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Der Neuanfang

– Mit Micke und Per im Sarek, Winter 2001 –

Morgen geht es wieder los. Allein. Mit dem Flugzeug nach Stockholm, weiter mit der Bahn nach Gällivare in Lappland und per Bus und Boot über Kebnats nach Saltoluokta am Kungsleden. Von dort den Königsweg ein Stück südwärts zu den Aktse-Hütten und dann hinein in den Sarek, hinein in Europas letzte Wildnis. Hinauf auf den Skierffe und durch das Rapadalen nach Skárjá, dem Herz der Hochgebirgsregion. Wieder hinaus aus der wilden Bergwelt durch das Álggavágge, an der Kapelle von Alkavare vorbei und rüber in das „das höhere Land“, die Region Padjelanta. Schließlich zurück zur Zivilisation über Teile des Padjelanta- und Nordkalottleden nach Sulitjelma. Heimwärts wie gehabt. Mit Bus, Bahn und Flugzeug über Fauske, Trondheim und Oslo.

15 Tage werde ich in der kargen Landschaft zu Fuß unterwegs sein. Der Rucksack schwer und mit allem bepackt, was ich zum Leben dort draußen benötige. Ich kenne die Landschaft, weiß, was mich erwartet. Im hohen Norden Skandinaviens fing alles an. Vor mehr als 20 Jahren. Es sind diese Berge und Täler, die sich als erstes in mir einbrannten. Dort machte ich meine ersten großen Schritte. Zu Anfang im Sommer, später auch im Winter. Auf dem Kungsleden, mit etwas mehr Erfahrung dann auch im Sarek. Oft kam ich zurück in diese Landschaft.

Jetzt, nach der Epilepsie-Diagnose, wird dies meine erste anspruchsvolle Tour nach der schweren Zeit des zurückliegenden Sommers sein. Sie soll den Neuanfang markieren, die erste Reise der Idee, die mir im Kopf sitzt, seitdem es mich im wahrsten Sinne umgeworfen hatte. Jetzt will ich das beginnen, was all dem vielleicht dann doch einen Sinn verleiht. Das, wozu es gut war. Und was während der gerade erst absolvierten Reise weiter in mir gereift ist.

„Auch ich möchte raus. Wieder raus. Zu den Orten im Norden, an denen meine Passion für diese Landschaften ihren Anfang nahm und die mir im Laufe meines Reiselebens wichtig waren. Aber auch zu neuen Flecken, dorthin, wo ich noch nicht war. Der vielgenannte Neuanfang. Während unseres Unterwegsseins reifte die Idee, der Plan, das Konzept für ein neues und großes Projekt. Etwas, das ich jetzt beginnen möchte. Nach den Wirren und dem Krankheitsscheiß. Entwickelt aus und durch die Krise.“

Gerne hätte ich Euch die Projektpläne schon jetzt weiter erläutert, doch dafür fehlt mir die Muße so kurz vor dem neuerlichen Aufbruch, bin ich doch gerade erst gute zwei Wochen zurück von unserer Familienreise durch Schweden und Norwegen. Die kurze Zeit seitdem war ausgefüllt mit Planung und Arbeit, daher müsst Ihr euch noch gedulden, bis ich die Katze völlig aus dem Sack lasse, mich nicht mehr nur in Andeutungen verliere und alle Beweggründe darlege, die zu diesem Projekt – Mein Norden – geführt haben.

Wichtig ist auf jeden Fall, zurückzukehren zu meinen Anfängen. Aber gleichermaßen auch aufzubrechen zu neuen Abenteuern. Mit kindlicher Entdeckerfreude und voller Emotionen. Eine Liebeserklärung an Landschaften, Regionen und eine intensive Art des Unterwegsseins.

Es fühlt sich gut an. Macht Sinn. Und ich möchte meine Reise, bei der die Sarek- und Padjelanta-Durchquerung nur ein Baustein ist, auch auf neue Arten dokumentieren. In Worten, aber vor allem in Bildern. Der Weg „Zurück auf Los“ soll mich am Ende weiterbringen als vieles zuvor.

Charging Complete – Oder: Ich möchte raus

– Der blaue Punkt –

Wir wollten nur noch weg. Nach Schweden und Norwegen – auf unser imaginäres Sofa. Nach all meinen gesundheitlichen Querelen endlich die richtige Erholung finden, Abstand gewinnen, den Stress abschütteln. Und Kraft tanken für einen Neuanfang, die Akkus wieder aufladen. Das war vor gut vier Wochen. Jetzt sind wir zurück aus dem Norden – von Meeresküsten, Waldpfaden und Berggipfeln. Und tatsächlich: Mit dem räumlichen Abstand, dem Ausbruch aus der Umgebung, an die ich zuvor so gefesselt war, konnte ich weitere Schritte nach vorne tun. Nur zu Beginn, in der ersten Woche, da schlich sich noch einmal für einen Tag die Krankheit in mir ein. Mit Kopfschmerzen, Gliederziehen und Kältegefühl – wie daheim kurz vor unserer Abreise. Aber dann ging es stetig aufwärts. Und je länger wir unterwegs waren, desto mehr konnten wir abschalten, alles zurücklassen. Uns einfach erfreuen an dem, was sich am Wegesrand auftat.

Schön war’s. Sehr sogar! Und entgegen unserer letztjährigen Rundreise durch Norwegen, bei der uns ein Weltuntergangswetter auf Schritt und Tritt begleitete und wir fast tagein tagaus mit fiesem Regen zu kämpfen hatten, war es in diesem Jahr überwiegend trocken und warm. Herrlich. Wir konnten meistens draußen vor dem Zelt frühstücken und zu Abend essen und mussten uns nicht ständig verkriechen. Das tat der Erholung gut und spornte uns an, immer wieder in die Natur aufzubrechen. An einigen Orten machten wir dafür länger Station und fuhren nicht jeden Tag weiter. So in der Region Höga Kusten im Osten Schwedens, wo wir Wanderungen im Skuleskogen-Nationalpark unternahmen. Über Stock und Stein, durch Schluchten und Wälder, an Seen und dem Meer entlang. Oder am Kallsjön in Jämtland. Dort bestiegen wir bei etwas rauerem Wetter den Gipfel des Suljätten und stapften durch sumpfiges Gelände. Und schließlich am Femundsee in Ost-Norwegen. Zwischen Rentieren, Ameisenhügeln und Pilzen kamen wir endgültig zur Ruhe. All das drumherum und zwischendurch – die Großstadt Stockholm, der verlassene Skiort Åre, das beschauliche Røros oder die touristische schwedische Westküste am Ende unserer Reise – war darüber hinaus schmuckes Beiwerk und nette Abwechslung.

Köstlich auch die Burger an den ESSO-Tankstellen, das eine und andere Softeis. Oder die riesige Tüte voller Godis, die wir im Örnsköldsviker Candy Corner erstanden. Wir ließen es uns gut gehen. Meine Epilepsie-Pillen nahm ich nicht mehr so stur zur immergleichen Uhrzeit ein, schlief lieber aus und hatte immer seltener mit Schwindel zu tun. Das Gefühl, krank zu sein, rückte in den Hintergrund. Wenn wir in die Natur eintauchten und ich Selma in der Kindertrage auf dem Rücken trug, konnte ich fast alles abstreifen. Lieber hielten wir Ausschau nach Tieren, Tannenzapfen und Tümpeln …

Zu unserer großen Freude sprach Selma in diesem Urlaub auch ihren ersten korrekten Satz: „Ich möchte raus!“ Keinen wurschteligen Sprachfetzen mehr, bei dem das eine oder andere Wort fehlt. Nein, sie sagte es klar heraus. Immer wieder. Jeden morgen. Gut, sie meinte damit im Grunde nur, hinaus aus dem Zelt zu wollen. Wir fassten es etwas weiter, so, als wenn sie damit ausdrücken würde, mit Wanderschuhen an den Füßen und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken endlich wieder hinein in die Natur zu können. So sind Eltern eben.

Für mich wurden diese drei Worte gar zu einer Art Mantra. Auch ich möchte raus. Wieder raus. Zu den Orten im Norden, an denen meine Passion für diese Landschaften ihren Anfang nahm und die mir im Laufe meines Reiselebens wichtig waren. Aber auch zu neuen Flecken, dorthin, wo ich noch nicht war. Der vielgenannte Neuanfang. Während unseres Unterwegsseins reifte die Idee, der Plan, das Konzept für ein neues und großes Projekt. Etwas, das ich jetzt beginnen möchte. Nach den Wirren und dem Krankheitsscheiß. Entwickelt aus und durch die Krise.

In Kürze mehr zu diesem, meinem weiteren und neuen Weg. Jetzt sind wir erstmal wieder hier. Erholt. Charging Complete sozusagen.

Die Reiseroute
Helsingborg – Gränna (Vätternsee) – Simonstorp – Lungsund – Stockholm – Högen – Docksta – Höga Kusten – Skuleskogen – Örnsköldsvik – Stugun – Östersund – Kallsjön – Åre – Trondheim – Røros – Femundsee – Mollösund – Göteborg – Falkenberg – Laholm – Kullen – Malmö

> Bildergalerie Schweden & Norwegen Rundreise

Ab aufs Sofa

– Das Sofa –

Endlich. Morgen. Dann geht es los. Nicht schon gestern, auch nicht heute. Morgen. Endlich. Wir wollen nur noch weg.

Anfang dieser Woche war ich wieder bei meiner Hausärztin. Die Gürtelrose ist soweit im Griff. Zum Glück – die Medikamente hatten rasch angeschlagen, die Pocken sich nicht allzu sehr ausgebreitet und starke Schmerzen bekam ich auch nicht. Puh … Meine Heilpraktikerin, bei der ich dann ebenfalls nochmal war, konnte beim Blick in meine Augen zudem erspähen, dass mein komplettes Immunsystem einen Totalabsturz erlitten hatte. Kein Wunder, dass dieser Herpes Zoster da ans Licht wollte. Sie verschrieb mir ein Aufbaumittel, damit nicht jede Kleinigkeit mich sofort wieder aus der Bahn wirft. Und ich nicht bald – wie die Ärztin schon letzte Woche im Spaß bemerkt hatte – in einem Schutzanzug rumlaufen muss …

Positiv darüber hinaus die Ergebnisse der weiteren Blutuntersuchung. Der Leukozytenwert ist wieder gestiegen und liegt nun bei 4,2. Im Krankenhaus konnte ich mit satten 9,5 aufwarten – danach war er bis auf 3,5 gefallen. Wäre er jetzt noch weiter in den Keller gesackt, hätte mein Neurologe mein Epilepsie-Medikament wechseln wollen, weil es der Auslöser für den Niedergang der Abwehrkräfte sein könnte. Da ich die Pillen aber an sich gut vertrage und kaum mehr mit anderen Nebenwirkungen kämpfe, wäre es äußerst notgedrungen geschehen. Jetzt kann ich erstmal weiterhin Levetiracetam schlucken. Gut so – da weiß ich mittlerweile, was ich habe.

Es kann also endlich losgehen. Endlich die richtige Erholung. Endlich Abstand gewinnen. Den Stress abschütteln und Kraft tanken für den Neuanfang danach. Aber nicht, ohne nochmals kurz ausgebremst zu werden. Als wir vorgestern beim Einwohnermeldeamt auf den letzten Drücker einen Kinderreisepass für Selma machen ließen, hatte ich das Gefühl, mir würde der Boden unter den Füßen wegsacken. Vorbote eines neuen epileptischen Anfalls? Nein, zum Glück nicht. Aber ich war erstmal verunsichert. Und später am Tag machte sich ein Ziehen in den Beinen breit, mir wurde kalt und ich bekam in den Abendstunden das Gefühl, Fieber zu haben. In der Nacht schwitzte ich dann stark. Ach herrje – wieder mal was Neues?! Mit Aspirin konnte ich es unterdrücken, aber es führte zur nächsten kleinen Verzögerung, weswegen wir uns jetzt erst morgen auf den Weg machen und nicht schon wie so sehr erhofft bereits gestern oder heute. Gut Ding will eben Weile haben …

Was werde ich froh sein, wenn die Autotüren geschlossen sind und wir all den Mist der letzten Zeit ein Stück weit hinter uns lassen. Einen Teil davon nehmen wir aber auch mit. In Form der Tabletten, die ich nehmen muss. In Form der Frage, ob alles gut gehen wird. Ich gesund bleibe oder doch wieder irgendwas auftaucht. Es scheint da ja immer wieder neue Nickeligkeiten zu geben. Aber ich bin zuversichtlich, mit dem räumlichen Abstand, dem Ausbruch aus der Umgebung, an die ich zuletzt so gefesselt war, auch tatsächlich neue Kraft tanken und kontinuierlich weitere Schritte nach vorne tun zu können.

Über die Vogelfluglinie wollen wir via Dänemark zuerst nach Schweden reisen. Dort dann vorbei am Vätternsee nach Stockholm fahren und weiter entlang der Ostküste nordwärts zur Region Höga Kusten und dem Skuleskogen Nationalpark. Hier werden wir nach Westen schwenken und über Östersund in die Bergwelt Jämtlands aufbrechen. Nach dem Meer und dem Kahlfjäll kehren wir Schweden dann vorerst den Rücken und wechseln über nach Norwegen. Entgegen unserer letztjährigen Reise, die uns da maßgeblich durch den Westen des Landes und die Fjordregionen geführt hat, wollen wir dieses Mal dem Osten einen Besuch abstatten. Nach Røros und dem Femundsee soll es schließlich über Oslo wieder hinein nach Schweden gehen und dort die Westküste runter, mit Göteborg am Wegesrand, retour nach Hause. So unser grober Plan. An einigen Orten wollen wir länger verweilen, kleinere Wanderungen unternehmen und möglichst aller Hektik entfliehen.

Über den Tag müssen wir heute noch die letzten Dinge einpacken. Kommt ja doch einiges zusammen – schließlich wollen wir 4,5 Wochen unterwegs sein. Aber mittlerweile haben wir ja schon die Erfahrung, wie es ist mit kleinem Kind auf großer Fahrt.

Also, ab aufs Sofa.

Zwei Monate

– Die Luft ist raus –

In der letzten Woche hatte Selma ihren zweiten Geburtstag. Da hing der Luftballon noch prall gefüllt an unserer Wohnungstüre. Doch jetzt ist davon nicht mehr viel übrig, wie auch bei mir die Luft mal wieder ziemlich raus ist. Dabei schien ich vor ein paar Tagen mit der Wanderung über den Brezelweg wieder gut Fuß gefasst zu haben. Mmh, zu früh gefreut …

Denn kurz darauf bekam ich eine Gürtelrose – als wenn ich nicht schon genug Ärger am Hals hätte. Naja, zum Glück habe ich den Herpes Zoster dort gerade nicht, sondern unter der Hose versteckt am Oberschenkel und in der Leistengegend. Aber schön ist es trotzdem nicht. Jetzt muss ich auch gegen diese Erkrankung Pillen schlucken. Alle vier Stunden.

Schuld daran ist mein aktuell arg geschwächtes Immunsystem. Das ließ dem „Windpocken-Virus“ freie Bahn und warf mich wieder ein Stück zurück. Immerhin hat Selma bereits eine Impfung gegen Varizellen – die Sache ist hoch ansteckend.

Momentan laufe ich zwischen meiner Hausärztin und meinem Neurologen hin und her, lasse mir Blut abzapfen und die Werte bestimmen. Die Leukozyten sind in den Keller gerutscht, meine Abwehrkräfte schwinden. Es könnte an den Epilepsie-Tabletten liegen, welche ich jetzt schon seit fast zwei Monaten nehme. Ja, genau auf den heutigen Tag ist es zwei Monate her, dass ich mich nach den beiden Krampfanfällen in der Notaufnahme des Krankenhauses wiederfand. Seitdem ist es ein ewiges Auf und Ab.

Erst die Diagnose Epilepsie, dann Schwindel und Müdigkeit hervorgerufen durch die Tabletten. Als die Nebenwirkungen nachließen, kam der Durchfall. Zwei Wochen lang. Doch dann, nach der Scheißerei, schien es endlich aufwärts zu gehen. Ich konnte die ersten Schritte tun und später weiter Fuß fassen. Alles schien geebnet für eine Urlaubsreise, die mich mit Nina und Selma in wenigen Tagen nach Schweden und Norwegen führen sollte. Endlich richtige Erholung. Endlich Abstand gewinnen. Den Stress abschütteln und Kraft tanken für den Neuanfang danach. Doch stattdessen jetzt noch diese Gürtelrose. Vielleicht muss das Epilepsie-Medikament umgestellt werden. Eine weitere Blutuntersuchung Anfang nächster Woche warten wir noch ab. Dann soll entschieden werden …

Gut, fahren wir halt etwas später los. Trotzdem ist es mal wieder niederschmetternd. Ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden gilt. Seit zwei Monaten dieser ständige Angriff auf Körper und Psyche. Kaum die Möglichkeit einer „Auszeit“. Immer wieder was Neues. Ein Schritt vor und zwei zurück. Manchmal ist es einfach zum Kotzen.

Aber ich gebe nicht auf. Wenn’s sein muss, werfe ich eben andere Pillen gegen die Epilepsie ein. Vielleicht stabilisiert sich dadurch wieder mein Immunsystem. Und ich habe Glück und bekomme es dafür mit keinen anderen, neuen Nebenwirkungen zu tun …

An dieser Stelle möchte ich allen einen großen DANK aussprechen, die mich bisher mit ihrer Anteilnahme und vielen guten Worten auf dem „steinigen Weg durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ich aber ein Licht erkenne“ unterstützt haben!

Irgendwann werde ich wieder im Hellen stehen – es bleibt weiterhin nur eine Frage der Zeit, der Geduld und der inneren Kraft.

Wieder Fuß fassen

– Inmitten von Chaos –

Nach den ersten Schritten vor ein paar Tagen war ich gestern erneut unterwegs. Dieses Mal zusammen mit Schwippschwager Matthias. Wir hatten uns den Brezelweg rund um Burg ausgesucht, den ich schon häufiger gelaufen bin, zuletzt Ende Januar. Gemeinsam fuhren wir mit der Regionalbahn bis Solingen-Schaberg und liefen von der Müngstener Brücke ein Stück oberhalb der Wupper entlang, bis wir auf den eigentlichen Rundweg stießen. Die etwa 16 Kilometer lange Strecke mit ihren gut 600 Höhenmetern erschien mir genau richtig, um weiter Fuß zu fassen.

Zum Glück war es nicht zu warm und im Wald und zwischen den Feldern auch nicht allzu schwül und stickig. Trotzdem war die Luft ab und an drückend. Ich spürte es vor allem an den langen Steigungen – bis ich wieder so richtig fit bin, wird es noch eine Weile dauern. Wir kamen aber ganz gut voran, machten ein paar Pausen, aßen Käse- und Wurstbrötchen. Nur das Gewitter und den Regen hatte ich irgendwie nicht auf dem Plan. Als die ersten Blitze zuckten, das Donnergrollen lauter wurde und es immer stärker vom Himmel tropfte, suchten wir für kurze Zeit Zuflucht in einem Unterstand.

Nach 20 Minuten war das Gröbste vorübergezogen und wir gingen weiter. Einige Zeit regnete es zwar noch, aber das war auf den Waldwegen, geschützt von den Bäumen und bei den sommerlichen Temperaturen, nicht weiter schlimm. Auch ohne Regenjacke war das bisschen Nässe nicht der Rede wert.

– Wasser und Stein –

Irgendwann kam sogar die Sonne zurück und alles trocknete rasch. Am Hermann Löns Denkmal, wo sich unzählige kleine Pfützen auf einem Gemäuer hoch oben über der Wupper gebildet hatten, machten wir einen letzten Zwischenstopp. Nach sechs Stunden schloss sich der Kreis und wir waren zurück am Ausgangspunkt. Gerade rechtzeitig, bevor erneut dunkle Wolken über uns hinwegzogen und den nächsten Regen brachten.

Meine Beine waren zum Ende hin etwas schwer, aber ich habe das Gefühl, so langsam wieder in Fahrt zu kommen. Und die Krankheit zunehmend nur als einen Teil zu sehen, der zwar vorerst immer da ist, der aber nicht bestimmt.

Noch stecke ich allerdings mitten im Chaos. Um mich herum ist weiterhin so vieles ungewiss. Wie es weitergeht mit der Epilepsie. Wann – oder ob überhaupt – ein nächster Anfall kommt. Ob ich es schaffen kann, die Ideen, die mir im Moment im Kopf umherschwirren, tatsächlich umzusetzen. Ob es trotz der Unsicherheit möglich ist, neue Wege zu gehen und weiterzukommen. Oder ob es gerade dieses „kranksein“ ist, diese momentane Phase, die manches erst ermöglichen wird?

Ich gebe mir Zeit. Oder versuche es zumindest. Vielleicht schaffe ich es, zu reifen durch die Situation. Vielleicht ist das alles genau richtig so.