griff auf und war fast schon traurig, nach wenig mehr als vier Stunden gesamter Aufstiegszeit am Gipfel des Nebelhorns zwischen unzähligen Ausflüglern anzukommen.

Zum Abschluss unserer Herbstferienwoche besuchten wir noch einmal das Walmendinger Horn und liefen von dort zur Ochsenhofer Scharte und wanderten bei ausnahmsweise wolkig-nebligem Wetter über die Kühgund Alpe zur Fiderepasshütte und vorbei an der Inneren Kuhgeren Alpe retour zur Bergstation Kanzelwand.

Die Fotografie in dieser Zeit einmal links liegen zu lassen, war eine Wohltat. Denn kurz nach unserer Rückkehr aus den Bergen hieß es für mich, eine nächste Fotoreise zu leiten, bei der tagein tagaus das Bildermachen wieder absolute Priorität haben würde. Aber auch während der Zeit auf den Färöer-Inseln, in denen wir viele kleinere Ausflüge in Dörfer, an Steilklippen und zu Wasserfällen unternahmen, hätte ich gerne den einen oder anderen Gipfel erklommen, so ungestillt war nach wie vor mein Drang, mich auszutoben.

Flach dahin und hoch hinaus

Zurück von den Schafsinseln nahm ich daher schnell wieder Fahrt auf, drehte Runden durch die heimischen Wälder und fing auch mit Kletterei nach langer Zeit mal wieder etwas ernsthafter an, bis mich eine fiebrige Erkältung kurzerhand ausbremste. Einige Tage musste ich zähneknirschend die Füße stillhalten, erst dann konnte ich weiter meinem Bewegungsdrang frönen und selbst daheim durch Klettersteige kraxeln.

Aber wie macht Ihr das? Habt Ihr die Kamera immer dabei oder macht Ihr auch mal Fotourlaub?

Vollendung

– Qajuuttaq –

Ich quere zwei zerrissene Gletscherzungen und finde fast nicht mehr heraus aus dem Wirrwarr aus Spalten und tiefen Rissen. Wegloses Gelände meistere ich über mehr Stein als Stock und rutsche mit einem Fuß in ein tiefes Loch, aus dem ich mich zum Glück wieder befreien kann. Aber trotz aller Schwierigkeiten geht mein Plan einer Rundtour auf. Von Narsarsuaq, dem Dreh- und Angelpunkt in Südgrönland, wage ich mich in die wilde Welt, in der ich elf Tage lang keine andere Menschenseele treffe. Durch das Blomsterdalen laufe ich zum Gletscher Kuussuup Sermia, über dessen eisige Zunge ich hinein gelange ins Johan Dahl Land. Weiter geht es zum Nordbosø und dem darüber aufragenden Valhaltinde. Meine Idee, diesen Berg bei gutem Wetter zu besteigen, verwerfe ich zugunsten eines Tages, den ich am Hullet verbringe, diesem kaum in Worte zu packenden Chaos aus Eisbergen, einer Szenerie, so spektakulär und eindrücklich, wie ich es anderswo noch nie gesehen habe. Umgeben von Ausläufern des Inlandeises zieht mich dieser Ort so sehr in seinen Bann, dass ich mich nur schwer davon lossagen kann. Doch es folgen weitere Highlights. Nachdem ich auch den Gletscher Kuukuluup Sermia überschritten habe, kann mich aufkommender Hagel nicht davon abhalten, nach einem schönen Zeltplatz zu suchen. Meine Beharrlichkeit wird hoch auf einem Bergrücken belohnt mit einer Panoramaaussicht über den Nordbosø und den darin kalbenden Nordbogletscher. Zurück im Tal des Flusses Qinngua liegt der schwerste Teil hinter mir. Von nun an zeichnen sich zumindest ab und an schmale Pfadspuren ab, denen ich durch dichtes, hartes Gebüsch folge. So erreiche ich auch die Bucht Qajuuttaq am Fjord Eqalorutsit Kangilliit. Nach der schroffen Bergwelt eine willkommene Abwechslung. Ich genieße mein stilles Dasein in der Einsamkeit, bevor ich schließlich am Tasiusaq eintreffe. Es ist ein erhabenes Gefühl, dort auf das im Wasser dümpelnde Eis zu schauen und zu wissen, nach all der langen Zeit so gut wie am Ziel zu sein. Okay, ein paar Kilometer bis zum Endpunkt meiner Wandertour liegen noch vor mir, auch ein Kurztrip ins Mellemlandet steht noch aus, aber die große Runde durch das Johan Dahl Land ist fast beendet. Von Qassiarsuk, wo ich am vierzehnten Tag eintrudele, rufe ich Jacky von Blue Ice Explorer an. Kurz darauf holt er mich mit seinem Boot ab. Fünf Minuten dauert die Überfahrt über den Tunulliarfik, den Eriksfjord, und ich bin zurück in Narsarsuaq. Ein Traum ist Wirklichkeit geworden.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-Pro2 und dem XF16mmF1.4 R WR, dem XF23mmF1.4 R sowie dem XF56mmF1.2 R

– Hullet –
– Hullet und Sydgletscher –
– Tasiusaq –
– Qooqqut –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Grönland, 2016, Mein Norden // Vollendung

Ut på tur, aldri sur

– Rembesdalskåka –

Der skandinavische Herbst ist bereits weit fortgeschritten, als wir eines Abends Mitte Oktober den Bahnhof Finse verlassen. So spät im Jahr rechnen wir mit garstigem Wetter – feuchter Witterung, niedrigen Temperaturen und dem ersten Schnee. Dennoch ist eine Umrundung des Hardangerjøkulen unser Ziel. Im Schein der Stirnlampen tasten wir uns nach hereinbrechen der Nacht in finstrer Dunkelheit zum ersten Lagerplatz – noch in keiner Weise ahnend, dass sich mit Beginn des nächsten Morgen eine Tourenwoche entfaltet, die zu den schönsten gehört, die wir je im Fjell erleben dürfen. Die Wolken, welche die Bergmassive zum Start noch umhüllen, lösen sich von Tag zu Tag mehr und mehr auf. Strahlend steht die Sonne am blauen Himmel und sendet zum Jahresausklang noch einmal sommerliche Wärme. Wir ergreifen die Chance und gelangen von der Appelsinhytta hinauf auf den sechstgrößten Gletscher des Landes, um diesen nicht nur zu umrunden, sondern auch gleich zu überqueren. Dass uns dieses zusätzliche Schmankerl aufgetischt und dargereicht wird, ist kaum zu glauben … Nach fantastischen Stunden auf dem eisigen Plateau folgen wir in den nächsten Tagen kaum begangenen Pfaden zur Demmevasshytta, die wie ein Adlerhorst über einer zerrissenen Gletscherzunge thront. Weiter geht es von dort meist querfeldein zurück Richtung Finse. Das Wetter hält und von all dem, was wir befürchtet haben, fehlt jede Spur. Ein „Regen, Wind, wir lachen drüber!“, bleibt uns erspart. Stattdessen Bilderbuchstimmung par excellence. Also steigen wir zum Ende unserer Rundtour dem Gletscher kurzerhand nochmals aufs Dach. Wir wollen es uns bei diesen traumhaften Bedingungen nicht nehmen lassen, die letzte Übernachtung hoch oben in der Jøkulhytta zu verbringen … Getreu dem norwegischen Sprichwort „Ut på tur, aldri sur“, ist alles gut geworden. Aber selbst wenn es durchgehend gehagelt und gepfiffen hätte – egal was kommt, in der Natur unterwegs zu sein, bringt immer gute Laune.

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF10-24mmF4 R OIS sowie dem XF16-55mmF2.8 R LM WR

– Gletscherkante –
– Vestra Leirebottsskåka –
– Rembesdalskåka –
– Jøkulhytta –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Norwegen 2015, Mein Norden // Ut på tur, aldri sur

Das ist klasse!

– Femundsee –

Anfang Juli machen wir uns auf den Weg. Vier Regionen in Norwegen sind unser Ziel, die wir intensiv erleben wollen. Auf Wanderungen in die Bergwelt mit Rucksack, Zelt und allem drum und dran. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen – es ist eine neue Herausforderung für uns. Tagein tagaus auf Tour sein. In der Pfanne Rührei mit Zwiebeln braten und Trek’n Eat aus Beuteln futtern. Über schmale Pfade laufen und über rauschende Bäche springen. Der Natur noch näher kommen als während unserer Familienreisen in den letzten Jahren … In der Femundsmarka fahren wir bei bestem Wetter mit der Fähre Fæmund II von Elgå nach Røa. Als wir von dort losziehen, plagen uns die Mücken. Selma erwischt es besonders schlimm, und wir haben das Gel gegen Juckreiz im Auto vergessen. Da sind wir froh, als wir aus dem Wald in höhere Lagen vordringen, wo ein steter Wind bläst, der die stechenden Biester vertreibt. Doch oberhalb der Baumgrenze schlägt das Wetter um, und wir sitzen zwei Tage bei Regen und stürmischem Wind im Zelt fest. Zum Glück haben wir einige Spiele dabei – Mensch ärgere Dich nicht, Farm Yatzy und Elfer raus! –, da wird uns nicht langweilig. Im Dovrefjell sehen wir Moschusochsen und schlagen am größtenteils zugefrorenen Istjørni zwischen viel Geröll unser Basislager zu Füßen der Snøhetta auf. Trotz tiefhängender Wolken hat das karge Ambiente seinen Reiz. In Jotunheimen unternehmen wir eine Tagestour auf das Bitihorn und genießen die Aussicht über die Weite der Valdresflya auf der einen und die majestätischen Berggiganten der „Heimat der Riesen“ auf der anderen Seite. Beim Abstieg rutscht Selma auf dem Hosenboden die zahlreichen Schneefelder hinab und jauchzt dabei: „Das ist klasse!“ Danach stapfen wir von der Sognefjellshytta zum Fuß des Fannaråken, erkunden die Gegend um den Fannaråkbreen, und wir klettern auf die vielen großen Felsblöcke, die rund um unser Zelt liegen. Und zu guter Letzt brechen wir auf in die Region Stølsheimen. Ein Glücksgriff. Zwar ist das Gelände anspruchsvoll mit vielem Auf und Ab, dazu pfadlosen Abschnitten samt Felspassagen, aber wir begegnen niemandem und tauchen so richtig ein in die Natur, genauso, wie wir es uns zuvor ausgemalt hatten. Es ist die beste Unternehmung der ganzen Reise … Unser Fazit: Als Familie die Wildnis zu entdecken, ist das Schönste, was wir gemeinsam erleben können!

Fotografiert mit der FUJIFILM X-T1 und dem XF16-55mmF2.8 R LM WR

– Istjørni –
– Bitihorn –
– Kiefer –
– Wegmarkierung –

Aus dem Projekt und Bildband Mein Norden.

> Bildergalerie Norwegen 2015, Mein Norden // Das ist klasse!